Wissenschaftler:innen hatten lange einen schlechten Ruf in populären Medien. Nun erhält der Mad Scientist Konkurrenz durch die engagierte, moralisch integre Forscher:in, die bereit ist, für die Wahrheit zu kämpfen.

  • Christine Lötscher lehrt Populäre Literaturen und Medien mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendmedien am ISEK - Populäre Kulturen der Universität Zürich und ist Herausgeberin von Geschichte der Gegenwart.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Look Up! Klimaforscher:innen als Stars
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Nach zwei Jahren Covid-19-Pandemie hat die Mainstream-Populärkultur ihre Begeis­te­rung für die Wissen­schaft entdeckt. Das wohl augen­fäl­ligste Zeugnis davon liefert Adam McKays schwarze Weltuntergangs-Komödie Don’t Look Up, die vor Weih­nachten in die Kinos kam und ironi­scher­weise pünkt­lich zu Heilig­abend auf Netflix aufge­schaltet wurde – es geht um einen Kometen, der unauf­haltsam auf die Erde zurast und alles Leben darauf vernichten wird. Im Film spielt Leonardo DiCa­prio Dr. Mindy, einen verwu­schelten, schüch­ternen Astro­phy­sik­pro­fessor im Cord­anzug; Jennifer Lawrence verkör­pert seine kämp­fe­ri­sche Dokto­randin Kate Dibi­asky, und dies mit einigem Badass-Riot-Grrrl-Flair. Die beiden kämpfen gemeinsam für die wissen­schaft­liche Wahr­heit – die unaus­weich­liche Erkenntnis, dass der Komet einschlagen wird –  und gegen die vereinten Inter­essen des ökono­mi­schen, poli­ti­schen und medialen Estab­lish­ments, das nichts davon wissen will. Eher soll die Welt unter­gehen, als dass man die Midterms verliert oder ein Milli­ar­den­ge­schäft verpasst. Der poli­ti­sche Slogan lautet konse­quen­ter­weise: «Don’t look up!» Die Wissenschaftler:innen kontern mit «Just look up!», um die alter­na­tiven Fakten durch Evidenz vom Tisch zu wischen. Ähnlich­keiten mit aktu­ellen Debatten sind selbst­ver­ständ­lich beabsichtigt.

Panik

Dr. Randall Mindy und seine Dokto­randin Kate Dibi­asky; Quelle: derbund.ch

Doch lässt sich Don’t Look Up nicht nur als Satire auf die Anhänger:innen «alter­na­tiver Fakten» in der Pandemie lesen. Der Film findet mit dem Kometen ein dras­ti­sches Bild, um die Absur­dität der poli­ti­schen und sozio­öko­no­mi­schen Prio­ri­tä­ten­set­zung ange­sichts der drohenden Klima­ka­ta­strophe auf den Punkt zu bringen. Die einzigen, die klar denken können, sind die Wissenschaftler:innen mit ihren Labors, ihren Instru­menten, ihren Peer Reviews. Ihre Forschung, das wird im Film immer wieder betont, lässt sich über­prüfen und ist ein grosses, inter­na­tio­nales Gemein­schafts­pro­jekt, frei von Parti­ku­lar­in­ter­essen. Doch die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung will nichts davon wissen; die Gesell­schaft ist bereits zu korrum­piert, um sich für ihre eigene Rettung zu inter­es­sieren. Selbst zu dem Zeit­punkt, als der Komet von blossem Auge zu sehen ist, wissen sich die Kometenleugner:innen zu helfen mit ihrer Parole «Don’t look up!» zu helfen. Einfach nicht hinschauen – so einfach lässt sich Evidenz aus der Welt schaffen.

Adieu, Mad Scientist

Dr. Valdo Obru­chev, Wissen­schaftler in „James Bond 007: No Time to Die“; Quelle: jamesbond.fandom.com

Die Wissen­schafts­kritik, die seit der Romantik das fantas­ti­sche Erzählen befeuert hatte, ist zwar nicht aus Filmen, TV-Serien und Romanen der Gegen­wart verschwunden, wie der letzte James Bond, No Time To Die, zeigt. Aller­dings ist der für die Entwick­lung der tödli­chen Nano­bots, mit denen der Böse­wicht die Welt nach seinen rassis­ti­schen Idealen formen will, zustän­dige Wissen­schaftler ein oppor­tu­nis­ti­sches Würst­chen. Die Verbin­dung von Genia­lität und Wahn­sinn, die den Mad Scien­tist in der Tradi­tion von Mary Shel­leys Dr. Fran­ken­stein alle Grenzen über­schreiten liess, hat ihren Schre­cken verloren, denn die Böse­wichte sind beruf­lich im wirt­schaft­li­chen bzw. wirt­schafts­kri­mi­nellen Bereich tätig. Der obses­sive, selbst­ver­liebte Grös­sen­wahn, beim Mad Scien­tist tradi­tio­nell verbunden mit Welt­herr­schafts­fan­ta­sien, geis­tert nach wie vor durch popu­läre Medien – nur hat sich diese toxi­sche Kombi­na­tion von Eigen­schaften jetzt vor allem auf die Tech-Branche verschoben. Nicht der gren­zen­lose Wissens­drang ist das Problem, sondern der gren­zen­lose Eigen­nutz. Er drückt sich aus in der Bereit­schaft, neue Tech­no­lo­gien für die Inter­essen einer kleinen Elite auszu­schlachten, ohne Rück­sicht auf Verluste.

Multi­mil­li­ardär Peter Isher­well; Quelle: ip.index.hr

In Don’t Look Up gibt es in dieser Perspek­tive durchaus eine fürs 21. Jahr­hun­dert adap­tierte Version des Mad Scien­tist. Der Multi­mil­li­ardär Peter Isher­well (Mark Rylance) entwi­ckelt als CEO der Tech-Firma BASH Cellular die Idee, den Kometen vor dem Aufprall noch gehörig auszu­beuten, denn er steckt voller wert­voller Rohstoffe. In einem Hand­streich gelingt es ihm, die rechts­po­pu­lis­ti­sche Präsi­dentin der USA (Meryl Streep) von seinem Plan zu über­zeugen, den Kometen auf seiner Bahn mit kleinen Bohr­ro­bo­tern in Stücke zu schlagen und so den grossen Knall in einen märchen­haften Geld­regen zu verwan­deln. Der Plan geht schief – und die Welt unter. Isher­well hat für sich, die Präsi­dentin und ein paar andere aber einen Plan B – schliess­lich gibt es noch andere Planeten. Anspie­lungen auf Elon Musk, Mark Zucker­berg, Jeff Bezos und nicht zuletzt auf den Trump-Berater Peter Thiel sind leicht zu erkennen. Im Gegen­satz zu den Wissenschaftler:innen, die im Film zwar Recht, aber kaum Einfluss haben, wird ihnen und ihrem Kapital die Macht zuge­schrieben, etwas zu bewirken. Und sei es auch das Ende der Welt.

Der Nerd als Influencer

Doc Emmett Brown aus Back to the Future; Quelle: nocookie.net

Während in der Figur des welt­fremden, aber raff­gie­rigen Tech-Giganten die exzen­tri­sche, verant­wor­tungs­lose, von toxisch männ­li­chem Genie­kult umwölkte Seite des obses­siven Wissen­schaft­lers ad absurdum geführt wird, löst sich die Insze­nie­rung der Astronom:innen Mindy und Dibi­asky ganz vom Unter­neh­me­ri­schen, das den liebens­wür­digen, verspielten Nerds des 80er Jahre-Kinos noch eigen war – man denke nur an Doc Emmett Brown aus Robert Zeme­ckis Science-Fiction-Komödie Back to the Future (1985). Eine Domes­ti­zie­rung des Nerds zu einem verant­wor­tungs­be­wussten Wissen­schafts­ver­mittler lässt sich unter anderem in der TV-Serie Stranger Things (Netflix, seit 2016) beob­achten, die von der 80er-Nostalgie zehrt, aber klar zwischen verwerf­li­cher Forschung im Wett­rüsten mit der Sowjet­union und zweck­freier Begeis­te­rung für die Wissen­schaft unter­scheidet. Letz­tere wird durch Mr. Clarke verkör­pert, der MINT-Fächer unter­richtet und seinen Schüler:innen beibringt, dass kriti­sche Neugier und Soli­da­rität das Entschei­dende sind im Leben von Wissenschaftler:innen. Vom Wahn­sinn der Mad Scien­tists ist nichts übrig geblieben, im Gegenteil.

Dr. Mindy aus Don’t Look Up ordnet sich in die Reihe der gutmü­tigen, wenn auch etwas wunder­li­chen Nerds ein. Deshalb, da ist der Film konse­quent in seiner popkul­tu­rellen Selbst­re­fle­xion, wird der Mann mit dem Cord­ja­ckett in den Medien bald als «hand­some astro­nomer» herum­ge­reicht. Auf Social Media kursieren Memes mit seinem Foto und den Initiatlen AILF («Astro­nomer I’d like to fuck»). Die Versu­chung, der er wider­stehen muss, ist denn auch weder die Welt­herr­schaft noch das grosse Geld – sondern die Aussicht, wenn nicht gerade zum Popstar, so doch immerhin zum Influ­encer zu werden. In deutsch­spra­chigen Kritiken zum Film wurde Mindy deshalb gern mit Chris­tian Drosten verglichen.

Die Forscherin als Aktivistin

In der Figur von Kate Dibi­asky hingegen zeigt sich eine neue Varia­tion der popu­lären Wissenschaftler:in – in ihr über­la­gert sich die Forscherin mit der Umwelt­ak­ti­vistin. Der Bezug zu  Greta Thun­berg ist schnell gemacht, wenn Dibi­asky in einer TV-Show ange­sichts der Kalt­schnäu­zig­keit, mit der das Moderator:innenteam die Nach­richt vom Kometen mit kleinen Späss­chen quit­tiert, ihrer Verzweif­lung Ausdruck gibt und schreit: «we’re all one hundred percent for sure gonna fucking die». Während viele Filmkritiker:innen Don’t Look Up in Sachen Humor eher lahm und drama­tur­gisch fürch­ter­lich absehbar fanden (was bei einem Kometen-Plot schwer zu umgehen ist), meldeten sich Klimaforscher:innen zu Wort, die eindring­lich mahnten, den Film nicht für seine ästhe­ti­schen Mängel zu kriti­sieren, sondern sich von der Botschaft aufrüt­teln zu lassen. Als Klima­for­scher halte er die Reak­tion von Politik und Wirt­schaft auf den Kometen in Don’t Look Up für die präzi­seste Schil­de­rung des Nichts­tuns in Sachen Klima­wandel, schrieb Peter Kalmus im Guar­dian und fügte hinzu: «Dibi­asky, on national TV, screams “Are we not being clear? We’re all 100% for sure gonna fucking die!” I can relate. This is what it feels like to be a climate scien­tist today.» Und der briti­sche Klima­ak­ti­vist George Monbiot, der in einer TV-Diskussion im Zusam­men­hang mit Cop26 in Tränen ausbrach, sieht in der pani­schen Kate Dibi­asky seine eigene Exis­tenz gespie­gelt: «So, as we race towards Earth system collapse, trying to raise the alarm feels like being trapped behind a thick plate of glass. People can see our mouths opening and closing, but they struggle to hear what we are saying. As we fran­ti­cally bang the glass, we look ever crazier. And feel it. The situa­tion is genui­nely madde­ning. I’ve been working on these issues since I was 22, and full of confi­dence and hope. I’m about to turn 59, and the confi­dence is turning to cold fear, the hope to horror.»

Climate Fiction

Doch wie alle popu­lären Figuren hat auch die enga­gierte Klima­for­scherin mehr mit der Geschichte des Erzäh­lens über Wissen­schaft in popu­lären Genres zu tun als mit Vorbil­dern aus der Wirk­lich­keit. Auf der Suche nach dem Modell wird man ziem­lich schnell fündig, wenn man sich in der Climate Fiction – Erzäh­lungen rund um den Klima­wandel – der letzten Jahr­zehnte umsieht. Auch wenn Wissenschaftler:innen in popu­lären Erzäh­lungen immer in Chemie­un­fälle oder Stör­fälle in AKWs verwi­ckelt seien, werde die Schuld dafür nicht ihnen, sondern viel­mehr den verant­wort­li­chen Unter­nehmen zuge­wiesen, wie die austra­li­sche Medi­en­wis­sen­schaft­lerin Roslynn D. Haynes in ihrer Studie zur Über­schrei­bung des Mad Scien­tist durch enga­gierte, mit Haut und Haar dem Allge­mein­wohl verschrie­bene Forscher:innen fest­stellt. Die Bedro­hung wird in der Climate Fiction in der Regel und je länger, je mehr bei der wirt­schaft­li­chen Wachs­tums­eu­phorie diagnos­ti­ziert; Grund­la­gen­for­schung hingegen erscheint nicht als Teil des Problems, sondern als Teil der Lösung. In Romanen und Filmen über den Klima­wandel sind Wissenschaftler:innen wich­tige Verbün­dete im Kampf gegen den Klima­wandel und dem Schutz der Biodi­ver­sität. Sie sind die einzigen, die über das Wissen verfügen, um die komplexen Zusam­men­hänge des Lebens im Anthro­pozän zu verstehen.

Quelle: goodreads.com

Eine para­dig­ma­ti­sche Figur ist die Delph­in­for­scherin Piya Roy, die in den Klima­ro­manen des indi­schen Roman­ciers und Essay­isten Amitav Gosh die Arten­viel­falt in den Sundarbans, den Mangro­ven­sümpfen im Ganges-Delta, erforscht (The Hungry Tide, 2004; Gun Island, 2021). Die Verzweif­lung, die sich bei Kate Dibi­asky ange­sichts der akuten Bedro­hung durch den Kometen ereig­nis­haft ausbricht, äussert sich bei Piya Roy in einer schlei­chenden Melan­cholie. Diese wiederum entspricht der Analyse des Klima­wan­dels als eines schwer in drama­ti­schen, lokal eingrenz­baren Ereig­nissen zu fassenden Phäno­mens, auf die sich Gosh beruft. Piya, die als Tochter indi­scher Eltern aus Kolkata in den USA aufwächst und als Fremde in die Sundarbans kommt, wird durch ihr Enga­ge­ment für die bedrohten Delphine Teil der komplexen Verstri­ckungen zwischen dem Ökosystem, das sie unter­sucht, und der Geschichte des Kolo­nia­lismus, die vom Ganges­delta bis hin zu Biogra­fien von Flüch­tenden führt, die auf Inseln im Mittel­meer gestrandet sind. In Gun Island, dem jüngsten Roman Goshs, ist Piya nur eine von vielen Figuren, die zwischen den Sundarbans, Venedig, Sizi­lien, New York und Kali­for­nien unter­wegs sind. Der Erzähler versucht, die Schau­plätze ihrer ganz unter­schied­li­chen Lebens­ge­schichten in den Vorder­grund treten zu lassen und sie so zu arran­gieren, dass ein Muster sichtbar wird, mit dem sich so etwas wie eine Wirk­lich­keit des Lebens im Klima­wandel fassen lässt.

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Zur Heldin wird die ökolo­gisch enga­gierte Forscher:in nicht; viel­mehr wird an ihr das verhan­delt, was der ökokri­ti­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Timothy Clark als «anthropo­cene disorder» bezeichnet – die Verstö­rung ange­sichts der selbst für Expert:innen letzt­lich schwer fass­baren Verän­de­rung der Biosphäre. Die Figuren mögen toben vor Wut und Empö­rung, doch letzt­lich liegt ein melan­cho­li­scher Schleier über vielen Klima­er­zäh­lungen. Auch wenn immer wieder gefor­dert wird, nicht zuletzt von Amitav Gosh selbst, dass Lite­ratur und Film die Aufgabe hätten, die Menschen aufzu­rüt­teln, so liegt die Stärke des popu­lären Erzäh­lens nicht in der Didaktik, sondern in der Analyse. Es stimmt zwar, dass Climate Fiction unter anderem von aufwän­digen Recher­chen der Autor:innen und entspre­chend exzes­siver Wissens­ver­mitt­lung lebt. Entschei­dend ist aber, dass die Welt in der Krise als ein System insze­niert wird, das sich viel­leicht nicht so schnell ändern, aber doch immerhin verstehen lässt. Das Warten auf eine uner­war­tete Wende, auf ein Wunder, das alles wider jede Logik gut werden lässt, ist der Climate Fiction jeden­falls fremd. Dafür setzt sie Bere­chen­bar­keit als Verfahren der grösst­mög­li­chen Verfrem­dung ein, als eine Ent-Täuschung, die wir auch in der Wirk­lich­keit benö­tigen. Don’t Look Up mit seiner Zuspit­zung auf einen für alle evidenten Extrem­fall – just look up! – ist das beste Beispiel dafür.