Seit der Pandemie bildet der Begriff der Vulnerabilität ein beliebtes politisches Schlagwort. Doch die Verwundbarkeitsdiskurse der Politik verschleiern Ungleichheiten und Machtverhältnisse. Wie kann man Vulnerabilität anders denken – als Schlüsselbegriff eines solidarischen Miteinanders?

  • Jule Govrin

    Jule Govrin ist Philosophin und politische Autorin. Sie forscht an der Schnittstelle von Sozialphilosophie, Politischer Theorie, Feministischer Philosophie und Ästhetik. Zuletzt hatte sie eine Gastprofessur am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin und ist im Wintersemester 2024/25 Gastprofessorin am Institut für Philosophie an der Universität Hildesheim. Zu Ihren Büchern zählen u.a. Politische Körper. Von Sorge und Solidarität (Matthes & Seitz 2022), Begehrenswert. Erotisches Kapital und Authentizität als Ware (Matthes & Seitz 2023) und Universalismus von unten. Eine Theorie radikaler Gleichheit (Suhrkamp 2024).

Das Voka­bular der Vulnerabi­lität ist in pande­mi­schen Zeiten in aller Munde. Am Anfang der Pandemie im März 2020 sagte Angela Merkel in ihrem Amt als Bundes­kanz­lerin in einer Ansprache: „Das ist, was eine Epidemie uns zeigt: wie verwundbar wir alle sind, wie abhängig von dem rück­sichts­vollen Verhalten anderer, aber damit eben auch: wie wir durch gemein­sames Handeln uns schützen und gegen­seitig stärken können.“ Damit hatte sie in wenigen Worten das Denken der Verwund­bar­keit umrissen: Diese zeigt sich nicht als zeit­wei­liger Zustand von einigen wenigen Menschen, viel­mehrt scheint sie als Verbun­den­heit aller Menschen auf. Eine Verbun­den­heit, die uns nicht lähmen, sondern zum soli­da­ri­schen Handeln anspornen sollte, wie Merkel betont. Neben diesem ethi­schen und poli­ti­schen Aufruf, der uns allen gemein­samen Verwund­bar­keit bewusst zu werden, verbreitet sich aller­dings auch ein Begriff von Vulnerabi­lität, der derzeit dazu dient, die Gefähr­dung verschie­dener Gruppen durch SarsCovid19 abzu­stufen. So erstellte das Robert-Koch-Institut neue Vulnerabi­li­täts­ka­te­go­rien, um das Gesund­heits­ri­siko durch den Virus akkurat abzu­schätzen. Wie verhalten sich die beiden Rede­weisen zueinander?

Ein breites Bedeutungsspektrum

Obwohl der Vulnerabi­li­täts­be­griff erst in der pande­mi­schen Krise des 21. Jahr­hun­derts zum viel­zi­tierten Schlag­wort wurde, begann seine Verbrei­tungs­ge­schichte bereits im von Welt­kriegen und Wirt­schafts­krisen erschüt­terten 20. Jahr­hun­dert. Deshalb vermuten die Herausgeber:innen des Hand­buchs Schlüs­sel­werke der Vulnerabil­täts­for­schung einen Nahzu­sam­men­hang zwischen diesen Kaskaden von Krisen und Kata­stro­phen und der Verbrei­tung des Vulnerabi­li­täts­vo­ka­bu­lars: „Im vergan­genen Jahr­hun­dert rückten Kriege, Terror- und Gewalt­taten derart in den Mittel­punkt der Geschichte, dass auch die Perspek­tiven der Opfer und Leidenden, Fragen der Unsi­cher­heit und des Risikos, Proble­ma­tiken der Fragi­lität und Passi­vität, kurz Dimen­sionen der Vulnerabi­lität expli­ziter wie impli­ziter Bestand­teil unter­schied­li­cher Theo­rien und Modelle dieses Jahr­hun­derts waren.“

Dieses seman­ti­sche Netz zwischen Leid und Schmerz, zwischen Preka­rität und Passi­vität, das sich um Vulnerabi­lität aufspannt, zieht sich tief in die Begriffs­ge­schichte hinein. Vulnerabi­lität entstammt dem neula­tei­ni­schen Adjektiv vulnerabilis, abge­leitet vom Verb vulnerare und dem Substantiv vulnus und bezeichnet die Verwun­dung von Körpern. Inzwi­schen birgt Vulnerabi­lität „ein breites Bedeu­tungs­spek­trum von Verlet­zung, Verlust, Krän­kung über Schulden hin zu Schlappe, Schlag oder Nieder­lage“, so die Autor:innen des Vulnerabi­li­täts­hand­buchs. Die körper­liche Verwun­dung wird zur Meta­pher für eine soziale und symbo­li­sche Verlet­zung. Dabei zeigt sich zwei­erlei. Zum einen ist Vulnerabi­lität untrennbar mit Verkör­pe­rung verbunden. Zum anderen bewegt sich Vulnerabi­lität offenbar im Wech­sel­spiel zwischen Passi­vität und Akti­vität, des Verlet­zens­wer­dens und Verlet­zens. Das führt zu Fragen der Ungleich­heit und Hand­lungs­macht. Ist Verwund­bar­keit unwei­ger­lich mit Ohnmacht verbunden oder gibt es eine Hand­lungs­macht, die aus dem Verwund­bar­sein herrührt?

Vulnerabi­lität und Resilienz

Seit den 1980er Jahren erlebt das Voka­bular der Vulnerabi­lität enormen Aufwind. Als Forschungs­ter­minus etablierte sich der Begriff in der Risiko-, Katastrophen- und Entwick­lungs­for­schung, Wegwei­send war die Entit­le­ment-Theorie von Amyarta Sen, in der er anhand einer Hunger­krise aufzeigte, dass diese nicht aus Umwelt­fak­toren wie Dürre herrührte, sondern aus der Kolo­ni­al­wirt­schaft, die die kommu­nalen Ökono­mien verküm­mern ließ, so dass Menschen trotz gefüllter Getrei­de­spei­cher verhun­gerten. In dieser Ausrich­tung ergänzte der Begriff der Vulnerabi­lität die Kate­gorie der Armut, die bis dahin als allei­niger Erklä­rungs­an­satz für struk­tu­rellen Ungleich­heiten diente, etwa in den entwick­lungs­po­li­ti­schen Arbeiten von Robert Cham­bers Ende der 1980er Jahre. In diesen Forschungs­fel­dern versteht man mithin unter Vulnerabi­lität Zustände, die zeit­weise auftreten, wie in Risi­ko­ge­bieten, die von Über­schwem­mungen bedroht sind. Zudem stuft man bestimmte Gruppen als vulnerabel ein, beispiels­weise Bewohner:innen eines Risi­ko­ge­biets, die so prekär leben, dass sie sich kaum vor Gefahren schützen können. Indem sich die ökono­mi­schen und ökolo­gi­schen Krisen­kas­kaden beschleu­nigen, sind entspre­chend immer mehr Menschen Lebens­ri­siken ausgesetzt.

In Zeiten der Coro­na­krise und der Klima­krise nehmen diese Risiken rasant zu, Vulnerabi­lität erscheint umso bedroh­li­cher. Mit Beginn der Pandemie fand daher der Vulnerabi­li­täts­be­griff, wie der Sozio­loge Stephan Lesse­nich fest­stellt, „Eingang […] in die öffent­liche Debatte und die poli­ti­sche Sprache“, während er in den Jahren davor „über den Umweg der Popu­la­rität seines Schwes­ter­be­griffs – der ‚Resi­lienz‘ – Verbrei­tung gefunden“ hatte. Dabei galt Vulnerabi­lität meist als nega­tive Kehr­seite der Resi­lienz: Um sich aus dem vulner­ablen Zustand zu befreien, bedarf es der Resi­lienz, lautet diese Logik. Als defi­zi­tärer Zustand soll Vulnerabi­lität tunlichst vermieden oder schleu­nigst über­wunden werden, während Resi­lienz erstre­bens­wert erscheint.

Schat­ten­seiten der Sorge

Doch in Zeiten der Pandemie verdrängt der Vulnerabi­li­täts­be­griff die Resi­lienz ein Stück weit, schließ­lich preisen die pande­mie­po­li­ti­schen Reden nicht Resi­lienz. Statt­dessen weiten sie das Vulnerabi­li­täts­vo­ka­bular aus. Die erwähnten Vulnerabi­li­täts­kri­te­rien des RKI bedeuten, dass denje­nigen, die als vulnerabel ausge­macht werden, beson­derer Schutz zuteil werden soll. Eine solche Einord­nung als vulnerabel schuf neue Risi­ko­gruppen, insbe­son­dere ältere Menschen und Menschen mit Behin­de­rung, die in Pfle­ge­ein­rich­tungen leben. Das ist nur nahe­lie­gend und sinn­voll, doch der die Schat­ten­seiten von Sorge und Verwund­bar­keit aufmerksam. Denn die als vulnerabel und beson­ders schutz­be­dürftig einge­stuften Gruppen wurden in ungleich höherem Maße ihrer Entscheidungs- und Bewe­gungs­frei­heit beraubt. Als der erste Lock­down in Deutsch­land für den Groß­teil der Gesell­schaft längst vorüber war, blieben sie in ihren Einrich­tungen isoliert. Zudem zeigte sich, wie in Krisen­zeiten sozi­al­dar­wi­nis­ti­sche Tendenzen in Sorge­öko­no­mien hervor­treten – die Zuschrei­bung als vulnerabel konnte still­schwei­gend umkippen in eine Markie­rung von Menschen, für die Sorge sich nicht mehr lohnt. In der ersten Pande­mie­phase verwei­gerten man in manchen Einrich­tungen die nötige ärzt­liche Behandlung.

Als Anfang 2021 in Deutsch­land täglich rund tausend Menschen starben, kam allmäh­lich der Verdacht auf, dass in Pfle­ge­ein­rich­tungen eine ‚stille‘, versteckte Triage vonstatten gehe. In den Statis­tiken der Ster­benden waren auffällig wenige Kran­ken­haus­ein­wei­sungen von Menschen aus Pfle­ge­ein­rich­tungen verzeichnet. Vor diesem Hinter­grund äußerste Eugen Brysch, Vorstand der Stif­tung Pati­en­ten­schutz, die Befürch­tung, dass „einer sehr großen Zahl von Covid-19-Patienten in Pfle­ge­ein­rich­tungen“ die notwen­dige „statio­näre Versor­gung in Kran­ken­häu­sern versagt wird“. Dieser Verdacht einer stillen Triage verweist in erschre­ckender Weise darauf, wie die Zuschrei­bung als vulnerabel, die im Zeichen von Schutz und Sorge erfolgt, die Selbst­be­stim­mung und mitunter auch das Leben der Betrof­fenen bedrohen kann. Dras­tisch ausge­drückt: Unter dem Deck­mantel von Schutz und Sorge werden Körper als produktiv und weniger produktiv bewertet. Das Verständnis von Vulnerabi­lität als defi­zi­tärer Zustand spielt in diese Bewer­tungs­logik von Körper hinein. Dieje­nigen, die als vulnerabel ausge­macht werden, spricht man ein Stück weit die Selbst­be­stim­mung ab und schränkt somit ihre Hand­lungs­macht weiter ein.

In solchen Zuschrei­bungen spielen Vulnerabi­li­sie­rung und Vikti­mi­sie­rung inein­ander. Das zeigen etwa entwick­lungs­po­li­ti­sche Reden über vulnerable Frauen im Globalen Süden, Diskus­sionen über Behin­de­rung oder, um ein tages­ak­tu­elles Beispiel einzu­bringen, der Aufruf des wieder­ge­wählten Bundes­prä­si­denten Frank-Walter Stei­ner­meier, „die Lage der Ärmsten und Verwund­barsten in unserem Land“ zu achten. Um kurz bei diesem Zitat  zu bleiben: Das Wir in Stein­meiers Ausspruch bezieht sich auf die aktiv Schüt­zenden, während die vulner­ablen und zu schüt­zenden Menschen als die anderen, als Gruppe am Rande der Gesell­schaft erscheinen. In Stein­meiers Aufruf klingt kein soli­da­ri­sches Wir an wie in der Rede von Angela Merkel, viel­mehr offen­bart seine pater­na­lis­ti­sche Rede die Kehr­seite von poli­ti­schen Vulnerabi­li­täts­dis­kursen. Während die Politik das Voka­bular des Vulner­ablen entdeckt, bleibt Verwund­bar­keit poli­tisch ungleich verteilt. Die Rede vom Schutz der Verwund­barsten verschleiert diese ungleiche Vertei­lung von Vulnerabi­lität. „Souverän ist heute, wer über den Verwund­bar­keits­zu­stand entscheidet. Und das sind nicht die Verletz­li­chen selbst“, so die bittere Bilanz von Stephan Lesse­nich. Statt Vulnerabi­lität auf bestimmte Gruppen zu beschränken, schien Merkel in ihrer Ansprache Verwund­bar­keit als geteilten Grund­zu­stand anzu­spre­chen, der Sorge und Soli­da­rität einfor­dert. Solche Worte weisen auf ein völlig verschie­denes Verständnis von Verwundbarkeit.

Verkör­perte Verwundbarkeit

Gina Pane, Senti­mental action, 1973; Quelle: theblogmagazine.com

In einem weiter gefassten, onto­lo­gi­schen Verständnis bildet Vulnerabi­lität, wie es sich in der femi­nis­ti­schen Philo­so­phie findet, eine Grund­be­din­gung des Lebens. Sie ist weit mehr als ein zeit­lich beschränkter Zustand, da wir fort­wäh­rend der affek­tiven und physi­schen Fürsorge bedürfen. Menschen kommen hilflos zur Welt, sie sind in grund­stän­diger Weise abhängig, wie Judith Butler fest­stellte. Diese Abhän­gig­keit und Verwund­bar­keit über­winden wir niemals, schließ­lich bleiben wir stets darauf ange­wiesen, von anderen gesehen, gehört und aner­kannt zu werden, von anderen gepflegt und umsorgt zu werden, wenn wir krank sind oder älter werden. Kurzum, Vulnerabi­lität stößt uns darauf, dass wir zual­ler­erst soziale und verkör­perte Wesen sind. Eben deshalb sind wir unauf­lös­lich anein­ander gebunden.

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Ulay and Marina Abra­movic, Rela­tion in Time, Perfor­mance 1977; Quelle: cobosocial.com

Aller­dings kann diese Abhän­gig­keit bedroh­lich sein, nicht zuletzt inmitten einer Pandemie, in der Körper einander anste­cken und gefährden. Doch in der Pandemie wird Verwund­bar­keit auch als Bedürfnis nach Sorge, Soli­da­rität und sozialer Bande spürbar. Denn Vulnerabi­lität als Grund­be­din­gung mensch­li­chen Daseins geht uns im pande­mi­schen Leben unter die Haut: Wir erleben unsere Abhän­gig­keit in der schmerz­haften Sehn­sucht nach körper­li­cher, affek­tiver Nähe; ebenso erleben wir sie im Wissen darum, von anderen abzu­hängen, um die Lasten des Alltags zu stemmen oder um unsere kranken Körper zu versorgen.

Verwund­bar­keit und Handlungsmacht

Wenn man Verwund­bar­keit nicht als defi­zi­tären Zustand von spezi­fi­schen Subjekten und Gruppen denkt, sondern als Grund­be­din­gung des Lebens begreift, verän­dert sich das Voka­bular. Zumeist wird Vulnerabi­lität als Anti­pode zu Auto­nomie und agency, also Hand­lungs­macht gesetzt. Dazu lädt ihr seman­ti­sches Umfeld von Leiden und Passi­vität ein. Doch diese Verwen­dungs­weise geht einher mit einer Haltung von oben herab, die Sorge und Schutz aus über­le­gener Posi­tion heraus gewährt oder verwei­gert. Anschei­nend verführt das defi­zi­täre Vulnerabi­li­täts­ver­ständnis dazu, als vulnerabel ausge­machte Gruppen und Subjekte in ihrer Ohnmacht und Hand­lungs­un­fä­hig­keit zu beschreiben.

Wenn man dagegen Verwund­bar­keit onto­lo­gisch versteht, als umfas­sende Grund­be­din­gung des Lebens, löst sich der Gegen­satz zwischen Vulnerabi­lität und Hand­lungs­macht auf. Anstatt Verwund­bar­keit als Gegenpol von Hand­lungs­macht zu veran­schlagen, erweist sie sich als Ermög­li­chungs­be­din­gung für Hand­lungs­macht. Judith Butler, Leticia Sabsay und Zeynep Gambetti machen darauf aufmerksam, dass man zahl­reiche Proteste als Ausdruck geteilter Verwund­bar­keit begreifen kann. Die Beispiele sind mannig­faltig, sie mani­fes­tieren sich in all den sozialen Kämpfen, die den glei­chen Schutz für alle Körper einfor­dern. Etwa Black Lives Matter, die aus der geteilten Verwund­bar­keit auf die Straße gehen, um sich gegen die rassis­ti­sche Poli­zei­ge­walt zu wehren. Oder Ni Una Menos, die femi­nis­ti­sche Streik­be­we­gung, die sich gegen geschlech­ter­ba­sierte Gewalt der Femi­ni­zide wenden und aus der geteilten Trauer über die ermor­deten Frauen eine trans­na­tio­nale Protest­welle lostraten. Auch klima­ak­ti­vis­ti­sche Proteste werden der Verwund­bar­keit gewahr, die sich nicht in mensch­li­chen Bezie­hungen erschöpft, sondern auch das Verhältnis zur Natur jenseits des Dogmas der Natur­be­herr­schung begreift. Sie lassen uns gewahr werden, dass wir unauf­lös­lich von unserer Umwelt abhängig sind. In ihrem soli­da­ri­schen Mitein­ander entfalten solche Proteste eine kollek­tive Hand­lungs­macht, die aus der geteilten Verwund­bar­keit herrührt.

Durch die globalen Krisen, die Coro­na­krise und die Klima­krise, werden Fragen der Verwund­bar­keit drän­gender. Gegen­wärtig führt uns die Coro­na­krise vor Augen, dass „der Wunsch nach Abgren­zung und voll­stän­diger Immu­nität ebenso wie das daraus resul­tie­rende Phan­tasma der Souve­rä­nität, Inte­grität und Tota­lität sowohl von Individual- als auch Gesell­schafts­kör­pern“ tatsäch­lich „niemals zu errei­chen ist“, aufgrund der „grund­le­genden Abhän­gig­keit von anderen Körpern, sozialen Einrich­tungen und poli­ti­schen Gemein­schaften“, wie die Philo­so­phin Sonja Gassner anmerkt. Die Pandemie lehrt uns, schreibt auch Sabine Hark, „von der Verwund­bar­keit der anderen und nicht von der eigenen Immu­nität ausge­hend zu handeln – eine Verwund­bar­keit, die zugleich meine eigene ist –, das ‚Ich, ich, ich‘ also nicht abso­lu­tis­tisch in den Mittel­punkt zu rücken“. Diese Perspek­tiven, die sich in Zeiten der Pandemie nahezu aufdrängen, zeichnen den Zukunfts­ho­ri­zont einer globalen Gemein­schaft, in der das Gemein­wohl im Mittel­punkt steht, in der Sorge und Soli­da­rität die Bande des Sozialen bilden. Um die kommenden Krisen global und gemein­schaft­lich anzu­gehen, bedarf es einer radi­kalen Wegwende, weit weg von Wert­logik der produk­tiven Körper, hin zu einer Wirt­schaft und Politik, die den Menschen dient. Vulnerabi­lität, als geteilte Verwund­bar­keit verstanden, geht mit der Forde­rung einher, die ungleiche Vertei­lung von Verwund­bar­keit vehe­ment anzufechten.