Die Debatte um die Erinnerung an den Kolonialismus in Hamburg ist kontrovers und andauernd. Bislang gibt es jedoch keinen öffentlichen Gedenkort für diese Geschichte, obwohl der Hamburger Hafen die Drehscheibe kolonialer Kriegslogistik war. Wie könnte am Baakenhafen, der neu bebaut werden soll, künftig ein würdiger Umgang mit diesem kolonialen Erbe aussehen?

  • Kim Todzi

    Kim Todzi ist Historiker und wissenschaftlicher Koordinator der Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“ an der Universität Hamburg. Er forscht zur Kolonialgeschichte, postkolonialer Unternehmensgeschichte, der Rolle natürlicher Rohstoffe in Globalisierung und Industrialisierung sowie zur postkolonialen Erinnerungskultur. Zuletzt erschien sein Buch „Unternehmen Weltaneignung. Der Woermann-Konzern und der deutsche Kolonialismus, 1837-1916“ (Wallstein 2023).

Denk­mäler, Statuen, Stra­ßen­namen – sie sind nicht einfach nur histo­ri­sche Zeug­nisse, sondern müssen auch als Formen der Herr­schaft über den öffent­li­chen Raum verstanden werden. In den vergan­genen Jahren entzün­dete sich an Denk­mä­lern und Monu­menten, die mit Rassismus, Skla­verei und Kolo­nia­lismus in Verbin­dung stehen, eine Debatte über öffent­li­ches Gedenken sowie deren Konti­nui­täten bis in die Gegen­wart. Die Black Lives Matter-Bewegung äußerte sich in zahl­rei­chen ameri­ka­ni­schen Städten nicht nur in Protesten gegen rassis­ti­sche Poli­zei­ge­walt, sondern auch in Denk­mal­stürzen von Statuen konfö­de­rierter Gene­räle, die für das System der Skla­verei und der rassis­ti­schen Segre­ga­tion stehen. Diese Entwick­lungen fanden auch in Europa Reso­nanz. In Bristol stürzten im Sommer 2020 Demonstrant:innen die Statue des Skla­ven­händ­lers Edward Cols­tons in die Docks. Das Ereignis löste in Groß­bri­tan­nien und weit darüber hinaus eine Diskus­sion darüber aus, wie eine post­ko­lo­niale Erin­ne­rungs­kultur aussehen kann, die den lange igno­rierten oder nost­al­gisch verklärten Kolo­nia­lismus auch im öffent­li­chen Raum kritisch hinter­fragt. Diese Debatten markieren dabei auch ein wach­sendes Bewusst­sein für die histo­ri­sche Verant­wor­tung von Städten, die eng mit der kolo­nialen Globa­li­sie­rung verbunden waren. Gleich­zeitig zeigen sich jedoch auch Tendenzen, die auf eine Abwehr­hal­tung gegen­über dieser kriti­schen Ausein­an­der­set­zung hindeuten.

Hamburg als bedeu­tende Hafen- und Handels­me­tro­pole, als „Tor zur Welt“, das auch ein „Tor zur kolo­nialen Welt“ war, steht inmitten dieser Ausein­an­der­set­zungen. Bereits 2014 einigte sich die Hamburger Bürger­schaft, das Landes­par­la­ment, frak­ti­ons­über­grei­fend auf einen Neustart einer post­ko­lo­nialen Erin­ne­rungs­kultur und bekannte sich zur Wich­tig­keit der Aufar­bei­tung der Kolo­ni­al­ge­schichte. Doch trotz zahl­rei­cher Bemü­hungen von Aktivist:innen und Zivil­ge­sell­schaft, trotz wissen­schaft­li­cher Grund­la­gen­for­schung und öffent­li­cher Vermitt­lungs­ar­beit ist diese Geschichte im öffent­li­chen Raum der Hanse­stadt bislang nur marginal präsent. Gerade an einem Ort wie dem Baaken­hafen, der eine zentrale Rolle in der kolo­nialen Infra­struktur spielte, stellt sich die Frage, wie ein würdiger Umgang mit diesem kolo­nialen Erbe aussehen könnte und welche Rolle dieser Ort in der post­ko­lo­nialen Erin­ne­rungs­to­po­gra­phie Hamburgs in Zukunft spielen wird.

Der Baaken­hafen in Hamburg steht heute im Zentrum städ­ti­scher Entwick­lungs­pro­jekte und wird als moderner, „fami­li­en­freund­li­cher“ urbaner Raum in „doppelter Wasser­lage“ beworben. Als Teil der Hafen­City, einem neu entstan­denen Stadt­viertel auf ehema­ligen Hafen­flä­chen im Südosten des Hamburger Stadt­zen­trums, sollen dort in den nächsten Jahren weitere etwa 2.400 Wohn­ein­heiten und über 2.000 Arbeits­plätze entstehen. Seit 2012 wird dort gebaut, etliche Wohn­ge­bäude stehen schon. Eine Schule, ein Park und ein Platz säumen bereits das Ufer. Allmäh­lich wird es enger im Baakenhafen.

Doch diese zuneh­mende Bebauung droht einen bedeu­tenden Erin­ne­rungsort für den Krieg des Deut­schen Reiches gegen die Herero und Nama und den an ihnen began­genen Völker­mord (1904-1908) im heutigen Namibia zu verde­cken. Denn der Hamburger Hafen im Allge­meinen, und der Baaken­hafen im Beson­deren, waren Schlüs­sel­orte der kolo­nialen Infra­struktur des Deut­schen Reiches. Im Laufe des Krieges in Deutsch-Südwestafrika wurde der Baaken­hafen zur logis­ti­schen Dreh­scheibe des kolo­nialen Völker­mordes. Der Baaken­hafen ist in der Erin­ne­rungs­to­po­gra­phie Hamburgs noch immer eine Leer­stelle. Dies sollte nicht so bleiben. Eine aktive und nach­hal­tige Ausein­an­der­set­zung am histo­ri­schen Ort ist erfor­der­lich, um der „Entinnerung“ entge­gen­zu­treten.  

Der Hamburger Hafen als Dreh­scheibe kolo­nialer Kriegslogistik

Trans­port der Kaiser­li­chen Schutz­truppe für Deutsch-Süd-West-Afrika. Die letzte Ansprache und Verab­schie­dung auf heimat­li­chem Boden, Quelle: Bundesarchiv

Am Mittag des 20. Mai 1904 kam Gene­ral­leut­nant Lothar von Trotha in Hamburg am Berliner Bahnhof an, wo ihn Adolph Woer­mann, der Chef der Woermann-Linie und Patri­arch des Woermann-Konzerns, empfing und mit seinem Auto­mobil zum Baaken­hafen fuhr. Nur wenige Tage zuvor war von Trotha zum Komman­deur der soge­nannten „Schutz­truppen“, der kolo­nialen Armee, in Deutsch-Südwestafrika ernannt worden. Damit löste er den bishe­rigen Befehls­haber Theodor Leut­wein im Krieg gegen die Herero ab, den das Deut­sche Reich seit Januar 1904 führte und an den sich der Krieg gegen die Nama im Herbst desselben Jahres anschloss. Zwei Schiffe lagen am Peter­senkai im Baaken­hafen bereit für die Abfahrt: Die „Eleo­nore Woer­mann“ und die „Monte­video“. Beide waren bis in die Toppen beflaggt. Für die 655 Soldaten und über 400 Pferde, die mit diesen beiden Schiffen die fast 30-tägige Reise antreten sollten, war dies der letzte Aufent­halt auf euro­päi­schem Festland. 

Am Kai ange­kommen, speisten von Trotha, sein Stab und Woer­mann gemeinsam im Salon an Bord der „Eleo­nore Woer­mann“, während die Soldaten und Mann­schaften an den extra herge­rich­teten Tischen in den Schuppen am Kai zu Mittag aßen. Danach inspi­zierten von Trotha und Woer­mann die Schiffe und Vorrich­tungen für die Transporte. 

Anschlie­ßend begann der fest­liche Teil. Am Kai hatten sich hunderte Zuschauer:innen und Schau­lus­tige versam­melt. Es waren so viele, dass die Woermann-Linie kurzer­hand begann, bei Trans­porten dieser Art Zutritts­karten auszu­geben. Um kurz nach 5 Uhr nach­mit­tags begann die Mili­tär­ka­pelle Musik zu spielen. Hoch­ran­gige Gene­räle hielten kurze Reden, ein Vertreter der Hamburger Regie­rung übergab den Soldaten soge­nannte Liebes­gaben, Zigarren, Etuis und Post­karten. Danach fuhren die Schiffe ab, während die Kapelle Lieder wie „Deutsch­land, Deutsch­land über alles“ und die „Wacht am Rhein“ spielte. Die Zuschauer:innen stimmten mit ein und unter großen „Hurra“-Rufen fuhren die beiden Schiffe davon. In einen Krieg, der zu einem Völker­mord werden sollte.

Diese Szene – in den histo­ri­schen Quellen doku­men­tiert – illus­triert eine Verbin­dung von Militär, privat­wirt­schaft­li­cher Logistik und Hamburger Stadt­ge­sell­schaft, die im Verlauf des Konflikts zuneh­mend von stra­te­gi­scher Bedeu­tung wurde. Die symbol­träch­tige Abfahrt der „Eleo­nore Woer­mann“ und der „Monte­video“ mit hunderten Soldaten und Pferden war nicht nur ein logis­ti­scher Akt, sondern auch eine öffent­liche Auffüh­rung der Unter­stüt­zung Woer­manns und der Hanse­stadt für den kolo­nialen Kriegs­ein­satz. In diesem Krieg wurden die Woermann-Linie und ihre Leitung zu Ermög­li­chern des Völkermordes. 

Cover: Die Woermann-Linie.

Als der Krieg gegen die Herero im Januar 1904 begann, hatte der Woermann-Konzern bereits massiv in Deutsch-Südwestafrika inves­tiert. Bereits 1891 hatte die Woermann-Linie einen regel­mä­ßigen Schiffs­ver­kehr zwischen dem Deut­schen Reich und Namibia einge­richtet, maßgeb­lich geför­dert durch Subven­tionen des Deut­schen Reichs. Gemäß den Verträgen mit der Kolo­ni­al­ver­wal­tung bestand die Verpflich­tung, den gesamten Nach­schub für die Kolo­ni­al­be­hörden und die „Schutz­truppe“ in Deutsch-Südwestafrika auf den Schiffen der Woermann-Linie zu trans­por­tieren: Pferde, Waffen, Ausrüs­tung und Proviant. Ein Monopol auf Trup­pen­trans­porte, wie immer wieder behauptet wird, hatte Woer­mann nicht. 

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

Ermög­li­cher des Völkermordes

Dennoch entwi­ckelte sich die Reederei während des Krieges zum wich­tigsten Logis­tik­un­ter­nehmen. Bis Mitte 1906 wurden insge­samt mindes­tens 19.000 Soldaten und Offi­ziere der Schutz­truppe verschifft, die über­wie­gende Mehr­heit mit Schiffen der Woermann-Linie und der zum Woermann-Konzern gehö­rigen Deut­schen Ost-Afrika-Linie. Über 90 Prozent aller Abfahrten erfolgten vom 1,2 Kilo­meter langen Peter­senkai im Baaken­hafen, der exklusiv von der Woermann-Linie gemeinsam mit der Deutsch Ost-Afrika-Linie und der Levante-Linie gepachtet worden war.

Trans­port der Kaiser­li­chen Schutz­truppe für Deutsch-Süd-West-Afrika. Abfahrt des Damp­fers „Ernst Woer­mann“ von Hamburg nach dem Kriegs­schau­platz. Quelle: Bundesarchiv

Die Woermann-Linie widmete einen großen Teil ihrer Energie der Kriegs­lo­gistik und enga­gierte sich weit über das vertrag­lich verein­barte Maß hinaus für den reibungs­losen Ablauf der Trans­porte. Dafür baute sie ihre Flotte massiv aus. Von Mitte 1904 bis Anfang 1905 kaufte oder baute sie insge­samt 11 Schiffe im Wert von etwa 18 Millionen Mark. Zudem wurden mindes­tens 50 Trans­porte auf über 27 zusätz­lich von anderen Reede­reien gechar­terten Schiffen durch­ge­führt. Darüber hinaus war die Woermann-Linie nicht nur für die Verla­dung in Hamburg verant­wort­lich, sondern orga­ni­sierte auch die Entla­dung in den Häfen Swakop­mund und Lüde­ritz­bucht. Die schwie­rige Landung erfor­derte zusätz­liche Boote, Barkassen, Lade­ge­schirr und Arbeiter:innen.

Die „Arbei­ter­frage“ wurde zentral im Kriegs­ver­lauf. Im Mittel­punkt standen dabei die so genannten Krumen aus Liberia, die diese Arbeit an der gesamten west­afri­ka­ni­schen Küste über­nahmen. Die Woermann-Linie, die über Jahr­zehnte hinweg Seeleute aus Liberia beschäf­tigte, hatte bei der Anwer­bung der Krumen einen deut­li­chen Vorteil gegen­über konkur­rie­renden Reede­reien. Doch auch das Angebot an libe­ria­ni­schen Arbeits­kräften versiegte mit der Zeit und konnte die Nach­frage nicht mehr decken. Die Woermann-Linie suchte nach Alter­na­tiven und die Kolo­ni­al­re­gie­rung bot ihr einen Ausweg: den Einsatz von Kriegsgefangenen.

Die Woermann-Linie wurde 1905 zum Unter­nehmen im Bezirk Swakop­mund, das sich am stärksten am System der „Arbei­ter­ge­stel­lung“ betei­ligte, bei dem Kriegs­ge­fan­gene vom Kolo­ni­al­gou­ver­ne­ment an Unter­nehmen und Privat­per­sonen zur Zwangs­ar­beit verliehen wurden. Ab 1905 war fast jeder zehnte der 1200 in Swakop­mund beschäf­tigten Arbeiter der Woermann-Linie ein Kriegs­ge­fan­gener. Die Zwangs­ar­beiter sollten die „niederen Arbeiten im Landungs­be­trieb“ über­nehmen, die bis zum Kriegs­be­ginn von Ovambo- und Herero-Vertragsarbeiter:innen verrichtet worden waren.

Die Exis­tenz­be­din­gungen für die zwangs­be­schäf­tigten Afrikaner:innen bei der Woermann-Linie waren geprägt von karger Ernäh­rung, harter Arbeit und körper­li­chen Strafen. Gerade die harten Landungs­ar­beiten im eiskalten Wasser führten zu Krankheits- und Todes­fällen. Von 115 im April 1905 bei der Woermann-Linie in Swakop­mund zwangs­be­schäf­tigten Herero starben im Zeit­raum von einem einzigen Monat sechs Zwangsarbeiter:innen. Das entspricht einer Sterb­lich­keits­rate von 5,2 Prozent. Damit lag die Sterb­lich­keits­rate der Zwangsarbeiter:innen im Konzen­tra­ti­ons­lager der Woermann-Linie zyni­scher­weise deut­lich höher als die der Pferde auf ihren Trans­porten von Hamburg nach Swakop­mund. Diese lag bei nur 0,6 Prozent. 

Für den Woermann-Konzern war der deut­sche Kolo­nia­lismus kein Verlust­ge­schäft, als das er bis heute in der öffent­li­chen Debatte bezeichnet wird. Im Gegen­teil: Die umfang­rei­chen Truppen- und Güter­trans­porte ermög­lichten hohe Profite. Insge­samt konnte die Woermann-Linie kriegs­be­dingte Mehr­ein­nahmen in Höhe von bis zu 26,5 Millionen Mark verbu­chen. Während die Gewinne priva­ti­siert wurden, wurden die finan­zi­ellen Kosten der deut­schen Kolo­ni­al­herr­schaft sozia­li­siert. Die mit dem Krieg in Deutsch-Südwestafrika verbun­denen Kosten von knapp 600 Millionen Mark führten – auch weil der Reichstag über das Budget­recht verfügte – zu einer inten­siven Debatte und zu massiver öffent­li­cher Kritik an der Woermann-Linie und an Adolph Woer­mann persön­lich. So warf der Zentrums­ab­ge­ord­nete Matthias Erzberger der Woermann-Linie vor, sie habe aufgrund von über­höhten Fracht- und Passa­ge­preisen „einen Über­ver­dienst von drei Millionen Mark“ verbucht und damit das Deut­sche Reich übervorteilt. 

Erin­ne­rungs­po­li­ti­sche Leerstellen

Foto: Kim Todzi

Heute erin­nert vor Ort nichts an die bedeu­tende Rolle des Hamburger Hafens im Kolo­ni­al­krieg und den Völker­mord an den Herero und Nama durch das Deut­sche Reich. Dabei ist die histo­ri­sche Bedeu­tung des Hamburger Hafens im Allge­meinen und des Baaken­ha­fens im Beson­deren für die Kolo­ni­al­ge­schichte schon seit einigen Jahren aufge­ar­beitet worden, zuletzt durch die Arbeiten Jan Kawlaths zu den kolo­nialen Insze­nie­rungen im Baaken­hafen und in meiner Forschungs­ar­beit zum Woermann-Konzern und dessen Rolle im Völker­mord an den Herero und Nama. Der Baaken­hafen ist in der Erin­ne­rungs­to­po­gra­phie Hamburgs noch immer eine Leer­stelle. Ein blinder Fleck, der sympto­ma­tisch scheint für Jahr­zehnte kollek­tiver Nicht-Erinnerung oder nost­al­gi­scher Verklä­rung der deut­schen Kolo­ni­al­ge­schichte in Deutsch­land selbst. Der Histo­riker Jürgen Zimmerer sprach in diesem Zusam­men­hang von „kolo­nialer Amnesie“, der Kultur­wis­sen­schaftler Kien Nghi Ha in einem anderen von „Entin­ne­rung“. Gegen diesen Mantel des Schwei­gens setzen sich Herero und Nama, Wissenschaftler:innen und Aktivist:innen aus aller Welt seit Jahren ein. Und allmäh­lich verän­dert sich etwas. 2018 etwa fand der Zweite Trans­na­tio­nale Herero- und Nama-Kongress in Hamburg statt. Der Kultur­se­nator Carsten Brosda entschul­digte sich in diesem Rahmen bei einem Senats­emp­fang im Namen der Stadt für die heraus­ra­gende Rolle Hamburgs im Völker­mord. Doch ein offi­zi­elles Gedenken im öffent­li­chen Raum findet bisher nicht statt.

Gegen die neuesten Bebau­ungs­pläne haben Jürgen Zimmerer und ich im Mai 2024 daher offi­ziell Einspruch einge­legt. Doch was würde es bedeuten, wenn durch die geplante Bebauung Fakten geschaffen würden, die ein Gedenken vor Ort unmög­lich machen? Würde dadurch nicht eine Chance vertan, einen Ort zu schaffen, der einer würdigen Erin­ne­rung an die Opfer des Kolo­ni­al­kriegs und an die Rolle Hamburgs im Völker­mord gerecht wird? Die Fragen, an wen und was erin­nert wird, wie wir erin­nern, wer in die Erin­ne­rungs­kultur einge­schlossen und wem diese Aner­ken­nung verwei­gert wird, sind von zentraler Bedeu­tung für eine an Aufklä­rung und Gerech­tig­keit inter­es­sierte demo­kra­ti­sche Gesell­schaft. Wie kann eine Geschichts­kultur gestaltet werden, die auch die Würde derje­nigen aner­kennt, deren Geschichte und Leid bisher margi­na­li­siert oder igno­riert wurde? Im Kern dieser Ausein­an­der­set­zung geht es um das Recht der dama­ligen Kolo­ni­sierten und ihrer Nach­fahren, dass die Erfah­rungen und Perspek­tiven der Betrof­fenen Teil der offi­zi­ellen Gedenk­kultur der ehema­ligen Kolo­ni­al­mächte werden.

Dies ist umso bedeu­tender, als dass es gegen­läu­fige Tendenzen gibt und geschichts­re­vi­sio­nis­ti­sche Kolo­ni­al­a­po­logie aus rechten Kreisen auf eine zuneh­mende Skan­da­li­sie­rung post­ko­lo­nialer Ansätze und eine allge­meine Igno­ranz der histo­ri­schen Verant­wor­tung trifft. So wurde etwa in Thüringen die erst 2021 geschaf­fene wissen­schaft­liche Koor­di­nie­rungs­stelle „Kolo­niales Erbe“ nicht verlän­gert, während in Bremen die verspro­chene Aufar­bei­tung nie umge­setzt und insti­tu­tio­nell veran­kert wurde. Zudem soll die Forschungs­stelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“ in ihrer derzei­tigen Form abge­wi­ckelt werden. Das von der Bundes­re­gie­rung verspro­chene Konzept für einen „Lern- und Erin­ne­rungsort Kolo­nia­lismus“ harrt noch immer seiner Fertig­stel­lung. Ob es über­haupt kommt, ist fraglich.

Foto: Kim Todzi

Es geht bei der Ausein­an­der­set­zung um die Erin­ne­rung im Baaken­hafen also um nichts weniger als darum, dass im öffent­li­chen Raum aner­kannt wird, dass der Völker­mord an den Herero und Nama nicht nur ein Teil der nami­bi­schen, sondern auch der deut­schen Geschichte ist. Dabei sollten auch die ermor­deten und anonym geblie­benen Opfer des von Deut­schen verübten Geno­zids bewusst- und sichtbar gemacht werden. Die Aufar­bei­tung einer verfloch­tenen Geschichte erfor­dert zudem, dass auch Geschichts­bilder parti­zi­pativ herge­stellt werden. Wie können die Nach­kommen der Opfer dabei mit ihren Perspek­tiven einbe­zogen werden? Und zuletzt geht es darum, dass Gedenken auch mate­ri­elle Zeug­nisse benö­tigt: Gräber, Gedenk­steine, Mahn­male und andere Erin­ne­rungs­orte. Der mate­ri­elle Raum des Baaken­ha­fens verbindet die Geschichte des Kolo­ni­al­kriegs in Deutsch-Südwestafrika direkt mit dem Hamburger Hafen und ermög­licht damit eine kriti­sche Ausein­an­der­set­zung mit dieser Vergangenheit.

Eine Forde­rung ist daher, im Baaken­höft ein Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum für die Geschichte des kolo­nialen Geno­zids zu errichten und damit einen Lern- und Gedenkort für die Geschichte des Kolo­ni­al­kriegs und die Rolle des Hamburger Hafens darin zu schaffen. In Anbe­tracht des lang­wie­rigen, schmerz­vollen und oftmals unwür­digen Prozesses der Aner­ken­nung, Aufar­bei­tung, Entschul­di­gung des Völker­mordes wäre es ein kaum rück­gängig zu machender Fehler, die Möglich­keit für einen solchen Gedenkort sprich­wört­lich zu verbauen, die Geschichte quasi zu versie­geln. Denn diese Geschichte wurde auch in Hamburg viel zu lange verdrängt – es ist an der Zeit, ihr wort­wört­lich endlich Raum zu geben.