Kommentare, Urteile und Appelle zum 7. Oktober 2023 verdichten sich oftmals in der Überzeugung, „auf der richtigen Seite der Geschichte“ zu stehen. Doch wer entscheidet über moralische Urteile, und wie kann Gedenken stattfinden, ohne dieses gleich politisch zu instrumentalisieren?

  • Frederek Musall

    Frederek Musall lehrt Jüdische Studien und Vergleichende Religionswissenschaft an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Zu seinen derzeitigen Forschungsschwerpunkten gehören jüdisch-muslimische Beziehungen in Geschichte und Gegenwart und Plurale Erinnerungskulturen.

Der 7. Oktober markiert für jüdi­sche Erin­ne­rungs­kultur einen tiefen Einschnitt. Was an diesem Tag geschah, war ein Schlag gegen jüdi­sches Leben, nicht nur in Israel, sondern auch in Europa und darüber hinaus. In Deutsch­land und Öster­reich, wo jüdi­sche Gemein­schaften ohnehin mit einer fragilen gesell­schaft­li­chen Balance leben, hat er das Vertrauen in ein angst­freies Mitein­ander erschüt­tert. Fragen nach der Sicher­heit jüdi­schen Lebens, nach dem Schutz und dem Zusam­men­halt, stehen plötz­lich dring­li­cher denn je im Raum.

Dieser Tag wird für die jüdi­sche Gemein­schaft nicht nur als ein Moment der Verun­si­che­rung in Erin­ne­rung bleiben, sondern als Warnung für die Zukunft. Denn die Wunden, die er hinter­lässt, gehen über das Jetzt hinaus und formen eine neue, fragi­lere Realität für jüdi­sches Leben in Europa. Die Narben dieses Tages werden in das indi­vi­du­elle und kollek­tive Gedächtnis eingehen und das Verständnis von Iden­tität, Zusam­men­leben und Vertrauen nach­haltig prägen.

My loss, here we go again 

R.E.M., E-Bow the Letter 

Wie das Gefühl ausdrü­cken, in alten, schmerz­haften Mustern gefangen zu sein, die das Trauma immer wieder an die Ober­fläche bringen? Wie der Mischung aus Erschöp­fung und Akzep­tanz begegnen, dass sich dieser belas­tende Kreis­lauf wieder­holt, oft begleitet von dem Gefühl, keine Kontrolle darüber zu haben?

Der 7. Oktober zwingt uns somit, die Fäden der Erin­ne­rung neu zu weben. Das Datum macht deut­lich, dass Vergan­genes nicht einfach verblasst, sondern weiterhin nach­hallt. Für die jüdi­schen Erfah­rungen von Geschichte ist das keine neue Erkenntnis, doch dieser Moment über­la­gert sich mit anderen tief verwur­zelten Erin­ne­rungen: den nie verheilt gewe­senen Narben der Shoah, die das jüdi­sche Leben in Europa bis heute prägen; die enttäuschten Hoff­nungen derje­nigen, die einst in Aussicht auf eine siche­rere und diskri­mi­nie­rungs­freie Zukunft für ihre Kinder als Konting­ent­ge­flüch­tete die ehema­ligen Sowjet­staaten verlassen haben; und dem elemen­taren Gefühl, dass jüdi­sches Leben im Bewusst­sein seiner Feinde beinahe selbst­ver­ständ­lich ausge­löscht werden soll.

Die damit einher­ge­henden Re-Traumatisierungen und der spür­bare Anstieg des Anti­se­mi­tismus haben in den letzten Monaten viele Jüd*innen emotional und exis­ten­ziell an ihre Grenzen gebracht. Und sie haben die Hoff­nung auf eine lange für möglich gehal­tene Norma­lität gehemmt oder gar zunich­te­ge­macht. Darüber hinaus sind aufgrund des anhal­tenden Krieges Freund­schaften zerbro­chen, Alli­anzen geschei­tert. Nach Jahren, in denen die dritte und vierte Gene­ra­tion bewusst eine öffent­liche Sicht­bar­keit jüdi­schen Lebens einge­for­dert hatte, ist jüdi­sches Leben nun spürbar unsichtbar geworden. Doch diese Unsicht­bar­keit ist nicht frei­willig erfolgt; sie ist viel­mehr eine Überlebensstrategie.

Wie werden wir also diesen Tag in Zukunft auf uns nehmen? Als Mahnung, als Belas­tung? Können wir ange­sichts der Tatsache, dass dieser Tag noch andauert, über­haupt zu hoffen wagen, dass selbst ein solcher Tag irgend­wann vorüber­gehen kann? Und vermögen wir eine Perspek­tive für den „Tag danach“ entwi­ckeln, der in diesem Moment so weit entfernt scheint? 

Diese offenen Fragen und die weiteren, die im Verlaufe dieses Textes aufge­worfen werden, sind von der stillen Erkenntnis getragen, dass sich ein tieferes Verstehen gerade in der Unvoll­stän­dig­keit jener Gedanken zeigt – in diesem Moment, in dem gewohnte Gewiss­heiten zerbre­chen und das Unaus­sprech­liche immer präsenter wird. Diese Fragi­lität des Denkens ist aber auch ein subtiler Wider­stand gegen die Versu­chung, einfache Antworten zu suchen, wo nur viel­schich­tige, komplexe Wahr­heiten exis­tieren. Die eigent­liche Heraus­for­de­rung liegt viel­leicht darin, den Mut zu haben, Fragen zu stellen, deren Antworten unsi­cher bleiben.

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Dementspre­chend ist dies kein Text, der Antworten verspricht oder sich bemüht, den an ihn heran­ge­tra­genen Erwar­tungen zu entspre­chen. Viel­mehr ist er ein Geflecht aus Fragen – ein suchendes Ringen nach einer Perspek­tive im Hier und Jetzt.

Kontex­tua­li­sie­rung oder Banalisierung?

Man könnte diesen Text sicher­lich auch auf eine andere Weise beginnen: analy­ti­scher, reflek­tierter, distan­ziert vom eigenen Schmerz. Ein Heraus­treten, ein Vergrö­ßern des Blick­win­kels. Viel­leicht wäre das ange­mes­sener, um der eigenen Verletz­lich­keit Raum zu geben, ohne sich von ihr bestimmen zu lassen. Viel­leicht läge aber in dieser distan­zierten Perspek­tive auch eine Verwei­ge­rung, dem Schmerz direkt zu begegnen – ein Ausweichen.

Die Ereig­nisse des 7. Oktober 2023 können nicht isoliert verstanden werden. Sie sind tief in ein histo­ri­sches und poli­ti­sches Geflecht einge­bettet. Die Versu­chung ist groß, den 7. Oktober zu kontex­tua­li­sieren, ihn zu verorten, ihn als Teil einer größeren Entwick­lung zu verstehen. Doch hier entsteht ein Dilemma: Ist jede Kontex­tua­li­sie­rung nicht zugleich auch eine Form der Bana­li­sie­rung? Diese Frage wurde von der französisch-israelischen Sozio­login Eva Illouz in ihrer funda­men­talen Kritik an intel­lek­tu­ellen Ansätzen wie beispiels­weise denen des slowe­ni­schen Philo­so­phen Slavoj Žižek aufge­worfen. Sie kriti­siert, dass Žižek und die Linke den Schock und Schmerz der Jüd*innen nach dem Hamas-Angriff nicht ange­messen aner­kennen und zu schnell in poli­ti­sche Analysen über­gehen, anstatt Mitge­fühl zu zeigen. Illouz warnt, dass die Linke ihre mora­li­sche Auto­rität verliert, wenn sie nicht zwischen Befrei­ungs­kämp­fern und barba­ri­schen Funda­men­ta­listen unter­scheidet. Dementspre­chend fordert sie uns dazu auf, die Grenzen unserer Deutungs­ver­suche zu hinter­fragen. Denn gerade nach den Gescheh­nissen vom 7. Oktober wird die Kluft zwischen unter­schied­li­chen Inter­pre­ta­tionen und mora­li­schen Urteilen beson­ders deut­lich. In diesem Zusam­men­hang eine diskur­sive Verbin­dung zwischen Illouz und Žižek zu reflek­tieren, ist inso­fern von beson­derer Bedeu­tung, da beide Denker*innen diame­tral entge­gen­ge­setzte, jedoch glei­cher­maßen erhel­lende Perspek­tiven darauf eröffnen, wie Gewalt, Ideo­logie und Emotionen die poli­ti­sche Wirk­lich­keit strukturieren.

Slavoj Žižek, bekannt für seine oftmals radi­kalen Thesen, plädierte in einer Rede anläss­lich der Eröff­nungs­feier der Frank­furter Buch­messe 2023 dafür, die Gewalt nicht isoliert, sondern im Kontext histo­ri­scher und geopo­li­ti­scher Zusam­men­hänge zu betrachten. Wie er später präzi­sierte, verur­teilte er die Hamas-Massaker dras­tisch, kriti­sierte aber Deutsch­land dafür, eigene histo­ri­sche Schuld durch unkri­ti­sche Unter­stüt­zung Israels zu kompen­sieren, und warnt vor „zionis­ti­schem Anti­se­mi­tismus“ bei den neuen Rechten. Žižek sieht die Notwen­dig­keit, die struk­tu­rellen Ursa­chen – etwa die israe­li­sche Besat­zungs­po­litik – zu analy­sieren, um die gegen­wär­tige Krise nicht bloß mora­lisch zu bewerten, sondern in ihrer Tiefe zu erfassen. Doch genau hierin liegt auch ein frag­wür­diger Punkt: Wird durch die Einbet­tung in größere Narra­tive die Einzig­ar­tig­keit der Gewalt rela­ti­viert? So löst Žižeks Vergleich der israe­li­schen Sied­lungs­po­litik mit der Ideo­logie der Hamas verständ­li­cher­weise Empö­rung aus, da viele den Verdacht hegen, er rela­ti­viere die Bruta­lität terro­ris­ti­scher Gewalt.

Auch Eva Illouz warnt davor, dass jede Form der intel­lek­tu­ellen Kontex­tua­li­sie­rung das Risiko berge, das mora­li­sche Urteil zu verwäs­sern. Ihre Sorge ist, dass durch den Versuch, das Gewalt­ge­schehen in einen histo­ri­schen Rahmen zu setzen, das konkrete mensch­liche Leid, das durch Terror­akte verur­sacht wird, aus dem Blick gerät. Die Gefahr liegt darin, dass das Leiden abstra­hiert wird – dass es zum bloßen Bestand­teil einer theo­re­ti­schen Konstruk­tion wird, und somit seine Dring­lich­keit und sein mora­li­sches Bewusst­sein verliert. Für Illouz ist daher die mora­lisch eindeu­tige Verur­tei­lung von Gewalt entschei­dend, weit mehr als abstrakte Erklärungsmodelle.

Hier eröffnet sich ein tieferer philo­so­phi­scher Konflikt: Žižek fragt nach den struk­tu­rellen Bedin­gungen und Ideo­lo­gien, die zur Gewalt führen, während Illouz die Bedeu­tung des einzelnen mensch­li­chen Schick­sals und die unbe­dingte Verant­wor­tung gegen­über den Opfern in den Vorder­grund rückt. In der Span­nung zwischen diesen beiden Ansätzen liegt ein Kern­pro­blem intel­lek­tu­eller und mora­li­scher Urteils­bil­dung: Kann eine mora­li­sche Verur­tei­lung unab­hängig von einem umfas­senden Verständnis der Bedin­gungen erfolgen, unter denen Gewalt entsteht? Oder führt gerade die Abstra­hie­rung von Erkennt­nissen aus den vorge­nom­menen Kontex­tua­li­sie­rungen zu einer Unschärfe des mora­li­schen Urteils?

Diese philo­so­phi­sche Span­nung steht sinn­bild­lich für die gegen­wär­tige Krise linker Theorie und Praxis, die sich zwischen struk­tu­reller Analyse und mora­li­schen Urteilen bewegt. Doch ist der Gegen­satz zwischen „Kontex­tua­li­sie­rung“ und „Bana­li­sie­rung“ wirk­lich so klar und unüber­windbar? Viel­leicht handelt es sich um eine falsch konstru­ierte Dicho­tomie. Mögli­cher­weise müssen wir lernen, in der Gleich­zei­tig­keit zu denken: Die Gewalt zu kontex­tua­li­sieren, ohne das dadurch entstan­dene Leiden zu rela­ti­vieren; das Histo­ri­sche zu verstehen, ohne die mora­li­sche Dring­lich­keit zu verlieren. Oder sind solche Konzepte der „Gleich­zei­tig­keit“ bloß intel­lek­tu­elle Flucht­wege, die wir betreten, wenn wir uns der Komple­xität eines mora­li­schen Urteils nicht mehr sicher sind?

Diese Fragen verlangen nicht nur nach Antworten, sondern sie fordern uns heraus, die Art und Weise, wie wir über Gewalt, Verant­wor­tung und Kontex­tua­li­sie­rung nach­denken, grund­le­gend zu über­denken. Denn viel­leicht ist es gerade die Span­nung zwischen diesen Perspek­tiven, die uns aufzeigt, wie brüchig unsere Versuche sind, der Gewalt einen festen Sinn zu geben.

Offenes Gedenken

Worte scheinen der Komple­xität des Gesche­hens nicht wirk­lich gerecht zu werden, und eine kriti­sche Selbst-Reflexion, die notwendig wäre, um eine klare Haltung zu formu­lieren, fällt noch schwerer. Es ist ein Ringen – ein Oszil­lieren zwischen verschie­denen Polen: zwischen Verstehen und Unver­ständnis, zwischen dem Bedürfnis, sich zu posi­tio­nieren, und dem Wissen, dass keine Posi­tion wirk­lich ausreicht, um das Leid, die Gewalt und die Folgen dessen, was geschah, voll­ständig zu erfassen. Dieses Oszil­lieren, das stän­dige Schwanken zwischen Gewiss­heit und Zweifel, ist jedoch nicht nur eine intel­lek­tu­elle Bewe­gung, sondern eine zutiefst mensch­liche Erfahrung.

Doch wie kann nun ein Erin­nern gestaltet werden, die einem noch andau­ernden Ereignis gerecht wird? Wie lässt sich eine Form des Geden­kens schaffen, welche die Unsi­cher­heit und Unab­ge­schlos­sen­heit der aktu­ellen Situa­tion aner­kennt, ohne vorschnell feste Narra­tive zu etablieren? Wie können wir trauern, ohne dass diese Trauer durch poli­ti­sche Inter­essen verein­nahmt wird?

Gedenken an ein noch nicht abge­schlos­senes Ereignis bewegt sich unwei­ger­lich in einem Span­nungs­feld. Es strebt danach, Bewusst­sein zu schaffen und Raum für Trauer sowie für Refle­xion zu eröffnen, obwohl die endgül­tige Deutung oder gar der Abschluss des Gesche­hens noch nicht absehbar ist. Hier zeigt sich ein Paradox: Wie kann man ange­messen erin­nern, wenn das Ereignis selbst noch nicht zur Ruhe gekommen ist? Viel­leicht könnte in einer solchen Situa­tion ein „offenes Gedenken“ notwendig sein – ein Gedenken, das sich nicht auf starre Narra­tive stützt, sondern Unsi­cher­heiten und Unge­klärtes zulässt. Anstatt die Vergan­gen­heit in festen, abge­schlos­senen Kate­go­rien zu veran­kern, erfor­dert es eine Erin­ne­rungs­kultur, welche die Gegen­wart als flie­ßend und noch im Wandel befind­lich begreift. Die Aner­ken­nung dieser Unge­wiss­heit ist ein essen­zi­eller Schritt, um dem fort­dau­ernden Leid und der Komple­xität der Situa­tion gerecht zu werden.

In diesem Zusam­men­hang entfaltet der Ansatz von Eva Illouz sein Poten­zial für die Entwick­lung einer Erin­ne­rungs­kultur nach dem 7. Oktober 2023. Illouz betont die zentrale Bedeu­tung des Mitge­fühls im Umgang mit Gewalt und Leid. Sie plädiert dafür, das mensch­liche Leiden in den Mittel­punkt jeder Gedenk­kultur zu stellen und warnt vor der Gefahr, dass Gewalt durch intel­lek­tu­elle oder histo­ri­sche Kontex­tua­li­sie­rungen trivia­li­siert werden könnte. Ihr Ansatz hebt hervor, dass Mitge­fühl eine unver­zicht­bare Grund­lage für die Ausein­an­der­set­zung mit Gewalt darstellt, da es uns ermög­licht, das Leid der Opfer auf einer unmit­tel­baren, mensch­li­chen Ebene zu erfassen. Indem es verhin­dert, dass das Leid entper­so­na­li­siert und somit entwertet wird, kann Mitge­fühl als eine mora­li­sche Antwort auf Gewalt wirken.

Mitge­fühl bietet nicht nur eine ethi­sche Orien­tie­rung, sondern schützt uns auch davor, das mensch­liche Leiden hinter ideo­lo­gi­schen oder intel­lek­tu­ellen Erklä­rungs­mus­tern zu verste­cken. In einer Welt, in der Mitge­fühl durch analy­ti­sche Distanz verdrängt wird, droht mora­li­sche Blind­heit – die Unfä­hig­keit, der Dring­lich­keit des Leidens ange­messen zu begegnen. Mitge­fühl ist dabei weit mehr als eine bloße emotio­nale Reak­tion: Es stellt eine ethi­sche Verpflich­tung dar, die uns zwingt, das indi­vi­du­elle Schicksal ins Zentrum der Betrach­tung zu rücken und ein notwen­diges mora­li­sches Bewusst­sein zu bewahren. So verstanden, kann eine auf Mitge­fühl basie­rende Erin­ne­rungs­kultur nicht nur das Leiden der Opfer würdigen, sondern auch eine Brücke schlagen zwischen der Refle­xion über das Vergan­gene und der mora­li­schen Verant­wor­tung gegen­über der Gegen­wart und Zukunft.

Stille

Aber Mitge­fühl ist keine Einbahn­straße, es hat eine parti­ku­la­ris­ti­sche und eine univer­sa­lis­ti­sche Dimen­sion. Diese doppelte Dimen­sion des Mitge­fühls spie­gelt einen stän­digen Balan­ceakt wider: Einer­seits fordert es von uns, indi­vi­duell und konkret auf das Leiden der Menschen in unserer unmit­tel­baren Umge­bung zu reagieren. Ande­rer­seits verlangt es von uns, dieses Mitge­fühl auf eine univer­sa­lis­ti­sche Ebene zu heben, wo es als Grund­lage für eine globale Ethik des Mitein­an­ders dient.

Und doch ist es in dieser Hinsicht bezeich­nend, dass gerade dieje­nigen, die sich als mora­li­sche Wegweiser verstehen und für sich in Anspruch nehmen, auf der ‚rich­tigen Seite der Geschichte‘ zu stehen, dieses elemen­tare Mitge­fühl häufig vermissen lassen. Viel­leicht liegt hierin eine oft unter­schätzte Gefahr, dass die Gewiss­heit, auf der ‚rich­tigen Seite‘ zu stehen, wo auch immer diese verortet sein mag, das Gefühl für die mensch­liche Dimen­sion des Leids zu über­de­cken beginnt.

Viel­leicht erfor­dert die Ausein­an­der­set­zung mit einem Ereignis wie dem 7. Oktober einen grund­sätz­lich anderen Zugang. Viel­leicht ist es keine mora­li­sche Antwort, die uns hier weiter­hilft, sondern etwas so Einfa­ches wie fünf Minuten Stille. Fünf Minuten ohne laute Kommen­tare, ohne den Lärm der Meinungen, ohne das Getöse der sofor­tigen Urteile. Fünf Minuten, in denen wir das Gesche­hene zulassen. Fünf Minuten, um zu Atem zu kommen. Wie so vieles in diesem Text hat auch dieser Moment der Stille eine doppelte Bedeu­tung: Er ist das bewusste Schweigen, das die stän­dige Infor­ma­ti­ons­flut unter­bricht, und meint zugleich einen inneren Zustand, der uns erlaubt, zu uns selbst zu kommen. Was jedoch keines­wegs bedeutet, innere Ruhe zu finden. Stille meint hier ein unver­fälschtes, unmit­tel­bares Empfinden. Dieses eröffnet aber Raum für Refle­xion, ohne dass vorge­fer­tigte Erzäh­lungen oder Schuld­zu­wei­sungen diesen Prozess beein­flussen müssen. In ihm können wir dem Schmerz direkt begegnen, ohne ihn durch Erklä­rungen oder Ideo­lo­gien zu verde­cken. Gerade in dieser Offen­heit bietet Stille die Möglich­keit, den Schmerz unver­fälscht zu spüren, anstatt ihn ständig zu verdrängen oder zu über­tönen. Und viel­leicht sollten wir einfach für einen Augen­blick inne­halten und uns dem zuwenden, was an diesem Tag geschehen ist, bevor wir uns in seinen Folgen verlieren. Folgen, denen wir uns jedoch zwei­fellos zuwenden müssen.

In der Suche nach einem Moment der Stille bleibt dieser Text ein Frag­ment, ein Versuch, das Unaus­sprech­liche zu fassen, zwischen verschie­denen Perspek­tiven oszil­lie­rend, weil die Realität selbst oszil­liert: zwischen dem indi­vi­du­ellen mensch­li­chen Schmerz und den größeren histo­ri­schen Narra­tiven, die ihn zu erklären versu­chen. Wie gesagt, dieser Text verspricht keine Antworten. Er ist viel­mehr ein fort­lau­fender Prozess der Ausein­an­der­set­zung mit den offenen Fragen, die das Gesche­hene hinter­lassen hat: Fragen nach Mitge­fühl, nach Erin­ne­rung, nach der Art und Weise, wie wir mit dem Schmerz und der Gewalt umgehen. Es ist ein Ringen, das nicht mit schnellen Lösungen endet, sondern dazu aufrufen möchte, die Komple­xität der Situa­tion anzu­er­kennen – und viel­leicht auch die Grenzen unseres Verstehens.

Or maybe I just don’t get it.