Anfang September tauchte ein Neuzugang in den Apple-Podcast Charts auf. Ein unbekannter Hobbyhistoriker, sein Internetname lautet Martyr Made, eroberte den ersten Platz mit mehrstündigen Monologen zu verschiedenen historischen Ereignissen: der Jonestown-Kult der 1970er, der Jeffrey Epstein-Skandal, die Frühgeschichte des Zionismus. Der Erfolg verdankte sich einer viralen Twitter-Eruption, die sich nach einem Gespräch zwischen dem Podcaster und dem bekannten rechten Journalisten Tucker Carlson auf der Plattform X entwickelt hatte. Im Interview, ebenfalls auf X veröffentlicht, hatte Martyr Made behauptet, nicht Hitler, sondern Winston Churchill sei der Hauptschuldige des Zweiten Weltkriegs. Elon Musk empfahl die Sendung seinen knapp 200 Millionen Followern, bevor er seinen Tweet wieder löschte, und Massen des rechtsdrehenden Kommentariats überboten sich mit Widerlegungen und Rechtfertigungen der revisionistischen Aussage.
Wenn sich irgendwo die These belegen lässt, dass Neofaschismus und rechtsextreme Weltsichten derzeit die digitale Massenkultur dominieren, dann hier: Martyr Made kann verkürzt als eine ethnonationalistische und social-media-versierte Version des Holocaustleugners David Irving beschrieben werden (der ähnliches in seinen Büchern behauptet). Rechte Narrative, faschistische Ideologien, Metapolitik, Geschichtsrevisionismus und white nationalism sind keine Randerscheinungen oder Extreme in den Winkeln der digitalen Öffentlichkeit, sondern der Hauptfilm und talk of the town.
Ob solche viralen Vorgänge von größerer Relevanz sind, ist nicht leicht zu entscheiden. Wenn aber der Fernseh- oder Zeitungsjournalismus eine Twittereruption zu einer Nachrichtenmeldung machen und damit die Reichweite von twitternden Menschen in die Höhe schnellen lassen, und PolitikerInnen oder das Weiße Haus sich aufgefordert sehen, solche Netzvorgänge zu kritisieren, dann kann von einem größeren Diskursereignis gesprochen werden. Denn: die aufgeregte Gesellschaft im Zeitalter sozialer Medien besteht wesentlich aus der permanenten Verhandlung darüber, was von den Vorgängen des Internets zur Realitätsmasse – zur Geschichte der Gegenwart – gehören soll. Figuren wie Martyr Made gehören derzeit zu ihrem Kern, ihre neofaschistischen Geschichtsbilder stehen auf dem ersten Platz der Charts und werden von riesigem Publikum konsumiert. Dieser Artikel versucht zu erklären, was das heißt und wie es dazu kam.
Profoundly Disorienting
Warum man Martyr Made, bürgerlich Darryl Cooper, 43 Jahre alt und ehemaliger freier Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums der USA (Angaben unverifiziert), hervorheben sollte, liegt in medientechnischen Vorgängen begründet. Cooper wurde 2021 erstmals öffentlich bekannt, als er einen längeren Twitter-Beitrag veröffentlichte, der die Motivationen der Aufständischen des 6. Januar 2021 in Washington DC erläuterte. Der Beitrag listete die Enttäuschungen auf, die republikanische Wähler seit 2016 durch Angriffe auf Donald Trump erfahren hätten: Nach den unbewiesenen Vorwürfen der Bestechung durch Russland, der Überwachung des Trump Towers durch Obama und der breiten, negativen Berichterstattung über den Kandidaten sei einer großen WählerInnenschicht zum ersten Mal schmerzhaft deutlich geworden, dass sie nicht in einer Parteiendemokratie, sondern in einem Regime lebten, in einem „Verblendungszusammenhang“:
This is where people … began to see the outline of a Regime that crossed all institutional boundaries. Because it had stepped out of the shadows to unite against an interloper. … It’s hard to describe to people on the left (who are used to thinking of gov’t as a conspiracy, Watergate, COINTELPRO, WMD, etc) how shocking & disillusioning this was for people who encourage their sons to enlist in the Army, and hate ppl who don’t stand for the Anthem. … This was profoundly disorienting. Many of them don’t know for certain whether ballots were faked in November 2020, but they know for absolute certain that the press, the FBI, etc would lie to them if there was. They have every reason to believe that, and it’s probably true.
Die Twitter-Analyse traf einen konservativen Nerv, ging viral auf verschiedenen Plattformen, und wurde schließlich vom rechten FoxNews Moderator Tucker Carlson im Fernsehen vorgelesen – ein einmaliger Vorgang. Die Analyse bestach auch, weil sie plausible Punkte formulierte: die emotionale Verfassung der Insurrectionists des 6. Januar, die generationale Enttäuschung der MAGAs, von Medien und Regierung belogen zu werden, und schließlich den postdemokratischen Kern des Trump-Movements selbst. Trump für Trumpisten ist kein Kandidat im demokratischen Wettbewerb – er ist der einzige Mann, der das korrupte und totalitäre Regime besiegen und „Amerika an sich“ retten kann. Ursache des 6. Januar, so Martyr Made, war daher nicht Desinformation, sondern die Erkenntnis Tausender, dass das System sie mit allen Mitteln bekämpft:
They were led down some rabbit holes, but they are absolutely right that their gov’t is monopolized by a Regime that believes they are beneath representation, and will observe no limits to keep them getting it.
Wichtig an dieser Vorgeschichte ist zum einen die Verzahnung verschiedener Öffentlichkeiten: die damals noch leidlich eingeschränkte rechte Twittersphäre und der „offizielle“ rechtskonservative Fernsehsender FOX, der seine Analyse einfach aus dem Netz übernahm. Das machte einen zweiten Effekt möglich: Martyr Mades Erklärung hatte einen anderen Ton als die üblichen Kommentare und Op-Eds der Journalisten. Hier sprach jemand mit intimem Wissen über den Erfahrungshorizont der Wählerschaft, ein organischer Intellektueller der MAGA-Öffentlichkeit, der aus den gleichen Erfahrungen heraus seine parteiunabhängige Analyse über „das Regime“ formulierte – gewissermaßen als Selbstoffenbarung eines radikalisiert-rechten Normalbürgers. Martyr Made, so sagte Carlson damals zu seinem TV-Publikum, sprach aus, was „every honest person knows“. Er berichte live aus den Köpfen der eigentlich gutherzigen MAGA-Bewegung, die wegen ihres „Aufstands aus Notwehr“ nun vom „Regime“ dämonisiert und terrorisiert werde – ein Punkt, der von Donald Trump bei der Präsidentschaftsdebatte am 9. September 2024 wiederholt wurde: die Wahl war gestohlen.
Der organische Intellektuelle des Netzzeitalters
Der Medienwechsel, vom viralen Thread zum TV-Monolog, sollte sich später andersherum wiederholen. Nachdem Tucker Carlson im April 2023 von FoxNews – also vom medialen „Regime“ – entlassen wurde, gründete er eine eigene Gesprächssendung, die exklusiv auf X beworben wird. Zu seinen Gästen zählten bereits Trump, Putin, Alexander Dugin, Alex Jones, und zahlreiche rechtsdrehende Influencer und Kommentatoren der politischen Sphäre. Cooper, der mittlerweile zur mittelgroßen Twitterpersönlichkeit avanciert war, wurde dort von Carlson als „the best and most honest popular historian in the United States“ vorgestellt. Das zweistündige Gespräch war ein Paradebeispiel dessen, was derzeit als „Diskurs“ den Mainstream der Plattformen bildet: eine Art armchair fascism, bei dem verschiedene rechtsdrehende Agenturen und Medienmarken – Tuckers Unternehmen und Coopers Soloproduktionshaus – sich in aller Ruhe über ihre reaktionären Weltbilder verständigen.
Neben Streifzügen durch seine Podcastthemen hielten sich die beiden Männer in Carlsons Waldhaus länger beim „most forbidden topic“ auf, dem Zweiten Weltkrieg. Cooper beschrieb den „Nachkriegskonsens“ als die Gründungsmythologie der gegenwärtigen Welt: Die Alliierten hätten die bösen Nazis besiegt, ein freier, toleranter Westen sei entstanden, der die Wiederholung dieses Verbrechens um jeden Preis verhindern muss, auch mit repressiver Gewalt. In gewisser Weise ist diese Kurzversion des „Nie Wieder“, die derzeit auf vielen Demonstrationen als Schild hochgehalten wird, natürlich korrekt und schlägt sich auch in der derzeit von vielen Seiten angegriffenen internationalen Ordnung wieder: Internationaler Gerichtshof, Ächtung von Völkermord, formal universelles Asylrecht. Coopers Ansatz jedoch fokussiert auf die angehängte Mythologie, die aus seiner Sicht jede „objektive“ Darstellung der Geschichte unmöglich mache:
Whenever you have a historical event that is mythologized, you’re going to have taboos, you’re going to have certain ways that topics have to be talked about, that will guarantee that that topic is just profoundly misunderstood. We spent the last 70 years literally throwing people in jail for looking into the wrong corners.
Tucker Carlson wirft an dieser Stelle ein: „Particularly in Austria!“. Er erkennt die Anspielung auf den international bekannten Hauptvertreter des historischen Revisionismus David Irving, der 2006 in Österreich für 13 Monate wegen Holocaustleugnung inhaftiert wurde. Cooper vertritt relativ unverändert dessen Thesen, die schon Jahrzehnte zuvor von britischen Faschisten wie Oswald Mosley verbreitet wurden: dass Konzentrationslager primär für osteuropäische Kriegsgefangene vorgesehen waren, dass die Nationalsozialisten von deren Zahl logistisch überfordert waren, und dass Churchill angebliche Friedensbemühungen der Nazis aus machttechnischen Gründen mit einem Bombenkrieg sabotiert habe. Über diese klassischen Topoi hinausgehend bemüht Cooper schließlich Rene Girards Theorie von der Gründungsgewalt religiöser Gesellschaften, wo ein Blutopfer den Gemeinschaftssinn begründet – zur Interpretation der Nürnberger Prozesse als Opferritual der Nachkriegsordnung:
I think that World War 2 is a founding myth in that Girardian sense for us. If you think about the strategic bombing campaigns, the ethnic cleansing of the Germans after the war, what the Soviets did to East Germany after the war (…) Nuremberg is that sacrificial ritual, it was the sacrificial ritual of the current global order that brought us all back together, and told us, who the bad guys were, why they are in a binary sense different from and opposed to us, which makes us the good guys.(2:02:28)
„The farce of Nuremberg“, antwortet Carlson entgeistert, denn für die beiden Männer begann mit dieser Verurteilung einer genozidal-ethnonationalistischen Bewegung der Niedergang des Westens, seiner Wehrhaftigkeit, seiner verlogenen Einteilung in „gute Toleranz“ und „böse Exklusion“.
Kingmaker Carlson
Dass Tucker Carlsons Netz-Talkshow einen rechtsextremen Podcaster fast aus dem Stand auf die nationale Bühne heben kann, ist wahrscheinlich an sich eine Nachricht wert. Die Popularisierung gelang beiden mit einer gezielt provokativen revisionistischen These, die die Extremismusforschung noch immer in Geheimzirkeln in Schnellroda oder Potsdam vermutet, die aber tatsächlich vor Millionenpublikum auf Twitter stattfindet und Platz eins der Podcastcharts einbringt. Nicholas Potter titelte in seiner taz-Meldung entsprechend: „Geschichtsrevisionisten bekommen auf X ein Millionenpublikum und offenbaren den Antisemitismus der Republikaner.“
Mit dieser Meldung ist aber noch wenig gesagt, und bei solcher Massentauglichkeit des Neofaschismus empfiehlt es sich genau hinzusehen: Cooper und Carlson sind nämlich keineswegs die antisemitische Schaltzentrale einer Partei, die im übrigen Netanyahus Vernichtungskrieg in Gaza und die Landnahme im Westjordanland frenetisch unterstützt (wie die Demokraten ebenfalls). Sondern beide repräsentieren eine lose mit der republikanischen Partei verbundene rechtsextreme Online-Sphäre, die öffentlich miteinander diskutiert, was Antisemitismus heißen soll, was der Holocaust „eigentlich“ war, welche Rolle die Parteiendemokratie überhaupt noch spielt. Es ist eine Sphäre, die sowohl den brutalen Ethnonationalismus der israelischen Regierung (und auch teilweise den der Hamas) unterstützt, wie sie zugleich von einer jüdischen Manipulation der Öffentlichkeit und der Gefahr einer feindlichen Übernahme westlicher Gesellschaften durch Migrant_Innen überzeugt ist.
Ihr Grundkonsens besteht weniger im undifferenzierten Antisemitismus, sondern einer Doppelideologie von Ethnonationalismus und Systemfeindlichkeit. Diese Doppelideologie führt zu zwei Effekten: Erstens kann Cooper Reflexe wie Potters Antisemitismusvorwurf als plausible Begründung für seine Arbeit angeben – eine Argumentation, die ihn und Carlson unabhängig von der Parteienzugehörigkeit populär macht. Der mythologische Konsens des Westens unterdrücke die Wahrheitsfindung und was daher zähle, sei die unabhängige politische Meinungsbildung und Informationsbeschaffung, zum Beispiel im Internet. Cooper bringt es auf einen antisemitischen Punkt in seinem mehrstündigen Podcast zum Fall Jeffrey Epstein:
When we refuse to deal honestly with history for fear of what people might do with this information, we just drive the discussion underground where it rots and festers and its stink reemerges at inconvenient and unexpected moments. Let’s say your kid wanders accidentally onto 4chan and someone there says something about the disproportionate number of Jews in the first Soviet government and secret police, and your kid thinks, woah, I never heard of that. I’m going to ask my teacher, Mrs Silverstein – Mrs Silverstein, I read online that a majority of the Communist Secret Police were Jewish, is that true? And Mrs Silverstein says, of course that’s not true and if you continue with that nonsense you end up in the principal’s office, young man. (1:15:20)
Populäre Geschichtsschreibung im Modus der Verschwörungstheorie ist das genuine Feld, was Darryl Cooper bewirtschaftet, und das Beispiel 4chan als Informationsquelle ist hier realistisch gewählt. In seinen Podcasts erzählt er solche Erweckungserlebnisse als abenteuerliche Reise eines ergebnisoffen lesenden Neugierigen durch eine unendliche und widersprüchliche Faktenlandschaft. Seine Sendungen sind im gezielten Zusammenstellen und Weglassen von Aspekten durchaus „compelling“, das heißt so antisemitisch gefärbt wie publikumswirksam: „This is what they don’t want you to know.“
Amerikanischer Nationalmasochismus
Antisemitische Verschwörungstheorien sind aber nur ein Teil der vertretenen Ideologie, sie bestimmen das Genre des Erzählens: heterodoxe Geschichte von unten. Der zweite Effekt der Doppelideologie ist anders gelagert, und adaptiert den rechtsextremen „Schuldkult“, oder was Martin Lichtmesz den „Nationalmasochismus der Deutschen“ genannt hat, für die gesamte westliche Ordnung. Die Nachkriegsmythologie, in der die Nationalsozialisten als das absolute Böse und der freie, globalisierte, tolerante Westen als Antwort auf diese festgesetzt wurden, habe zur Aufweichung der nationalen Identitäten und Wehrhaftigkeiten geführt – mithin zum „Fall of the West“, zur „Überfremdung“ und zum Aufstieg des Kommunismus. Im Gespräch mit Carlson ist ein Austausch darüber der Schlussakkord; Carlson sagt: „I just can get over the fact that West wins (the second World War) and then is completely destroyed in less than a century. … What the hell is that?“ Cooper antwortet:
I say this without pride, but I think that as long as the United States remains the dominant power in the world and the dominant power in European geopolitics I think that we are a very negative influence on that front. (…) You go to European places its different, because, this is a people’s ancient homeland. (…) An American is, the definition of that changes with every generation and its always been that way. The definition of an Englishman has never changed and it never will change. (…) And these people are now in the process of forever losing the only spot of land that they have on this earth that is dedicated to the flowering and the preservation of the English people. – Its true for the Dutch, for the Spanish, the Germans, its true for the Belgians, its true for every Western European nation. So why not have a Nuremberg trial for the people who did that? I dont understand that, its such a crime. – Well, we’d have to win first.
Dass „der Westen“ nur gerettet werden kann, indem die westliche Supermacht USA ihre Wertedominanz zugunsten starker, weißer Ethnostaaten aufgibt, ist sicher eine zentrale Verdrehung dieser american fascists. Ein anderer Punkt ist ebenso wichtig: Cooper und Carlson befinden sich hier in der Bugwelle der generellen Tendenz, den Nachkriegskonsens der weichen Grenzen, der Globalisierung, Migration und Integration aufzukündigen als falsch verstandene Toleranz und Weltoffenheit. Diese sei Produkt jener Mythologie, die letztlich zum „Fall des Westens“ führen werde, weil sie die völkischen Restidentitäten der Nationen der Toleranz und dem Internationalismus opfere.
Das ist zwar auch eine Ableitung der The Great Replacement Theorie oder eine These, die man beim Spiegel-Bestseller Finis Germania von Rolf-Peter Sieferle findet, aber zugleich auch eine Argumentation, die in den gegenwärtig dominanten Auslegungen der deutschen Staatsräson angewendet wird – mit den Treibriemen des „importierten Antisemitismus“ und der Masseneinwanderung sogenannter „kulturfremder Völker“, die vor allem dadurch fremd seien, dass sie sich der offiziellen Erinnerungspolitik (und ihren militärischen Implikationen) nicht unterwerfen wollten. Tucker Carlson wendet den revisionistischen Punkt dieses Nationalmasochismus, als Vertreter des Einwanderungslands und Kolonisationsprojektes USA, amerikanisch: „The point of mass immigration (to America in the 18th and 19th century) was to build the place up, now its to tear the place down“ (1:36:00) – eine Phrase, die man derzeit abgewandelt im Parteiensprech von Orban und Meloni über Macron bis Scholz wiederfindet. Cooper sondert in seiner Antwort die Zeit aus, in der dieses Rezept in den USA noch funktioniert habe:
…the period from 1941 up to maybe the mid-50s when the Great Migration started to drive all of the European ethnics out of the cities into the suburbs, there was that period where we (the USA) almost pulled it off, we almost pulled off constructing a solid and sustainable national identity … obviously the fly in the ointment was the 10% of the population who weren’t really included in that, the African American population, and that became a wedge that allowed people to pry apart that project in the 1960s.
Diese Idealisierung der weißen 50er Jahre impliziert eine ganze revisionistische Erzählung des 20. Jahrhunderts und seiner Emanzipationserfolge, die Cooper an anderer Stelle ausgebreitet hat: In seiner Podcastfolge „Blacks and Jews“ verhandelt Cooper sowohl schwarzen Antisemitismus und wie auch jüdischen Rassismus, die sich nach der Allianz beider Minderheiten in der Civil Rights-Bewegung verstärkt ausgebildet haben. Die wachsende Ablehnung zwischen diesen Minderheiten erzählt Cooper als folgenreiche Keilbildung, die den melting pot USA gesprengt habe: die Emanzipationsprojekte und Raumnahmen (Great Migration spielt auf die Abwanderung schwarzer Bevölkerung aus den Südstaaten in die nördlichen Metropolen der USA zwischen 1910 und 1970 an) hätten nicht nur weiße AmerikanerInnen aus den Städten vertrieben, sondern zugleich die inner cities in buchstäbliche Kriegszonen und Verbrechenshochburgen verwandelt, in denen raffgierige Juden mit unzivilisierbaren Schwarzen kämpften. Emanzipation und Minderheitenrechte hätten so letztlich angelsächsische Kultur und demokratisches System gesprengt, so schließt Cooper die Folge mit Verweis auf die innerstädtischen Riots in Los Angeles im Jahr 1992. Dieser Verfall, der „Fall of the West“, sei beschützt von jenem mythologischen Konsens, der durch ein feindliches Medien- und Staatsregime mit Gewalt aufrechterhalten würde.
Mit Coopers Auftritt wurde in diesem Sinn weniger ein Antisemitismus der US-Rechten popularisiert, sondern die alternative Geschichtsschreibung und Theorie einer rechtsextremen Weltordnung. In dieser ist der umfassende Kampf der Kulturen alltäglich und erfordert von den „europäischen Völkern“ – aka den Weißen – wehrhafte Mobilisierung. Der universelle Rassenkampf, wie er in einschlägiger neofaschistischer Literatur wie The Turner Diaries (1978) seit Jahrzehnten herbeigeschrieben wird, ist dabei sowohl Wunschzustand wie Ursprung der Analyse. Israel fungiert dabei, so wird in Coopers neunstündigem Podcast „Fear and Loathing in the New Jerusalem“ über die Frühgeschichte Israels deutlich, sowohl Zukunftsmodell als auch Hauptfeind dieser race warriors: eine jüdische Ethnonation, die rückhaltlos ihr Landnahme- und Selbstverteidigungprojekt realisiert, wie auch zugleich völlig eigennützig den Westen mit umfassender Schuldsymbolik und Meinungsmanipulation in Schach hält. Das ist, für diese Agentur der Extremrechten, sowohl Inspiration wie Anlass zur Gegenwehr. Mit soldatesker Bewunderung beschreibt Coopers Podcast den israelischen General Moshe Dajan als Prototyp des amerikanischen Cowboys, der die frontier mit Mut und brutaler Skrupellosigkeit für „sein Volk“ erobert.
Neurechte Hegemonie
Über die Gefahren eines rechten Kulturkampfes ist in den letzten Jahrzehnten viel geschrieben worden: seine Mittel der Provokation und der Erregungspolitik, alternative Fakten und das Massieren von Feindbildern hätten die demokratische Öffentlichkeit an den Rand des Abgrunds geführt. Meiner Ansicht nach sind wir einen Schritt weiter, denn derzeit ist die sogenannte mediale Öffentlichkeit dominiert von heterogenen Gruppen und Positionen, die gegen ähnliche Feindbilder (Migration, Woke, etc.) kämpfen und vorher nicht unbedingt etwas miteinander zu tun hatten: Tucker Carlsons Besuch bei Vladimir Putin, wo beide ihre jeweiligen ethnonationalistischen Weltbilder abglichen, ist für diese Erstberührungen das beste Beispiel. Mit anderen Worten sind der Diskurs, die Plattformen und die Aufmerksamkeitscharts dominiert von Sondierungsgesprächen relativ unterschiedlicher rechtsdrehender Agenturen, die voneinander lernen wollen.
Naturgemäß kommen in einer solchen Öffentlichkeit, in der man primär Rechten beim Kennenlernen zuschaut, jene Akteure am besten weg, die große historische Klammern, globale Draufsichten und klare Navigationshilfen liefern können. Das ist mithin der Neofaschismus, der hier in Gestalt von Darryl Cooper alias Martyr Made die maximal große Revisionserzählung anbietet: Der Konsens des Westens nach dem Zweiten Weltkrieg – inklusive Sieg über den Faschismus, internationales Recht, universelles Asyl, Globalisierung, Migration und kultureller Austausch, Pluralismus, Ächtung von ethnischen Konflikten, generell „progressive“ Erzählung von demokratischen System – alles das ist Feindbild, Verfallserscheinung und zu überwindende Krise des Eigentlichen, was von Cooper stets nur angedeutet wird: die ethnisch-homogene Gemeinschaft. Mit dem Erzählen von Episoden, Geschichten und Widersprüchen des „notwendigen Verfalls des westlichen Pluralismus“ verdient Darryl Cooper sein Geld – dank Tucker Carlson, der provokationssüchtigen Twittersphäre und des naiv-berichtenden Aufregungsjournalismus werden es nun einige tausend Dollar mehr im Monat sein.