Rechtsextreme Kommunikation dominiert derzeit die Öffentlichkeit. Dieser Artikel erklärt, wie ein revisionistischer Podcaster der Neuen Rechten Anfang September für einen Moment zum populärsten Historiker der Netzgegenwart wurde.

  • Simon Strick

    Simon Strick ist Kultur- und Medienwissenschaftler. Sein Buch „Rechte Gefühle: Affekte und Strategien des digitalen Faschismus“ (2021) erhielt den Hans-Bausch-Media-Preis. Er arbeitet derzeit an einem VW-Forschungsprojekt an der Universität Potsdam. Seine Performancegruppe Panzerkreuzer Rotkäppchen bespielt regelmäßig die Untiefen ostdeutscher Gefühlsräume. https://linktr.ee/simonstrick

Anfang September tauchte ein Neuzu­gang in den Apple-Podcast Charts auf. Ein unbe­kannter Hobby­his­to­riker, sein Inter­net­name lautet Martyr Made, eroberte den ersten Platz mit mehr­stün­digen Mono­logen zu verschie­denen histo­ri­schen Ereig­nissen: der Jonestown-Kult der 1970er, der Jeffrey Epstein-Skandal, die Früh­ge­schichte des Zionismus. Der Erfolg verdankte sich einer viralen Twitter-Eruption, die sich nach einem Gespräch zwischen dem Podcaster und dem bekannten rechten Jour­na­listen Tucker Carlson auf der Platt­form X entwi­ckelt hatte. Im Inter­view, eben­falls auf X veröf­fent­licht, hatte Martyr Made behauptet, nicht Hitler, sondern Winston Chur­chill sei der Haupt­schul­dige des Zweiten Welt­kriegs. Elon Musk empfahl die Sendung seinen knapp 200 Millionen Follo­wern, bevor er seinen Tweet wieder löschte, und Massen des rechts­dre­henden Kommen­ta­riats über­boten sich mit Wider­le­gungen und Recht­fer­ti­gungen der revi­sio­nis­ti­schen Aussage. 

Wenn sich irgendwo die These belegen lässt, dass Neofa­schismus und rechts­extreme Welt­sichten derzeit die digi­tale Massen­kultur domi­nieren, dann hier: Martyr Made kann verkürzt als eine ethno­na­tio­na­lis­ti­sche und social-media-versierte Version des Holo­caust­leug­ners David Irving beschrieben werden (der ähnli­ches in seinen Büchern behauptet). Rechte Narra­tive, faschis­ti­sche Ideo­lo­gien, Meta­po­litik, Geschichts­re­vi­sio­nismus und white natio­na­lism sind keine Rand­er­schei­nungen oder Extreme in den Winkeln der digi­talen Öffent­lich­keit, sondern der Haupt­film und talk of the town. 

Ob solche viralen Vorgänge von größerer Rele­vanz sind, ist nicht leicht zu entscheiden. Wenn aber der Fernseh- oder Zeitungs­jour­na­lismus eine Twit­ter­erup­tion zu einer Nach­rich­ten­mel­dung machen und damit die Reich­weite von twit­ternden Menschen in die Höhe schnellen lassen, und Poli­ti­ke­rInnen oder das Weiße Haus sich aufge­for­dert sehen, solche Netz­vor­gänge zu kriti­sieren, dann kann von einem größeren Diskurs­er­eignis gespro­chen werden. Denn: die aufge­regte Gesell­schaft im Zeit­alter sozialer Medien besteht wesent­lich aus der perma­nenten Verhand­lung darüber, was von den Vorgängen des Inter­nets zur Reali­täts­masse – zur Geschichte der Gegen­wart – gehören soll. Figuren wie Martyr Made gehören derzeit zu ihrem Kern, ihre neofa­schis­ti­schen Geschichts­bilder stehen auf dem ersten Platz der Charts und werden von riesigem Publikum konsu­miert. Dieser Artikel versucht zu erklären, was das heißt und wie es dazu kam. 

Profoundly Disori­en­ting

Warum man Martyr Made, bürger­lich Darryl Cooper, 43 Jahre alt und ehema­liger freier Mitar­beiter des Vertei­di­gungs­mi­nis­te­riums der USA (Angaben unve­ri­fi­ziert), hervor­heben sollte, liegt in medi­en­tech­ni­schen Vorgängen begründet. Cooper wurde 2021 erst­mals öffent­lich bekannt, als er einen längeren Twitter-Beitrag veröf­fent­lichte, der die Moti­va­tionen der Aufstän­di­schen des 6. Januar 2021 in Washington DC erläu­terte. Der Beitrag listete die Enttäu­schungen auf, die repu­bli­ka­ni­sche Wähler seit 2016 durch Angriffe auf Donald Trump erfahren hätten: Nach den unbe­wie­senen Vorwürfen der Bestechung durch Russ­land, der Über­wa­chung des Trump Towers durch Obama und der breiten, nega­tiven Bericht­erstat­tung über den Kandi­daten sei einer großen Wähle­rIn­nen­schicht zum ersten Mal schmerz­haft deut­lich geworden, dass sie nicht in einer Partei­en­de­mo­kratie, sondern in einem Regime lebten, in einem „Verblen­dungs­zu­sam­men­hang“:

This is where people … began to see the outline of a Regime that crossed all insti­tu­tional boun­da­ries. Because it had stepped out of the shadows to unite against an interloper. … It’s hard to describe to people on the left (who are used to thin­king of gov’t as a conspi­racy, Water­gate, COINTELPRO, WMD, etc) how shocking & disil­lu­sio­ning this was for people who encou­rage their sons to enlist in the Army, and hate ppl who don’t stand for the Anthem. … This was profoundly disori­en­ting. Many of them don’t know for certain whether ballots were faked in November 2020, but they know for abso­lute certain that the press, the FBI, etc would lie to them if there was. They have every reason to believe that, and it’s probably true.

Die Twitter-Analyse traf einen konser­va­tiven Nerv, ging viral auf verschie­denen Platt­formen, und wurde schließ­lich vom rechten FoxNews Mode­rator Tucker Carlson im Fern­sehen vorge­lesen – ein einma­liger Vorgang. Die Analyse bestach auch, weil sie plau­sible Punkte formu­lierte: die emotio­nale Verfas­sung der Insur­rec­tion­ists des 6. Januar, die gene­ra­tio­nale Enttäu­schung der MAGAs, von Medien und Regie­rung belogen zu werden, und schließ­lich den post­de­mo­kra­ti­schen Kern des Trump-Movements selbst. Trump für Trum­pisten ist kein Kandidat im demo­kra­ti­schen Wett­be­werb – er ist der einzige Mann, der das korrupte und tota­li­täre Regime besiegen und „Amerika an sich“ retten kann. Ursache des 6. Januar, so Martyr Made, war daher nicht Desin­for­ma­tion, sondern die Erkenntnis Tausender, dass das System sie mit allen Mitteln bekämpft:

They were led down some rabbit holes, but they are abso­lutely right that their gov’t is mono­po­lized by a Regime that believes they are beneath repre­sen­ta­tion, and will observe no limits to keep them getting it.

Wichtig an dieser Vorge­schichte ist zum einen die Verzah­nung verschie­dener Öffent­lich­keiten: die damals noch leid­lich einge­schränkte rechte Twit­ter­sphäre und der „offi­zi­elle“ rechts­kon­ser­va­tive Fern­seh­sender FOX, der seine Analyse einfach aus dem Netz über­nahm. Das machte einen zweiten Effekt möglich: Martyr Mades Erklä­rung hatte einen anderen Ton als die übli­chen Kommen­tare und Op-Eds der Jour­na­listen. Hier sprach jemand mit intimem Wissen über den Erfah­rungs­ho­ri­zont der Wähler­schaft, ein orga­ni­scher Intel­lek­tu­eller der MAGA-Öffentlichkeit, der aus den glei­chen Erfah­rungen heraus seine partei­un­ab­hän­gige Analyse über „das Regime“ formu­lierte – gewis­ser­maßen als Selbst­of­fen­ba­rung eines radikalisiert-rechten Normal­bür­gers. Martyr Made, so sagte Carlson damals zu seinem TV-Publikum, sprach aus, was „every honest person knows“. Er berichte live aus den Köpfen der eigent­lich guther­zigen MAGA-Bewegung, die wegen ihres „Aufstands aus Notwehr“ nun vom „Regime“ dämo­ni­siert und terro­ri­siert werde – ein Punkt, der von Donald Trump bei der Präsi­dent­schafts­de­batte am 9. September 2024 wieder­holt wurde: die Wahl war gestohlen.  

Der orga­ni­sche Intel­lek­tu­elle des Netzzeitalters

Der Medi­en­wechsel, vom viralen Thread zum TV-Monolog, sollte sich später anders­herum wieder­holen. Nachdem Tucker Carlson im April 2023 von FoxNews – also vom medialen „Regime“ – entlassen wurde, grün­dete er eine eigene Gesprächs­sen­dung, die exklusiv auf X beworben wird. Zu seinen Gästen zählten bereits Trump, Putin, Alex­ander Dugin, Alex Jones, und zahl­reiche rechts­dre­hende Influencer und Kommen­ta­toren der poli­ti­schen Sphäre. Cooper, der mitt­ler­weile zur mittel­großen Twit­ter­per­sön­lich­keit avan­ciert war, wurde dort von Carlson als „the best and most honest popular histo­rian in the United States“ vorge­stellt. Das zwei­stün­dige Gespräch war ein Para­de­bei­spiel dessen, was derzeit als „Diskurs“ den Main­stream der Platt­formen bildet: eine Art armchair fascism, bei dem verschie­dene rechts­dre­hende Agen­turen und Medi­en­marken – Tuckers Unter­nehmen und Coopers Solo­pro­duk­ti­ons­haus – sich in aller Ruhe über ihre reak­tio­nären Welt­bilder verständigen.

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Neben Streif­zügen durch seine Podcast­themen hielten sich die beiden Männer in Carlsons Wald­haus länger beim „most forbidden topic“ auf, dem Zweiten Welt­krieg. Cooper beschrieb den „Nach­kriegs­kon­sens“ als die Grün­dungs­my­tho­logie der gegen­wär­tigen Welt: Die Alli­ierten hätten die bösen Nazis besiegt, ein freier, tole­ranter Westen sei entstanden, der die Wieder­ho­lung dieses Verbre­chens um jeden Preis verhin­dern muss, auch mit repres­siver Gewalt. In gewisser Weise ist diese Kurz­ver­sion des „Nie Wieder“, die derzeit auf vielen Demons­tra­tionen als Schild hoch­ge­halten wird, natür­lich korrekt und schlägt sich auch in der derzeit von vielen Seiten ange­grif­fenen inter­na­tio­nalen Ordnung wieder: Inter­na­tio­naler Gerichtshof, Ächtung von Völker­mord, formal univer­selles Asyl­recht. Coopers Ansatz jedoch fokus­siert auf die ange­hängte Mytho­logie, die aus seiner Sicht jede „objek­tive“ Darstel­lung der Geschichte unmög­lich mache: 

When­ever you have a histo­rical event that is mytho­lo­gized, you’re going to have taboos, you’re going to have certain ways that topics have to be talked about, that will guarantee that that topic is just profoundly misun­ders­tood. We spent the last 70 years lite­rally thro­wing people in jail for looking into the wrong corners.

Tucker Carlson wirft an dieser Stelle ein: „Parti­cu­larly in Austria!“. Er erkennt die Anspie­lung auf den inter­na­tional bekannten Haupt­ver­treter des histo­ri­schen Revi­sio­nismus David Irving, der 2006 in Öster­reich für 13 Monate wegen Holo­caust­leug­nung inhaf­tiert wurde. Cooper vertritt relativ unver­än­dert dessen Thesen, die schon Jahr­zehnte zuvor von briti­schen Faschisten wie Oswald Mosley verbreitet wurden: dass Konzen­tra­ti­ons­lager primär für osteu­ro­päi­sche Kriegs­ge­fan­gene vorge­sehen waren, dass die Natio­nal­so­zia­listen von deren Zahl logis­tisch über­for­dert waren, und dass Chur­chill angeb­liche Frie­dens­be­mü­hungen der Nazis aus macht­tech­ni­schen Gründen mit einem Bomben­krieg sabo­tiert habe. Über diese klas­si­schen Topoi hinaus­ge­hend bemüht Cooper schließ­lich Rene Girards Theorie von der Grün­dungs­ge­walt reli­giöser Gesell­schaften, wo ein Blut­opfer den Gemein­schafts­sinn begründet – zur Inter­pre­ta­tion der Nürn­berger Prozesse als Opfer­ri­tual der Nachkriegsordnung: 

I think that World War 2 is a foun­ding myth in that Girar­dian sense for us. If you think about the stra­tegic bombing campaigns, the ethnic clean­sing of the Germans after the war, what the Soviets did to East Germany after the war (…) Nurem­berg is that sacri­fi­cial ritual, it was the sacri­fi­cial ritual of the current global order that brought us all back toge­ther, and told us, who the bad guys were, why they are in a binary sense diffe­rent from and opposed to us, which makes us the good guys.(2:02:28)

„The farce of Nurem­berg“, antwortet Carlson entgeis­tert, denn für die beiden Männer begann mit dieser Verur­tei­lung einer genozidal-ethnonationalistischen Bewe­gung der Nieder­gang des Westens, seiner Wehr­haf­tig­keit, seiner verlo­genen Eintei­lung in „gute Tole­ranz“ und „böse Exklusion“.

King­maker Carlson

Dass Tucker Carlsons Netz-Talkshow einen rechts­extremen Podcaster fast aus dem Stand auf die natio­nale Bühne heben kann, ist wahr­schein­lich an sich eine Nach­richt wert. Die Popu­la­ri­sie­rung gelang beiden mit einer gezielt provo­ka­tiven revi­sio­nis­ti­schen These, die die Extre­mis­mus­for­schung noch immer in Geheim­zir­keln in Schnell­roda oder Potsdam vermutet, die aber tatsäch­lich vor Millio­nen­pu­blikum auf Twitter statt­findet und Platz eins der Podcast­charts einbringt. Nicholas Potter titelte in seiner taz-Meldung entspre­chend: „Geschichts­re­vi­sio­nisten bekommen auf X ein Millio­nen­pu­blikum und offen­baren den Anti­se­mi­tismus der Repu­bli­kaner.“

Mit dieser Meldung ist aber noch wenig gesagt, und bei solcher Massen­taug­lich­keit des Neofa­schismus empfiehlt es sich genau hinzu­sehen: Cooper und Carlson sind nämlich keines­wegs die anti­se­mi­ti­sche Schalt­zen­trale einer Partei, die im übrigen Netan­yahus Vernich­tungs­krieg in Gaza und die Land­nahme im West­jor­dan­land frene­tisch unter­stützt (wie die Demo­kraten eben­falls). Sondern beide reprä­sen­tieren eine lose mit der repu­bli­ka­ni­schen Partei verbun­dene rechts­extreme Online-Sphäre, die öffent­lich mitein­ander disku­tiert, was Anti­se­mi­tismus heißen soll, was der Holo­caust „eigent­lich“ war, welche Rolle die Partei­en­de­mo­kratie über­haupt noch spielt. Es ist eine Sphäre, die sowohl den brutalen Ethno­na­tio­na­lismus der israe­li­schen Regie­rung (und auch teil­weise den der Hamas) unter­stützt, wie sie zugleich von einer jüdi­schen Mani­pu­la­tion der Öffent­lich­keit und der Gefahr einer feind­li­chen Über­nahme west­li­cher Gesell­schaften durch Migrant_Innen über­zeugt ist. 

Ihr Grund­kon­sens besteht weniger im undif­fe­ren­zierten Anti­se­mi­tismus, sondern einer Doppel­ideo­logie von Ethno­na­tio­na­lismus und System­feind­lich­keit. Diese Doppel­ideo­logie führt zu zwei Effekten: Erstens kann Cooper Reflexe wie Potters Anti­se­mi­tis­mus­vor­wurf als plau­sible Begrün­dung für seine Arbeit angeben – eine Argu­men­ta­tion, die ihn und Carlson unab­hängig von der Partei­en­zu­ge­hö­rig­keit populär macht. Der mytho­lo­gi­sche Konsens des Westens unter­drücke die Wahr­heits­fin­dung und was daher zähle, sei die unab­hän­gige poli­ti­sche Meinungs­bil­dung und Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung, zum Beispiel im Internet. Cooper bringt es auf einen anti­se­mi­ti­schen Punkt in seinem mehr­stün­digen Podcast zum Fall Jeffrey Epstein: 

When we refuse to deal honestly with history for fear of what people might do with this infor­ma­tion, we just drive the discus­sion under­ground where it rots and festers and its stink reemerges at incon­ve­nient and unex­pected moments. Let’s say your kid wanders acci­den­tally onto 4chan and someone there says some­thing about the dispro­por­tio­nate number of Jews in the first Soviet govern­ment and secret police, and your kid thinks, woah, I never heard of that. I’m going to ask my teacher, Mrs Silver­stein – Mrs Silver­stein, I read online that a majo­rity of the Commu­nist Secret Police were Jewish, is that true? And Mrs Silver­stein says, of course that’s not true and if you continue with that nonsense you end up in the principal’s office, young man. (1:15:20)

Popu­läre Geschichts­schrei­bung im Modus der Verschwö­rungs­theorie ist das genuine Feld, was Darryl Cooper bewirt­schaftet, und das Beispiel 4chan als Infor­ma­ti­ons­quelle ist hier realis­tisch gewählt. In seinen Podcasts erzählt er solche Erwe­ckungs­er­leb­nisse als aben­teu­er­liche Reise eines ergeb­nis­offen lesenden Neugie­rigen durch eine unend­liche und wider­sprüch­liche Fakten­land­schaft. Seine Sendungen sind im gezielten Zusam­men­stellen und Weglassen von Aspekten durchaus „compel­ling“, das heißt so anti­se­mi­tisch gefärbt wie publi­kums­wirksam: „This is what they don’t want you to know.“ 

Ameri­ka­ni­scher Nationalmasochismus

Anti­se­mi­ti­sche Verschwö­rungs­theo­rien sind aber nur ein Teil der vertre­tenen Ideo­logie, sie bestimmen das Genre des Erzäh­lens: hete­ro­doxe Geschichte von unten. Der zweite Effekt der Doppel­ideo­logie ist anders gela­gert, und adap­tiert den rechts­extremen „Schuld­kult“, oder was Martin Licht­mesz den „Natio­nal­ma­so­chismus der Deut­schen“ genannt hat, für die gesamte west­liche Ordnung. Die Nach­kriegs­my­tho­logie, in der die Natio­nal­so­zia­listen als das abso­lute Böse und der freie, globa­li­sierte, tole­rante Westen als Antwort auf diese fest­ge­setzt wurden, habe zur Aufwei­chung der natio­nalen Iden­ti­täten und Wehr­haf­tig­keiten geführt – mithin zum „Fall of the West“, zur „Über­frem­dung“ und zum Aufstieg des Kommu­nismus. Im Gespräch mit Carlson ist ein Austausch darüber der Schluss­ak­kord; Carlson sagt: „I just can get over the fact that West wins (the second World War) and then is comple­tely destroyed in less than a century. … What the hell is that?“ Cooper antwortet:

I say this without pride, but I think that as long as the United States remains the domi­nant power in the world and the domi­nant power in Euro­pean geopo­li­tics I think that we are a very nega­tive influence on that front. (…) You go to Euro­pean places its diffe­rent, because, this is a people’s ancient home­land. (…) An American is, the defi­ni­tion of that changes with every gene­ra­tion and its always been that way. The defi­ni­tion of an Englishman has never changed and it never will change. (…) And these people are now in the process of forever losing the only spot of land that they have on this earth that is dedi­cated to the flowe­ring and the preser­va­tion of the English people. – Its true for the Dutch, for the Spanish, the Germans, its true for the Belgians, its true for every Western Euro­pean nation. So why not have a Nurem­berg trial for the people who did that? I dont under­stand that, its such a crime. – Well, we’d have to win first.

Dass „der Westen“ nur gerettet werden kann, indem die west­liche Super­macht USA ihre Werte­do­mi­nanz zugunsten starker, weißer Ethno­staaten aufgibt, ist sicher eine zentrale Verdre­hung dieser american fascists. Ein anderer Punkt ist ebenso wichtig: Cooper und Carlson befinden sich hier in der Bugwelle der gene­rellen Tendenz, den Nach­kriegs­kon­sens der weichen Grenzen, der Globa­li­sie­rung, Migra­tion und Inte­gra­tion aufzu­kün­digen als falsch verstan­dene Tole­ranz und Welt­of­fen­heit. Diese sei Produkt jener Mytho­logie, die letzt­lich zum „Fall des Westens“ führen werde, weil sie die völki­schen Rest­i­den­ti­täten der Nationen der Tole­ranz und dem Inter­na­tio­na­lismus opfere. 

Das ist zwar auch eine Ablei­tung der The Great Repla­ce­ment Theorie oder eine These, die man beim Spiegel-Bestseller Finis Germania von Rolf-Peter Sieferle findet, aber zugleich auch eine Argu­men­ta­tion, die in den gegen­wärtig domi­nanten Ausle­gungen der deut­schen Staats­räson ange­wendet wird – mit den Treib­riemen des „impor­tierten Anti­se­mi­tismus“ und der Massen­ein­wan­de­rung soge­nannter „kultur­fremder Völker“, die vor allem dadurch fremd seien, dass sie sich der offi­zi­ellen Erin­ne­rungs­po­litik (und ihren mili­tä­ri­schen Impli­ka­tionen) nicht unter­werfen wollten. Tucker Carlson wendet den revi­sio­nis­ti­schen Punkt dieses Natio­nal­ma­so­chismus, als Vertreter des Einwan­de­rungs­lands und Kolo­ni­sa­ti­ons­pro­jektes USA, ameri­ka­nisch: „The point of mass immi­gra­tion (to America in the 18th and 19th century) was to build the place up, now its to tear the place down“ (1:36:00) – eine Phrase, die man derzeit abge­wan­delt im Partei­en­sprech von Orban und Meloni über Macron bis Scholz wieder­findet. Cooper sondert in seiner Antwort die Zeit aus, in der dieses Rezept in den USA noch funk­tio­niert habe: 

…the period from 1941 up to maybe the mid-50s when the Great Migra­tion started to drive all of the Euro­pean ethnics out of the cities into the suburbs, there was that period where we (the USA) almost pulled it off, we almost pulled off cons­truc­ting a solid and sustainable national iden­tity … obviously the fly in the oint­ment was the 10% of the popu­la­tion who weren’t really included in that, the African American popu­la­tion, and that became a wedge that allowed people to pry apart that project in the 1960s.

Diese Idea­li­sie­rung der weißen 50er Jahre impli­ziert eine ganze revi­sio­nis­ti­sche Erzäh­lung des 20. Jahr­hun­derts und seiner Eman­zi­pa­ti­ons­er­folge, die Cooper an anderer Stelle ausge­breitet hat: In seiner Podcast­folge „Blacks and Jews“ verhan­delt Cooper sowohl schwarzen Anti­se­mi­tismus und wie auch jüdi­schen Rassismus, die sich nach der Allianz beider Minder­heiten in der Civil Rights-Bewegung verstärkt ausge­bildet haben. Die wach­sende Ableh­nung zwischen diesen Minder­heiten erzählt Cooper als folgen­reiche Keil­bil­dung, die den melting pot USA gesprengt habe: die Eman­zi­pa­ti­ons­pro­jekte und Raum­nahmen (Great Migra­tion spielt auf die Abwan­de­rung schwarzer Bevöl­ke­rung aus den Südstaaten in die nörd­li­chen Metro­polen der USA zwischen 1910 und 1970 an) hätten nicht nur weiße Ameri­ka­ne­rInnen aus den Städten vertrieben, sondern zugleich die inner cities in buch­stäb­liche Kriegs­zonen und Verbre­chens­hoch­burgen verwan­delt, in denen raff­gie­rige Juden mit unzi­vi­li­sier­baren Schwarzen kämpften. Eman­zi­pa­tion und Minder­hei­ten­rechte hätten so letzt­lich angel­säch­si­sche Kultur und demo­kra­ti­sches System gesprengt, so schließt Cooper die Folge mit Verweis auf die inner­städ­ti­schen Riots in Los Angeles im Jahr 1992. Dieser Verfall, der „Fall of the West“, sei beschützt von jenem mytho­lo­gi­schen Konsens, der durch ein feind­li­ches Medien- und Staats­re­gime mit Gewalt aufrecht­erhalten würde. 

Mit Coopers Auftritt wurde in diesem Sinn weniger ein Anti­se­mi­tismus der US-Rechten popu­la­ri­siert, sondern die alter­na­tive Geschichts­schrei­bung und Theorie einer rechts­extremen Welt­ord­nung. In dieser ist der umfas­sende Kampf der Kulturen alltäg­lich und erfor­dert von den „euro­päi­schen Völkern“ – aka den Weißen – wehr­hafte Mobi­li­sie­rung. Der univer­selle Rassen­kampf, wie er in einschlä­giger neofa­schis­ti­scher Lite­ratur wie The Turner Diaries (1978) seit Jahr­zehnten herbei­ge­schrieben wird, ist dabei sowohl Wunsch­zu­stand wie Ursprung der Analyse. Israel fungiert dabei, so wird in Coopers neun­stün­digem Podcast „Fear and Loathing in the New Jeru­salem“ über die Früh­ge­schichte Israels deut­lich, sowohl Zukunfts­mo­dell als auch Haupt­feind dieser race warriors: eine jüdi­sche Ethno­na­tion, die rück­haltlos ihr Landnahme- und Selbst­ver­tei­di­gung­pro­jekt reali­siert, wie auch zugleich völlig eigen­nützig den Westen mit umfas­sender Schuld­sym­bolik und Meinungs­ma­ni­pu­la­tion in Schach hält. Das ist, für diese Agentur der Extrem­rechten, sowohl Inspi­ra­tion wie Anlass zur Gegen­wehr. Mit solda­tesker Bewun­de­rung beschreibt Coopers Podcast den israe­li­schen General Moshe Dajan als Prototyp des ameri­ka­ni­schen Cowboys, der die fron­tier mit Mut und brutaler Skru­pel­lo­sig­keit für „sein Volk“ erobert. 

Neurechte Hege­monie

Über die Gefahren eines rechten Kultur­kampfes ist in den letzten Jahr­zehnten viel geschrieben worden: seine Mittel der Provo­ka­tion und der Erre­gungs­po­litik, alter­na­tive Fakten und das Massieren von Feind­bil­dern hätten die demo­kra­ti­sche Öffent­lich­keit an den Rand des Abgrunds geführt. Meiner Ansicht nach sind wir einen Schritt weiter, denn derzeit ist die soge­nannte mediale Öffent­lich­keit domi­niert von hete­ro­genen Gruppen und Posi­tionen, die gegen ähnliche Feind­bilder (Migra­tion, Woke, etc.) kämpfen und vorher nicht unbe­dingt etwas mitein­ander zu tun hatten: Tucker Carlsons Besuch bei Vladimir Putin, wo beide ihre jewei­ligen ethno­na­tio­na­lis­ti­schen Welt­bilder abgli­chen, ist für diese Erst­be­rüh­rungen das beste Beispiel. Mit anderen Worten sind der Diskurs, die Platt­formen und die Aufmerk­sam­keits­charts domi­niert von Sondie­rungs­ge­sprä­chen relativ unter­schied­li­cher rechts­dre­hender Agen­turen, die vonein­ander lernen wollen. 

Natur­gemäß kommen in einer solchen Öffent­lich­keit, in der man primär Rechten beim Kennen­lernen zuschaut, jene Akteure am besten weg, die große histo­ri­sche Klam­mern, globale Drauf­sichten und klare Navi­ga­ti­ons­hilfen liefern können. Das ist mithin der Neofa­schismus, der hier in Gestalt von Darryl Cooper alias Martyr Made die maximal große Revi­si­ons­er­zäh­lung anbietet: Der Konsens des Westens nach dem Zweiten Welt­krieg – inklu­sive Sieg über den Faschismus, inter­na­tio­nales Recht, univer­selles Asyl, Globa­li­sie­rung, Migra­tion und kultu­reller Austausch, Plura­lismus, Ächtung von ethni­schen Konflikten, gene­rell „progres­sive“ Erzäh­lung von demo­kra­ti­schen System – alles das ist Feind­bild, Verfalls­er­schei­nung und zu über­win­dende Krise des Eigent­li­chen, was von Cooper stets nur ange­deutet wird: die ethnisch-homogene Gemein­schaft. Mit dem Erzählen von Episoden, Geschichten und Wider­sprü­chen des „notwen­digen Verfalls des west­li­chen Plura­lismus“ verdient Darryl Cooper sein Geld – dank Tucker Carlson, der provo­ka­ti­ons­süch­tigen Twit­ter­sphäre und des naiv-berichtenden Aufre­gungs­jour­na­lismus werden es nun einige tausend Dollar mehr im Monat sein.