Die Handelsstadt Odessa ist eines der strategischen Ziele von Russlands Angriffskrieg. Schon ihre Geschichte ist voller Spannungen und gesellschaftspolitischer Konflikte.

  • Boris Belge ist SNF-Ambizione-Stipendiat am Departement Geschichte der Universität Basel. In seinem aktuellen Projekt beschäftigt er sich mit der Geschichte des Hafens von Odessa als Infrastruktur des Handels.

Wer im Süden der Ukraine in den Boden greift, hat einen dunklen, fast schwarzen, krüme­ligen, leicht form­baren Erdklumpen in der Hand. Seit Jahr­tau­senden wussten Menschen davon, dass dieser extrem humus­hal­tige Boden beste Voraus­set­zungen für Land­wirt­schaft bietet, insbe­son­dere für den Anbau von Getreide. Die frucht­bare Schwarz­erde (cher­nozëm) ermög­lichte jenen Getrei­de­über­schuss, der zu Bevöl­ke­rungs­wachstum und wirt­schaft­li­chem Wohl­stand führte. Die Menge an Getreide, das hier wuchs, über­stieg den Bedarf der lokalen Bevöl­ke­rung bei Weitem. Wer von diesem Über­schuss profi­tierte und wohin er gelangte, das sind zwei Grund­fragen der ukrai­ni­schen (und der russ­län­di­schen) Wirt­schafts­ge­schichte. Diesem Reichtum des Schwarz­er­de­ge­bietes hatte die Handels­me­tro­pole Odessa am Nord­ufer des Schwarzen Meeres ihren Aufstieg zu verdanken: Die Stadt entwi­ckelte sich seit dem frühen 19. Jahr­hun­dert zur wich­tigsten Dreh­scheibe für den Umschlag von Getreide aus dem Russ­län­di­schen Impe­rium. Odessa ist bis heute einer der wich­tigsten Export­häfen der Welt und eine kriti­sche Infra­struktur für die globale Nahrungs­mit­tel­ver­sor­gung. Die Ukraine war 2021 der sechst­grösste Weizen­ex­por­teur der Welt mit einem Anteil von 10% am globalen Weizen­handel. Die Blockade des Hafens von Odessa durch die russi­sche Schwarz­meer­flotte, die Vermi­nung der Küste im Zuge des russ­län­di­schen Angriffs­kriegs gegen die Ukraine und die daraus folgenden ausblei­benden Getrei­de­lie­fe­rungen machten die Abhän­gig­keit vieler Volks­wirt­schaften von der ukrai­ni­schen Schwarz­erde deutlich.

Odessa als Tor zur Welt

Als die Truppen Katha­rinas II. in den 1780er Jahren die Nord­küste des Schwarzen Meeres eroberten, lag am Ort des heutigen Odessas eine kleine Sied­lung namens Chad­schibej. 1794, wenige Jahre später, befahl Katha­rina die Grün­dung von Stadt und Hafen. Odessa sollte Haupt­stadt der neuen Provinz Neuruss­land und Tor zum Süden werden. Katha­rinas Herr­schaft war geprägt von den Ideen der fran­zö­si­schen Physio­kraten, die davon ausgingen, dass allein die Natur einen Mehr­wert hervor­bringe und der Reichtum eines Landes auf der Land­wirt­schaft, Forst­wirt­schaft und dem Bergbau gründe. Die Physio­kraten plädierten dafür, den Wohl­stand des Landes insbe­son­dere durch die Maxi­mie­rung land­wirt­schaft­li­cher Erträge und deren Export zu mehren. Diesem Ziel dienten auch Katha­rinas Erobe­rungs­züge und die nach­ge­la­gerten Stadt­grün­dungen von Taganrog, Cherson und Niko­laev (Myko­lajiw), die mit der Grün­dung eines Hafens versuchten, das Volu­mens des expor­tierten Getreides zu verviel­fa­chen – mit gemischten Erfolgen. Erst Odessa sollte sich als jener Hafen erweisen, der das Russ­län­di­sche Reich zum welt­weit führenden Getrei­de­ex­por­teur werden liess.

Diese Ausrich­tung auf den Export weist bereits daraufhin, dass die Frage nach dem Wohin weit über die Landes­grenzen hinaus­führt. Von Odessa aus strömte das Getreide über die Ozeane in die verschie­denen Erdteile und liess den Hafen im frühen 19. Jahr­hun­dert zu einem Umschlag­platz von globaler Bedeu­tung werden. Dies spie­gelt sich auch in der Struktur des Hafens wider. Er verfügte nicht nur über einen so genannten Prak­ti­schen Hafen für die Binnen­schiff­fahrt entlang der nörd­li­chen Schwarz­meer­küste, sondern auch über einen Quarantäne-Hafen für die (inter­na­tio­nale) Hoch­see­schiff­fahrt. Zum Quarantäne-Hafen gehörten auch ein Zoll­haus, eine Quaran­tä­ne­sta­tion und ein erster Leucht­turm auf der südli­chen Land­zunge, der den einfah­renden Schiffen den Weg leuch­tete. All dies wurde binnen weniger Jahre unter der Aufsicht des General-Gouverneurs Armand du Plessis, Duc de Riche­lieu, von den Bewoh­nern von Odessa errichtet. Diese Struk­turen sollten im folgenden Jahr­hun­dert über erfolg­rei­chen Waren­um­schlag, Profite, Fehl­schläge und Rück­schritte entscheiden.

Quaran­tä­ne­hafen in Odessa. Litho­gra­phie aus dem späten 19. Jahr­hun­dert, Quelle: ru.wikipedia.org

Die globale Vernet­zung Odessas schlug sich auch im kosmo­po­li­ti­schen Charakter der Hafen­stadt nieder. Der Duc de Riche­lieu und sein Nach­folger, Michail Woronzow, sorgten dafür, dass auslän­di­sche Kolo­nisten seit Beginn des 19. Jahr­hun­derts im Odes­saer Gebiet beste Bedin­gungen vorfanden, um in grossem Stil Getreide anzu­bauen und Land­wirt­schaft zu betreiben. Odessa selbst wurde zum Anzie­hungs­punkt für inter­na­tio­nale Kauf­leute, die als „Korn­gi­ganten“ ein euro­pa­weites Netz­werk von Hafen­städten beherrschten. Zu Beginn waren es vor allem die grie­chi­schen, italie­ni­schen, deut­schen Kauf­manns­fa­mi­lien, die vom Getrei­de­handel profi­tierten. Sie stiegen nicht nur zur ökono­mi­schen Elite der Stadt auf, sondern nahmen auch wich­tige Posi­tionen in der Stadt- und Hafen­ver­wal­tung, der Duma und im Gouver­ne­ment Neuruss­land und Bessa­ra­bien ein.

Die ökono­mi­sche Anzie­hungs­kraft Odessas ging nicht nur von den frucht­baren Bedin­gungen für den Getrei­de­anbau in den südli­chen Provinzen des russ­län­di­schen Reiches aus, sondern hatte auch mit der Verla­ge­rung der globalen Handels­ströme zu tun. Als beispiels­weise Napo­leon die Konti­nen­tal­sperre verhängte, um Gross­bri­tan­nien vom euro­päi­schen Markt auszu­schliessen, verlegten sich die Handels­ströme zuneh­mend in den Schwarz­meer­raum. Für Odessa war dies ein Glücks­fall, denn die Gebiete „Südruss­lands“ (Mitte und Süden der heutigen Ukraine) wurden so zum führenden Getrei­de­lie­fe­ranten für den euro­päi­schen und mitunter auch globalen Markt. Was sich zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts noch günstig auf den Aufstieg Odessas ausge­wirkt hatte, wurde der Hafen­stadt ab 1860 zum Verhängnis. Der im Bau begrif­fene Suez-Kanal lenkte globale Waren­ströme erneut um. Nach dem Ende des Ameri­ka­ni­schen Bürger­kriegs wurden die USA zu einem zunächst eben­bür­tigen, dann über­mäch­tigen Konkurrenten.

Um sich im globalen Konkur­renz­kampf behaupten zu können, durfte Odessa jedoch den Anschluss an die Moder­ni­sie­rung nicht verpassen. Lange Zeit kam das Getreide ausschliess­lich auf Ochsen­karren über stau­bige Land­strassen, auf Last­kähnen entlang der Flüsse oder klei­neren Schiffen entlang der Nord­schwarz­meer­küste in den Hafen von Odessa – nun brauchte es Eisen­bahn­wag­gons. Zugleich fuhren auf den Welt­meeren nun grosse Dampf­schiffe, die nicht nur grös­sere Ladungen trans­por­tieren konnten, sondern auch neue Anfor­de­rungen an Wasser­wege und Häfen stellten. All dies war auch in Odessa zu spüren, wo nach dem Ende des Krim­krieges (1853–1856) fieber­haft um Pläne für die Reno­vie­rung des Hafens gestritten wurde. Dem Reform­stau setzte das Peters­burger Minis­te­rium für Trans­port­wege eigen­mächtig ein Ende, indem es 1865 einen Wett­be­werb lancierte. Enttäuscht von der mangelnden Entschlos­sen­heit der Odes­saer Kauf­leute rief das Minis­te­rium auslän­di­sche Inge­nieure zur Teil­nahme am Wett­be­werb auf und stellte auch die für die Reno­vie­rung notwen­digen Mittel zur Verfü­gung. Den Zuschlag erhielt der briti­sche Inge­nieur Charles A. Hartley, der sich bereits auf der Baustelle des Suez-Kanals verdient gemacht hatte und nun seine Exper­tise in die Erwei­te­rung eines der wich­tigsten Häfen welt­weit einbrachte. Ein weiteres wich­tiges Novum für den Getrei­de­handel war der Anschluss Odessas an das Tele­gra­fen­system. Durch die Synchro­ni­sa­tion der lokalen Preise für Weizen und Roggen mit den Börsen von London, New York und an anderen Orten wurden Lebens­mittel zu einem Speku­la­ti­onsgut und das Wetten auf die Zukunft möglich und lohnenswert.

Die Weizen­an­künfte in Odessa : [Druck­gra­phik] Gustave Doré (1832-1883). Quelle: gallica.bnf.fr

Inter­es­sens­kon­flikte und soziale Spannungen

Auch im ausge­henden Zaren­reich blieb Odessa das Rück­grat des Getrei­de­ex­ports aus dem Russ­län­di­schen Impe­rium. In der russ­län­di­schen Natio­nal­öko­nomie kam Odessa eine spezi­fi­sche Funk­tion zu: Mit dem massen­haften Export von Weizen sollte jener Export­über­schuss erzielt werden, der es Russ­land erlauben würde, dem Gold­stan­dard beizu­treten. Die Verknüp­fung des Rubels mit einem festen Tausch­kurs in Gold sollte nicht nur den Platz des Russ­län­di­schen Impe­riums unter den führenden Wirt­schafts­mächten der Erde unter­strei­chen, sondern die russ­län­di­sche Ökonomie für inter­na­tio­nale Kredit­geber noch attrak­tiver machen. Insbe­son­dere der Finanz­mi­nister und spätere Premier­mi­nister Sergej Ju. Witte (1849–1915) forcierte dieses währungs­po­li­ti­sche Ziel und voll­endete das bereits von seinen Vorgän­gern ange­stos­sene lang­fris­tige Projekt.

Odessa auf die Rolle als führender Getrei­de­ex­por­teur fest­zu­legen entpuppte sich auf der impe­rialen Ebene als erfolg­rei­ches Vorhaben. Für Odessa bedeu­tete es aller­dings, dass die eigenen Entwick­lungs­mög­lich­keiten empfind­lich einge­schränkt wurden. Der Eisen­bahn­an­schluss verband vor allem die frucht­baren Schwarz­er­de­re­gionen mit Odessa, erst an zweiter Stelle stand die schnelle und direkte Verbin­dung mit dem impe­rialen Zentrum in Peters­burg. Das Inter­esse Peters­burgs lag auf dem Export von Getreide und nicht auf der Etablie­rung von verar­bei­tender Indus­trie, sodass die Ökonomie von Stadt und Region nahezu ausschliess­lich vom Getrei­de­handel abhängig blieb und sich nur schwer eigen­ständig weiter­ent­wi­ckeln konnte.

Vor dem Hinter­grund dieser Entwick­lungen wird deut­lich, dass es eigent­lich zwei Profi­teure des russ­län­di­schen Getrei­de­han­dels gab, die nun in einen internen Konflikt gerieten: Kauf­leute in Odessa begannen in den 1870er Jahren laut und vernehm­lich über die schlechte ökono­mi­sche Situa­tion in Odessa zu klagen. Über Berichte und Eingaben an die Peters­burger Minis­te­rien, Lobbying und promi­nent plat­zierte Artikel in Zeitungen und Zeit­schriften machten sie vehe­ment auf den wenig effi­zi­enten Umschlag von Waren im Hafen und die mangelnde Ansied­lung von Indus­trie in der Region aufmerksam. Mecha­ni­sche Eleva­toren und Förder­bänder sollten ange­schafft werden, um den Waren­trans­port zu verein­fa­chen, die Hafen­be­cken genü­gend Tief­gang für die einfah­renden Schiffe erhalten, und verar­bei­tende Indus­trie sollten den Import von Rohstoffen attraktiv machen. Aus eigener Kraft konnten sich die Kauf­leute Odessas nicht gegen die neuen Schwer­ge­wichte im globalen Getrei­de­handel behaupten. Chicago und der Mitt­lere Westen der USA etwa hatte früh auf die Mecha­ni­sie­rung des Trans­ports gesetzt, der Weizen erreichte Odessa jedoch noch in den 1870er und 1880er Jahren gröss­ten­teils auf vieh­ge­zo­genen Karren und wurde im Hafen umständ­lich von Hand verladen. Ihr Narrativ endete in düsteren Zukunfts­aus­sichten, die einen weiteren Nieder­gang des Handels und ein Zurück­fallen Odessas hinter seinen Konkur­renten prophe­zeiten – seinen regio­nalen (vor allem Myko­lajiw), impe­rialen (Riga an der Ostsee) und globalen (London, New York).

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Die Frage nach den Profi­teuren des Getrei­de­han­dels führt jedoch nicht nur zu den Inter­es­sens­kon­flikten zwischen Staat und Kauf­leuten, sondern ist auch ordent­lich mit sozialem Spreng­stoff aufge­laden. Denn hinter den tech­no­kra­ti­schen Fragen um die Hafen­er­neue­rung wurden mit der heran­rü­ckenden Jahr­hun­dert­wende immer stärker soziale und poli­ti­sche Probleme sichtbar. Reiche Händ­ler­dy­nas­tien hatten Odessa nach dem Ende des Krim­kriegs verlassen und in dieses Vakuum stiessen nun jüdi­sche Kauf­leute vor. Der zuneh­mende russi­sche Natio­na­lismus machte dies zu einem Problem: Für den wahr­ge­nom­menen Nieder­gang machten Russ:innen in Odessa und Peters­burg nun Kauf­leute nicht-russischer Herkunft, vor allem Jüd:innen, verant­wort­lich, die ihnen zufolge nur am schnellen Profit inter­es­siert waren. Dieses «blame game» lenkte von der eigenen Verant­wor­tung ab und rich­tete den Zorn auf jene Bevöl­ke­rungs­gruppen, die sich kaum dagegen wehren konnten. Für die verhee­renden Juden­po­grome von 1871, 1881 und 1905 war der sinkende Getrei­de­preis und der Verlust an Anteilen im Getrei­de­handel des Reiches nicht alleine verant­wort­lich. In Kombi­na­tion mit viru­lentem Anti­se­mi­tismus, zuneh­mend engstir­nigem russi­schem Natio­na­lismus und einem ekla­tanten Steue­rungs­ver­sagen durch Polizei und Regie­rung bildete sich aber nun jenes explo­sive Gemisch, das eine ehemals erfolg­reich multi­eth­ni­sche Stadt­zi­vi­li­sa­tion zum Zusam­men­bruch brachte.

Revo­lu­tion, Krieg und Hoffnungen

Der Abwärts­trend setzte sich nach 1900 fort. Die Nieder­lage Russ­lands im Krieg gegen Japan (1904–1905) bedeu­tete für Odessa einen schweren Schlag, von dem sich der Handel bis zur Okto­ber­re­vo­lu­tion nicht mehr erholen sollte. Die Stadt war der wich­tigste Getrei­de­lie­fe­rant für den russi­schen Fernen Osten. Als dieser Markt zusam­men­brach, halbierten sich die Getrei­de­ex­porte aus Odessa nahezu. Durch das Versiegen dieses Waren­stroms geriet nun eine erste Säule ins Wanken und forderte eine Neuori­en­tie­rung bezüg­lich der Frage nach den künf­tigen Desti­na­tionen des Getreides. Doch für Stadt und Hafen brachen nun schwere Zeiten an. Die erste russi­sche Revo­lu­tion von 1905, insbe­son­dere aber die Febru­ar­re­vo­lu­tion von 1917 war Ausdruck einer tief­sit­zenden Unzu­frie­den­heit über die schlechte Lebens­mit­tel­ver­sor­gung in den Haupt­städten Peters­burg (Petro­grad) und Moskau. Die Heeres­ver­wal­tung kaufte die Ernte­er­träge in den west­li­chen Provinzen auf. Der einset­zende Preis­ver­fall machte den Verkauf von Getreide für die Klein­bauern in den Schwarz­er­de­ge­bieten immer unren­ta­bler. Mit den lokalen Akteuren, die den Getrei­de­handel über ein Jahr­hun­dert trugen und auch davon profi­tierten, stürzte nun auch noch eine zweite Säule. Land­wirt­schaft­liche Maschinen wurden immer teurer und kaum erschwing­lich und die Güter­kreis­läufe zwischen Stadt und Land kamen zuneh­mend zum Erliegen. An einen Export von Getreide war nun erst recht nicht mehr zu denken, sodass Odessa 1917 im Chaos versank. Nach der Auflö­sung der alten Ordnung domi­nierten nun krimi­nelle Banden und Massen­auf­läufe die Strassen der Hafen­stadt. Hunger und Arbeits­lo­sig­keit machten sich breit und führten zur Verelen­dung grosser Bevölkerungsgruppen.

Der Erste Welt­krieg und der Bürger­krieg hatten die Land­wirt­schaft in der Ukraine weit­ge­hend zum Erliegen gebracht. Als die Bolsche­wiki die Macht über­nahmen, setzten sie nach einer Verschnauf­pause für die Bauern­schaft in den 1920er Jahren ab Ende des Jahr­zehnts den Krieg gegen die Bauern mit anderen Mitteln fort. Getrei­de­re­qui­si­tionen im Rahmen der Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung der Land­wirt­schaft in den 1930er Jahren, die in der Ukraine mit enormer Bruta­lität und verhee­renden Folgen erzwungen wurden, kosteten Hundert­tau­sende das Leben. Stalins Aufbau des «Sozia­lismus in einem Lande» rich­tete den Fokus sowje­ti­scher Wirt­schafts­po­litik nach innen und Odessa konnte an seine Rolle als globaler Getrei­de­ex­por­teur bis zum Zweiten Welt­krieg nicht mehr anknüpfen. Nikita Chruscht­schow favo­ri­sierte exten­sives Wachstum und die Erschlies­sung von land­wirt­schaft­li­chen Gebieten in Sibi­rien – und unter Breschnew wurde die Sowjet­union sogar zum Netto-Importeur von Getreide! Die sowje­ti­sche Politik stand zu vielem im Gegen­satz, was Odessa einst Prospe­rität verliehen hatte: Die Frage nach dem Wohin war in der früher export­ori­en­tierten Stadt nicht mehr länger nach aussen, sondern nach innen gerichtet, wodurch die Welt­of­fen­heit verloren ging, die der Hafen­stadt einst Leben einge­haucht hatte. Auch gab es im sowje­ti­schen Arbeiter- und Bauern­staat keinen Platz mehr für reiche Kauf­leute, die in der städ­ti­schen Archi­tektur ihr stolzes Selbst­be­wusst­sein zum Ausdruck gebracht hatten und so der Stadt ihr einzig­ar­tiges Aussehen gaben.

In all den schwie­rigen Jahr­zehnten war die Erin­ne­rung an das goldene Zeit­alter Odessas nicht vergessen und die Hoff­nung auf eine bessere Zukunft noch nicht erlo­schen. Gerade in der frühen Sowjet­zeit lebte „Odessa“ als kultu­relles Faszi­nosum und als Sehn­suchtsort trotz sinkender ökono­mi­scher Bedeu­tung fort. Lite­raten wie Isaak Babel und das Autorenduo (Ilja) Ilf und (Jewgeni) Petrow liessen in ihren Geschichten das alte Odessa immer wieder neu erstehen. Nach dem Ende des Zweiten Welt­krieges etablierte sich hier ein Schwer­punkt des sowje­ti­schen Tourismus. Vom Zusam­men­bruch der sowje­ti­schen Wirt­schaft in den 1980er Jahren und dem schweren Erbe der kolchos-basierten Produk­ti­ons­weise erholte sich die Land­wirt­schaft in der seit 1991 unab­hän­gigen Ukraine erst um 2000. Nur wenige Jahre später reihte sich die Ukraine wieder in die führenden Getrei­de­pro­du­zenten der Welt ein und Odessa wurde erneut Dreh­scheibe für den globalen Handel von Getreide. Im Gegen­satz zum 19. Jahr­hun­dert nähren die Getrei­de­ex­porte aus Odessa heute weniger Europa, sondern über­wie­gend afri­ka­ni­sche und asia­ti­sche Länder wie Ägypten, Indo­ne­sien, Bangla­desch, Paki­stan, Marokko und die Türkei. Viel­leicht sind es diese neuen, den west­li­chen Staaten entfernten Routen, die die Bedeu­tung des Getrei­de­ex­ports aus Odessa für die Welt­wirt­schaft in der jüngsten Gegen­wart aus dem Blick gerieten liessen. Erst der russ­län­di­sche Angriffs­krieg gegen die Ukraine machte den zentralen Platz von Odessa und seinem Hafen für die Welt­ernäh­rung über­deut­lich – ein Platz, den Odessa aufgrund weit­sich­tiger Entschei­dungen und trans­na­tio­naler Vernet­zungen zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts gewonnen und mit beträcht­li­cher Entschlos­sen­heit nach der ukrai­ni­schen Unab­hän­gig­keit wieder gewonnen hatte.

  • Boris Belge ist SNF-Ambizione-Stipendiat am Departement Geschichte der Universität Basel. In seinem aktuellen Projekt beschäftigt er sich mit der Geschichte des Hafens von Odessa als Infrastruktur des Handels.