In Berlin wird die Diskussion um den Begriff Femizid derzeit hitzig geführt. Immer wieder berichten Hauptstadtmedien wie der Tagesspiegel oder die taz über sogenannte Trennungstötungen und darüber, wie Frauen besser vor gewalttätigen (Ex-)Partnern geschützt werden können. Eine Reihe gewaltsamer Tötungen im Frühjahr und Sommer 2024 haben zumindest auf Landesebene eine politische Diskussion angestoßen. Doch dieser Diskussion fehlt es an Tiefe. Dies liegt zum Teil an einer fehlenden Schärfe in der Alltagsverwendung des Begriffs „Femizid“ und an einem mangelnden Verständnis für seine Komplexität. So moniert Jost Müller-Neuhof im erwähnten Tagesspiegel: „In Rechtswissenschaft und Kriminologie ist die Verwendung überschaubar. Öffnet [der Begriff] das Feld für ehrliche, weiterführende Analyse? Falls ja, wird man sich wundern müssen, dass er in behördliche Statistiken kaum Eingang findet und sich etwa die Bundesregierung auf Distanz zu ihm hält.“ Dies stimmt so nicht ganz, denn ein zentraler rechtswissenschaftlicher Verband wie etwa der Deutsche Juristinnenbund ist seit vielen Jahren aktiv an der Begriffsdiskussion und den Möglichkeiten seiner juristischen Handhabung beteiligt. Elf von zwölf Kommentaren unter dem Artikel stimmen Müller-Neuhof allerdings zu. Ulf19 findet: „Femizid ist albern und verschwindet hoffentlich bald wieder aus der Öffentlichkeit.“ Dass ein andernorts juristisch tief verankerter Begriff für ein solch gravierendes Verbrechen von Teilen der deutschsprachigen Öffentlichkeit immer wieder als albern abgetan wird, sagt nicht nur viel über die patriarchalen Strukturen dieser Gesellschaft aus, sondern auch über die uneinheitliche und teils willkürliche Begriffsverwendung. „Vielleicht“, überlegt Müller-Neuhof weiter, „liegt es daran, dass sich mit dem Begriff weniger Aufklärung als ein Versprechen verbindet: Wenn das Patriarchat abgeschafft ist, kann es auch so etwas wie Trennungstötungen nicht mehr geben. Es ist ein politisches Versprechen, das anklingt, wenn die Justizsenatorin es für möglich hält, dass „Femizide“ tatsächlich „aufhören“ könnten. Ein Versprechen, das an der Wirklichkeit von Menschen scheitert, die zu Mördern werden. Und das den Täter aus seiner individuellen Schuld entlässt – Schuld hat ja das Patriarchat.“ In ihrem Reizwort-Beitrag auf GdG bemängelt – wenn auch aus einer anderen Haltung heraus – auch Jara Streuer die Ungenauigkeiten in der Begriffsverwendung und schlägt vor, den strukturellen Kontext der jeweiligen Tat genau in den Blick zu nehmen. Doch statt den grundsätzlichen Nutzen in Frage zu stellen, macht sie auf sein epistemisches Potenzial aufmerksam, das bisher im alltäglichen Sprachgebrauch zu wenig genutzt werde. Insofern hat Müller-Neuhof recht, der Begriff ist voraussetzungsvoll; seine gängigste Definition („Mord an einer Frau, weil sie eine Frau ist“) ist unzureichend. Das ist jedoch keineswegs ein Grund, ihn einfach wieder abzuschaffen. Vielmehr bedarf es klarer Zugänge und unterschiedlicher Perspektiven, um die Systematik des Problems zu erfassen, ohne dass Einzeltäter aus ihrer Schuld entlassen würden – denn das impliziert der Begriff keineswegs.
Begriffe können nicht mehr leisten, als Rahmen zu schaffen, die präzise und gleichzeitig flexibel genug für unterschiedliche Szenarien sind. Sie müssen sich in einem Diskursgeschehen verorten lassen, das Raum für komplexe Sachverhalte zulässt, was im politischen und journalistischen Tagesgeschehen jedoch nicht selten zu kurz kommt. Um die von Streuer postulierten „epistemischen Potenziale“ des Femizid-Begriffs voll ausschöpfen zu können, lohnt sich eine Diskussion der unterschiedlichen (Sprach-)Kunstwerke, die den zahlreichen Bedeutungsdimensionen des Begriffs Femizid Rechnung tragen können.
Dazu gehören auch künstlerische Artefakte, die zum Kanon der feministischen Bewegung in Lateinamerika gehören, dem Kontinent, dessen Staaten zum Großteil den Begriff Femizid rechtlich verankert haben und auf dem über viele Jahre die Begriffsgeschichte wie nirgendwo anders geprägt wurde. Nicht nur, was juristische Entwicklungen, sondern auch was den öffentlichen Diskurs betrifft. Die Akzeptanz für den Begriff ist gesamtgesellschaftlich höher als im deutschsprachigen Raum, nicht nur aufgrund der Stärke der feministischen Bewegung, nicht nur, weil er juristisch umfassend legitimiert ist, sondern auch, weil er fester Bestandteil der Kulturproduktion und Forschung über die Disziplinen hinweg ist.
Hymnen der feministischen Bewegung Lateinamerikas
In den letzten Jahren haben Musik, Performancekunst und Literatur diesen Spagat zwischen individueller und systemischer Verantwortung geleistet. Dazu gehört die Performance „Un violador en tu camino“ (Ein Vergewaltiger auf deinem Weg) des chilenischen Kollektivs LASTESIS. Diese reiste 2019 buchstäblich um die Welt und zog 1,5 Millionen Aufrufe auf YouTube nach sich. Femicidio wird als konkreter Tatbestand (ganz im Sinne des tatsächlich existierenden chilenischen Femizid-Gesetzes) genannt und als systemisches Verbrechen markiert. Zugleich verdeutlicht die Performance mit der mantraartig wiederholten zentralen Textzeile die individuelle Täter-Verantwortung immer wieder von Neuem: „El violador eres tú“ (Der Vergewaltiger bist du). Ähnliches gilt für die musikalische Kooperation zwischen der mexikanischen Singer-Songwriterin Vivir Quintana und dem Chor El Palomar, die mit „Canción sin miedo“ (Lied ohne Angst) eine regelrechte Anti-Femizid-Hymne geschaffen haben (26 Millionen Aufrufe auf YouTube): „Cantamos sin miedo, pedimos justicia / Gritamos por cada desaparecida / Que retumbe fuerte: ¡Nos queremos vivas! / ¡Que caiga con fuerza el feminicida!“ (Wir singen ohne Angst, wir fordern Gerechtigkeit / wir schreien für jede einzelne Verschwundene / Möge unser „Wir wollen uns lebendig“ laut schallen / Möge der Frauenmörder zu Fall gebracht werden).
Dass es trotz breiter Akzeptanz auch in Lateinamerika einer Korrektur der öffentlichen Darstellung femizidaler Gewalt bedarf, wissen diese Kunstschaffenden. LASTESIS wenden sich mit den Versen „Y la culpa no era mía, ni dónde estaba, ni cómo vestía“ (Und Schuld war nicht ich, oder wo ich war, oder was ich anhatte) gegen victim blaming und Diskursverschiebung. Vivir Quintana rekurriert in der Zeile „Yo todo lo incendio, yo todo lo rompo / Si un día algún fulano te apaga los ojos“ (Ich zünde alles an, ich zerstöre alles / Wenn eines Tages irgendein Kerl dein Licht auslöscht) auf eine in der mexikanischen Öffentlichkeit verbreitete diskursive Praktik. Diese delegitimiert das „Schänden“ von Denkmälern in mexikanischen Städten mit feministischen Parolen und das Entzünden von Barrikaden als Antwort auf die Massivität der geschlechtsbezogenen Gewalt (aktuellste Statistiken gehen von rund 10 Femiziden pro Tag in Mexiko aus): Gewalt an Frauen, so das Argument, solle nicht mit Gewalt an Denkmälern beantwortet werden. Dem widerspricht Vivir Quintana, die zerstörerische Wut als Akt des Widerstands besingt.
Auch Literatur im engeren Sinne befasst sich mit der Korrektur der Darstellung von femizidaler Gewalt im öffentlichen Raum. Spätestens seit Roberto Bolaños im Jahr 2002 posthum publiziertem Roman 2666 über die Femizide in Ciudad Juárez sind zahlreiche Werke insbesondere von weiblichen Autorinnen erschienen, die das Thema aus unterschiedlichsten Perspektiven zum Gegenstand erklären. Literarische Texte arbeiten dabei mit Verfahren, die der Literatur vorbehalten sind. Als literarisches Verfahren wird die Art und Weise bezeichnet, in der ein literarischer Text künstlerisch so geformt wird, dass er sich von der Alltagssprache abhebt und diese verfremdet.
Philologische Erkenntnis als Ressource
Wenn philologische Erkenntnis als Ressource für die Auseinandersetzung mit geschlechtsbezogener Gewalt verstanden wird, eröffnen sich neue epistemische Räume, die über die Begriffsdiskussion hinausgehen. In der Deutung eines literarischen Textes muss, mit Peter Szondi gesprochen, zunächst einmal der Vorgang seines Produziertseins nachvollzogen werden. In der Literaturwissenschaft sind abstrakte Regeln ohne Kenntnis konkreter Textstellen, die es zu interpretieren gilt, sinnlos. Da geschlechtsbezogene Gewalt immer sowohl in ihrer Spezifik als auch in ihrer Systematik betrachtet werden muss, kann die Deutung des erzählerischen Vorgangs im Einzelnen umso präzisere Rückschlüsse auf die dem Textgegenstand zugrundeliegenden gesellschaftlichen Strukturen eröffnen. Sie schafft neue Zugänge und wirft Fragen auf: Wie weisen literarische Verfahren und künstlerische Praktiken auf die Systematik geschlechtsbezogener Gewalt und ihre Straflosigkeit hin? Inwiefern gehen diese Reflexionen über juristische Paradigmen hinaus? An welchen Stellen stoßen Recht und Literatur jeweils an ihre Grenzen? Und an welchen Stellen ergänzen sie einander? Wie können interdisziplinäre Erkenntnisse das Sprechen über und Handeln gegen diese Gewalt modifizieren?
Gerade intime Femizide werden in literarischen Texten auch als Problem der Öffentlichkeit markiert: Diese werden im öffentlichen Diskurs häufig als Eifersuchtsdramen oder Familientragödien bagatellisiert. Ein solches framing verschiebt die Aufmerksamkeit in einer Weise, welche die geschlechtsspezifischen Merkmale verdeckt. Eine derartige Literatur berührt die gängigste Definition des Femizids in besonderem Maße: Sie weist darauf hin, dass es zu kurz greift, diesen als „Mord an einer Frau, weil sie eine Frau ist“, zu bezeichnen. Morde an Frauen aus geschlechtsbezogenen Gründen geschehen schließlich nur, weil sie Frauen innerhalb gesellschaftlicher Strukturen sind, in denen ein strukturelles Ungleichgewicht besteht. Die Abwertung von Weiblichkeit in den Texten verweist auf diese implizierte Negativdefinition.
Dies gilt zum Beispiel für Alejandra Costamagnas Erzählung Naturalezas muertas. Das im Text geschilderte Verbrechen ähnelt in seiner Ausführung zahlreichen prominenten faktischen Fällen, die die strafrechtliche Einbettung von femicidio als erschwerendem Umstand bei Tötungsdelikten in Argentinien maßgeblich mit vorangetrieben haben. Besonders prominent ist der Fall des Schlagzeugers der Musikgruppe Callejeros, der 2010 seine Frau Wanda Taddei verbrannte. Während der Täter in einem ersten Urteil aufgrund des mildernden Umstands der emoción violenta, was mit „aufbrausendem Gemüte“ zu übersetzen wäre, eine Strafminderung erreichen konnte, wurde diese in einem zweiten Verfahren aufgehoben: In diesem zweiten Verfahren wurde ganz im Gegenteil die zugrundeliegende geschlechtsspezifische Gewalt als Motiv für die Tat hervorgehoben. Es mag Zufall sein, dass Costamagnas Naturalezas muertas im selben Jahr erschien, in dem Wanda Taddei ermordet wurde. Doch dieser Umstand erlaubt es uns, die Erzählung und ihre Rezeption in einem spezifischen Umfeld zu verorten. Nicht zuletzt, da in ihr das Motiv der Hexenverbrennung ebenso präsent ist wie in den Verfahren zum Femizid an Wanda Taddei.
Naturalezas muertas erzählt die Geschichte eines Paars, das sich kennenlernt, als der Mann, Canossa, durch dessen Augen wir die Erzählung verfolgen, das Kino besucht, in dem die Frau, Alia, als Ticketverkäuferin arbeitet. Auf Alias Wunsch ziehen die beiden in die Provinz, wo sie ein altes Hotel restaurieren wollen. Doch die Eifersucht Canossas zerstört allmählich das Vertrauen zwischen den beiden. Als Alia das Ende der Beziehung signalisiert, beschließt er, sie zu töten. Er schließt sie in dem Zimmer ein, das sie zuvor als ihr „nido de amor“, ihr Liebesnest, bezeichnet haben, und setzt dieses samt Alia in Brand. In den Worten Canossas ist Alia nur noch ein „cuerpo fosforescente“, ein glühender Körper.
Von Beginn an wird Canossa als ein Mann dargestellt, der versucht, eine längst verlorene oder vielleicht nie existente Macht zurückzuerlangen. Wir kennen die Gedanken des Täters, wir sehen nur seine Perspektive, müssen uns aber dennoch nicht vollends in seine Lage versetzen, da er kein Ich-Erzähler ist. Diese erzählerische Entscheidung versetzt uns in ein Dazwischen, ohne der Versuchung zu erliegen, die Perspektive des Täters ohne Distanz einzunehmen und sich mit ihm zu identifizieren. So wird die systemische Gewalt durch den Kopf des Angreifers sichtbar gemacht.
Canossas Gedanken manifestieren die Willkür der Gründe, mit denen er sich zu erklären und gleichzeitig den Verlust von Macht und Sichtbarkeit zu verhindern sucht. Dabei dient die sogenannte erlebte Rede dazu, die Wirkung dieser inneren und zugleich distanzierten Perspektive zu verstärken: Während die erlebte Rede, die ohne Verben des Sagens und des Meinens auskommt, oft dazu dient, die Distanz zwischen Erzählinstanz und Figur zu verwischen, nimmt die Erzählung hier mehr Abstand vom Protagonisten, indem sie den von Canossa selbst erfolglos aufgebauten Mythos des Patriarchen demontiert. Auffällig ist dabei, dass durch Vorgriffe gleich zu Beginn die zeitliche Zirkularität illustriert wird: Schon immer, und immer wieder, werden Frauen aufgrund ihres Geschlechts in einer patriarchalen Gesellschaft ermordet.
Es handelt sich bei Naturalezas muertas um einen Text, der in besonderer Weise einen transnationalen Zugriff erlaubt. Die Autorin Costamagna ist zwar Chilenin, die räumliche Konfiguration des Romans sowie die literarische Repräsentation des Verbrechens weisen eher auf den argentinischen Kontext hin; das Verbrechen selbst ist dabei aber so alt und universal wie die Hexenverbrennung, die gerade auch in Ländern wie Mexiko oder Kolumbien zurzeit wieder traurige Höhepunkte in Form sogenannter feminicidios por incineración (Femizide durch Verbrennen) erhält.
Canossa wird am Ende festgenommen, und der letzte Abschnitt der Erzählung ist ein Vorgriff zu seinem Geständnis durch die Form der erlebten Rede präsentiert. Der letzte Satz lautet: „Bastará haberla visto detrás de la ventanilla para encender la mecha“ (Es wird genügt haben, sie hinter dem Fenster gesehen zu haben, um die Lunte anzuzünden). Es genügt, in einer patriarchalen Gesellschaft, als Frau gesehen zu werden. Die Trennungsabsicht war nur der Auslöser, es hat vorher schon unter der Oberfläche gebrodelt. Von Beginn der Erzählung an ist die Auslöschungsabsicht der rote Faden, im wahrsten Sinne des Wortes, als Zündschnur. Die extreme Brutalität, der Grad an Grausamkeit und die Auslöschungsabsicht sind Aspekte, die juristisch kaum greifbar oder messbar sind. Die Erzählung zeigt: Diese Trennungstötung wurde nicht im luftleeren Raum verübt.
So zeigen literarische Texte wie Naturalezas muertas Möglichkeiten auf, wie die künstlerische sprachliche Bearbeitung gerade durch die Darstellung individueller Erfahrungen maßgeblich dazu beitragen kann, geschlechtsbezogene Gewalt über den regionalen Kontext hinaus in ihren strukturellen Dimensionen zu erfassen und zu bekämpfen.
Um zum Schluss noch einmal auf Müller-Neuhof zurückzukommen, der ein aktives „Beenden“ der Gewalt durch Benennen für ein leeres Versprechen hält: Vielleicht erscheint ihm dies nur deshalb unmöglich, weil ein solches Szenario die Vorstellungskraft des patriarchal gefärbten Diskurses übersteigt. Philologische Erkenntnis kann dem entgegenwirken, da sie gesellschaftliche Strukturen offenlegt und so ein spezifisches Wissen über die Mechanismen geschlechtsbezogener Gewalt produziert. Und Wissen impliziert Auswege – sie müssen nur aktiv gelesen und gesehen werden.
Dies erscheint umso relevanter, als Femizid ein globales Phänomen ist. Unterschiede in Bezug auf Kontexte, Dimensionen und Ausmaße der Gewalt mindern seine Allgegenwärtigkeit nicht. Literarische Texte machen auf die juristischen Rahmenbedingungen aufmerksam, die den Femizid sanktionieren oder eben nicht, die ihn in seiner Spezifik anerkennen oder bagatellisieren, die ihn zu bekämpfen suchen oder in der Praxis begünstigen. Dabei schaffen sie epistemische Räume, in denen die literarischen Verfahren die Systematik der Gewalt in einer Weise aufschlüsseln, die dem Recht alleine nicht gegeben ist.