Naturschutz verspricht Zukunft – ist aber oft ein Rückgriff auf romantisierte Vergangenheiten. Wer entscheidet, wohin „zurück“ gegangen wird, bestimmt auch, wer und was in der Natur künftig keinen Platz mehr hat. Dahinter verbergen sich die Interessen und Geschichten der Mächtigen sowie koloniale Kontinuitäten. Ob angebliche „Alpenidylle“ oder „afrikanische Wildnis“, in vielen aktuellen Naturschutzprojekten spielt die Vergangenheit eine zentrale Rolle. Man spricht von „Renaturalisierung“, „Wiederansiedlung“ und seit einigen Jahren vermehrt auch von „Rewilding“. Tiere, Pflanzen, Landschaften und ökologische Prozesse sollen zurückkehren zu einer imaginierten, vergangenen Natur und sich gleichzeitig autonom und zukunftsoffen entwickeln. Eine Vorstellung davon, wie diese Landschaften einmal waren dient als Basis, um Naturraum zu definieren, zu schützen, wiederherzustellen oder sich entwickeln lassen.
Ein Rückgriff auf eine solche, vermeintlich bessere, vergangene Natur ist nie neutral und selten historiographisch belegt. Vielmehr ist er politisch und tief verankert in kolonialen und rassistischen Ideen von Wildnis, Wildheit und Ursprünglichkeit. Die grundlegende Frage, wohin man überhaupt zurück will – ob vor die Industrialisierung, die Kolonisierung, die Viehhaltung oder gar vor die Entstehung der Menschheit – entscheidet oft darüber, welche Menschen, Tiere, und Lebensweisen in der zukünftigen Natur Platz haben sollen. Daher lohnt sich ein Blick darauf, wie solche Vergangenheiten konstruiert und in unterschiedlichen Kontexten wirksam werden.
Terra Nullius – zurück zum Menschenleeren
Natur- und insbesondere Grosswildschutz war ein zentrales Mittel kolonialer Machtausübung, und bis heute spiegeln sich koloniale Ideen in den Plänen und Argumentationen von Naturschutzprojekten wider. Ein aktuelles Beispiel dafür findet sich in Südnamibia, wo einige Superreiche im Namen von Naturschutz ganze Landstriche aufkaufen, meist ehemalige kommerzielle Rinderfarmen. Die neuen Grossgrundbesitzer wollen bis zu 10’000 Quadratkilometer (ca. die Fläche Zyperns) an Tiere wie Nashörner, Flusspferde, Giraffen und Löwen „zurückgeben“, und dafür die Menschen, die auf dem Land wohnen, vertreiben. Ihre Vision: eine menschenleere Wildnis wie sie angeblich zur Zeit des 18. Jahrhunderts vorherrschte.
Zum Beweis werden historische Dokumente von Missionaren, Händlern und Reisenden herangezogen. So berichtete der Schwede H. J. Wikar 1779 von „Herden wilder Tiere“ entlang des !Garib/Orange River und zeitgleich schmückte der schottisch-niederländische Offizier Robert J. Gordon seine Karte mit Giraffen und Nashörnern. Was die Grossgrundbesitzer jedoch verschweigen, beschreiben dieselben Quellen umso deutlicher: Entlang des !Garib/Orange River lebte eine gut vernetzte Gesellschaft von Viehhalter:innen und Händler:innen. Deren Nachkommen leben teils bis heute hier, doch die aktuelle Vorstellung von „Rewilding“ lässt für sie und ihr Vieh keinen Platz mehr. Die neuen Eigentümer setzen sich mit Klagen und Schikanen durch. Ihrer Logik zufolge braucht diese „neue alte“ Wildnis Raum – frei von Menschen und Vieh. Einer von ihnen brachte es in einem Gespräch mit mir auf den Punkt: „Wenn ich an meinen Fluss gehe, möchte ich keinen Kuhmist sehen.“
Interessanterweise fand Anfang des 20. Jahrhunderts ein solches kolonial-rassistisches Ideal vormenschlicher Natur auch den Weg „zurück“ in die Schweiz – mit der Gründung des Schweizerischen Nationalparks. Initiiert 1914 von den Basler Kolonialforschern Paul und Fritz Sarasin, beruhte das Projekt auf kolonialen Vorstellungen einer „unberührten“ Wildnis. Die Gründer wollten in den Alpen jene angebliche Urlandschaft rekonstruieren, die sie zuvor in den Kolonien vorzufinden meinten. In den Kolonien würden – aus ihrer rassistisch geprägten Perspektive – entweder angeblich keine Menschen leben oder die „Ur-Bevölkerung“ noch integraler Teil der „Ur-Natur“ sein. Die Sarasins wollten in der Schweiz gezielt Räume schaffen, in denen sich Natur ohne menschlichen Einfluss zu einer „Ur-Natur“ (zurück)entwickeln konnte – und so auch in der „zivilisierten“ Welt eine menschenleere Wildnis sichern.
Vorpastorale Natur – zurück zum Jagen und Sammeln
Nicht immer schliessen historische Rückgriffe alle Menschen aus der schützenswerten Natur aus. An manchen Orten werden bestimmte Menschen als Teil dieser „ursprünglichen“ Natur mitgeschützt – ein selektiver und oft problematischer Umgang mit Mensch-Natur-Beziehungen der Vergangenheit. Ein Beispiel ist der Bwabwata-Nationalpark in Nordost-Namibia, aus dem im Gegensatz zu vielen anderen Parks nicht alle Bewohner:innen vertrieben wurden.
Auch hier spielt Geschichte eine zentrale Rolle. Lokale Organisationen und Naturschutzbehörden präsentieren den Park als traditionelles Jagd- und Sammelgebiet der Khwe, einer Gruppe, die oft als San oder Buschleute bezeichnet wird. Auch die traditionelle Autorität der Khwe (ein in der Verfassung verankertes Amt, welches seit Kurzem auch den Khwe zugesprochen wird) stützt diese Sichtweise. Ein Mitglied der Kyaramacan Association, welche für das Management einiger natürlicher Ressourcen im Park zuständig ist, bestätigte in einem vertraulichen Gespräch, dass man die „traditionellen Lebensweisen der San wiederbeleben“ und „die frühere Lebensweise der Khwe sowie das Sammeln von Feldfrüchten in ihrem angestammten Gebiet feiern“ wolle. So soll die Khwe-Identität gestärkt werden, weil diese Lebensweise historisch mit jenen Praktiken verbunden ist, die im Park erlaubt sind: Sammeln, kleinbäuerlicher Gartenbau und (sehr begrenzt) Jagd oder Jagdlizenzverkauf. Viele Khwe besitzen heute kein Vieh und ihre historisch zugeschriebene Lebensweise gilt als ungefährlich für die Natur, weshalb sie unter Auflagen im Park leben und das Land nutzen dürfen.

Ein Mitarbeiter zeigt im Khwe Living Museum historische Jagdmethoden (Foto: Living Culture Foundation Namibia)
Viele Khwe nutzen diese Erzählung, um ihre Lebensbedingungen zu verbessern, denn sie sind nach wie vor gesellschaftlich und wirtschaftlich marginalisiert. Dabei wird ausgeblendet, dass das Gebiet bis in die 1930er-Jahre nicht nur zu Jagd, sondern auch als Weideland genutzt wurde, und zwar von Subsistenzviehhalter:innen unterschiedlicher Herkunft mit oft durchlässigen ethnischen und ökonomischen Zugehörigkeiten. 1932 verbot die südafrikanische Kolonialverwaltung aus veterinärmedizinischen Gründen jegliche Viehhaltung und siedelte die viehhaltende Bevölkerung um – unabhängig davon, welcher Gruppe sie sich zugehörig fühlte. Zurückbleiben durften nur jene, die kein Vieh besassen, viele davon davon waren Khwe-sprachig. Sie wurden fortan auf jene Wirtschaftsweise festgelegt, die ihnen als „Buschleute“ zugeschrieben wurde: das Jagen und Sammeln, das angeblich seit Jahrhunderten ihre Lebensweise bestimmt hätte. Als das Gebiet später zu militärischem Sperrgebiet erklärt wurde, konnten die verbleibenden Bewohner:innen nur noch als „Fährtenleser“ und in anderen Hilfsjobs für die südafrikanische Armee arbeiten, was die Isolation und die ethnischen Zuschreibungen noch einmal verstärkte.
Obwohl Khwe, und das gilt auch für andere Bevölkerungsgruppen, oft nur aus wirtschaftlicher Not auf Jagen und Sammeln zurückgriffen, werden sie zu einem „authentischen“ Naturvolk stilisiert, das mit der Wildnis verschmilzt. Dies ist kein historischer Rückgriff, sondern eine koloniale und rassistische Projektion – mit konkreten Folgen: Gruppen, die nicht in dieses Bild passen, etwa Viehhalter:innen oder saisonale Arbeitskräfte, gelten als „Störung“ und werden von der Nutzung des Parks und seinen Ressourcen ausgeschlossen. Auch hier wird Geschichte teils ausgeblendet, teils im Namen des Naturschutzes als Machtinstrument genutzt, um bestimmte Menschen und Tiere ein- oder auszuschliessen.
Vorindustrielle Viehhaltung – zurück zur Alpenidylle?
Eine Auseinandersetzung mit Naturschutzlandschaften im südlichen Afrika eröffnet auch einen interessanten Blick auf die Rolle von Geschichte im Schweizer Natur- und Landschaftsschutz. Ähnlich wie im südlichen Afrika spielt auch hier der Schutz und die Förderung sogenannter Wildnis eine Rolle. Anders als in den ehemaligen Kolonien wird dabei jedoch betont, dass die Schweiz eine kleinräumige Kulturlandschaft ist, in der „Wildnis“ längst verschwunden sei. Die Naturschutzorganisation ProNatura stellt fest: „Komplett unberührte Urlandschaften gibt es in der Schweiz und in Mitteleuropa praktisch keine mehr.“ Trotzdem definiert sie Gebiete im ganzen Land nach ihrem „Wildniswert“.
In den Schweizer Alpen steht ausserhalb des Nationalparks selten ein Rückgriff auf „menschenleere Natur“ im Vordergrund, sondern auf die Nutzung durch eine spezifische Gruppe: viehhaltenden Bergbäuer:innen. In Kontrast zum Südlichen Afrika, wo Viehhaltung oft konzeptuell und materiell unsichtbar gemacht wird, gilt in den Schweizer Alpen die vor- oder frühindustrielle pastorale Lebensform als besonders nachhaltig, kulturell wertvoll und damit schützenswert. So erlaubt die Eidgenössischen Verordnung über die Pärke von nationaler Bedeutung von 2007 selbst in Kernzonen neuer Nationalparks „traditionelle Weidenutzungen auf klar begrenzten Flächen“, während andere Formen der Landnutzung ausgeschlossen sind. Was genau „traditionell“ bedeutet, bleibt im Gesetz offen, wird aber in Umsetzungsversuchen deutlicher.

Viehwirtschaft in den Schweizer Alpen (Foto C. Lenggenhager)
In den Plänen zum 2016 an der Urne abgelehnten Nationalpark Adula, wird die Kernzone verstanden als Naturraum, in welcher (fast) nur die nachhaltige traditionelle Alpwirtschaft möglich bleibt, weil diese nicht nur „historisch schützenswert“, sondern auch für die Erhaltung der Biodiversität zentral sei. Aus der Korrespondenz und den Vernehmlassungen im Vorfeld der Abstimmungen lässt sich zeigen, dass ein Bezug zur Geschichte durchaus auch von anderen (ehemaligen) Nutzer:innen der Kerngebiete angeführt wurde – von Fischereiverbänden über Strahler:innen (Kristall- und Mineraliensucher:innen) bis zu Interessenverbänden zur Förderung historischer Verkehrswege. Diese Landnutzungen sind jedoch gesetzlich nicht vorgesehen und die Rolle, die sie historisch in diesen Landschaften spielten, wird ausgeblendet.
Ausserhalb der Kernzonen zeigt sich die Fokussierung auf den Schutz „traditioneller Landwirtschaft“ noch deutlicher – etwa in den Naturparks, die „traditionelle Kulturlandschaften bewahren und aufwerten“ sollen. Der Naturpark Beverin zum Beispiel schreibt, dass im Park „viele Alp- und Maiensässgebiete vorhanden [sind], welche zu den naturnahen Kulturlandschaften gezählt werden können. Diese Art von Kulturlandschaft ist über mehrere Jahrhunderte hinweg durch menschliche Nutzungen geprägt und geformt worden. Vor allem die landwirtschaftlichen Nutzungsformen, gaben diesem Landschaftstyp ihr Gesicht“.
Auch in den vielen Naturparks, die ländliche Wirtschaftsförderung mit Natur- und Landschaftsschutz verbinden sollen, wird oft vergessen, dass die Alpen nicht nur durch Bergbäuer:innen „geprägt und geformt“ wurden. Die historischen Narrative bleiben selektiv – meist dominiert das Idealbild des Bergbauern: naturverbunden, bodenständig und fähig, die harsche Alpenwelt zu nutzen und zugleich zu schützen. Die Lebensrealitäten der Landlosen, der Mägde, der Tagelöhnerinnen oder der Waldarbeiter verschwinden aus diesem Bild. So wie im Südlichen Afrika ein koloniales Bild des „Naturvolks“ im Naturschutz weiterlebt, wird in den Alpen ein ebenso selektives Bild des „Bergbauerntum“ konstruiert.
Eine neue alte Natur für wen?
Die Fallbeispiele zeigen, wie Naturschutz Geschichte selektiv nutzt, um Zukunftsvisionen zu legitimieren und Interessen zu verschleiern. In Namibia ist es oft die Vorstellung von einem vor-pastoralen, gar menschenleeren Naturraum, in welchem Wildtiere wieder frei leben sollen und nur diejenigen Menschen bleiben dürfen, die sich optimal in die vermeintliche Harmonie einfügen. In den Alpen ist es das Bild der fleissigen, landschafts- und kulturprägenden Bergbauernfamilie, die in Lage ist, ihre Umwelt selbst zu gestalten, effizient und nachhaltig zu nutzen und zu schützen. Beide Narrative schliessen Wichtiges aus. In Namibia werden dafür Viehzüchter:innen enteignet und Menschen in rassistische Kategorien gedrängt. In der Schweiz führt die Überhöhung des Bergbauerntums dazu, dass die Lebenswelten anderer früherer Bewohner:innen kaum geschützt werden – und Grossraubtiere nur geduldet sind, solange sie die Alpwirtschaft nicht bedrohen. Die Vergangenheit wird dabei selektiv gelesen, um in der Gegenwart bestimmte Nutzungen zu privilegieren – und andere zu verhindern. Im einen Fall werden gewisse Menschen – und vor allem ihr Vieh – als Störung markiert, im anderen als kulturelles Erbe gefeiert. In beiden Fällen bleiben komplexe sozioökologische Vergangenheiten auf der Strecke.
Rewilding – Naturschutz allgemein – ist nie ein rein ökologisches Unterfangen. Es ist ein historisches, soziales und letztlich politisches Projekt. Wer über die Zukunft der Natur nachdenkt, muss auch über die Vergangenheit sprechen. Dazu braucht es eine kritische Geschichtswissenschaft, die die selektiven Narrative im Naturschutz offenlegt. Eine, die die komplexen Verflechtungen von Menschen, Tieren und Landschaften ernst nimmt und Naturschutz neu denkt – jenseits romantisierender, gar kolonialer Rückgriffe und vereinfachender Ideologien. So kann sie auch dazu beitragen, Räume und Prozesse zu schützen, in der nicht nur charismatische Tiere und mächtige Menschen Platz haben, sondern in welchen eine gleichberechtigte Zukunft geschaffen wird.