Auffallend häufig finden sich in der Gegenwartsliteratur Texte, die bereits Erzähltes revidieren und noch einmal von Neuem beginnen. Die Literatur setzt hierfür Verfahren des Zurücksetzens und Wiederholens ein, wie sie aus digitalen Umgebungen bekannt sind – und wirft damit die Frage auf, warum eine von irreversiblen Veränderungen geprägte Gegenwart ausgerechnet von Reversibilität träumt.

  • Vera Thomann

    Vera Thomann ist Assistenzprofessorin für Neueste deutsche Literatur am Deutschen Seminar der Universität Zürich. Ihre Forschungsschwerpunkte bilden die deutschsprachige Gegenwartsliteratur, literarische Formalismen, visuelle Kultur und die Environmental Humanities.

In Clemens Setz’ Erzäh­lung „Die Vase“ (2011) erwarten ein Bestatter und sein Lehr­ling die Ankunft eines berühmten Wiener Schrift­stel­lers. Einiges deutet darauf hin, dass es sich um einen unge­wöhn­li­chen Besuch im Bestat­tungs­in­stitut handeln wird: Der Schrift­steller hat nur einen zwei- bis drei­mi­nü­tigen Aufent­halt ange­kün­digt, um seiner verstor­benen Mutter die letzte Ehre zu erweisen – für eine Toten­wache sei dies doch auffal­lend knapp bemessen, wie der Lehr­ling konsta­tiert. Zudem bat der Schrift­steller ausdrück­lich darum, „alles so zu belassen, wie man es vorge­funden hatte“. Ein Wunsch, den auch die aukt­oriale Erzähl­in­stanz für seltsam erachtet, „da niemand irgend­etwas vorge­funden hatte, es handelte sich schließ­lich um ein Beer­di­gungs­in­stitut, […] und nicht um einen Tatort“.

Als der Schrift­steller schließ­lich in Beglei­tung seiner Tochter Alice erscheint, weist der Bestatter ihn direkt in die Toten­kammer. Was nun folgt, entzieht sich der Sicht­bar­keit; aus dem Inneren des Raumes vernehmen die Figuren jedoch eine markante Geräuschkulisse:

Es hörte sich an wie herum­flie­gende Zettel, zerknülltes Papier. Irgend­etwas wurde zerbro­chen und die Teile umher­ge­worfen. […] Jetzt fiel ein größerer Gegen­stand mit einem hohlen Geräusch um. Die große Vase!, schoss es dem Lehr­ling durch den Kopf. Was zum Teufel machte der da drin? Es folgte ein tiefes, krächzend-gurgelndes Schaben, als würde ein zent­ner­schweres Objekt quer durch den Raum geschoben. Dann krachte es, Scherben split­terten über­allhin. Ein lauter Fluch. Stille. Kurz darauf ging die Tür auf, und der Schrift­steller trat mit seiner Akten­ta­sche (offen stehend, leer) heraus. In der anderen Hand hielt er ein paar beschrie­bene Zettel. […] – Ich werde selbst­ver­ständ­lich für alles aufkommen, sagte er und über­reichte dem Bestatter eine hell­grüne Visitenkarte.

Während der Schrift­steller mitsamt seiner Tochter von dannen fährt, zögert der Lehr­ling, die Toten­kammer zu betreten. Zu seinem Erstaunen findet er da aller­dings nichts: Keine Scherben, keine Trümmer, kein zerknülltes Papier. „Der Raum sah genauso aus, wie er ihn verlassen hatte. Die Vase stand da wie immer, mit ihren pseu­do­alt­grie­chi­schen Darstel­lungen von diskus­wer­fenden Jüng­lingen, und erin­nerte in ihrer Form an zwei mensch­liche Gesichter, die sich zum Kuss nähern.“ Doch kaum fällt die Tür der Toten­kammer hinter dem Lehr­ling ins Schloss, ertönen aus dem Raum „die leisen Klirr­ge­räu­sche von Scherben, die aufge­sam­melt werden, und das Rascheln von Papier­fetzen, die in einen Eimer fielen“.

Es handelt sich aus mehreren Gründen um eine rätsel­hafte Geschichte, die Setz im Erzähl­band Die Liebe zur Zeit des Mahl­städter Kindes vorlegt: Erstens wird der erzählte Raum durch die Figur des Schrift­stel­lers scheinbar demo­liert, nur um im nächsten Moment unver­än­dert und kurz darauf erneut verwüstet vorge­funden zu werden. Zwei­tens ist es ein Raum des Abge­lebten und Still­ge­stellten – ein Beer­di­gungs­in­stitut –, der als Schau­platz dieses uner­klär­li­chen Akti­ons­po­ten­zials fungiert. Drit­tens bleiben die Über­gänge zwischen den Raum­zu­ständen gezielt verun­klart, und gerade in diesen Über­gangs­zonen verän­dert sich ‚die‘ Vase, die der Erzäh­lung ihren Titel gibt.

Was Setz hier erprobt, lässt sich als exem­pla­ri­sches Beispiel für ein in der Gegen­warts­li­te­ratur zuneh­mend beob­acht­bares Verfahren beschreiben: Lite­ra­ri­sche Texte revi­dieren ihre eigenen Setzungen und kali­brieren sich im Rahmen der erzählten Welt neu. Hier­durch wird es möglich, gewisse Ereig­nisse im lite­ra­ri­schen Text rück­gängig zu machen oder diese mehr­mals, aller­dings in unter­schied­li­chen Versionen, zu erzählen. Aus unserem digi­talen Alltag sind uns solche Opera­tionen längst vertraut: Wir machen Bear­bei­tungs­schritte an Codes, Texten oder Bildern rück­gängig, stellen gelöschte Dateien wieder her oder laden Spiel­stände neu. Was aber bedeutet es, wenn auch Lite­ratur zuneh­mend in einem solchen digi­talen Modus erzählt? Und was lässt sich daraus über eine Gegen­wart erfahren, die von lang­fris­tigen und irrever­si­blen Verän­de­rungs­pro­zessen geprägt ist?

Rever­si­bles Erzählen

Im klassisch-mechanischen Sinne bezeichnet Rever­si­bi­lität die Fähig­keit eines Systems, in seinen ursprüng­li­chen Zustand zurück­ge­führt zu werden. In der Ther­mo­dy­namik bildet voll­stän­dige Rever­si­bi­lität streng genommen einen idea­li­sierten Grenz­fall; viel eher ist von schwä­cheren und stär­keren Graden von Rever­si­bi­lität auszu­gehen. In einem vergleich­baren Sinne lässt sich auch rever­si­bles Erzählen verstehen: Im Zentrum steht weniger das voll­stän­dige Zurück­drehen einer Erzäh­lung als viel­mehr die lite­ra­ri­sche Erpro­bung von Rück­nah­me­pro­zessen – von punk­tu­ellen Wider­rufen einzelner Hand­lungs­schritte bis hin zur Rekon­fi­gu­ra­tion größerer narra­tiver Struk­turen. Zentrales Krite­rium ist dabei, dass diese Rück­nahmen inner­halb der Erzäh­lung selbst statt­finden und dort auch als solche beob­achtbar werden.

Wie aber funk­tio­niert ein Erzählen, das seine eigenen Para­meter inner­halb der Erzähl­welt neu justiert? Clemens Setz versieht dieses Erzähl­prinzip mit einer eigenen Visua­li­sie­rung, wenn die Vase „in ihrer Form an zwei mensch­liche Gesichter [erin­nerte], die sich zum Kuss nähern“. Damit stili­siert er das Objekt zur soge­nannten Rubin-Vase – einer Darstel­lungs­form, die der däni­sche Psycho­loge Edgar Rubin 1915 entwi­ckelte. Solche Rever­si­ons­fi­guren bzw. images réver­si­bles lassen Gestalt- und Wahr­neh­mungs­wechsel zwischen Figur und Grund zu: Sie erzeugen eine multi­sta­bile Wahr­neh­mung, die mehrere Lesarten des darge­stellten Perzeptes für gültig erklärt. Nun erin­nert die Vase bei Setz aller­dings nur an zwei mensch­liche Gesichter, und analog ist für die Kurz­ge­schichte nicht eigent­lich entschei­dend, welche Version der Vase in den Vorder­grund rückt. Von Inter­esse ist viel­mehr, wie der Text diese Wahr­neh­mungs­wechsel narrativ herstellt.

3D-Rubinvase, hori­zontal gewendet © Dator / Redbubble

Hierfür orga­ni­siert Setz die Verän­de­rung der Vase über eine konse­quente Tren­nung von Räum­lich­keiten, Sinnes­ein­drü­cken und Bewe­gungs­mus­tern. Der Zustand der Vase verän­dert sich jeweils dann, wenn zwischen Innen- und Außen­räumen sowie Gese­henem und Gehörtem chan­giert wird – also genau in jenen zwei Momenten, in denen die Figuren nur über eine parti­elle, selek­tive Wahr­neh­mung des Gesche­hens verfügen. Zu diagnos­ti­zieren sind der Erzäh­lung nebst der Vase eher unauf­fäl­lige Erzähl­pa­ra­meter: eine stabile Erzähl­per­spek­tive, eine lineare Zeit­struktur, das szeni­sche Erzählen eines singu­lären Ereig­nisses. Diese formale Stabi­lität erweist sich für rever­si­bles Erzählen als konsti­tutiv: Während der Zustand der Vase als verän­der­lich markiert ist, bleiben bestimmte narra­tive Konstanten bestehen, die den Text gewis­ser­maßen stabi­li­sieren. So kann die Vase inner­halb einer linearen Erzähl­zeit in ihren Ausgangs­zu­stand zurück­kehren oder in Scherben vorge­funden werden.

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Das Figu­ren­per­sonal muss sich bei Setz diesen Wech­seln ergeben, etwa indem es den Raum unter verän­derten Bedin­gungen erneut zu betreten oder ihn wieder in Ordnung zu bringen hat. Damit stellt sich für die Figuren die Frage nach der Realität ihres Handelns: Kann eine Hand­lung über­haupt folgen­reich sein, wenn ihre Voraus­set­zungen jeder­zeit umkehrbar sind? Doch nicht nur die Figuren, auch für die Leser:innen der Erzäh­lung ergibt sich daraus notwen­di­ger­weise eine prozes­suale Flexi­bi­lität: Zwei Mal ist im Text neu zu bestimmen, welche Version der Vase – zerstört oder intakt – vorliegt und welche bishe­rigen Erzähl­vor­gänge dadurch scheinbar ohne Konse­quenzen verbleiben. Suggestiv reka­li­briert Setz damit die Fina­li­täts­be­din­gungen der Lite­ratur: dass Figuren wie Leser:innen ein erzähltes Ereignis und dessen Folgen übli­cher­weise als statt­ge­funden akzep­tieren (müssen). Rever­si­bles Erzählen macht damit auf eine grund­le­gende Insta­bi­lität der erzählten Welt aufmerksam, die sich im Verlauf des Textes erst ergibt – und damit auf eine narra­tive Struktur, die ihre Bedin­gungen fort­lau­fend neu moduliert.

Setz ist bei Weitem nicht der einzige Autor der deutsch­spra­chigen Gegen­warts­li­te­ratur, in dessen Œuvre solche Effekt­lo­giken in den letzten Jahren Eingang gefunden haben: In Jenny Erpen­becks Aller Tage Abend (2012) wird fünfmal gestorben und dann doch weiter­erzählt; in Ann Cottens „Proteus“ aus Lyophilia (2019) wird gar jede Erwä­gung der Protagonist:innen sofort narra­tive Realität. Aber auch über den deutsch­spra­chigen Raum hinaus lassen sich analoge Erzähl­struk­turen beob­achten: Exem­pla­risch zu nennen sind Lydia Davis’ „Rever­sible Story“ aus Can’t and Won’t (2014), Paul Austers 4, 3, 2, 1 (2017) oder Hervé Le Telliers L’anomalie von 2020. Auch in filmi­schen und seri­ellen Erzähl­me­dien wurden seit den 2000er Jahren radi­kale Inter­ven­tionen in bereits erzähltes Mate­rial erprobt – zu beob­achten etwa in Charmed (1998–2006), Source Code (2011), The Twilight Saga: Brea­king Dawn – Part 2 (2012), Russian Doll (2019–2022) oder im narra­tiven Multi­versum des Marvel Cine­matic Universe.

Desori­en­tierte Figuren: Still aus Charmed (1×22, „Déjà Vu All Over Again“, 00:20:56, 1999, Regie Les Sheldon)

In der Theorie finden sich für diese Art des Erzäh­lens nur tenta­tive Defi­ni­tionen: Fredric Jameson entwirft in Archaeo­lo­gies of the Future in einem Neben­satz etwa die Idee, „to produce a rever­sible narra­tive object, a kind of narra­tive Gestalt“. Michel Serres geht in Huma­ni­stic Narra­tives noch einen Schritt weiter, wenn er die Hypo­these formu­liert, dass man ein Narrativ zurück zu einer Null­stufe erzählen könne: „Nulli­fying narra­tive would return to the rever­sible; retur­ning to the rever­sible would nullify narra­tive“. Doch genau hier tritt die Idee rever­si­bler Erzähl­ob­jekte in Konflikt mit einer Struk­tur­be­din­gung des lite­ra­ri­schen Erzäh­lens: Narra­tive, so betont Shlo­mith Rimmon-Kenan in Narra­tive Fiction, sind grund­sätz­lich irrever­sibel orga­ni­siert: „The dispo­si­tion of elements in the text […] is bound to be one-directional and irrever­sible, because language prescribes a linear figu­ra­tion of signs and hence a linear presen­ta­tion of infor­ma­tion about things.“ In der Gegen­über­stel­lung von narra­tiver Irrever­si­bi­lität, wie sie Rimmon-Kenan beschreibt, und der Idee eines rever­si­blen Erzähl­ob­jekts – verstanden als eine Gestalt oder Form bei Jameson oder Serres – kris­tal­li­siert sich das zentrale Span­nungs­feld, das die Ausein­an­der­set­zung mit rever­si­blen Erzähl­ver­fahren prägt.

Digi­tale Reversibilität

Gerade weil Rever­si­bi­lität in der Lite­ratur nicht voraus­ge­setzt werden kann, stellt sich die Frage, unter welchen kultu­rellen und medialen Bedin­gungen rever­sible Struk­turen über­haupt erst hervor­treten oder erzählbar werden. Vor diesem Hinter­grund bietet sich ein medi­en­his­to­ri­scher Zugriff auf lite­ra­ri­sche Erzäh­lungen wie „Die Vase“ beson­ders an: Denn in digi­talen Umge­bungen sind Opera­tionen der Rever­si­bi­lität – das Zurück­setzen, Rekon­fi­gu­rieren, Wieder­holen und Verzweigen – tech­no­lo­gisch imple­men­tierte Grund­funk­tionen. Setz’ Erzäh­lung lässt sich vor diesem Hori­zont als ein Text lesen, der solche digi­talen Logiken narrativ aufgreift und reflektiert.

Eine zentrale Voraus­set­zung für rever­si­bles Erzählen stellt die Modu­la­ri­sie­rung dar. In digi­talen Umge­bungen bezeichnet Modu­la­ri­sie­rung die Zerle­gung eines Systems in funk­tional eigen­stän­dige Einheiten, die unab­hängig vonein­ander verän­dert, ersetzt oder neu kombi­niert werden können, ohne das Gesamt­system zu desta­bi­li­sieren. Für ein narra­tives Verfahren impli­ziert dies: Ein Text orga­ni­siert seine erzählte Welt als eine Reihe austausch­barer Zustände, die nicht kausal aufein­ander folgen müssen, sondern in sich geschlos­sene, reor­ga­ni­sier­bare Module bilden. Allan Cameron hat dies­be­züg­lich von „modular narra­tives“ oder „data­base narra­tives“ gespro­chen. Analog wären die verschie­denen Versionen des Raumes bei Setz nicht als Stationen einer Entwick­lung zu lesen, sondern als Zustände, die je nach situa­tiver Wahr­neh­mung akti­viert werden. Die narra­tive Entwick­lung folgt dabei weniger einem Plot als einem Konfi­gu­ra­ti­ons­prinzip, bei dem jede Szene wie ein eigen­stän­diges Element funk­tio­niert, das je nach Situa­tion aufge­rufen oder kombi­niert werden kann.

Die durch Modu­la­ri­sie­rung geschaf­fene Beweg­lich­keit der Erzähl­struktur bildet zugleich die Voraus­set­zung für ein weiteres Verfahren, das „Die Vase“ prägt: ihre Gami­fi­ca­tion (Gami­fi­zie­rung). Liest man „Die Vase“ vor dem Hinter­grund spie­le­ri­scher Logiken, dann hängen entschei­dende Para­meter – etwa der Zustand der Vase oder derje­nige des Raumes – nicht von irrever­si­blen Hand­lungs­ketten ab, sondern viel­mehr davon, ob bestimmte Konstel­la­tionen ausge­löst oder wieder­holt werden (z.B. ob die Tür zum Trau­er­raum geöffnet oder geschlossen wird). Gami­fi­zie­rung bezeichnet hier also nicht die Über­nahme einer Spiel­äs­thetik, sondern die Umstruk­tu­rie­rung der Narra­tion nach rever­si­blen Spiel­prin­zi­pien wie einem trial and error, einem mögli­chen Neustart bzw. einer Replaya­bi­lity – alle­samt Prin­zi­pien, die für die Archi­tektur digi­taler Games grund­le­gend sind. Dies passt zu jenem kate­go­ri­schen Impe­rativ, den Setz 2018 in einem Vortrag namens Frühe und späte Spiele für sein Schreiben formu­liert hat: „Folgen Sie nicht dem Story­modus“, forderte er da; folgen Sie also keines­falls einer linearen, erzäh­le­ri­schen Handlung.

Rever­si­bi­lität bereits als Meta-Verfahren des Erzäh­lens einge­setzt: Still aus Tenet (2020, Regie Chris­to­pher Nolan, 00:48:35)

Neben den über­grei­fenden Prin­zi­pien der Modu­la­ri­sie­rung und Gami­fi­zie­rung lassen sich auch spezi­fi­sche Funk­tionen iden­ti­fi­zieren, anhand derer digi­tale Inter­faces Rever­si­bi­lität tech­no­lo­gisch imple­men­tieren – insbe­son­dere soge­nannte undo– / redo-Verfahren. Gemeint ist damit die Möglich­keit, getrof­fene Entschei­dungen, Zustands­än­de­rungen oder Eingriffe inner­halb eines Systems punk­tuell rück­gängig zu machen oder wieder­her­zu­stellen, ohne die System­logik selbst zu unter­bre­chen. Solche Opera­tionen setzen eine tempo­räre Siche­rung oder Proto­kol­lie­rung voraus – ein soge­nanntes logging, das in digi­talen Text­edi­toren oder Spiel­um­ge­bungen stan­dar­di­siert vorliegt. In der Erzäh­lung „Die Vase“ wird eine solche Abfolge von undoing und redoing gezielt erprobt: Ähnlich wie in einem tech­no­lo­gi­schen undo-Verfahren wird nicht die Geschichte als solche gelöscht; viel­mehr wird eine gezielte Rück­nahme und Wieder­her­stel­lung inner­halb einer konti­nu­ier­lich fort­lau­fenden Erzähl­zeit insze­niert. Indem das Verhältnis von Hand­lung, Raum und Konse­quenz erprobt, aber nicht fest­ge­legt wird, gerät das Bestat­tungs­in­stitut in „Die Vase“ so tatsäch­lich zu einer Art Tatort.

Gegen­warts­li­te­ratur im Modus des Digitalen

Weil die beschrie­benen Verfahren – Modu­la­ri­sie­rung, Gami­fi­zie­rung und undoing / redoing – im Medium der Lite­ratur nun aber nicht tech­no­lo­gisch, sondern erzäh­le­risch ausge­führt werden, verschieben sich ihre Affor­danzen: Denn natür­lich verschwinden die vorhe­rigen Zustände der Vase bei Setz nicht aus dem gedruckten Text, sie werden schlicht als nicht mehr aktuell markiert. Derart imple­men­tiert die Gegen­warts­li­te­ratur die ästhe­ti­schen Möglich­keiten digi­taler Verfahren und macht zugleich deren mate­ri­elle wie mediale Grenzen erfahrbar – exem­pla­risch, dass die Modu­la­ri­sie­rung nicht selbst gesteuert werden kann, das lite­ra­ri­sche Spiel nicht eigent­lich inter­aktiv ange­legt ist und das undoing bzw. redoing mate­ria­liter seine Spuren hinter­lässt. Rever­si­bles Erzählen erprobt damit eine spezi­fi­sche Form der digital literacy: Einer­seits trans­for­mieren Lite­ratur und Film digi­tale Verfahren in narra­tive Opera­tionen, ande­rer­seits reflek­tieren sie deren Bedin­gungen, Effekte und Grenzen im Erzählen selbst.

Erzäh­lungen wie „Die Vase“ erfor­dern deshalb eine narra­to­lo­gi­sche Erwei­te­rung, die sowohl dyna­mi­sche Erzähl­ord­nungen als auch konf­li­gie­rende Media­li­täten analy­tisch zu erfassen vermag. Diese notwen­dige Erwei­te­rung verweist jedoch auf mehr als nur eine metho­do­lo­gi­sche Heraus­for­de­rung: Sie lässt danach fragen, welches Wissen rever­si­bles Erzählen über unsere analoge wie digi­tale Gegen­wart bereit­hält. Denn in vielerlei Hinsicht sind es irrever­sible Ereig­nisse, Tipping-Points und irrepa­rable Schäden, die unsere Aufmerk­sam­keits­öko­no­mien bestimmen, z.B. im Kontext des Klima­wan­dels oder des Anthro­po­zäns. Welche kultu­rellen, erkennt­nis­theo­re­ti­schen oder poli­ti­schen Impli­ka­tionen hat es also, wenn die Gegen­warts­li­te­ratur ihre eigenen Setzungen nicht nur reflek­tiert, sondern einzelne narra­tive Sequenzen als prin­zi­piell revi­dierbar inszeniert?

Eine erste Konse­quenz liegt in der Plura­li­sie­rung dessen, was erzählt werden kann: Rever­si­bles Erzählen lenkt die Aufmerk­sam­keit auf die Optionen des Erzäh­lens selbst. Positiv gewendet machen rever­sible Erzähl­formen also Möglich­keits­räume sichtbar und entziehen sich hierfür eindeu­tigen Kausa­li­täten. Kapi­ta­lis­mus­kri­tisch gewendet wäre jene Plura­li­sie­rung hingegen als Marker einer Konsum­kultur lesbar, die allerlei Auswahl­mög­lich­keiten bieten bzw. Vari­anten eines Produkts bereit­halten muss. Wich­tiger scheint jedoch zwei­tens, dass in der Rever­si­bi­lität eine Denk- und Erzähl­form gründet, welche die Geltung der Erzähl­ge­gen­wart rela­ti­viert, sie als ein Nicht-Event markiert, das jeder­zeit wider­rufen werden könnte. Umgangen wird damit eine klare Posi­tio­nie­rung oder Zukunfts­ge­rich­tet­heit der Lite­ratur, die, kritisch zuge­spitzt, vor der Verbind­lich­keit einer Selbst­po­si­tio­nie­rung kapituliert.

Hierin gründet wiederum eine kultur­dia­gnos­ti­sche Pointe des rever­si­blen Erzäh­lens, die dessen Bedeu­tung und Grenzen in einem fast schon didak­ti­schen Impetus hervor­treten lässt: Was hieße es, Rever­si­bi­lität aktiv zu imple­men­tieren, deren Impli­ka­tionen gar zu trai­nieren? Etwa so, dass wir lite­ra­ri­sche Texte auch daraufhin lesen, was sie nicht erzählen können oder wollen, oder darauf hoffen können, dass gewisse Vorgänge wieder rück­gängig gemacht werden. Mit Elias Kreuz­mair und Eckhard Schu­ma­cher gespro­chen grün­dete das „zeit­dia­gnos­ti­sche Poten­zial der Gegen­warts­li­te­ratur“ dann womög­lich gerade in ihrer Anlage zur Selbst­wi­der­le­gung. So erscheint Rever­si­bi­lität in der Gegen­warts­li­te­ratur als ästhe­ti­sche Versuchs­an­ord­nung, die auf ihre Gemacht­heit, ihre Voraus­set­zungen und Limi­tie­rungen befragt werden muss. Erst vor diesem Hinter­grund wird der enorme erzäh­le­ri­sche Aufwand sichtbar, der nötig ist, um rever­sibel zu erzählen – und damit jenem para­doxen Wunsch nach­zu­kommen, den der Schrift­steller in Clemens Setz’ „Die Vase“ äußert: nämlich alles so zu belassen, wie man es vorge­funden hatte.