Als am 11. Februar 1979 im Iran das vom Westen gestützte Regime von Shah Mohammad Reza Pahlewi unter dem Druck der „Isla­mi­schen Revo­lu­tion“ und ihrem charis­ma­ti­schen Anführer, Ayatollah Khomeini, zusam­men­brach, war vielen Zeit­ge­nossen schnell klar, dass dies eine Zeiten­wende bedeu­tete. Denn die Herr­schaft Pahlewis war geprägt von der voll­stän­digen Abhän­gig­keit vom Westen im globalen Ringen des Kalten Krieges, von der scham­losen wirt­schaft­li­chen Ausbeu­tung des Irans durch west­liche Erdöl­kon­zerne, vor allem aber von einem überaus repres­siven Poli­zei­ap­parat und dem gefürch­teten Geheim­dienst „Savak“. Mit harter Hand unter­drückte das Regime jegliche Oppo­si­tion, darunter die Kommu­nisten ebenso wie Teile der isla­mi­schen Geist­lich­keit, und trieb sie ins Exil.

Die Armee schiesst auf Demons­tranten, Teheran, ca. Oktober 1978; Quelle: youtube.com

Ab Ende des Jahres 1977 wuchs die Unruhe unter Studenten, Anwälten und kleinen Laden­be­sit­zern und erscholl der schon länger vernehm­bare Ruf nach einer isla­mi­schen Erneue­rung des Landes immer lauter. Der im Jahr darauf schnell grösser werdenden Protest­welle begeg­nete das Regime mit rück­sichts­loser Gewalt; man geht heute davon aus, dass bis zum 11. Februar 1979 rund 20’000 Menschen durch das Vorgehen der Sicher­heits­kräfte des Shahs und am Ende auch in den Stra­ßen­kämpfen zwischen den Shah-treuen Truppen und den Revo­lu­ti­ons­garden ums Leben kamen.

Diese fernen und nun schon lange zurück­lie­genden Ereig­nisse markierten nicht nur eine Zeiten­wende, die den poli­ti­schen Islam auf der Welt­bühne etablierte, sondern auch eine Wende im Denken des bis heute einfluss­rei­chen Philo­so­phen und Histo­ri­kers Michel Foucault. Das, was man heute mit Foucault das Subjekt und die „Selbst­ver­hält­nisse“ nennt – Kate­go­rien, die uns unmit­telbar betreffen –, ist sogar ziem­lich direkt mit dieser fernen Revo­lu­tion verbunden.

Ein Philo­soph wird Reporter

Unter den vielen west­li­chen Intel­lek­tu­ellen, die die revo­lu­tio­näre Unruhe im fernen Iran aufmerksam verfolgten, nahm Foucault eine beson­dere Stel­lung ein. Denn er las nicht nur einfach in Paris die Zeitung, sondern setzte sich intensiv mit der Geschichte des Irans ausein­ander, um im September und ein zweites Mal im November 1978 im Auftrag der italie­ni­schen Tages­zei­tung Corriere della Sera als Reporter in den Iran zu reisen. Er wollte, wie er sagte, von nahem mitver­folgen, wie „Ideen“ entstehen und die Wirk­lich­keit umge­stalten. Der Zeit­punkt war gut gewählt: Foucault traf kurz nach dem „Schwarzen Freitag“ in Teheran ein, dem Massaker auf dem Jaleh-Platz, bei dem die Armee auf Demons­tranten geschossen hatte. Die Stadt war in Aufruhr.

In seinen Arti­keln schil­derte Foucault seine vielen Gesprä­chen mit Intel­lek­tu­ellen, Geist­li­chen, Oppo­si­ti­ons­po­li­ti­kern, aber auch mit ‚einfa­chen‘ Leuten, Arbei­tern und Studenten. Für sie alle war, wie Foucault schrieb, „die Moder­ni­sie­rung zu einer Last geworden“, weil sie untrennbar mit Korrup­tion, Miss­wirt­schaft und der „Despotie“ des Shahs verknüpft war. Seine Gesprächs­partner berich­teten ihm, dass die geschei­terte Boden­re­form, forcierte Urba­ni­sie­rungs­pro­jekte und die wirt­schaft­liche Krise die länd­li­chen und städ­ti­schen Massen ins Elend getrieben hatten; ihre einzige Hoff­nung hätten diese nur noch in einer isla­mi­schen „Erneue­rung“ sehen können.

Demons­tra­tion für die Rück­kehr von Khomeini, Winter 1978/79; Quelle: youtube.com

Das war die Zeiten­wende: „Ich kenne mehr als einen nach unseren Kate­go­rien ‚linken‘ Studenten“, schrieb Foucault, „der auf das Trans­pa­rent, das er in die Höhe hielt, in großen Buch­staben die Forde­rung nach einem ‚isla­mi­schen Staat‘ geschrieben hatte.“ Es waren nicht „linke“ Ideen, die die Volks­massen begeis­terten und antrieben, und es waren nicht die irani­schen Marxisten, die Kommu­nisten, die die Massen anführten: Was im Iran geschah, war keine Revo­lu­tion, von der die west­eu­ro­päi­sche „Neue“ Linke in den vergan­genen zehn Jahren so fieber­haft geträumt hatte. Es war eine voll­ständig anders gear­tete, „isla­mi­sche“ Revo­lu­tion, verstanden als „Rück­kehr“ zu dem, was die Mullahs, die schii­ti­sche Geist­lich­keit, die tradi­tio­nellen reli­giösen und sitt­li­chen Grund­lagen des Irans nannten und der geschei­terten Moder­ni­sie­rung des Shahs entge­gen­hielten. „Was da im Iran geschieht“, notierte Foucault daher, „ist für heutige Beob­achter verwir­rend. Sie erkennen dort weder China noch Kuba noch Vietnam wieder.“

Am 13. Februar 1979, heute vor genau vierzig Jahren, erschien im Corriere della Sera Foucaults letzter Bericht zu den Ereig­nissen im Iran. Die Einschät­zung ist kühl: Die Armee hat sich weit­ge­hend mit den Geist­li­chen verbündet und „ihre verschie­denen Strö­mungen werden nun im Dunkeln darum kämpfen, wer die neue ‚Garde‘ des Regimes sein wird“; die „Marxisten-Leninisten“ werden erfolglos versu­chen, die Massen noch auf ihre Seite zu ziehen. Vor allem aber sah Foucault die histo­ri­sche Bedeu­tung der „Revo­lu­tion“ – er verwen­dete Anfüh­rungs­zei­chen – darin, dass sie „die poli­ti­schen Gege­ben­heiten im Mitt­leren Osten und damit das welt­weite stra­te­gi­sche Gleich­ge­wicht umstürzt“, ja „die ganze Region in Brand setzen könnte“. Oder in noch dras­ti­scheren Worten, die heute einen beson­deren Nach­hall haben: „Der Islam – der nicht bloss eine Reli­gion ist, sondern eine Lebens­weise, eine Zuge­hö­rig­keit zu einer Geschichte und einer Kultur – droht ein gewal­tiges Pulver­fass zu werden, das mehrere hundert Millionen Menschen ergreift“. Aller­dings warnte Foucault auch vor falschen Reak­tionen auf diese neue Realität: „Wer sich eini­ger­maßen intel­li­gent mit dieser Frage ausein­an­der­setzen will, sollte unter keinen Umständen damit beginnen, Hass ins Spiel zu bringen.“

„Eine poli­ti­sche Spiri­tua­lität“

Wer die Repor­tagen Foucaults aus dem Iran heute liest, ist erstaunt über ihre Detail­liert­heit, ihre Genau­ig­keit und ihre analy­ti­sche Tiefen­schärfe. Zumin­dest noch im Herbst und Winter 1978 erin­nern sie immer wieder an die Offen­heit der Situa­tion, als noch niemand wusste, wie sich die Dinge entwi­ckeln würden. Klar schien Foucault nur, dass es einen „einfa­chen poli­ti­schen Willen des Volkes“ gab, der darin bestand, dass das bishe­rige Regime verschwinden müsse – und der fraglos durch Khomeini reprä­sen­tiert wurde. Und er entdeckte etwas, was ihn offenbar selbst über­raschte: die poli­ti­sche Kraft­wir­kung des schii­ti­schen Glau­bens, die sich in einer, wie er es nannte, „poli­ti­schen Spiri­tua­lität“ äußerte.

Frauen demons­trieren für Khomeinis Rück­kehr, Winter 1978/79; Quelle: youtube.com

Man hat Foucault schnell – und bis heute – vorge­worfen, dass diese Einschät­zungen die revo­lu­tio­näre Bewe­gung im Iran idea­li­siere und dass er über­haupt in krasser Weise falsch gelegen habe: Er habe den reak­tio­nären und auto­ri­tären Charakter Khomeinis unter­schätzt und die Gefahr nicht gesehen, dass ein isla­mi­scher Staat unter Khomeinis Führung alle Frei­heits­rechte, insbe­son­dere aber die Rechte der Frauen miss­achten werde. Auch wenn es richtig ist, dass Foucault nichts zu der Lage der Frauen und ihren Aussichten in einem künf­tigen isla­mi­schen Staat sagte – und man den Blick für Frauen-Fragen zwei­fellos nicht zu seinen Stärken zählen kann –, geht diese Kritik an der Substanz seiner Berichte und Analysen aus dem Iran vorbei. Das gilt beson­ders für seinen Begriff der „poli­ti­schen Spiri­tua­lität“, jene Formu­lie­rung, die ihm am meisten Kritik eintrug, obwohl er sie nur als analy­ti­sche Kate­gorie verwen­dete. Ihn inter­es­sierte daran weniger der reli­giöse Gehalt, als viel­mehr die „Form, die der poli­ti­sche Kampf annimmt, wenn er breite Volks­schichten erfasst. Aus tausen­derlei Unzu­frie­den­heit, Hass, Elend und Hoff­nungs­lo­sig­keit macht sie eine Kraft.“

Diese mobi­li­sie­rende Kraft des reli­giösen Glau­bens, die er im Herbst 1978 in den Straßen Tehe­rans erlebte, erin­nerte ihn an längst Vergan­genes in Europa (was nicht heißt, dass er den Islam oder die „poli­ti­sche Spiri­tua­lität“ als vormo­dern beschrieb): Die Stimmen der Prediger, die über Laut­spre­cher in der ganzen Stadt zu hören waren, „klangen“, so Foucault, „wie einst die Stimme Savo­na­rolas in Florenz, die der Wieder­täufer in Münster oder die der Pres­by­te­rianer zu Crom­wells Zeiten“. Es war nicht einfach seine histo­ri­sche Bildung, die diese Erin­ne­rung provo­zierte. Foucault las im Sommer 1978 das Buch Das Prinzip Hoff­nung des marxis­ti­schen Philo­so­phen Ernst Bloch. Dieser hatte, selbst beein­flusst vom jüdisch-christlichen Messia­nismus, die „Hoff­nung“ auf Erlö­sung, zumin­dest aber auf eine bessere Welt als etwas „noch nicht Erfülltes“ in den religiös-politischen Endzeit­be­we­gungen wie etwa der Wieder­täufer im 16. Jahr­hun­dert entzif­fert – und diese „Hoff­nung“ zum Kern aller revo­lu­tio­nären Hoff­nung auch in der Moderne erklärt. Die Revo­lu­tion hatte, mit anderen Worten, bei Bloch immer weit mehr mit dieser Unter­strö­mung volks­tüm­li­cher Spiri­tua­lität zu tun als mit Marxens Kapi­tal­ana­lysen. Genau das war es, was Foucault faszi­nierte.

„Menschen erheben sich, das ist eine Tatsache“

Michel Foucault im Gespräch mit dem paläs­ti­nen­si­schen Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Farès Sassine, Juni 1979; Quelle: fares-sassine.blogspot.com

Es war, wie Foucault später erklärte, dieser Bloch‘sche Blick auf revo­lu­tio­näre Volks­be­we­gungen, die ihm in Teheran den Blick auf die schii­ti­schen Massen und ihre Prediger gelenkt hatte – ja, er wollte in Teheran recht eigent­lich über­prüfen, ob Bloch recht hatte! Das für ihn Erstaun­liche war dabei: Diese Menschen stellten sich „mit bloßen Händen“ einem schwer­be­waff­neten Regime entgegen, das seine Waffen gegen das eigene Volk einsetzte. Man muss dazu viel­leicht sagen: Es war für Michel Foucault beson­ders erstaun­lich, weil er noch 1975 in seinem düsteren Buch Über­wa­chen und Strafen ein Bild des modernen Subjektes bzw. von „uns allen“ entworfen hatte, das wenig oder eigent­lich keine Möglich­keit zuließ, eine persön­liche Frei­heit des Handelns zu denken – oder gar, der „Macht“ gegen­über „Nein“ zu sagen.

Ab 1977 kamen Foucault aus verschie­denen Gründen zuneh­mend Zweifel an der Brauch­bar­keit eines Macht­be­griffs, der das Subjekt als voll­ständig „diszi­pli­niert“, ja von der Macht „produ­ziert“ vorstellte. Was er dann bei Ernst Bloch las – und auch wieder bei Jean-Paul Sartre, wie er im Gespräch mit Farès Sassine ergänzte – und was er auf den Straßen Tehe­rans sah, war das Offen­sicht­liche: Menschen können „Nein“ sagen, sie können sich dafür entscheiden, lieber das eigene Leben zu riskieren als unter einer bestimmten Regie­rung weiter­zu­leben. Dafür konnte es selbst­ver­ständ­lich verschie­dene Gründe und Motive geben, aber es war unzwei­fel­haft eine „Kraft“, die Foucault „spiri­tuell“ nannte – viel­leicht, weil er in Teheran sah, das zum Beispiel eine Reli­gion diese Kraft verleihen konnte.

Der Unwille, den Foucault mit seinen „Ideen­re­por­tagen“ aus dem Iran nament­lich in Kreisen der Linken provo­zierte, brachte ihn im Mai 1979 dazu, sich ein letztes Mal in der fran­zö­si­schen Öffent­lich­keit zum Iran zu äußern. In einem Artikel in Le Monde vertei­digte er sich mit deut­li­chen Worten gegen die Mutma­ßung seiner Kritiker, er heiße die isla­mi­sche Revo­lu­tion gut. Er hatte nichts zurück­zu­nehmen: „Es gibt keinen Grund zu behaupten, man habe seine Meinung geän­dert“ – er meinte sich selbst –, „wenn man heute gegen das Abha­cken von Händen ist und gestern gegen die Folter des Savak war“. Es war ihm immer nur darum gegangen zu beob­achten und fest­zu­halten, dass sich im Iran Menschen „mit bloßen Händen“ gegen eine für sie uner­träg­liche Macht gewehrt hätten – ohne dass sich daraus ein linkes Revo­lu­ti­ons­bild malen ließe oder das neue Regime zu recht­fer­tigen wäre. Es bleibe nur die Fest­stel­lung: „Menschen erheben sich, das ist eine Tatsache“. Diese „Tatsache“ habe eine gera­dezu geschichts­phi­lo­so­phi­sche Bedeu­tung, denn „auf diesem Wege“ gelange „die Subjek­ti­vität (nicht die der großen Männer, sondern jedes belie­bigen Menschen) in die Geschichte und haucht ihr Leben ein“. Das müsse, so Foucault weiter, in keiner Weise heißen, sich mit den Aufstän­di­schen vom letzten Jahr zu „soli­da­ri­sieren“, sondern nur, die Subjek­ti­vität des Sich-Erhebens, die Frei­heit des Nein-Sagens gegen alle „Bedin­gungen“ und „Kausal­ketten“ der Geschichte in den Vorder­grund zu rücken.

Ein neues Denken

Foucault berührte damit zwei sehr grund­sätz­liche Punkte. Zum einen war das sein Abge­sang auf die Revo­lu­tion, wie sie seit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion den Linken als die Hoff­nung auf eine licht­volle Zukunft gegolten hatte. Nach allem, was er im Iran gesehen hatte, wollte er „die naive und etwas fieb­rige Frage stellen, ob diese Revo­lu­tion“ – er meinte das west­liche Modell – „denn wirk­lich so wünschens­wert sei“. Die impli­zite Antwort lautete ‚Nein‘. Real und gleich­zeitig „ein Rätsel“ bleibe dagegen die „Erhe­bung“: Die Tatsache eben, dass Menschen trotz aller Widrig­keiten sich den scheinbar vorge­zeich­neten Bahnen der Geschichte und ihres Schick­sals entge­gen­stellen. Daher begann Foucault nun zum andern darüber nach­zu­denken, wie diese Frei­heit des Subjekts theo­re­tisch vorge­stellt werden könnte – eines Subjektes, das eben doch nicht so voll­ständig von der Macht bestimmt war, wie er in Über­wa­chen und Strafen behauptet hatte (mit einem welt­weiten intel­lek­tu­ellen Echo bis heute). Es war der Zeit­punkt, von dem an Foucault begann, von den „Selbst­ver­hält­nissen“ zu spre­chen, von den „Tech­no­lo­gien des Selbst“, die es einem erlauben, „Kritik zu üben“, ein „Leben in Frei­heit“ zu führen, „frei­mütig die Wahr­heit zu sagen“ und der Macht zu wider­stehen. All diese Themen, die das Denken Foucaults in den frühen 1980er Jahren beschäf­tigten und die heute zu den wich­tigsten intel­lek­tu­ellen Refe­renzen in der Diskus­sion über das gehören, was man das Subjekt nennt und was damit uns alle meint, haben ihren Ausgangs­punkt nicht zuletzt in der Erfah­rung jener „poli­ti­schen Spiri­tua­lität“, die ihn im Herbst 1978 in Teheran so faszi­niert hatte.

 

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