In einer Reflexion über das „Inhumane“ aus dem Jahr 1988 skizzierte Jean-François Lyotard, Denker der Postmoderne, eine bedenkliche Diagnose seiner Zeit. Schon damals lösten nach ihm wissenschaftliche und mediale Entwicklungen die Gegenwart zunehmend auf. Zu fragen bleibt, wie dieser Vision heute zu begegnen ist.

  • Raji C. Steineck

    Raji C. Steineck ist Philosoph und Philologe. Er lehrt Japanologie an der Universität Zürich und forscht über symbolische Formen, die Geschichte der Zeitauffassungen und die kritische Theorie der Kultur.

Vor knapp vierzig Jahren formu­lierte der fran­zö­si­sche Philo­soph Jean-François Lyotard eine Zeit- und Medi­en­kritik, die heute noch brisant anmutet. In seinem Text L’inhumain: Causerie sur le temps (dt. Das Inhu­mane: Plau­de­reien über die Zeit) schrieb er:

Es hat nicht den Anschein, als könnte man die gene­ra­li­sierte Zugäng­lich­keit, die uns die neuen kultu­rellen Güter anbieten, als Fort­schritt bezeichnen. Das Eindringen des technisch-wissenschaftlichen Appa­rats in die Sphäre der Kultur bedeutet keines­wegs eine Zunahme an Erkenntnis, Sensi­bi­lität, Tole­ranz und Frei­heit. Durch die Verstär­kung dieser Appa­ratur fördert man nicht, wie die Aufklä­rung noch hoffen konnte, die Eman­zi­pa­tion des mensch­li­chen Geistes. Wir machen eher die umge­kehrte Erfah­rung: neue Barbarei, Neo-Analphabetismus, Verar­mung der Sprache, neue Armut, erbar­mungs­lose Umge­stal­tung der öffent­li­chen Meinung durch die Medien, der Geist zur Armse­lig­keit verur­teilt, die Seele zur Obso­les­zenz. (81)*

Dem Inhalt, wenn auch nicht der Sprache nach, ist diese Diagnose so aktuell wie damals. Schon das spricht dafür, dass das Buch von 1988, in dem diese Diagnose steht, eine Relek­türe lohnt. Hinzu kommt, dass sein Autor exem­pla­risch für die intel­lek­tu­elle Rich­tung der ‹Post­mo­derne› steht, auf die das konser­va­tive Feuil­leton seit einiger Zeit zusammen mit dem ‹Wokeismus› einschlagen zu müssen glaubt. Was also sagt der Text über seine und unsere Zeit, und was sagt er über die Postmoderne?

Das «Jetzt» als verpasstes Jetzt

Lyotard beginnt mit einer grund­sätz­li­chen Beob­ach­tung: Jegliche Darstel­lung von Zeit muss als Akt in einer Gegen­wart statt­finden; diese Gegen­wart kann jedoch als solche nicht einfach wieder­ge­geben, nicht ohne Verän­de­rung re-präsentiert werden. Ihrer Darstel­lung als ein «Jetzt» – gedacht als Punkt auf einer Zeit­linie, die aus der konti­nu­ier­li­chen Neuer­zeu­gung solcher Punkte hervor­geht – entgeht genau das, was die Gegen­wart zur Gegen­wart macht: ihre Unver­füg­bar­keit und Unwie­der­bring­lich­keit, oder, wie Lyotard es ausdrückt, ihr Charakter als «Ereignis.» Für Lyotard bedeutet dieser Vorgang, dass «das Bewusst­sein» – l’ésprit (die deut­sche Über­set­zung von Chris­tine Pries spricht vom «Geist», aber die von Lyotard durch­ge­se­hene engli­sche von «mind») – im Ange­wie­sen­sein auf die Gegen­wart «enteignet» wird (dépro­prié) bzw. «das Selbst nicht Herr über sich selbst ist» (was bei genauer Betrach­tung nicht dasselbe ist; aber dazu später). Hier ist zunächst einmal das Motiv fest­zu­halten, dem Lyotard seine Rede «unter­stellt»: nämlich die «grund­sätz­liche Empfäng­lich­keit» oder Durch­läs­sig­keit (passi­bi­lité) des Bewusst­seins für etwas, das nicht aus ihm kommt. Das Bewusst­sein ist demnach prin­zi­piell offen für Alterität, Diskon­ti­nuität, Differenz.

Dabei ist sich Lyotard bewusst, dass diese Posi­tion «als ihren Wider­part und ihre Ergän­zung» die Fähig­keit zur Synthesis, zum Zusam­men­bringen des Diskon­ti­nu­ier­li­chen, voraus­setzt. Deren Extrem bildet der voll­kom­mene Verstand, oder, wie Lyotard mit Bezug auf Leibniz sagt, «Gott» als die «abso­lute Monade», der alles auf einmal gegen­wärtig ist – und die entspre­chend den irrever­si­blen Ablauf der Zeit tran­szen­diert. Zu dem, was Lyotard selbst zu denken versucht, passt dann jedoch eher Spinozas Wendung deus sive natura (Gott oder auch Natur): Lyotard entwirft das Bild einer kosmi­schen Entwick­lung, in der die Fähig­keit des Verschie­denen, sich zu verbinden, schon auf einer ganz elemen­taren Ebene ange­legt ist und sich von selbst zu immer komple­xeren Struk­turen erwei­tert. Das bringt ihn auf den «verfüh­re­ri­schen» (78) Gedanken, dass sich das Universum selbst zunächst Selbst­be­wusst­sein und schließ­lich den voll­kom­menen Verstand verschafft – und zwar zunächst durch die biolo­gi­sche Evolu­tion hin zum Menschen und dann durch die von diesem getra­gene tech­no­lo­gi­sche Entwick­lung. Der einzelne Mensch hat in dieser Sicht der kosmi­schen Entwick­lung keine eigen­stän­dige Rolle mehr, er ist ausfüh­rendes Organ eines über­ge­ord­neten Prozesses hin zu immer mehr Komplexität:

Es ist […] ein verfüh­re­ri­scher Gedanke, dass die soge­nannte Forschung und Entwick­lung […] viel eher die Auswir­kung eines ‹kosmo­lo­kalen› Komple­xi­fi­zie­rungs­pro­zesses ist als das Werk eines mensch­li­chen Genies, das sich der Entde­ckung des Wahren und der Reali­sie­rung des Guten verschrieben hat. (78)

Über die Mensch­heit hinaus

Selbst­iro­nisch merkt Lyotard ein paar Seiten später die Fiktio­na­lität dieses «Tableaus» an, das die von ihm andern­orts verab­schie­deten «großen Erzäh­lungen» gera­dezu ins Kosmi­sche über­stei­gert. Und doch scheint sie ihm die beste, wenn nicht die einzig über­zeu­gende Erklä­rung für das zu sein, was seit der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts in der soge­nannten Spit­zen­for­schung geschieht – nämlich einer­seits die Auswei­tung der Poten­ziale des mensch­li­chen Körpers von der Fort­pflan­zung bis zur Stei­ge­rung der physi­schen und intel­lek­tu­ellen Kräfte, ande­rer­seits die Loslö­sung der Spei­che­rung und Verar­bei­tung von Infor­ma­tionen vom mensch­li­chen Bewusst­sein. Das so entste­hende «Gedächtnis» (wenn es denn eines ist) scheint wesent­lich umfas­sender als alles, was mensch­liche Kultur mit tradi­tio­nellen symbo­li­schen Mitteln aufbe­wahrt und aufbe­wahren kann. Es hat aller­dings keinen indi­vi­du­ellen mensch­li­chen Träger mehr. Und noch die Mensch­heit fungiert in dieser Sicht nur als «vorüber­ge­hendes Vehikel» (82) des kosmi­schen Prozesses der Stei­ge­rung von Binnen­kom­ple­xität mit dem Ziel der voll­stän­digen Selbst­er­fas­sung des Univer­sums. Am Ende dieses Vorgangs stünde auch das Ende der Zeit, denn dem voll­ständig sich selbst präsenten Universum wäre alles zugleich.

Diese Über­le­gung anti­zi­piert zutref­fend die Visionen des «Trans­hu­ma­nismus», der seit dem Ende des 20. Jahr­hun­derts propa­giert wird und dem viele Treiber der gegen­wär­tigen tech­no­lo­gi­schen Entwick­lungen anhängen: Der Mensch und seine über den Körper vermit­telte zeit­liche wie räum­liche Loka­lität werden dort nur noch als lästiges Hindernis betrachtet, das es zu über­winden gilt. Die Inhu­ma­nität der tech­no­lo­gi­schen Entwick­lung hebt sich aber im Verspre­chen der Selbst­ver­voll­komm­nung des Univer­sums auf; denn die obsolet gewor­denen Indi­vi­duen bleiben als Spuren im kosmi­schen Gedächtnis bewahrt.

Ersicht­lich greift Lyotards Hypo­these den älteren speku­la­tiven Gedanken auf, dass Gott (oder die Natur, wie man will) sich im und durch den Menschen gewis­ser­maßen über sich selbst verstän­digt. Nur wird dieser Gedanke hier nun im Licht des Poten­zials elek­tro­ni­scher Kommu­ni­ka­tion und Daten­ver­ar­bei­tung erwei­tert, hinein in einen Bereich, der über die Mensch­heit hinaus­weist. Lyotard bemerkt denn auch an späterer Stelle, wie «fremd» diese Idee seinem Denken eigent­lich sei – bestärkt sie aber durch den Verweis auf real exis­tente Struk­turen noch weiter.

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Waren­ver­kehr und Wissen

Lyotards Schlüs­sel­bei­spiel ist der Waren­ver­kehr. Dort wird ein Gegen­stand a von Person X unter der Bedin­gung an Person Y weiter­ge­geben, dass Y im Gegenzug einen anderen Gegen­stand an X abtritt. Dabei ist es gleich­gültig, ob – wie Lyotard es darstellt – die Ware zuerst und die Bezah­lung danach, oder, wie ebenso üblich, erst das Geld und dann die Ware über­geben wird. Entschei­dend ist, dass im Waren­tausch der zweite Akt die Bedin­gung des ersten darstellt und damit «das Zukünf­tige wie gegen­wärtig» (83) ange­sehen werden kann. Wo das nicht der Fall ist – etwa beim Kredit, der die Zahlung in eine fernere Zukunft verschiebt und damit der Gefahr der Unge­wiss­heit unter­stellt – erhält die Zeit selbst einen Preis, mit dem sie wiederum abge­golten ist. Hier handelt es sich um einen Mecha­nismus, um zukünf­tige Kontin­genz ‹einzu­preisen› und damit wie schon geschehen zu behan­deln. Lyotard arti­ku­liert das erhel­lende, wenn auch hyper­bo­lisch formu­lierte «Prinzip»: «dass Geld nichts weiter ist als Zeit, die gespei­chert und verfügbar gemacht wird.» (84) Die Analogie mit der vorher expo­nierten Struktur der voll­kom­menen Monade ist offen­kundig: in beiden Fällen wird die Bindung an die Gegen­wart, die das mensch­liche Bewusst­sein ausmacht, aufge­löst, Vergan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft werden egalisiert.

Eine Analogie zum Bereich der Erkenntnis sieht Lyotard in der Präfe­renz für exaktes Wissen: also im Bestreben, die Gegen­stände der Erkenntnis möglichst eindeutig zu arti­ku­lieren, mit verläss­lich erheb­baren Daten in Verbin­dung zu bringen und ihre Zusam­men­hänge auf Formeln zu bringen, die sie repro­du­zierbar machen. So wird einer­seits die Kontrolle des jewei­ligen Gesche­hens ermög­licht – also «Ereignis» und damit «Gegen­wart» im prägnanten Sinn elimi­niert – und ande­rer­seits die effi­zi­ente Produk­tion von Waren/Wissen gefördert:

Die für den wissen­schaft­li­chen Prozess erfor­der­li­chen Tech­no­lo­gien bahnen den Weg für die Produk­tion und Distri­bu­tion neuer Waren, die entweder direkt der wissen­schaft­li­chen Forschung dienen oder für den Laien­ge­brauch modi­fi­ziert werden können. Mindes­tens in diesem Maße werden Erkennt­nis­mittel zu Produk­ti­ons­mit­teln […]. Das Kapital regiert nicht die Erkenntnis der Realität – es schafft die Realität der Erkenntnis. (89)

Das gilt Lyotard zufolge noch für jene Diskurse, die sich dieser Erkennt­nis­form wider­setzen wollen, wie er mit klarer Spitze gegen Habermas schreibt:

Unter diesen Bedin­gungen hört die Öffent­lich­keit auf, der Raum zu sein, in welchem sich ein Geis­tes­zu­stand erprobt, versucht und behauptet, der für das Ereignis offen ist, und in welchem der Geist – insbe­son­dere im Zeichen des ‹Neuen› – eine Vorstel­lung von eben diesem Zustand auszu­ar­beiten sucht. Der öffent­liche Raum verwan­delt sich heute in einen Markt für kultu­relle Güter, auf dem ‹das Neue› zu einer zusätz­li­chen Quelle von Mehr­wert geworden ist. (95)

Der Kapi­ta­lismus – die auf den Waren- und Geld­ver­kehr gegrün­dete Wirt­schafts­weise – ist damit auch für Lyotard der Mecha­nismus, der die Auflö­sung der Gegen­wart im prägnanten Sinn in das mensch­liche Leben hinein­trägt, ja, es dem Zwang zu solcher Loslö­sung unter­wirft. Der Mensch hat sich dieser Struktur einzu­fügen, wenn er weiter­leben will, auch wenn diese Struktur so beschaffen ist, dass sie à la longue die mensch­liche Exis­tenz­form vernichtet.

Wo bleibt der Widerstand?

Das klingt nach Marxismus, was sowohl die Aneig­nung von Lyotards Posi­tion in der akade­mi­schen Linken wie die Abnei­gung des konser­va­tiven Feuil­le­tons erklärt. Aber anders als Marx sieht Lyotard im Kapital «kein ökono­mi­sches und soziales Phänomen», sondern den «Schatten, den der Satz vom Grund auf die mensch­li­chen Bezie­hungen wirft.» (87) Mit anderen Worten, das Kapital fungiert für ihn als Agent des oben beschrie­benen Stre­bens nach exaktem Wissen, das jedes einzelne Geschehen als Glied einer prin­zi­piell wieder­hol­baren Kausal­reihe erfasst und damit die Gegen­wart in eine zeit­lose Ordnung auflöst. Letzt­end­lich erscheint Lyotard das Kapital somit als Funk­tion jenes Prozesses der kosmi­schen «Komple­xi­fi­zie­rung»: der Art und Weise, wie die Natur zur voll­kom­menen Durch­sich­tig­keit ihrer selbst gelangt. Und gegen diesen Vorgang scheint Lyotard zwar zum Wider­stand aufzu­rufen, aber ohne selbst dafür einstehen zu wollen. Das mag über­ra­schen, ist auf seine Weise aber nur (unge­wollt?) konse­quent. Denn wo das Ereignis als «Enteig­nung» des Bewusst­seins gedacht werden soll, darf es sich nicht als sein «Zeuge oder Garant» aufspielen. Das wäre nach Lyotard nicht nur «vermessen», sondern sogar ein «Verbre­chen» (93). Warum, erklärt er aller­dings nicht.

So aktuell der Text deswegen erscheint, wo er diagnos­tisch die Visionen der heutigen Thiels und Altmans anti­zi­piert, so proble­ma­tisch ist er in seinen erklä­renden Thesen – ein Ausdruck, gegen den Lyotard ironi­sche Distanz markiert. Aber Ironie ist, wie schon Hegel wusste, Ausdruck eines unglück­li­chen Bewusst­seins, das sich über die Natur seiner eigenen Setzungen nicht klar zu werden vermag. Bei Lyotard zeigt sich das darin, dass er latent das repro­du­ziert, wogegen er sich mani­fest wehrt: die Erset­zung des mensch­li­chen Bewusst­seins durch eine anonyme Auto­rität. Ersicht­lich wirkt hier ein Affekt gegen den Huma­nismus der Aufklä­rung und dessen Ansprüche auf das vernünf­tige Subjekt als Agent von Univer­sa­lität, Theo­rie­bil­dung, Verantwortlichkeit.

Dieser Affekt ist verständ­lich, wo die Aufklä­rung andere belehren will, statt vor der eigenen Haustür zu kehren und die Ratio­na­li­sie­rung von Unter­drü­ckung qua Verächt­lich­ma­chung anderer (der Frauen, des Prole­ta­riats, der Kolo­ni­sierten, der Fremden) zu bekämpfen. Lyotard hat zudem sicher­lich recht, dass «Ratio­na­lität ihren Namen nicht verdient, wenn sie die Rolle leugnet, welche die offene Empfäng­lich­keit und die unkon­trol­lierte Krea­ti­vität in den meisten Spra­chen, einschließ­lich der kogni­tiven, spielen» (91) – ein Hinweis, den akade­mi­sche Insti­tu­tionen dieser Tage bitter zu beachten nötig hätten. Aber das sollte gerade nicht dazu führen, dass man sich mit ihm nun einem Modell der Sprache verschreibt, nach dem Aussagen, «ohne im Entfern­testen in die Verant­wort­lich­keit der Spre­cher zu fallen», als «diskon­ti­nu­ier­liche Konkre­tionen eines konti­nu­ier­li­chen ‹Sprech­me­diums›» (90) vorzu­stellen sind: ein Modell, das heut­zu­tage eher an digi­tale Bubbles denken lässt, wobei Lyotard sich an dieser Stelle ganz zu Unrecht auf Merleau-Ponty, den Denker der kontin­genten, leib­lich gebun­denen Frei­heit beruft.

Kosmi­sche versus soziale Kräfte

Ganz im Gegen­teil: Nur wenn man, wie Merleau-Ponty, darauf besteht, dass die Frei­heit des Menschen gerade darin liegt (und Frei­heit über­haupt nur darin liegen kann), die jeweils gege­bene Situa­tion zu über­nehmen und mit Blick auf das zu gestalten, was man sich von ihren Möglich­keiten zu eigen zu machen entschließt – was bedeutet, Verant­wor­tung für diese Wahl zu über­nehmen –, lässt sich neben den reli­giösen Funda­men­ta­lismen auch dem «trans­hu­ma­nis­ti­schen» Heils­ver­spre­chen intel­lek­tuell wider­stehen. Nur dann kann man auch die Verhält­nisse, die derar­tige Projekte beför­dern, tref­fend benennen und ihnen entge­gen­treten. Denn die von Lyotard geschil­derten Prozesse werden nicht durch kosmi­sche, sondern durch soziale Kräfte und Struk­turen ermög­licht und in Gang gehalten, zu denen auch das ‹auto­ma­ti­sche Subjekt› des Kapi­tals gehört – Kräfte, gegen die letzt­lich in gesell­schaft­li­chen Ausein­an­der­set­zungen ange­gangen werden muss.

Das offene, sich seiner Grenzen wie Empfäng­lich­keit bewusste Denken ist dafür notwen­dige, aber keines­wegs hinrei­chende Bedin­gung. Erkenntnis über­setzt sich nicht von selbst in Wirk­lich­keit. Aber es ist mit Blick auf die Forde­rungen des Tages schon hilf­reich, zu erkennen, wie absehbar heutige Entwick­lungen bereits vor knapp vierzig Jahren gewesen sind. Schon dafür lohnt sich die Relek­türe von Lyotards Text.

 

* Jean-François Lyotard, L’inhumain: Causerie sur le temps, Paris: Editions Galilée 1988, S. 75. Deut­sche Über­set­zung: Jean-François Lyotard, Das Inhu­mane: Plau­de­reien über die Zeit, aus dem Fran­zö­si­schen von Chris­tine Pries, 4., über­ar­bei­tete Auflage, Wien: Passagen Verlag 2014. Zitate, manchmal in leicht modi­fi­zierter Form, nach dieser Ausgabe (Seiten­an­gabe in Klammer).