Zeig, was Du liest!

Was früher das geschickt platzierte Bildungszitat war, ist heute das Twittern eines Buchcovers. Verstärkt spielen dabei auch ‚Lesekreise‘ eine Rolle. Ein Gespräch über den Boom von Lesekreisen und die unterschiedlichen Interessen, die sich damit verbinden.



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Die Feuilletons sind in letzter Zeit voll mit Berichten über ‚Lesekreise‘: Promis wie Emma Watson, Reese Witherspoon oder Kim Kardashian gründen Buchclubs oder eben Lesekreise. Verlage wittern ein Geschäft und mischen dabei kräftig mit. Gerade ist ein neues Handbuch für Lesekreisees ist im deutschsprachigen Raum nicht das ersteauf den Markt gekommen. Was hat es mit dieser Entwicklung auf sich?

Sandro Zanetti: Claudia, Du forschst seit einigen Jahren über Lesekreise und hast also die ganze Bandbreite des Phänomens im Blick: Was sind Lesekreise überhaupt? Was heißt es, Bücher in einem Lesekreis zu lesen?

Claudia Dürr: Mitglieder eines Lesekreises lesen gerne, wobei die Lektüre eines Buchs mit dem Wissen einhergeht, dass man sich danach mit anderen, die dasselbe Buch gelesen haben, darüber austauscht. Diese Gewissheit einer Anschlusskommunikation unterscheidet sie von vielen anderen Leserinnen und Lesern, die ihre Lektüreeindrücke nicht, nur sporadisch oder in Einzelgesprächen mitteilen.

SZ: Das Wort „Lesekreis“ hängt für mich immer noch mit der ganz konkreten Vorstellung zusammen, dass Leute in einem Kreis sitzen, ein Buch dabeihaben und dann über das Gelesene sprechen. Das Bild des Kreises impliziert aber auch die Vorstellung von Geschlossenheit: drin sein oder nicht, zu diesem Kreis zu gehören, aber nicht zu jenem. Selbst dort, wo jemand in mehreren Lesekreisen ist, und das kommt ja durchaus vor, scheint der Kreis jeweils relativ geschlossen. Stimmt das Bild?

CD: Deine Vorstellung beschreibt eine mögliche Ausprägung von Lesekreisen, die sich real treffen. Privat organisierte Gruppen sind nicht zwingend verschlossen gegenüber neuen Mitgliedern, aber die Fluktuation ist im Vergleich zu institutionalisierten, öffentlichen Angeboten sehr niedrig. Häufig basieren private Lesekreise auf jahrelang gepflegten Verbindungen mit teils freundschaftlichen Beziehungen.

SZ: Wie muss man sich die Organisation von Lesekreisen vorstellen?

CD: Lesekreise können in Form von Face-to-Face-Treffen organisiert sein oder als Online-Reading-Groups, privat oder institutionell angebunden, mit Moderation oder ohne, als geschlossener Kreis oder offene Gruppe, mit vorgegebener Literaturliste oder gemeinsamer Entscheidungsfindung, was gelesen wird.

SZ: Aber um ein neues Phänomen handelt es sich dabei nicht wirklich, oder?

CD: Lesekreise sind kein neues Phänomen, auch nicht im deutschsprachigen Raum. Bei einer Recherche stellt man schnell fest, dass zahlreiche Gruppen seit über zehn Jahren existieren. Allerdings werden Lesekreise aktuell sichtbarer. Das liegt zum einen daran, dass nun auch der deutsche Literaturbetrieb diese Lesenden als Zielgruppe entdeckt und das Feuilleton seit zwei, drei Jahren vereinzelt, in den letzten Monaten verstärkt über diese Form des Lesens berichtet. Zum anderen differenzieren sich gegenwärtige Praktiken aus, häufig werden digitale und analoge Kommunikationsformen miteinander verbunden, etwa wenn die Diskussion eines analogen Literatursalons via Twitter ihre Fortsetzung mit anderen Beteiligten findet. Es gibt aber auch Online-Lesekreise, die für den digitalen Raum konzipiert sind, etwa #Twitlektüre auf Twitter als private Initiative oder Angebote auf kommerziellen Plattformen (wie lovelybooks.de).

SZ: Bleiben wir noch einen Moment bei den Lesekreisen, deren Mitglieder sich physisch in einem Raum treffen. Die wenigen Erfahrungen, die ich selber mit Lesekreisen habe, wecken bei mir das Bild von Bibelgruppen wach: Dort geht es einerseits darum, einen als maßgeblich qualifizierten Text möglichst ‚richtig‘ zu verstehen, andererseits darum, auch die eigene Lebenspraxis nach dem Gelesenen auszurichten. Außerdem gibt es Rollenverteilungen: diejenigen, die sich als besonders qualifiziert ansehen oder von anderen so angesehen werden wollen, die Zweifler, die Frager, diejenigen, die es ganz konkret haben wollen etc. Solche Rollenverteilungen gibt es auch in Lesekreisen, die sich für Literatur in einem weiteren Sinne interessieren. Wie würdest Du die Form von Gemeinschaft beschreiben, die in Lesekreisen stattfindet?

CD: Ich begreife Lesekreise als „Praxisgemeinschaften“ im Sinne des Konzepts des Soziologen Étienne Wenger: Sie zeichnen sich durch ein gemeinsames Unternehmen und geteilte Repertoires aus. Ob die angemessene Interpretation kanonisierter Werke oberstes Ziel ist oder es für die Gruppe zentral ist, aus der Lektüre entsprechend klug gewählter Bücher Schlüsse für das eigene Leben zu ziehen, hängt von der Gruppenidentität ab. Diese ist ausschlaggebender dafür, welche Bücher Lesekreise lesen und wie sie über diese diskutieren als das Profil oder die Expertise einzelner Mitglieder. Länger bestehende Kreise etablieren durchaus eigene Wertungsprinzipien, entwickeln spezifische „regimes of competences“, um nochmals einen Begriff von Wenger zu verwenden. Dennoch darf man sich Lesekreise nicht als abgeschlossene, autarke Entitäten vorstellen. Vielmehr sind sie eingebettet in einen konkreten sozialen und kulturellen Kontext. Für Literatur lesende Lesekreise ist der größere Bezugsrahmen durchaus das literarische Feld, dessen Logiken und Werte. Zugleich bringen Mitglieder Wissen, Erfahrungen und Kompetenzen aus unterschiedlichen Bereichen mit und ein.

SZ: Lesekreise als „Praxisgemeinschaften“ fördern den Dialog in einer Gruppe. Sie bilden damit vermutlich auch ein soziales Gegengewicht zur Einsamkeit der Lektüre?

CD: Die Einsamkeit der Lektüre ist ein Topos: Mich stört dieses Etikett, mit dem medial häufig die Attraktivität von Social Reading oder Literaturveranstaltungen und der Buchkäuferschwund gleichermaßen erklärt werden und Lesen nebenbei abgewertet wird, ein wenig. Denn diese Angebote ersetzen ja nicht die Lektüre. Diese bedarf nach wie vor des zeitweisen Rückzugs aus sozialen Interaktionen – und ich kenne keine Leserinnen und Leser, die diesen Prozess mit einem Gefühl der Einsamkeit konnotieren. Lesekreise sind für viele Mitglieder ein Anreiz, (wieder) regelmäßig zu lesen, kein Substitut.

SZ: Und nimmt dieser Anreiz heute zu? Gibt es mehr Lesekreise als noch vor zehn Jahren?

CD: Um einen Trend statistisch belegen zu können, bräuchten wir seriöse Zahlen, die wir für den deutschsprachigen Raum nicht haben. Schätzungen – es kursieren Zahlen von 30.000 bis 70.000 Kreisen – sind bei einem Format, das größtenteils im Privaten situiert ist, mit Vorsicht zu betrachten. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat neben seiner vielzitierten Buchkäufer-Studie auch versucht, mittels Fokusgruppen Motive der Nicht-mehr-Lesenden zu eruieren. Er kam unter anderem zu folgenden Befunden: Für diese Gruppe sind es nicht mehr Bücher, die soziale Bedürfnisse erfüllen (sondern z.B. Serien), Bücher sind aus dem Diskurs und dem persönlichen Umfeld verschwunden, und die Orientierung, was man lesen soll, fehlt. Genau diese Bedürfnisse werden nun allerdings von Lesekreisen erfüllt. Man könnte also interpretativ ableiten, dass, wenn sich das Gespräch über Literatur im Alltag nicht mehr von selbst ergibt, (manche) Leserinnen und Leser aktiv andere Gleichgesinnte suchen. Das setzt natürlich voraus, dass man der kulturellen Praxis Lesen nach wie vor einen hohen Stellenwert zuschreibt – und das tun unseren Studien zufolge Mitglieder von Literatur-Lesekreisen.

SZ: Lass uns bei diesen „Gleichgesinnten“ etwas verweilen: Man könnte ja zunächst meinen, dass diese in den Lesekreisen auf ein abgeschirmtes Glück der gegenseitigen Bestätigung sowie des Zuspruchs in ihrem Wunsch, zu lesen und das Gelesene zu diskutieren, treffen. Nun hast Du dich aber auch damit beschäftigt, wie die „Praxisgemeinschaften“ der Lesekreise mehr und mehr zu einer Zielgruppe werden: zu einer Zielgruppe des Buchhandels, der nun seinerseits sein Glück darin sucht, Lesekreise als tendenziell kaufkräftige Kundschaft zu adressieren: Wer als Verlag oder Buchhandlung Lesekreise auf seiner Seite weiß, kann auch seine Bücher besser verkaufen – kann man das so sagen?

CD: Informationen und Wertungen aus dem Literaturbetrieb werden sehr wohl in Lesekreisdiskussionen integriert. Abgesehen von impliziten Wirkungen geschah das bei den von uns untersuchten Gruppen ganz explizit in zwei Sequenzen: zunächst in der Vorstellung des jeweiligen Buchs zu Beginn einer Diskussion mittels recherchierter Paratexte und dann bei der Buchauswahl für das nächste Treffen. Seit etwa zwei Jahren adressieren Verlage im deutschsprachigen Raum aktiv Lesekreise, indem sie – wie etwa die Hanser Literaturverlage – auf Websites Zusatzmaterial zu ausgewählten Büchern anbieten Das können speziell für Lesekreise aufbereitete Fragen zum Buch sein, aber auch Paratexte wie Interviews mit dem Autor, der Autorin oder gestrichene Szenen (etwa zu Anja Kampmanns Roman). Ob diese Angebote künftig Einfluss auf die Buchauswahl von Lesekreisen haben werden, wird man beobachten müssen, für die Studie im Rahmen unseres Forschungsprojektes* spielten sie noch keine Rolle. Im angloamerikanischen Raum, wo die Buchbranche Lesekreise schon längst entdeckt hat, konnte ein Zusammenhang durchaus belegt werden. Lesekreise sind für den Handel insofern eine interessante Zielgruppe, als Mitglieder nicht nur selbst Bücher kaufen – sie sind allerdings auch bibliotheksaffin –, sondern in ihrem Umfeld als informierte Experten gelten und häufig mit anderen Lesekreisen vernetzt sind.

SZ: Wodurch Mitglieder von Lesekreisen zu ‚Influencern‘ im Dienste des Buchmarkts werden?

CD: Es vergeht kaum eine Lesekreisdiskussion ohne die rhetorische Wendung: Würdest Du dieses Buch empfehlen? Lesekreise sind also natürliche Multiplikatoren. Aktionen wie jene des Deutschen Buchpreises, der heuer zur Frankfurter Buchmesse ausgewählte Lesekreise mit Büchern versorgte, die anschließend ihre Eindrücke publizierten, sind Werbeaktionen für die Branche, die das ursprüngliche Lesekreis-Konzept gezielt öffnen. Gleichzeitig werden dadurch Praktiken von Social Reading sichtbar, in denen Rezipienten ganz selbstverständlich auch Produzenten sind und mit ihren Lektüreeindrücken auch eine Teilöffentlichkeit erreichen, wie es in unterschiedlichen Online-Foren bereits täglich geschieht – auf Plattformen mit kommerziellen Hintergründen, aber auch in selbst initiierten Social-Media-Gruppen. So wie sich im individuellen Lesen analoge und digitale Praktiken zunehmend verbinden und überschneiden, so wird sich wohl auch für Lesekreise diese Schnittstelle noch ausprägen.

SZ: Wobei vermutlich davon auszugehen ist, dass nicht alle Lesekreise Interesse daran haben, sich digital so zu vernetzen, dass ihre Aktivitäten einer breiteren Öffentlichkeit im Detail bekannt werden. Die Altersfrage dürfte hier eine Rolle spielen, ebenso die Bereitschaft oder gar der Wunsch nach Selbstdarstellung. Die am Anfang erwähnten Promibeispiele deuten darauf hin, dass die öffentlich inszenierte Verbundenheit mit dem Medium Buch zum Marketing nicht nur des Buchhandels beiträgt, sondern auch das ‚Self-Fashioning‘ der Celebrities befördern kann: Wer ‚seinen‘ Lesekreis in der Öffentlichkeit geschickt platzieren kann, scheint dadurch zumindest symbolisches Kapital generieren zu können. Wie schätzt Du die Komponente der Selbstinszenierung und des symbolischen Kapitals ein?

CD: Was früher das geschickt platzierte Bildungszitat war, ist heute das Twittern eines Buchcovers. Kulturelle Praktiken gehen stets mit Inszenierungsstrategien und Distinktionsmechanismen einher, das ist nicht neu. Und die Promi-Lesekreise in den USA fügen sich in den seit Oprah Winfreys Book Club in den 1990ern dort massenmedial aufbereiteten Kontext von Serien und Filmen (kürzlich: Book Club). Auffälliger erscheint mir, dass das deutsche Feuilleton darüber berichtet und nun, nachdem das Konzept Lesekreis lange mit einem ironischen ‚altbacken‘ kombiniert wurde, diese Form des Lesens schick zu finden beginnt. Als Antwort auf die vielbeschworene Lesekrise kann man momentan so etwas wie eine mediale Fetischisierung des Lesens beobachten. Der Trend zu Lesekreisen lässt sich in dieses öffentliche Bild fügen. Ich würde aber meinen, dass Lesekreis-Mitglieder größtenteils intrinsischen Motiven folgen.

SZ: Die da wären?

CD: Lesekreise erfüllen sowohl literaturbezogene als auch soziale Bedürfnisse. Sie stiften Sinn in Bezug auf Lektüren, aber auch Gemeinschaft, und in Ausnahmefällen auch mal eine Ehe…

* Das Forschungsprojekt „Kommunikation in Lesegemeinschaften“ wurde von Claudia Dürr, Doris Moser, Gerda Moser und Katharina Perschak 2015-2018 an der Universität Klagenfurt durchgeführt.