Was früher das geschickt platzierte Bildungszitat war, ist heute das Twittern eines Buchcovers. Verstärkt spielen dabei auch ‚Lesekreise‘ eine Rolle. Ein Gespräch über den Boom von Lesekreisen und die unterschiedlichen Interessen, die sich damit verbinden.

  • Claudia Dürr ist Lehrbeauftragte am Institut für Germanistik der Universität Wien sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Robert-Musil-Institut Klagenfurt. Ein Fokus ihrer wissenschaftlichen Arbeit liegt auf Praktiken des gegenwärtigen Literaturbetriebs.

Die Feuil­le­tons sind in letzter Zeit voll mit Berichten über ‚Lese­kreise‘: Promis wie Emma Watson, Reese Witherspoon oder Kim Karda­shian gründen Buch­clubs oder eben Lese­kreise. Verlage wittern ein Geschäft und mischen dabei kräftig mit.Gerade ist ein neues Hand­buch für Lese­kreisees ist im deutsch­spra­chigen Raum nicht das ersteauf den Markt gekommen. Was hat es mit dieser Entwick­lung auf sich?

Sandro Zanetti: Claudia, Du forschst seit einigen Jahren über Lese­kreise und hast also die ganze Band­breite des Phäno­mens im Blick: Was sind Lese­kreise über­haupt? Was heißt es, Bücher in einem Lese­kreis zu lesen?

Claudia Dürr: Mitglieder eines Lese­kreises lesen gerne, wobei die Lektüre eines Buchs mit dem Wissen einher­geht, dass man sich danach mit anderen, die dasselbe Buch gelesen haben, darüber austauscht. Diese Gewiss­heit einer Anschluss­kom­mu­ni­ka­tion unter­scheidet sie von vielen anderen Lese­rinnen und Lesern, die ihre Lektü­re­ein­drücke nicht, nur spora­disch oder in Einzel­ge­sprä­chen mitteilen.

SZ: Das Wort „Lese­kreis“ hängt für mich immer noch mit der ganz konkreten Vorstel­lung zusammen, dass Leute in einem Kreis sitzen, ein Buch dabei­haben und dann über das Gele­sene spre­chen. Das Bild des Kreises impli­ziert aber auch die Vorstel­lung von Geschlos­sen­heit: drin sein oder nicht, zu diesem Kreis zu gehören, aber nicht zu jenem. Selbst dort, wo jemand in mehreren Lese­kreisen ist, und das kommt ja durchaus vor, scheint der Kreis jeweils relativ geschlossen. Stimmt das Bild?

CD: Deine Vorstel­lung beschreibt eine mögliche Ausprä­gung von Lese­kreisen, die sich real treffen. Privat orga­ni­sierte Gruppen sind nicht zwin­gend verschlossen gegen­über neuen Mitglie­dern, aber die Fluk­tua­tion ist im Vergleich zu insti­tu­tio­na­li­sierten, öffent­li­chen Ange­boten sehr niedrig. Häufig basieren private Lese­kreise auf jahre­lang gepflegten Verbin­dungen mit teils freund­schaft­li­chen Beziehungen.

SZ: Wie muss man sich die Orga­ni­sa­tion von Lese­kreisen vorstellen?

CD: Lese­kreise können in Form von Face-to-Face-Treffen orga­ni­siert sein oder als Online-Reading-Groups, privat oder insti­tu­tio­nell ange­bunden, mit Mode­ra­tion oder ohne, als geschlos­sener Kreis oder offene Gruppe, mit vorge­ge­bener Lite­ra­tur­liste oder gemein­samer Entschei­dungs­fin­dung, was gelesen wird.

SZ: Aber um ein neues Phänomen handelt es sich dabei nicht wirk­lich, oder?

Wie Lesekreis-Gespräche auf Twitter eine Fort­set­zung finden können. Quelle: Twit­ter­ac­count @shorstkotte

CD: Lese­kreise sind kein neues Phänomen, auch nicht im deutsch­spra­chigen Raum. Bei einer Recherche stellt man schnell fest, dass zahl­reiche Gruppen seit über zehn Jahren exis­tieren. Aller­dings werden Lese­kreise aktuell sicht­barer. Das liegt zum einen daran, dass nun auch der deut­sche Lite­ra­tur­be­trieb diese Lesenden als Ziel­gruppe entdeckt und das Feuil­leton seit zwei, drei Jahren verein­zelt, in den letzten Monaten verstärkt über diese Form des Lesens berichtet. Zum anderen diffe­ren­zieren sich gegen­wär­tige Prak­tiken aus, häufig werden digi­tale und analoge Kommu­ni­ka­ti­ons­formen mitein­ander verbunden, etwa wenn die Diskus­sion eines analogen Lite­ra­tur­sa­lons via Twitter ihre Fort­set­zung mit anderen Betei­ligten findet. Es gibt aber auch Online-Lesekreise, die für den digi­talen Raum konzi­piert sind, etwa #Twit­lek­türe auf Twitter als private Initia­tive oder Ange­bote auf kommer­zi­ellen Platt­formen (wie lovelybooks.de).

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SZ: Bleiben wir noch einen Moment bei den Lese­kreisen, deren Mitglieder sich physisch in einem Raum treffen. Die wenigen Erfah­rungen, die ich selber mit Lese­kreisen habe, wecken bei mir das Bild von Bibel­gruppen wach: Dort geht es einer­seits darum, einen als maßgeb­lich quali­fi­zierten Text möglichst ‚richtig‘ zu verstehen, ande­rer­seits darum, auch die eigene Lebens­praxis nach dem Gele­senen auszu­richten. Außerdem gibt es Rollen­ver­tei­lungen: dieje­nigen, die sich als beson­ders quali­fi­ziert ansehen oder von anderen so ange­sehen werden wollen, die Zweifler, die Frager, dieje­nigen, die es ganz konkret haben wollen etc. Solche Rollen­ver­tei­lungen gibt es auch in Lese­kreisen, die sich für Lite­ratur in einem weiteren Sinne inter­es­sieren. Wie würdest Du die Form von Gemein­schaft beschreiben, die in Lese­kreisen stattfindet?

Lese­kreise – neuer­dings sogar Stoff für Filme. Aktuell: “Book Club” (2018), Quelle: cineman.ch

CD: Ich begreife Lese­kreise als „Praxis­ge­mein­schaften“ im Sinne des Konzepts des Sozio­logen Étienne Wenger: Sie zeichnen sich durch ein gemein­sames Unter­nehmen und geteilte Reper­toires aus. Ob die ange­mes­sene Inter­pre­ta­tion kano­ni­sierter Werke oberstes Ziel ist oder es für die Gruppe zentral ist, aus der Lektüre entspre­chend klug gewählter Bücher Schlüsse für das eigene Leben zu ziehen, hängt von der Grup­pen­iden­tität ab. Diese ist ausschlag­ge­bender dafür, welche Bücher Lese­kreise lesen und wie sie über diese disku­tieren als das Profil oder die Exper­tise einzelner Mitglieder. Länger bestehende Kreise etablieren durchaus eigene Wertungs­prin­zi­pien, entwi­ckeln spezi­fi­sche „regimes of compe­tences“, um noch­mals einen Begriff von Wenger zu verwenden. Dennoch darf man sich Lese­kreise nicht als abge­schlos­sene, autarke Enti­täten vorstellen. Viel­mehr sind sie einge­bettet in einen konkreten sozialen und kultu­rellen Kontext. Für Lite­ratur lesende Lese­kreise ist der größere Bezugs­rahmen durchaus das lite­ra­ri­sche Feld, dessen Logiken und Werte. Zugleich bringen Mitglieder Wissen, Erfah­rungen und Kompe­tenzen aus unter­schied­li­chen Berei­chen mit und ein.

SZ: Lese­kreise als „Praxis­ge­mein­schaften“ fördern den Dialog in einer Gruppe. Sie bilden damit vermut­lich auch ein soziales Gegen­ge­wicht zur Einsam­keit der Lektüre?

CD: Die Einsam­keit der Lektüre ist ein Topos: Mich stört dieses Etikett, mit dem medial häufig die Attrak­ti­vität von Social Reading oder Lite­ra­tur­ver­an­stal­tungen und der Buch­käu­fer­schwund glei­cher­maßen erklärt werden und Lesen nebenbei abge­wertet wird, ein wenig. Denn diese Ange­bote ersetzen ja nicht die Lektüre. Diese bedarf nach wie vor des zeit­weisen Rück­zugs aus sozialen Inter­ak­tionen – und ich kenne keine Lese­rinnen und Leser, die diesen Prozess mit einem Gefühl der Einsam­keit konno­tieren. Lese­kreise sind für viele Mitglieder ein Anreiz, (wieder) regel­mäßig zu lesen, kein Substitut. 

SZ: Und nimmt dieser Anreiz heute zu? Gibt es mehr Lese­kreise als noch vor zehn Jahren?

CD: Um einen Trend statis­tisch belegen zu können, bräuchten wir seriöse Zahlen, die wir für den deutsch­spra­chigen Raum nicht haben. Schät­zungen – es kursieren Zahlen von 30.000 bis 70.000 Kreisen – sind bei einem Format, das größ­ten­teils im Privaten situ­iert ist, mit Vorsicht zu betrachten. Der Börsen­verein des Deut­schen Buch­han­dels hat neben seiner viel­zi­tierten Buchkäufer-Studie auch versucht, mittels Fokus­gruppen Motive der Nicht-mehr-Lesenden zu eruieren. Er kam unter anderem zu folgenden Befunden: Für diese Gruppe sind es nicht mehr Bücher, die soziale Bedürf­nisse erfüllen (sondern z.B. Serien), Bücher sind aus dem Diskurs und dem persön­li­chen Umfeld verschwunden, und die Orien­tie­rung, was man lesen soll, fehlt. Genau diese Bedürf­nisse werden nun aller­dings von Lese­kreisen erfüllt. Man könnte also inter­pre­tativ ableiten, dass, wenn sich das Gespräch über Lite­ratur im Alltag nicht mehr von selbst ergibt, (manche) Lese­rinnen und Leser aktiv andere Gleich­ge­sinnte suchen. Das setzt natür­lich voraus, dass man der kultu­rellen Praxis Lesen nach wie vor einen hohen Stel­len­wert zuschreibt – und das tun unseren Studien zufolge Mitglieder von Literatur-Lesekreisen.

SZ: Lass uns bei diesen „Gleich­ge­sinnten“ etwas verweilen: Man könnte ja zunächst meinen, dass diese in den Lese­kreisen auf ein abge­schirmtes Glück der gegen­sei­tigen Bestä­ti­gung sowie des Zuspruchs in ihrem Wunsch, zu lesen und das Gele­sene zu disku­tieren, treffen. Nun hast Du dich aber auch damit beschäf­tigt, wie die „Praxis­ge­mein­schaften“ der Lese­kreise mehr und mehr zu einer Ziel­gruppe werden: zu einer Ziel­gruppe des Buch­han­dels, der nun seiner­seits sein Glück darin sucht, Lese­kreise als tenden­ziell kauf­kräf­tige Kund­schaft zu adres­sieren: Wer als Verlag oder Buch­hand­lung Lese­kreise auf seiner Seite weiß, kann auch seine Bücher besser verkaufen – kann man das so sagen?

CD: Infor­ma­tionen und Wertungen aus dem Lite­ra­tur­be­trieb werden sehr wohl in Lese­kreis­dis­kus­sionen inte­griert. Abge­sehen von impli­ziten Wirkungen geschah das bei den von uns unter­suchten Gruppen ganz explizit in zwei Sequenzen: zunächst in der Vorstel­lung des jewei­ligen Buchs zu Beginn einer Diskus­sion mittels recher­chierter Para­texte und dann bei der Buch­aus­wahl für das nächste Treffen. Seit etwa zwei Jahren adres­sieren Verlage im deutsch­spra­chigen Raum aktiv Lese­kreise, indem sie – wie etwa die Hanser Lite­ra­tur­ver­lage – auf Websites Zusatz­ma­te­rial zu ausge­wählten Büchern anbieten Das können speziell für Lese­kreise aufbe­rei­tete Fragen zum Buch sein, aber auch Para­texte wie Inter­views mit dem Autor, der Autorin oder gestri­chene Szenen (etwa zu Anja Kamp­manns Roman). Ob diese Ange­bote künftig Einfluss auf die Buch­aus­wahl von Lese­kreisen haben werden, wird man beob­achten müssen, für die Studie im Rahmen unseres Forschungs­pro­jektes* spielten sie noch keine Rolle. Im anglo­ame­ri­ka­ni­schen Raum, wo die Buch­branche Lese­kreise schon längst entdeckt hat, konnte ein Zusam­men­hang durchaus belegt werden. Lese­kreise sind für den Handel inso­fern eine inter­es­sante Ziel­gruppe, als Mitglieder nicht nur selbst Bücher kaufen – sie sind aller­dings auch biblio­theks­affin –, sondern in ihrem Umfeld als infor­mierte Experten gelten und häufig mit anderen Lese­kreisen vernetzt sind.

SZ: Wodurch Mitglieder von Lese­kreisen zu ‚Influ­en­cern‘ im Dienste des Buch­markts werden?

Der Deut­sche Buch­preis wirbt um Lese­kreise, Quelle: deutscher-buchpreis.de

CD: Es vergeht kaum eine Lese­kreis­dis­kus­sion ohne die rheto­ri­sche Wendung: Würdest Du dieses Buch empfehlen? Lese­kreise sind also natür­liche Multi­pli­ka­toren. Aktionen wie jene des Deut­schen Buch­preises, der heuer zur Frank­furter Buch­messe ausge­wählte Lese­kreise mit Büchern versorgte, die anschlie­ßend ihre Eindrücke publi­zierten, sind Werbe­ak­tionen für die Branche, die das ursprüng­liche Lesekreis-Konzept gezielt öffnen. Gleich­zeitig werden dadurch Prak­tiken von Social Reading sichtbar, in denen Rezi­pi­enten ganz selbst­ver­ständ­lich auch Produ­zenten sind und mit ihren Lektü­re­ein­drü­cken auch eine Teilöf­fent­lich­keit errei­chen, wie es in unter­schied­li­chen Online-Foren bereits täglich geschieht – auf Platt­formen mit kommer­zi­ellen Hinter­gründen, aber auch in selbst initi­ierten Social-Media-Gruppen. So wie sich im indi­vi­du­ellen Lesen analoge und digi­tale Prak­tiken zuneh­mend verbinden und über­schneiden, so wird sich wohl auch für Lese­kreise diese Schnitt­stelle noch ausprägen. 

SZ: Wobei vermut­lich davon auszu­gehen ist, dass nicht alle Lese­kreise Inter­esse daran haben, sich digital so zu vernetzen, dass ihre Akti­vi­täten einer brei­teren Öffent­lich­keit im Detail bekannt werden. Die Alters­frage dürfte hier eine Rolle spielen, ebenso die Bereit­schaft oder gar der Wunsch nach Selbst­dar­stel­lung. Die am Anfang erwähnten Promib­ei­spiele deuten darauf hin, dass die öffent­lich insze­nierte Verbun­den­heit mit dem Medium Buch zum Marke­ting nicht nur des Buch­han­dels beiträgt, sondern auch das ‚Self-Fashioning‘ der Cele­bri­ties beför­dern kann: Wer ‚seinen‘ Lese­kreis in der Öffent­lich­keit geschickt plat­zieren kann, scheint dadurch zumin­dest symbo­li­sches Kapital gene­rieren zu können. Wie schätzt Du die Kompo­nente der Selbst­in­sze­nie­rung und des symbo­li­schen Kapi­tals ein?

Emma Watson und ihr Buch­club “Our Shared Shelf”, Quelle: Instagram-Account emmawatson

CD: Was früher das geschickt plat­zierte Bildungs­zitat war, ist heute das Twit­tern eines Buch­co­vers. Kultu­relle Prak­tiken gehen stets mit Insze­nie­rungs­stra­te­gien und Distink­ti­ons­me­cha­nismen einher, das ist nicht neu. Und die Promi-Lesekreise in den USA fügen sich in den seit Oprah Winfreys Book Club in den 1990ern dort massen­me­dial aufbe­rei­teten Kontext von Serien und Filmen (kürz­lich: Book Club). Auffäl­liger erscheint mir, dass das deut­sche Feuil­leton darüber berichtet und nun, nachdem das Konzept Lese­kreis lange mit einem ironi­schen ‚altba­cken‘ kombi­niert wurde, diese Form des Lesens schick zu finden beginnt. Als Antwort auf die viel­be­schwo­rene Lese­krise kann man momentan so etwas wie eine mediale Feti­schi­sie­rung des Lesens beob­achten. Der Trend zu Lese­kreisen lässt sich in dieses öffent­liche Bild fügen. Ich würde aber meinen, dass Lesekreis-Mitglieder größ­ten­teils intrinsi­schen Motiven folgen.

SZ: Die da wären?

CD: Lese­kreise erfüllen sowohl lite­ra­tur­be­zo­gene als auch soziale Bedürf­nisse. Sie stiften Sinn in Bezug auf Lektüren, aber auch Gemein­schaft, und in Ausnah­me­fällen auch mal eine Ehe…

* Das Forschungs­pro­jekt “Kommu­ni­ka­tion in Lese­ge­mein­schaften” wurde von Claudia Dürr, Doris Moser, Gerda Moser und Katha­rina Perschak 2015-2018 an der Univer­sität Klagen­furt durchgeführt. 
  • Claudia Dürr ist Lehrbeauftragte am Institut für Germanistik der Universität Wien sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Robert-Musil-Institut Klagenfurt. Ein Fokus ihrer wissenschaftlichen Arbeit liegt auf Praktiken des gegenwärtigen Literaturbetriebs.