Wozu Gender Studies heute

Die Tradition und Erbschaft der Gender Studies zielt auf ein Denken, das immer wieder festgefahrene Positionen in Frage stellt. Es geht eben nicht darum, eine „Ideologie“ durchzusetzen und Diskussionen zu beenden, sondern um die Möglichkeit, die Welt nochmals anders zu denken.



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Wo stehen wir mit den Gender Studies heute? Wozu braucht es sie – in den einzelnen Disziplinen und als Forschungsanliegen, das die verschiedenen Disziplinen verbindet? Bei dem folgenden kleinen Parcours in die Vergangenheit ist mir wichtig, was Sigmund Freud in Bezug auf die Arbeit der Fantasie zum Ausdruck brachte: Die Denkarbeit, die zu leisten ist, richtet sich nicht nur auf eine Bestandsaufnahme der Vergangenheit und Gegenwart, sondern ist in die Zukunft gerichtet. Die Frage, wo sind wir hergekommen, ist an die Frage geknüpft: Wo wollen wir hin? So gilt es das, was bereits in den Gender Studies geleistet worden ist, in die Gegenwart zurückzurufen, damit es auch in Zukunft erinnert werden kann. Es ist eine Frage der legacy, die uns etwas über das Heute verstehen lässt, für eine noch offene Zukunft.

Kanon

Als ich in den 1980er Jahren in München studierte, hörte ich einen sehr beeindruckenden Vortrag der Schriftstellerin Sarah Paretsky. Nach der Wende und somit dem Ende des Kalten Krieges verlor die spy fiction im Bereich der Kriminalliteratur an Brisanz; in diese Lücke traten Autorinnen, die sich die männliche Tradition der hard boiled detective fiction aus bewusst weiblicher Sicht aneignen und umschreiben wollten. Zusammen mit Sue Graften hatte Paretsky den Verband Sisters in Crime gegründet. Was mich an jenem Abend besonders beeindruckte: Um die historische literarische Tradition zu beschreiben, in die sie mit ihren Romanen intervenieren wollte, erinnerte sie an eine Buch-Serie von Biografien bedeutender Figuren der amerikanischen Geschichte, die ich aus meiner eigenen Jugend kannte. Die Bücher über das Leben der Frauen – von Pokahontas, Martha Washington, Abigail Adams, Julia Ward Howe, Susan B. Anthony (um nur einige zu nennen) – hatten einen roten Einband, die der Männer einen blauen. Vor dem Regal, in dem die Bücher standen, hatte man – und eben das war, woran Paretsky uns erinnerte – mit einem Blick vor Augen, wie wenig Frauen in diesem Kanon vertreten waren.

Revisitation und Erbschaft

Paretskys Punkt allerdings war ein anderer, ihr ging es darum festzuhalten: So schmal dieser Kanon damals in den 1960er Jahren auch war, er bildete doch eine Tradition ab, auf die wir aufbauen konnten, aber nur, wenn wir immer wieder die Brücke zu dieser Vergangenheit schlagen. Blickt man nämlich – und das war ja das große Anliegen jener women studies in den 1970er und 1980er Jahren, aus denen dann die Gender Studies erwachsen sind – in die Vergangenheit, macht man erstaunliche Entdeckungen. Nicht nur waren beispielsweise im 18. Jahrhundert Autorinnen ebenso wirtschaftlich erfolgreich wie ihre Kollegen. In der Frühen Neuzeit, also bis 1660, gab es zahlreiche Berufe, die Frauen in England ausüben konnten; dies war nur eben am Ende des langen, dunklen 19. Jahrhunderts vergessen worden. Auch eine Praxis weiblicher Bildung lässt sich mindestens bis ins Mittelalter zurückverfolgen, ebenso die Macht weiblicher Souveräne (und ihre Kriegslust); aber auch diese Tradition geriet im Laufe einer bürgerlichen Privilegierung weiblicher Häuslichkeit wieder in Vergessenheit. Der Punkt von Archivarbeit – die in so vielen universitären und ausseruniversitären Kontexten geleistet wird – bestand darin, wie auch Tillie Olson mit dem Titel ihres Bestsellers Silences hervorhob, den Frauen, deren Stimmen verschollen und verklungen waren, wieder Gehör zu verschaffen. Doch auch eine Mahnung ging aus der Arbeit dieser ‚Archivarbeiter_innen‘ hervor: Es hat die gelehrten Frauen und Künstlerinnen punktuell immer gegeben. Was ihnen allerdings nicht gelingen wollte, war eine Verstetigung ihrer Tätigkeit. Erst wenn die Töchter, Enkelinnen und Urenkelinnen an einer Tradition des weiblichen Denkens, Konzipierens und Schaffens weiterarbeiten, hat diese eine Zukunft.

Mein Anliegen bezüglich der heutigen Gender Studies wäre also einerseits die Verantwortung für eine Erbschaft zu übernehmen; eine Rückkehr zu dem, was bereits gedacht wurde im Sinne einer revisitation. Dabei geht es sowohl darum, diese Arbeit nochmals auf das hin zu befragen, was man von ihr lernen kann, als auch sicherzustellen, dass diese wissenschaftliche und künstlerische Arbeit nicht wieder unsichtbar wird, aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet. Das kann nämlich erstaunlich schnell passieren.

Aneignung und Umdeutung

Vor einigen Jahren wurde ich gebeten, für eine deutsche Wochenzeitung einen Text über eine Ausstellung zu vier Impressionistinnen – Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès und Marie Bracquemond – in der Schirn in Frankfurt zu schreiben. Gab es eine spezifisch weibliche Art, das moderne Leben zu malen? – lautete die Frage. Zuerst war ich etwas erstaunt darüber, dass das 2008 überhaupt noch eine Frage sein konnte. Dann begann ich aber bei meinen Kolleginnen herumzufragen und stellte fest: Kaum eine kannte auch nur eine dieser Malerinnen, sie waren im öffentlichen Bewusstsein nicht mehr präsent.

In diesem Sinne würde ich auch heute, mehr als noch vor einigen Jahren, darauf beharren, wie lohnend es ist, nochmals zurückzuschauen auf die Anliegen und Fragestellungen, die Entdeckungen und Selbstkritik, die Denkformeln und Rhetoriken, die die Bewegung von women studies und feminist studies auf dem Weg hin zu gender studies in ihrer viel breiteren Ausdifferenzierung (queer theory, studies in hyphenated identities, eco criticism) begleitet hat. Warum, könnte man fragen, hat man bestimmte Anliegen aufgegeben? Wäre es sinnvoll, diese nochmals aufzugreifen? In welchem Sinne ließen sie sich fruchtbar umdeuten?

Die Gegenbewegung zu jener revisitation dessen, was schon gedacht, erforscht, geschaffen worden ist, beinhaltet eine Aneignung, Umdeutung, Verhandlung und Readjustierung dieser legacy für die Jetztzeit. Nietzsche – der für die Dekonstruktivistinnen ein so wichtiges Vorbild war – hat zwar davor gewarnt, die Vergangenheit zum Totengräber der Gegenwart werden zu lassen. Er hat aber auch unseren Blick auf die Frage geleitet, wie man das Potential der Gegenwart am besten sich entfalten lassen kann. Wie werden die Anliegen unserer Gegenwart neu erfassbar, wenn man die Hoffnungen, die in einer Tradition des Denkens und Arbeitens liegen, im Sinne einer radikalen Hoffnung für die Zukunft reformuliert?

Mis-Reading und Sehschulung

Die Frage der legacy beinhaltet immer auch das, was die beiden Doyennen der women’s studies – Sandra Gilbert und Susan Gubar – mit ihrem Buch The Mad Woman in the Attic gezeigt haben: ein produktives mis-reading. Anliegen, Fragen, Erklärungsvorschläge der Vorfahren oder Vorfahrinnen gegen den Strich zu lesen, um so dort etwas herauszuarbeiten, was für die Gegenwart produktiv ist.

Mein eigenes Verständnis von Gender Studies bestand in diesem Sinn von Anfang an in einer Intervention im kulturellen Imaginären, in einer Refigurierung und Umschrift der literarischen, visuellen und kulturellen ‚Texte‘, mit denen ich mich beschäftigte. Die verwegene Hoffnung lag – das hatte ich sowohl bei Theoretikerinnen als auch bei Künstlerinnen gelernt – in einer Seh-Schulung, die durchaus reale Konsequenzen haben könnte. Das heisst, Figuren und Positionen wieder in Erinnerung zu rufen, die vergessen worden sind. Die Seh-Schulung, an der mir gelegen ist, heisst aber auch, durch eine andere, vielleicht sogar ‚vermessene‘ Art der Betrachtung, die Spuren, Verbindungslinien, Konstellationen sichtbar zu machen, die bislang unbeachtet geblieben sind. Mit anderen Worten: Es geht mir um ein hermeneutisches Verfahren, das ich crossmapping nenne.

Was heisst das? Liest man etwa einen Film wie Vertigo von Alfred Hitchcock zusammen mit Shakespeares Wintermärchen, da in beiden eine geliebte Frau von den Toten wiederkehrt, darf man sich fragen, warum sie bei Hitchcock ein zweites Mal sterben muss, bei Shakespeare hingegen eine re-marriage (im Sinne des Philosophen Stanley Cavell), also ein potentiell glückliches Ende möglich wird. Warum – und das wird zu einer politischen und ethischen Frage – obsiegt im Fall des Psychothrillers eine tragische Deutung von Welt, obgleich sie gar nicht nötig wäre? Im Wintermärchen kann die Frau von den Toten zurückkehren und der Mann seine Einstellung zur Frau ändern, weil er tiefe Reue empfindet. So liegt in jeder Tragödie eine Spur Hoffnung – es könnte auch anders ausgehen. Was allerdings braucht es, damit nicht das Tragische zur Notwendigkeit stilisiert wird? Meinen Optimismus, dass dies möglich ist, leite ich aus jener Prämisse ab, die besagt: Unser Zugang zur Welt verläuft über Interpretationen, Darstellungen und Fragestellungen, die wir selbst bestimmen und umleiten können. Durch unsere Arbeit wird Bewusstsein verändert, es geht darum, in Erinnerung zu rufen, was einmal anders war, es geht um eine Aneignung dessen, was uns nicht zusteht bzw. zugestanden wird und es geht um eine Vorstellung darum, dass es anders sein kann, als die scheinbare Notwendigkeit diktiert.

Crossmapping betrifft zwar nicht nur geschlechtsspezifische Themen und Fragestellungen, doch ein Gegen-den-Strich-Lesen, ein quer angelegter Blick auf Vertrautes, ein Zusammenlesen dessen, was sonst getrennt behandelt wird, die Einbindung des gegenwärtigen politischen Kontextes in die wissenschaftliche Arbeit – all das geht als intellektuelle Haltung auch auf die theoretischen Anliegen der Gender Studies zurück.

Die Probleme, mit denen wir uns in der Gegenwart konfrontiert finden, zeigen einmal mehr die Notwendigkeit, durch die Linse der Gender Studies auf die Welt zu blicken. Dies besonders in einem Jahr, in dem wir auf eindrückliche und beunruhigende Weise vor Augen geführt bekommen, wie sehr es bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen um die Frage von Gender immer gegangen ist: insbesondere in der medial ubiquitär präsenten Zurschaustellung aller Fantasien und Ängste, welche die Besetzung der Stelle des amerikanischen Präsidenten mit einer Frau auszulösen wusste. Zu verstehen, wo die Vehemenz der Aggression herkommt, was man ihr entgegnen kann, zeigt mir die Schnittstelle zwischen Gender Studies und deren Einwirkungsmöglichkeit in das politische und kulturelle Imaginäre unserer Gegenwart. Dort finden wir historische und gegenwärtige Denkfiguren, die es uns ermöglichen, auf die Problematiken, die uns jetzt umtreiben, zu regieren und andere Interpretationen anzubieten.

Mein Plädoyer ist es also, die Tradierung und Übersetzbarkeit in den Vordergrund der Frage zu rücken, wozu heute Gender Studies dienen: Sie bieten die Möglichkeit, neue Ideen und Praktiken für und miteinander zu generieren, als Ausdruck einer geteilten Verantwortung, die wir für eine noch offene Zukunft einnehmen.