Die Tradition und Erbschaft der Gender Studies zielt auf ein Denken, das immer wieder festgefahrene Positionen in Frage stellt. Es geht eben nicht darum, eine „Ideologie“ durchzusetzen und Diskussionen zu beenden, sondern um die Möglichkeit, die Welt nochmals anders zu denken.

  • Elisabeth Bronfen ist Kultur- und Literatur­wissen­schaftlerin; sie ist Professorin für Anglistik am Englischen Seminar der Universität Zürich.

Wo stehen wir mit den Gender Studies heute? Wozu braucht es sie – in den einzelnen Diszi­plinen und als Forschungs­an­liegen, das die verschie­denen Diszi­plinen verbindet? Bei dem folgenden kleinen Parcours in die Vergan­gen­heit ist mir wichtig, was Sigmund Freud in Bezug auf die Arbeit der Fantasie zum Ausdruck brachte: Die Denk­ar­beit, die zu leisten ist, richtet sich nicht nur auf eine Bestands­auf­nahme der Vergan­gen­heit und Gegen­wart, sondern ist in die Zukunft gerichtet. Die Frage, wo sind wir herge­kommen, ist an die Frage geknüpft: Wo wollen wir hin? So gilt es das, was bereits in den Gender Studies geleistet worden ist, in die Gegen­wart zurück­zu­rufen, damit es auch in Zukunft erin­nert werden kann. Es ist eine Frage der legacy, die uns etwas über das Heute verstehen lässt, für eine noch offene Zukunft.

Kanon

Sophie Matisse: Back in five minutes. Mona Lisa 1997, Quelle: www.sophiematisse.com

Sophie Matisse: Back in five minutes. Mona Lisa 1997, Quelle: sophiematisse.com

Als ich in den 1980er Jahren in München studierte, hörte ich einen sehr beein­dru­ckenden Vortrag der Schrift­stel­lerin Sarah Paretsky. Nach der Wende und somit dem Ende des Kalten Krieges verlor die spy fiction im Bereich der Krimi­nal­li­te­ratur an Brisanz; in diese Lücke traten Autorinnen, die sich die männ­liche Tradi­tion der hard boiled detec­tive fiction aus bewusst weib­li­cher Sicht aneignen und umschreiben wollten. Zusammen mit Sue Graften hatte Paretsky den Verband Sisters in Crime gegründet. Was mich an jenem Abend beson­ders beein­druckte: Um die histo­ri­sche lite­ra­ri­sche Tradi­tion zu beschreiben, in die sie mit ihren Romanen inter­ve­nieren wollte, erin­nerte sie an eine Buch-Serie von Biogra­fien bedeu­tender Figuren der ameri­ka­ni­schen Geschichte, die ich aus meiner eigenen Jugend kannte. Die Bücher über das Leben der Frauen – von Pokahontas, Martha Washington, Abigail Adams, Julia Ward Howe, Susan B. Anthony (um nur einige zu nennen) – hatten einen roten Einband, die der Männer einen blauen. Vor dem Regal, in dem die Bücher standen, hatte man – und eben das war, woran Paretsky uns erin­nerte – mit einem Blick vor Augen, wie wenig Frauen in diesem Kanon vertreten waren.

Revi­si­ta­tion und Erbschaft

Paretskys Punkt aller­dings war ein anderer, ihr ging es darum fest­zu­halten: So schmal dieser Kanon damals in den 1960er Jahren auch war, er bildete doch eine Tradi­tion ab, auf die wir aufbauen konnten, aber nur, wenn wir immer wieder die Brücke zu dieser Vergan­gen­heit schlagen. Blickt man nämlich – und das war ja das große Anliegen jener women studies in den 1970er und 1980er Jahren, aus denen dann die Gender Studies erwachsen sind – in die Vergan­gen­heit, macht man erstaun­liche Entde­ckungen. Nicht nur waren beispiels­weise im 18. Jahr­hun­dert Autorinnen ebenso wirt­schaft­lich erfolg­reich wie ihre Kollegen. In der Frühen Neuzeit, also bis 1660, gab es zahl­reiche Berufe, die Frauen in England ausüben konnten; dies war nur eben am Ende des langen, dunklen 19. Jahr­hun­derts vergessen worden. Auch eine Praxis weib­li­cher Bildung lässt sich mindes­tens bis ins Mittel­alter zurück­ver­folgen, ebenso die Macht weib­li­cher Souve­räne (und ihre Kriegs­lust); aber auch diese Tradi­tion geriet im Laufe einer bürger­li­chen Privi­le­gie­rung weib­li­cher Häus­lich­keit wieder in Verges­sen­heit. Der Punkt von Archiv­ar­beit – die in so vielen univer­si­tären und ausser­uni­ver­si­tären Kontexten geleistet wird – bestand darin, wie auch Tillie Olson mit dem Titel ihres Best­sel­lers Silences hervorhob, den Frauen, deren Stimmen verschollen und verklungen waren, wieder Gehör zu verschaffen. Doch auch eine Mahnung ging aus der Arbeit dieser ‚Archivarbeiter_innen‘ hervor: Es hat die gelehrten Frauen und Künst­le­rinnen punk­tuell immer gegeben. Was ihnen aller­dings nicht gelingen wollte, war eine Verste­ti­gung ihrer Tätig­keit. Erst wenn die Töchter, Enke­linnen und Uren­ke­linnen an einer Tradi­tion des weib­li­chen Denkens, Konzi­pie­rens und Schaf­fens weiter­ar­beiten, hat diese eine Zukunft.

Mein Anliegen bezüg­lich der heutigen Gender Studies wäre also einer­seits die Verant­wor­tung für eine Erbschaft zu über­nehmen; eine Rück­kehr zu dem, was bereits gedacht wurde im Sinne einer revi­si­ta­tion. Dabei geht es sowohl darum, diese Arbeit noch­mals auf das hin zu befragen, was man von ihr lernen kann, als auch sicher­zu­stellen, dass diese wissen­schaft­liche und künst­le­ri­sche Arbeit nicht wieder unsichtbar wird, aus dem öffent­li­chen Bewusst­sein verschwindet. Das kann nämlich erstaun­lich schnell passieren.

Aneig­nung und Umdeutung

Marcel Duchamp: "L.H.O.O.Q, Mona Lisa With Moustache" (1919), Quelle: www.wikiart.org

Marcel Duchamp: “L.H.O.O.Q, Mona Lisa With Moustache” (1919), Quelle: wikiart.org

Vor einigen Jahren wurde ich gebeten, für eine deut­sche Wochen­zei­tung einen Text über eine Ausstel­lung zu vier Impres­sio­nis­tinnen – Berthe Morisot, Mary Cassatt, Eva Gonzalès und Marie Brac­que­mond – in der Schirn in Frank­furt zu schreiben. Gab es eine spezi­fisch weib­liche Art, das moderne Leben zu malen? – lautete die Frage. Zuerst war ich etwas erstaunt darüber, dass das 2008 über­haupt noch eine Frage sein konnte. Dann begann ich aber bei meinen Kolle­ginnen herum­zu­fragen und stellte fest: Kaum eine kannte auch nur eine dieser Male­rinnen, sie waren im öffent­li­chen Bewusst­sein nicht mehr präsent.

In diesem Sinne würde ich auch heute, mehr als noch vor einigen Jahren, darauf beharren, wie lohnend es ist, noch­mals zurück­zu­schauen auf die Anliegen und Frage­stel­lungen, die Entde­ckungen und Selbst­kritik, die Denk­for­meln und Rheto­riken, die die Bewe­gung von women studies und femi­nist studies auf dem Weg hin zu gender studies in ihrer viel brei­teren Ausdif­fe­ren­zie­rung (queer theory, studies in hyphen­ated iden­ti­ties, eco criti­cism) begleitet hat. Warum, könnte man fragen, hat man bestimmte Anliegen aufge­geben? Wäre es sinn­voll, diese noch­mals aufzu­greifen? In welchem Sinne ließen sie sich fruchtbar umdeuten?

Die Gegen­be­we­gung zu jener revi­si­ta­tion dessen, was schon gedacht, erforscht, geschaffen worden ist, beinhaltet eine Aneig­nung, Umdeu­tung, Verhand­lung und Read­jus­tie­rung dieser legacy für die Jetzt­zeit. Nietz­sche – der für die Dekon­struk­ti­vis­tinnen ein so wich­tiges Vorbild war – hat zwar davor gewarnt, die Vergan­gen­heit zum Toten­gräber der Gegen­wart werden zu lassen. Er hat aber auch unseren Blick auf die Frage geleitet, wie man das Poten­tial der Gegen­wart am besten sich entfalten lassen kann. Wie werden die Anliegen unserer Gegen­wart neu erfassbar, wenn man die Hoff­nungen, die in einer Tradi­tion des Denkens und Arbei­tens liegen, im Sinne einer radi­kalen Hoff­nung für die Zukunft reformuliert?

Mis-Reading und Sehschulung

Die Frage der legacy beinhaltet immer auch das, was die beiden Doyennen der women’s studies – Sandra Gilbert und Susan Gubar – mit ihrem Buch The Mad Woman in the Attic gezeigt haben: ein produk­tives mis-reading. Anliegen, Fragen, Erklä­rungs­vor­schläge der Vorfahren oder Vorfah­rinnen gegen den Strich zu lesen, um so dort etwas heraus­zu­ar­beiten, was für die Gegen­wart produktiv ist.

Mein eigenes Verständnis von Gender Studies bestand in diesem Sinn von Anfang an in einer Inter­ven­tion im kultu­rellen Imagi­nären, in einer Refi­gu­rie­rung und Umschrift der lite­ra­ri­schen, visu­ellen und kultu­rellen ‚Texte‘, mit denen ich mich beschäf­tigte. Die verwe­gene Hoff­nung lag – das hatte ich sowohl bei Theo­re­ti­ke­rinnen als auch bei Künst­le­rinnen gelernt – in einer Seh-Schulung, die durchaus reale Konse­quenzen haben könnte. Das heisst, Figuren und Posi­tionen wieder in Erin­ne­rung zu rufen, die vergessen worden sind. Die Seh-Schulung, an der mir gelegen ist, heisst aber auch, durch eine andere, viel­leicht sogar ‚vermes­sene‘ Art der Betrach­tung, die Spuren, Verbin­dungs­li­nien, Konstel­la­tionen sichtbar zu machen, die bislang unbe­achtet geblieben sind. Mit anderen Worten: Es geht mir um ein herme­neu­ti­sches Verfahren, das ich cross­map­ping nenne.

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Was heisst das? Liest man etwa einen Film wie Vertigo von Alfred Hitch­cock zusammen mit Shake­speares Winter­mär­chen, da in beiden eine geliebte Frau von den Toten wieder­kehrt, darf man sich fragen, warum sie bei Hitch­cock ein zweites Mal sterben muss, bei Shake­speare hingegen eine re-marriage (im Sinne des Philo­so­phen Stanley Cavell), also ein poten­tiell glück­li­ches Ende möglich wird. Warum – und das wird zu einer poli­ti­schen und ethi­schen Frage – obsiegt im Fall des Psycho­thril­lers eine tragi­sche Deutung von Welt, obgleich sie gar nicht nötig wäre? Im Winter­mär­chen kann die Frau von den Toten zurück­kehren und der Mann seine Einstel­lung zur Frau ändern, weil er tiefe Reue empfindet. So liegt in jeder Tragödie eine Spur Hoff­nung – es könnte auch anders ausgehen. Was aller­dings braucht es, damit nicht das Tragi­sche zur Notwen­dig­keit stili­siert wird? Meinen Opti­mismus, dass dies möglich ist, leite ich aus jener Prämisse ab, die besagt: Unser Zugang zur Welt verläuft über Inter­pre­ta­tionen, Darstel­lungen und Frage­stel­lungen, die wir selbst bestimmen und umleiten können. Durch unsere Arbeit wird Bewusst­sein verän­dert, es geht darum, in Erin­ne­rung zu rufen, was einmal anders war, es geht um eine Aneig­nung dessen, was uns nicht zusteht bzw. zuge­standen wird und es geht um eine Vorstel­lung darum, dass es anders sein kann, als die schein­bare Notwen­dig­keit diktiert.

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Suzanne Lacy, Mona paints at Tikal, from Travels with Mona, 1977-1978, Quelle: suzannelacy.com

Cross­map­ping betrifft zwar nicht nur geschlechts­spe­zi­fi­sche Themen und Frage­stel­lungen, doch ein Gegen-den-Strich-Lesen, ein quer ange­legter Blick auf Vertrautes, ein Zusam­men­lesen dessen, was sonst getrennt behan­delt wird, die Einbin­dung des gegen­wär­tigen poli­ti­schen Kontextes in die wissen­schaft­liche Arbeit – all das geht als intel­lek­tu­elle Haltung auch auf die theo­re­ti­schen Anliegen der Gender Studies zurück.

Die Probleme, mit denen wir uns in der Gegen­wart konfron­tiert finden, zeigen einmal mehr die Notwen­dig­keit, durch die Linse der Gender Studies auf die Welt zu blicken. Dies beson­ders in einem Jahr, in dem wir auf eindrück­liche und beun­ru­hi­gende Weise vor Augen geführt bekommen, wie sehr es bei den ameri­ka­ni­schen Präsi­dent­schafts­wahlen um die Frage von Gender immer gegangen ist: insbe­son­dere in der medial ubiquitär präsenten Zurschau­stel­lung aller Fanta­sien und Ängste, welche die Beset­zung der Stelle des ameri­ka­ni­schen Präsi­denten mit einer Frau auszu­lösen wusste. Zu verstehen, wo die Vehe­menz der Aggres­sion herkommt, was man ihr entgegnen kann, zeigt mir die Schnitt­stelle zwischen Gender Studies und deren Einwir­kungs­mög­lich­keit in das poli­ti­sche und kultu­relle Imagi­näre unserer Gegen­wart. Dort finden wir histo­ri­sche und gegen­wär­tige Denk­fi­guren, die es uns ermög­li­chen, auf die Proble­ma­tiken, die uns jetzt umtreiben, zu regieren und andere Inter­pre­ta­tionen anzubieten.

Mein Plädoyer ist es also, die Tradie­rung und Über­setz­bar­keit in den Vorder­grund der Frage zu rücken, wozu heute Gender Studies dienen: Sie bieten die Möglich­keit, neue Ideen und Prak­tiken für und mitein­ander zu gene­rieren, als Ausdruck einer geteilten Verant­wor­tung, die wir für eine noch offene Zukunft einnehmen.

  • Elisabeth Bronfen ist Kultur- und Literatur­wissen­schaftlerin; sie ist Professorin für Anglistik am Englischen Seminar der Universität Zürich.