David Cameron erweist sich als eine Art Schicksalsfigur für die Europäische Union. Denn nicht nur war er es, der als Premier ein Referendum über den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU im Falle seiner Wiederwahl 2015 versprach und einen Prozess ins Rollen brachte, der im Brexit 2020 endete. Es war auch Cameron, der noch vor seinem ersten Wahlsieg 2010 ein Versprechen einlöste, zu dem er sich im parteiinternen Wettbewerb um den Vorsitz genötigt gesehen hatte, um nicht gegenüber seinen Konkurrenten ins Hintertreffen zu geraten: Nach den Europawahlen 2009 zog er die Tory-Delegation aus der Europäischen Volkspartei ab und veranlasste die Gründung der Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer (EKR). Und diese lange weitgehend unbeachtet gebliebene Fraktion könnte nach den Wahlen zum Europäischen Parlament zum Schlüsselspieler in den Auseinandersetzungen um europäische Brandmauern gegen rechtsautoritäre Akteure und die grundsätzliche Ausrichtung zukünftiger EU-Politik avancieren.
Die Krise des Konservatismus in Europa
Dass erstmalig über europäische Brandmauern diskutiert wird, ist auf das Erstarken rechtsautoritärer Kräfte in den Mitgliedsstaaten der europäischen Union zurückzuführen, der sich in einem Rechtsruck auf europäischer Ebene niederschlägt. Obwohl sich der Aufstieg von Rechtsaußenparteien nicht auf einen einzelnen Faktor zurückführen lässt, muss er zumindest im Zusammenhang mit der Krise des gemäßigten Konservatismus betrachtet werden.
Doch gibt es diese Krise überhaupt, und wenn ja, woran lässt sie sich festmachen? Als die Europäische Volkspartei (EVP), politische Heimat gemäßigt konservativer Parteien Europas, im März 2024 zum Wahlkampfauftakt in Bukarest zusammenkam, um das Wahlprogramm zu verabschieden und die Spitzenkandidatin Ursula von der Leyen zu küren, berichtete ein Redner nach dem anderen von der Stärke und ungebrochenen Vitalität der EVP-Mitgliedsparteien und des europäischen Konservatismus. Immerhin seien in fast der Hälfte aller Mitgliedsländer konservative, christdemokratische Parteien an der Macht, von einer Krise könne also keine Rede sein.
Doch Krisen manifestieren sich unterschiedlich, auch parteipolitische. Ihren offensichtlichsten Niederschlag findet sie im Sinkflug, in dem sich eine Vielzahl konservativer und vor allem christdemokratischer Parteien befindet. Das spektakulärste Beispiel liefern die französischen Republicains die nach Jahrzehnten als staatsprägender Volkspartei bei den letzten Wahlen 2022 beinahe ausradiert worden wären. Die konservative Krise zeigt sich aber zweitens ebenso in der Selbstradikalisierung von Parteien, die einstmals die rechte Mitte besetzten. Das Paradebeispiel für einen solchen Rechtsdrift liefert die als liberal-konservative Reform-Partei gestartete Fidesz unter der Führung von Viktor Orban, die sich in eine klar autoritäre Organisation verwandelt hat und nun unverhohlen am Umbau Ungarns in eine illiberale Demokratie arbeitet. Ein ähnlicher Fall findet sich in Polen mit der PiS, die zwar von je her stramm klerikal-konservativ war, sich aber in ihrer langjährigen Regierungszeit radikalisierte. Dass man diesen Kurs der Radikalisierung zumindest mittelfristig höchst erfolgreich beschreiten kann, zeigen auch prominente Fälle in Westeuropa, wo die Conservative Party im Vereinigten Königreich im Zuge der Brexit-Kämpfe und unter dem Druck der UKIP-Konkurrenz immer weiter in Richtung des rechten Randes wanderte – und mit diesem Kurs 2019 einen Wahlerfolg einfuhr, wie man ihn seit den Zeiten Margaret Thatchers nicht mehr gesehen hatte. Allerdings steht den Tories in den anstehenden Unterhauswahlen auch eine ebenso historische Niederlage bevor.
Die dritte Manifestation der konservativen Krise ist eine Kombination der ersten beiden und besteht in der Kooperation von konservativen und rechtsautoritären Kräften. Sie ist eine Mischung aus Schwächeln und Selbstradikalisierung: Diese konservativen Parteien sind zu schwach, um aus eigener Kraft an die Macht zu gelangen und bereits selbst so weit nach rechts gerückt sind, dass sie offener für eine formelle oder informelle Zusammenarbeit mit rechtsautoritären Parteien sind. Gerade erst gelang es der PVV Gert Wilders‘ in den Niederlanden, eine Regierung zu bilden – und zwar mit Hilfe von konservativ-liberalen Parteien, denen es reichte, dass Wilders selbst auf einen Regierungsposten verzichtete, um sich auf eine Zusammenarbeit mit der PVV einzulassen und sie so an die Macht zu bringen.
Die vollmundigen Wahlkampfreden der EVP in Bukarest übergingen dies: Zwar kann man gegenwärtig durchaus eine flächendeckende Machtbeteiligung des europäischen Konservatismus ausmachen, aber eben nur, wenn man all die Fälle mitzählt, in denen Konservative mit Hilfe und von Gnaden rechtsautoritärer Kräfte an der Macht sind – häufig, wie in den Niederlanden, nicht einmal als Seniorpartner der Koalitionen in derartigen Koalitionen. Italien, wo die Forza Italia nur der Junior-Junior-Partner einer Rechtsregierung ist, ist ein weiteres Beispiel. Und womöglich kommt im Laufe des Jahres noch Österreich hinzu, wo die ÖVP sich nach den nächsten Wahlen auf eine Koalition mit der FPÖ einlassen könnte.
Was sich als Zwischenfazit festhalten lässt, ist erstens, dass die rechte Mitte zusehends verwaist, da sich die konservativen Parteien entweder in einem teils dramatischen Niedergang befinden oder den Weg einer Selbstradikalisierung eingeschlagen haben, was dann unter anderem zu vermehrter Zusammenarbeit mit rechtsautoritären Parteien führen kann. Zweitens zeigt dieser eher impressionistische Überblick, dass die konservative Brandmauer nach Rechts, über die in Deutschland so intensiv diskutiert wird, in der großen Mehrzahl der EU-Länder längst passé ist. Dass erstmalig bei einer EU-Wahl über eine Brandmauer der EVP diskutiert wird, erklärt sich gerade dadurch, dass ihre nationalstaatlichen Pendants in einer Vielzahl der Fälle mittlerweile dem Erdboden gleichgemacht wurden.
Vom Nutzen und Nachteil der Brandmauer
Natürlich kann man sich an den martialischen Konnotationen des Begriffs Brandmauer stoßen, wie es der konservative Mainzer Historiker Andreas Rödder tat, bevor er seiner Partei (CDU) empfahl, sich von diesem Denken zu lösen und es je nach Ausgang der anstehenden Landtagswahlen in Thüringen auch als unproblematisch bezeichnete, sich auch als CDU-Minderheitsregierung (einmalig) von der AfD ins Amt wählen zu lassen. Im Kern geht es bei dieser Debatte um die Entscheidung zwischen Kooperation oder Ausgrenzung, wobei die Kooperation informell oder formell sein kann, von der Koalition bis zur Duldung von Regierungen oder gemeinsamem Abstimmungsverhalten im Parlament. Aus der Logik der Brandmauer ergibt sich wiederum die Ausgrenzungsstrategie, die jede Art von Zusammenarbeit kategorisch ausschließt. Es versteht sich von selbst, dass in der Realität immer wieder kombinatorische Strategien verfolgt werden, indem man etwa bestimmte Themen, Positionen und Rhetorik von Rechtsaußen-Akteuren übernimmt, gleichzeitig aber eine Zusammenarbeit ausschließt. An der Aufregung, die Rödders Äußerungen in der CDU-Spitze verursachte, wo man sich zu Dementis genötigt sah, um klarzustellen, dass Rödder – der zu diesem Zeitpunkt noch der Grundwertekommission vorstand – nicht für die CDU spreche, lässt sich ablesen, wie hochsensibel die Frage der Brandmauer dort ist.
Doch auch wenn sich selbst die Merz-Linnemann-Union immer wieder zur Brandmauer bekennt, muss man das Dilemma benennen, das mit dieser Strategie im Umgang mit AfD und anderen rechtsautoritären Parteien verbunden ist. An zwei Punkten lässt sich die Problematik der prinzipiellen Ausgrenzung verdeutlichen. Da ist zunächst die Tatsache, dass die konsequente Ausgrenzung bis hin zur Verweigerung von administrativen Parlamentsposten natürlich das Narrativ der Rechten bestätigt, die sich von je her als ausgeschlossenes Opfer eines Kartells von ‚Systemparteien‘ zu inszenieren versucht. Besonders fatal ist in diesem Zusammenhang die Übernahme rechter Themen bei gleichzeitiger Ausgrenzung, denn die Rechte kann dies propagandistisch ausbeuten, indem sie es als Beweis dafür deutet, dass die ‚Mainstream‘-Eliten eigentlich inhaltlich mit den Rechtsaußenpositionen übereinstimmen, aber schlicht den Zugang zur Macht nicht teilen will.
Dies bringt uns zum zweiten Punkt. Die ‚unmoralischen‘ Kooperationsangebote, die Rechtsautoritäre an die Adresse konservativer Parteien gerichtet haben, waren nicht nur gedacht, um ihnen eine gewisse Teilhabe an der Regierungsmacht zu ermöglichen. Sie wurden bewusst eingesetzt, um einen Keil in die konservativen Reihen zu treiben. Bruno Mégret, einstmals der zweite Mann des Front National hinter Jean-Marie Le Pen, war ein Meister dieser Taktik und trug mit dieser Strategie entscheidend zur Spaltung der französischen Liberalen der UDF Ende der 1990er Jahre bei. Diese Möglichkeit besteht grundsätzlich auch umgekehrt. Auch rechtsautoritären Parteien ist ein implizites Spaltpotential über die Frage der Zusammenarbeit mit Mainstream-Parteien zu eigen. Es gibt diejenigen, die sich als Angehörige einer Anti-System-Partei verstehen und jegliche Zusammenarbeit mit etablierten Kräften ausschließen sowie diejenigen, die nicht bereit sind, für ihre ideologischen Überzeugungen den Preis des dauerhaften Ausschlusses vom politischen Betrieb zu zahlen. Dass es dieses Spaltpotential gibt, bestätigt auch Bruno Mégret, der sich kurz nach seinen taktischen Kabinettstückchen gegenüber der UDF über genau diese Frage mit Le Pen Senior überwarf und mit einer Reihe von Getreuen aus dem Front National austrat. Wenn aber im Rahmen der Brandmauer-Strategie jegliche Kooperation prinzipiell ausgeschlossen wird, gibt man die Waffe des ‚unmoralischen‘ Lock-Angebots natürlich von vornherein aus der Hand und kann so den womöglich schwelenden Konflikt über diese Frage bei den Rechtsautoritären nicht weiter forcieren – ganz abgesehen davon, dass es so ausgeschlossen ist, dass die politischen Rezepte von AfD und Co jemals dem politischen Praxis- und Realitätstest unterzogen werden könnten, woran sich ebenfalls zeigt, dass die Brandmauer die Rechten auch schützt, indem sie sie ausgrenzt.
Doch mindestens genauso gewichtige Gründe sprechen gegen Kooperationsangebote. Da ist zum einen der Normalisierungseffekt, der sich durch die Zusammenarbeit mit rechtsautoritären Akteuren – und durch die Übernahme ihrer Themen – einstellt, und dessen Wirkmächtigkeit eine politikwissenschaftliche Studie nach der anderen bestätigt. Fragt man sich, warum im Jahr 2022 keinerlei Aufschrei durch die italienische Gesellschaft ging, nachdem die selbsterklärt post-faschistische Partei Fratelli d’Italia (FdI) stärkste Partei wurde, landet man unweigerlich bei Silvio Berlusconi, der bereits 1994 mit der bis dahin vom politischen Betrieb ausgeschlossenen Alleanza Nazionale koalierte. Die ‚Ausgrenzung‘ rechter Positionen und Akteure war mit dieser maximal möglichen Legitimierung de facto passé und hier liegt ein Ermöglichungsgrund für den dreißigjährigen Rechtsdrift der italienischen Politik; die Brandmauer hatte Berlusconi mit einem Handstreich weggefegt.
Der zweite Grund, der aus Sicht konservativer Parteien nachdrücklich gegen eine Zusammenarbeit spricht, liegt in der schnöden Empirie. Es sind in der jüngeren europäischen Geschichte schlechterdings keine Fälle bekannt, in denen die gemäßigten Partner von solchen Arrangements profitiert hätten; das Gegenteil ist der Fall: In der ersten Mitte-Rechts-Koalition unter Berlusconi war die Forza Italia der Seniorpartner, mittlerweile ist sie nur noch der drittstärkste Partner innerhalb der aktuellen Regierungskoalition. In Österreich war die ÖVP Seniorpartner der FPÖ, doch die Mehrheitsverhältnisse werden sich aller Wahrscheinlichkeit nach bei den nächsten Wahlen umkehren, wie dies jüngst in den Niederlanden der Fall war. Wer Brandmauern abbaut, lebt als Konservativer gefährlich – und bringt die liberale Demokratie in Gefahr.
Brüsseler Brandmauer?
Die Logik der Brandmauer lässt sich nicht 1:1 auf die Brüsseler (und Straßburger) Verhältnisse übertragen. Dies liegt an den Eigenheiten des EU-Regierungssystems, das bekanntlich kein präsidentielles, aber auch kein strikt parlamentarisches ist. Anders als in parlamentarischen Systemen gibt es keine strikte Unterscheidung von Regierungs- und Oppositionsfraktionen und dadurch sowie durch die föderationsartige Binnenstruktur der europäischen Parteifamilien, weisen diese typischerweise eine niedrigere Fraktionsdisziplin auf als dies in klassisch parlamentarischen Systemen der Fall ist. Dies bedeutet, dass etwa Angehörige der PiS-Delegation aus Polen, die zur EKR-Fraktion gehört, gelegentlich gegen die Mehrheit der eigenen Fraktion abstimmt und sich so je nach Thematik und Abstimmungsgegenstand Konstellationen bilden können, in denen EVP-Mitglieder mit EKR-Mitgliedern abstimmen, oder sogar mit Angehörigen der Identität und Demokratie-Fraktion (ID), zu deren Delegationen einige der schärfsten EU-Kritiker wie die FPÖ gehören. Von einer Brandmauer kann daher allenfalls bedingt die Rede sein, wobei festzuhalten ist, dass es durchaus zaghafte Ansätze einer Ausgrenzung der ID gab.
Geht man davon aus, dass eine Brandmauer errichtet werden könnte, lautet die Kernfrage nach dieser EU-Wahl: Wo soll sie verlaufen und wen soll sie ausgrenzen. Hier gilt es zwei Szenarien zu diskutieren, in deren Mittelpunkt jeweils die EKR-Fraktion steht.
Im ersten Szenario geht es um die Normalisierung der EKR, die als legitimer Bündnispartner der EVP etabliert werden soll. Sowohl Ursula von der Leyen als auch andere führende Christdemokraten wie EVP-Vorsitzender Manfred Weber haben sich in dieser Richtung geäußert. Diese Einlassungen müssen im Zusammenhang mit den sich wandelnden Mehrheitsverhältnissen im EU-Parlament verstanden werden, in dem bis dato eine informelle große Koalition aus Sozialdemokratischen, christdemokratischen und liberalen Parteifamilien den Ton angab. Deren Mehrheit ist geschrumpft sowie durch die fehlende Fraktionsdisziplin brüchig geworden. Vor diesem Hintergrund lassen sich die Signale von der Leyens und Webers als Versuch verstehen, alternative Mehrheitsmöglichkeiten rechts der Mitte auszuloten und dies mit einer doppelten Geste zu verknüpfen: Die klare Absage an die ID, die gleichzeitig eine Unbedenklichkeitserklärung gegenüber der EKR beinhaltet und diese als potentiellen Partner ‚normalisieren‘ soll. Es handele sich hier angeblich nicht um rechtsradikale oder gar rechtsextreme Akteure, wie im Fall der ID, sondern um Nationalkonservative, mit denen man durchaus konstruktiv EU-Politik betreiben könne.
An dieser Stelle scheint es angebracht, sich diese ‚respektablen Radikalen‘, von denen in der politikwissenschaftlichen Literatur die Rede ist, genauer anzusehen. Versucht man das ideologische Profil der EKR zu bestimmen, stößt man schnell auf Schwierigkeiten, die darin bestehen, dass es sich um eine äußerst heterogene Parteifamilie handelt, deren gemeinsamer Nenner schwer zu identifizieren ist, sieht man von der geteilten EU-Skepsis und den nationalistischen Positionen ab. Damit liegt aber auf der Hand, dass eine Unbedenklichkeitserklärung hinsichtlich der EKR angesichts der Bandbreite von inhaltlichen Positionen und Radikalitätsgraden problematisch ist. Schließlich gehören der EKR nicht nur die FdI und die polnische PiS an, deren liberaldemokratische Credentials nicht über jeden Zweifel erhaben sind. Da sind die Schwedendemokraten, die zuletzt einräumen mussten, mit Trollfabriken gegen jene Mitte-Rechts-Regierung Stimmung gemacht zu haben, die sie selbst tolerieren. Und da sind die Wahren Finnen und die spanische Vox, die als gesichert rechtsradikal gilt. Wie weit offen die Tür nach rechts von Seiten der EKR steht, lässt sich anekdotisch an der Personalie Nicolas Bays festmachen: Der Franzose wurde im Februar 2023 von der EKR aufgenommen. Ursprünglich war Bays Mitglied des Front National und verließ Ende der 1990er die Partei, um 2014 als Generalsekretär und später sogar als Stellvertreter Marine Le Pens zurückzukehren. 2022 wandte er sich allerdings vom Rassemblement National ab und unterstützte Eric Zemmour mit seiner Partei Reconquete, deren stellvertretender Vorsitzender er mittlerweile ist. Reconquete wird von politischen Kommentatoren einhellig noch rechter als der Rassemblement National verortet. Ob die EKR als seriöser Partner gelten kann, kann insofern mit Fug und Recht in Frage gestellt werden.
Abgesehen davon gibt es andere Hindernisse für eine Zusammenarbeit von EVP und EKR, von denen hier zwei erwähnt seien. Da ist zum einen die Festlegung von Vox, die ausgeschlossen hat, von der Leyen zu wählen, da dies ihrer spanischen Basis nicht zu vermitteln wäre. Darüber hinaus gibt es Bestrebungen der ungarischen Fidesz, die nach ihrer selbstgewählten Suspendierung aus der EVP im europapolitischen Nirgendwo der ‚non-inscripts‘ ohne Fraktionsstatus verharrte, nun der EKR-Familie beizutreten. Dies müsste angesichts des Zerwürfnisses zwischen EVP und Orban eigentlich ein Deal Breaker sein. Ob Fidesz aufgenommen würde, hinge von den FdI Melonis ab, für die Orban seit langer Zeit eine Art Mentor ist, und die dem Ansinnen eines Beitritts nicht abgeneigt sein dürfte – so sie denn selbst mit den FdI überhaupt noch Teil der EKR-Familie ist. Das bringt uns zum zweiten Szenario.
Wird über Brandmauern gesprochen, lohnt es sich hinzuhören, wenn es um deren Verlauf geht. Und wer kürzlich beim CDU-Politiker und Vorstandsmitglied Jens Spahn genau hinhörte, dem konnte auffallen, dass er die Linie überhaupt nicht rechts der EKR ziehen wollte: „Die Brandmauer in Europa verläuft rechts von Meloni“, formulierte er. Damit ist die zweite Strategie benannt, die von konservativer Seite verfolgt wird: die Normalisierung von FdI und Georgia Meloni. EVP-Chef Weber hatte mit den Avancen in Richtung Meloni unmittelbar nach deren Wahlsieg 2022 begonnen und die Nähe zwischen Meloni und von der Leyen gerade in der Migrationspolitik legen nahe, dass man auf Seiten der EVP auslotet, wie es um die Möglichkeit steht, die FdI aus der EKR herauszulösen und in die EVP zu holen. Es würde Macht und Einfluss der ohnehin größten Parteienfamilie verstärken. Dementsprechend hat man die Latte für einen Beitritt der Fratelli bewusst niedrig gelegt. Die Türen der EVP, so von der Leyen und Weber übereinstimmend, ständen für jedwede Partei offen, die pro-EU, pro-Ukraine und pro-Rechtsstaat sei. Eine Kriterienliste scheinbar wie gemacht, um es der FdI nicht zu schwer zu machen, die mit der eigenen Regierungsübernahme die EU-Kritik weit zurückgefahren hat – wohl auch weil man schließlich in den Genuss von Milliarden aus dem europäischen Wiederaufbaufonds kommt.
Blickt man auf das Abstimmungsverhalten der FdI-Delegation im EU-Parlament, zeigt sich, dass sie eine größere Übereinstimmung mit der EVP als mit der ID hat. Was genau spräche also gegen eine Mitgliedschaft der FdI in der EVP? Erinnern wir uns, der schmale Kriterienkatalog der EVP für einen Beitritt umfasst das Bekenntnis zum Rechtsstaat. Das ist zwar hinreichend vage formuliert, doch man muss sich fragen, ob die FdI diese Bedingungen erfüllt, wenn man feststellt, dass ihre Delegation im EU-Parlament auffallend oft übereinstimmend mit der EVP abgestimmt hat, nur eben dann nicht, wenn es um Verfassungsfragen, Minderheitenschutz, geschlechterpolitische Gleichstellung und den Schutz der Rechtsstaatlichkeit (in Ungarn und Polen) geht. Das lässt tief blicken und wirft Zweifel auf, wie weit das Bekenntnis zur Rechtsstaatlichkeit reicht.
Zum Prinzip des Rechtsstaats gehört die Gewaltenteilung und das bringt uns zum zweiten Punkt: die geplante Verfassungsreform in Italien. Schließlich kann man die FdI nicht nur an ihrem Abstimmungsverhalten im EU-Parlament und dem staatsfrauischen Verhalten Melonis auf der internationalen Bühne messen. Ohne in die Details der geplanten Reform zu gehen kann man festhalten: Hier soll Macht in der Exekutive und konkret im Amt des Ministerpräsidenten zentralisiert werden und die gewaltenteiligen Elemente zwischen Exekutive und Parlament wie auch zwischen Ministerpräsident und Präsident massiv zurückgeschraubt werden. Würde die Verfassungsreform im erforderlichen Referendum angenommen, wäre es die weitreichendste Restrukturierung des Regierungssystems seit Jahrzehnten mit dem Effekt, dass Meloni und ihre zukünftigen Nachfolger auf eine Art und Weise ‚durchregieren‘ könnten, die man nicht autoritär nennen muss, die aber ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten und Freiräume zur Verfolgung ambitionierter politischer Agenden böte, zu denen ein weiterer Umbau des Staates selbst gehören könnte. Mit anderen Worten, wäre es verfrüht, FdI und Meloni zu attestieren, es handle sich bei ihnen um lupenreine Liberaldemokraten.
Perspektiven rechts der Mitte
Was bedeutet all dies? Zunächst einmal ist unabhängig davon, welches Szenario eintritt, davon auszugehen, dass europäische Politik einen Rechtsdrall durchmachen wird; sei es, weil eine EVP inklusive FdI ihre Muskeln spielen lassen wird, weil EVP und EKR tatsächlich zusammenarbeiten, oder weil die glaubhafte Drohung der EVP, mit ihren rechten Nachbarn gemeinsame Sache zu machen, Sozialdemokraten, Grünen und Liberalen einige Konzessionen abringt. Es bedeutet auch, dass die EKR und vor allem Meloni und ihre FdI zum Schlüsselakteur in dieser Gemengelage avancieren. Schließlich wird Meloni nicht nur von der EVP umgarnt, Avancen für eine gemeinsame Fraktion kommen von Marine Le Pen und dem RN, womit Meloni in bester Verhandlungsposition gegenüber der EVP ist, um ihr Konzessionen abzuringen. Und es bedeutet, dass man bis zu dem Moment, in dem feststeht, in welcher Familie die FdI ihre politische Heimat für die nächsten fünf Jahre finden wird, der konservative Traum weitergeträumt werden, die FdI mit einem ‚unmoralischen‘ Lock-Angebot aus der (ohnehin höchst instabilen) Phalanx der europäischen Rechten herauszulösen und sie an die bürgerliche rechte Mitte zu domestizieren. Wenn dies gelänge, so lässt sich das Kalkül deuten, wäre der Preis einer vorübergehenden Normalisierung keineswegs zu hoch, schließlich stünde am Ende ein Läuterungsprozess, den die FdI durchlaufen hat und an dessen Ende nichts Anstößiges mehr übriggeblieben wäre. Es handelt sich allerdings um ein Kalkül, das mit Risiken verbunden ist, die vor dem Hintergrund der bisherigen Erfahrungen mit Domestizierungsversuchen radikaler Kräfte eine gravierende Gefahr für die europäische Demokratie darstellt.
Der Begriff der Brandmauer ist, von links oder konservativ verwandt, untauglich. Die politische Welt ist kein Dorf separierter Häuser. Der Konservatismus hat ein zusätzliches Abgrenzungsproblem. Die Grenzen zwischen Radikal-Konservatismus und „Rechts“ sind realpolitisch per se fließend. Entscheidend ist letztlich die Dynamik der Wählerinnen.Die, diese Dynamik, haben die Parteien mit ihrer Realpolitik zu verantworten.