Forschen für den Plastikwürfel. In illiberalen Staaten entsteht gegenwärtig eine wissenschaftliche Scheinwelt

In einigen Ländern bildet sich zurzeit eine vom Staat geförderte Pseudowissenschaft, in der nicht mehr die Kriterien akademischer Qualitätskontrolle gelten, sondern politische Loyalität. Das wirft ernste Fragen für die europäische Forschungsförderung und akademische Zusammenarbeit mit illiberalen Staaten auf.



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Als das Open Society Archive in Budapest im Sommer 2007 seine Sammlung überprüfte, identifizierte es 100.000 Bände, die in den letzten zwanzig Jahren niemand gelesen hatte. Diese Bücher waren alle vor 1989 publiziert worden und über die Bibliothek von Radio Free Europe ins Archiv gekommen. Dieses gab bekannt, die Bücher an die interessierte Öffentlichkeit zu verschenken; dennoch verblieben rund 20.000 dieser ungelesenen Bücher in seiner Sammlung. Da kam die Kunst zu Hilfe: Man beschloss, aus ihnen plastifizierte Bücherwürfel herzustellen und sie an Institutionen zu verschenken. Dort sollten sie als Tische, Stühle oder einfach nur als Kunstwerk dienen und die Betrachter an die Fehlbarkeit eines Wissens erinnern, das in der staatlich kontrollierten Wissenschaftswelt Osteuropas produziert worden war. Werden die wissenschaftlichen Bücher, die heute in Ungarn und in anderen Ländern mit illiberalen Regimes produziert werden, auch bald als Kunstobjekte in Plastikwürfeln landen? Es ist sehr wahrscheinlich, dass es so sein wird.

„Polypor-Staaten“

In Ungarn ereigneten sich kürzlich zwei beunruhigende und miteinander verbundene Entwicklungen. Erstens verstaatlichte und zentralisierte der ungarische Staat – ganz nach dem russischen Modell der institutionellen Reform – die Forschungsinstitute der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Und zweitens wurde die Central European University (CEU) ins Exil gezwungen – von einem Mitgliedsland der EU in ein anderes! Wie werden diese Entwicklungen nun die Forschung im Bereich der Sozial- und Geisteswissenschaften beeinflussen? Schließlich sind sie es, die in den illiberalen Staaten im Fokus der Angriffe gegen die Wissenschaft stehen.

Die Freiheit der akademischen Forschung war schon immer eine gewisse Illusion, da jemand das Gehalt der Forscher bezahlen muss. Es gibt zwei verschiedene Modelle: Eines wurde von Humboldt entwickelt, wo die Wissenschaft vom Staat finanziert wird, und eines gehört zur angelsächsischen Tradition, wo private Geldgeber Mittel bereitstellen. Allerdings wird in beiden Fällen die Finanzierung in der Regel von einem Gremium aus wissenschaftlichen Experten verwaltet. Beide Systeme haben eigene Vor- und Nachteile. Aber die neue Entwicklung des staatlichen Zugriffs in Ungarn hat diesen Zustand verändert.

In den letzten zehn Jahren haben Politikwissenschaftler*innen ausführlich darüber diskutiert, mit welcher Terminologie die jüngsten Entwicklungen in verschiedenen Ländern wie Ungarn, Polen, Serbien, Brasilien, den USA und der Türkei am besten zu verstehen sind. Mit Weronika Grzebalska nennen wir diese Staaten mit Blick auf den dort überall sehr ähnlichen modus operandi der politischen Macht (und gemäß dem biologischen Begriff für parasitäre Baumpilze) illiberale „Polypor-Staaten“. Im Gegensatz zu anderen Politikwissenschaftler*innen, die diese Staaten wegen ihrer Effektivität bewundern, argumentieren wir, dass die Polypor-Staaten keine originellen Ideen haben, sondern nur Ideen von anderen übernehmen, die sie für ihre eigenen Zwecke verwenden, das heißt für den bloßen Erhalt ihrer Macht.

Dazu arbeitet der Polypor-Staat mit drei Konzepten. Das erste ist „Sicherheit“. In seinem öffentlichen Diskurs erklärt er alle möglichen Aspekte des Lebens und der Politik zu einer Frage der „Sicherheit“, bis hin zur Geschlechterforschung und zu kritischen Intellektuellen, die er als eine Bedrohung für diese „Sicherheit“ darstellt. Dazu gehört zweitens eine spezifische Familienideologie, die beinhaltet, dass der Staat besonders die Familie unterstützt, damit aber überwiegend Mittelstandsfamilien meint und obendrein den Wert der Geschlechtergerechtigkeit bewusst ignoriert. Das dritte Konzept schließlich ist für die akademische Wissensproduktion das relevanteste. Es geht um die Gründung und Förderung neuer Forschungs- und Lehrinstitutionen, die das gleiche Profil haben wie die bereits bestehenden, womit ein neues Phänomen geschaffen wird: die polypore Wissenschaft. Während der letzten zehn Jahre wurden in den illiberalen polyporen Staaten mehrere neue Forschungseinrichtungen, Museen und Universitäten gegründet, die genau das gleiche Profil haben wie die bereits bestehenden Museen und Universitäten. Der Unterschied zwischen diesen polyporen Institutionen und den bereits bestehenden liegt darin, dass es keine Qualitätssicherung gibt und die verfügbaren Mittel grenzenlos zu sein scheinen, da Geld aus anderen staatlichen Institutionen in diese, nun ebenfalls staatlich finanzierten Institutionen gepumpt wird.

Zur populistischen Wende gehört außerdem, dass der Mangel an Qualitätskontrolle in den polyporen Institutionen dazu führte, die Systeme und Institutionen der akademischen Qualitätskontrolle im Allgemeinen anzugreifen. In den betroffenen Ländern ernennen die Regierungen politisch zuverlässige Kommissare zu Führungskräften und Mitgliedern von Qualitätssicherungseinrichtungen. Jeder andere Mechanismus der wissenschaftlichen Bewertung wird durch den Staat systematisch zerstört. Das erklärt die Angriffe gegen die Ungarische Akademie der Wissenschaften, die den bislang für Professuren erforderlichen Titel eines Doktors der Akademie der Wissenschaften (DSc) verleiht. Inzwischen sind die staatlichen Universitäten damit beschäftigt, diese Anforderung aus ihren Bestimmungen über die Beförderungskriterien zu streichen. Das Personal dieser polyporen Institutionen wird über persönliche informelle Kanäle und Netzwerke rekrutiert – und nicht über die akademische Stellensuche.

Gravierende Konsequenzen

Welche Folgen hat der Aufbau dieses neuen polyporen akademischen Netzwerks für die Sozial- und Geisteswissenschaften? Dazu gehört erstens die Vermännlichung des Berufsstandes, denn alle, die in letzter Zeit ernannt wurden, sind sehr ehrgeizige junge Männer, bestens vernetzt mit jenen älteren Herren, die diese Entwicklung vorantreiben. Letztere suchen junge Männer, die einen sehr ähnlichen Habitus haben wie sie selbst, aber 25 Jahre jünger sind. Zweitens ergeben sich deutliche Unterschiede in der Bezahlung: Professoren dieser polyporen Institutionen verdienen mindestens doppelt so viel und haben dort Zugang zu Forschungs- und Reisestipendien. Die dritte Konsequenz ist die Verschiebung in der wissenschaftlichen Ausrichtung: Da die offiziellen Anforderungen für Professuren nur vorsehen, dass Wissenschaftler Publikationen in Fremdsprachen und Erfahrung in der Lehre im Ausland vorweisen können sollten, veröffentlichen diese polyporen Wissenschaftler in selbst herausgegebenen englischsprachigen Zeitschriften in Zentralasien, Russland, Iran oder China und unterrichten in Ungarisch an Universitäten, die von der ungarischen Regierung in Nachbarländern mit ungarischen Minderheiten großzügig unterstützt werden. Bei diesen Zeitschriften handelt es sich nicht um die üblichen „räuberischen Zeitschriften“, bei denen es sich einfach um zwielichtige Wirtschaftsunternehmen handelt; vielmehr geht es um Zeitschriften, die ohne jegliche Qualitätskontrolle Arbeiten eines geschlossenen Kreises publizieren, der auf politischer Loyalität basiert.

Aber die wichtigste Konsequenz ist, dass dieses neue akademische System die Themenwahl und die Richtung der wissenschaftlichen Fragen beeinflusst; es bedeutet mit anderen Worten die Rückkehr der Selbstzensur. Das betrifft ebenso die Auswahl der Forschungsthemen wie die Teilnahme an der öffentlichen Debatte oder gar das „Liken“ eines Facebook-Posts. In der polyporen Wissenschaft sichert die Loyalität gegenüber der gruppeninternen Forschung den Zugang zu Finanzmitteln – und diese Mittel sind, ganz im Gegensatz zu europäischen Forschungsmitteln, verfügbar, sicher, reichlich vorhanden und leicht zu beschaffen. Die einzige Bedingung ist, dass die vorgeschlagene Forschung mit den Zielen des Polypor-Staates vereinbar ist: die Übernahme des staatlichen „Sicherheits“-Diskurses und die Unterstützung der Ideologie des Familialismus.

Die Rolle der EU

Werden die in Ungarn und anderen Ländern produzierten Bücher, in denen der Polypor-Staat den Staat und das akademische Leben in Geiselhaft genommen hat, in einem Plastikwürfel enden, weil niemand sie lesen wird? Wie gesagt: Das ist sehr wahrscheinlich. Dieser Prozess wirft aber auch ernste Fragen für die gesamte europäische wissenschaftliche und akademische Zusammenarbeit auf. Erstens betreffen sie das gemeinsame europäische Evaluationssystem. Was die polyporen Staaten angeht, sehen diese Institutionen auf den ersten Blick wie akademische Institutionen aus; aber sie sind es nicht. Denn sie rekrutieren nur zuverlässige Kollegen die aus unterschiedlichen Gründen zur Selbstzensur bereit sind. Zweitens wird dieser Prozess der bereits bestehenden Ökonomisierung der europäischen Forschung zusätzlichen Auftrieb geben. Die polypore Wissenschaft nutzt nicht allein die Ressourcen der Sozial- und Geisteswissenschaften aus ideologischen Gründen; sie nutzt auch diejenigen der Natur- und Ingenieurswissenschaften sowie der Medizin aus materiellen Gründen. Die jüngste Verstaatlichung des Forschungsnetzwerks der Ungarischen Akademie der Wissenschaften bedeutet, dass unter dem neu geschaffenen Dach der unternehmerischen und akademischen Zusammenarbeit, das von der Regierung mit einer Rhetorik von Exzellenz und „Impact“ erheblich gefördert wird, private Unternehmen staatliche Mittel und EU-Mittel in einer nicht transparenten Weise erhalten und ausgeben werden, um politisch loyale Forscher zu unterstützen – wiederum ohne transparente Qualitätskontrolle.

Drittens stellt sich die Frage nach der Existenz oder vielmehr Nicht-Existenz jener institutionellen Mechanismen, die den widerständigen Akademikern meist jungen und mittleren Alters helfen, um sich vor dem existenziellen Druck der Verarmung und dem Mangel an Forschung und Reisekosten zu schützen. Das institutionelle System, das politisch gefährdete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterstützt, basiert auf einem im Zweiten Weltkrieg entwickelten Modell und geht davon aus, dass die Zeit des akademischen Exils nur wenige Jahre dauert und die Wissenschaftler*innen danach in ihre Länder zurückkehren werden, um ihre Arbeit fortzusetzen. Dies wird mit der polyporen Wissenschaft nicht der Fall sein, da das institutionelle und das Bewertungssystem grundlegend verändert wurden. Dieser verlorenen Generation von Wissenschaftler*innen – sie selbst nennen sich auch „die zurückgelassenen Wissenschaftler“, seitdem das Open Society Institute und die Central European University Ungarn verlassen haben – werden keine Bücher oder Zeitschriftenartikel produzieren. Denn sie werden langfristig keinen Zugriff mehr auf Ressourcen erhalten, da der Polypor-Staat alles für sich selbst nutzt. Wenn sie auswandern, werden sie auf dem bekanntlich schwierigen akademischen Arbeitsmarkt nur in Ausnahmefällen Zugang zu akademischen Stellen erhalten.

Daher stellt sich die entscheidende Frage, ob die Vertreter der polyporen Institutionen im europäischen Kontext auf nachgiebige Akzeptanz stoßen werden, wenn sie für die beabsichtigte Zusammenarbeit eine üppige finanzielle staatliche Unterstützung mitbringen – oder ob ihnen Ablehnung und Verachtung entgegengebracht werden wird. Wenn Letzteres nicht der Fall ist, dann ist es durchaus möglich, dass der Polypor andere Institutionen mit seinem machiavellistischen Umgang mit Werten und Moral infiziert. Dann können wir auf lange Sicht nur noch hoffen, dass die Plastikwürfel aus ihren großzügig finanzierten Büchern hergestellt werden – und nicht aus unseren.