• Maurice Erb studierte Informatik, Geschichte und Kommunikationswissenschaften sowie Recht an der Universität Zürich, wo er auch seine Doktorarbeit über zeitgenössische Philosophie abschloss. Er war Mitglied der E-Learning-Kommission der Philosophischen Fakultät und ist Mitherausgeber eines akademischen Open Access-Journals. Maurice Erb arbeitet als unabhängiger Berater in den Bereichen Fintech und Knowledge Management.

Der Weg über die Grenze führte durch unweg­sames Gelände. Meist wurde die Reise bei Einbruch der Dunkel­heit ange­treten. Große Handels­routen galt es ebenso zu vermeiden wie das verrä­te­ri­sche Tages­licht. Im Grenz­ge­biet lauerte die Gefahr von einer Patrouille entdeckt und aufge­griffen zu werden: „Qui va là? Arrêtez!“

Grenz­kon­trollen und paywalls

Diese Szene beschreibt den Weg subver­siven Wissens in das vorre­vo­lu­tio­näre Frank­reich. Um die strenge Zensur des Ancien Régime zu umgehen, versorgten sich die aufklä­re­ri­schen Zirkel im Paris des 18. Jahr­hun­derts nicht selten aus dem Ausland mit den neuesten Schriften und Abhand­lungen, die unter der Hand gehan­delt und unter dem Mantel nach Hause getragen wurden. Ein wich­tiger Produ­zent des gefähr­li­chen Wissens war die Schweizer Société typo­gra­phique de Neuchâtel, die den fran­zö­si­schen Bücher­schwarz­markt zwischen 1769 und 1789 mit Raub­dru­cken und Schmug­gel­phi­lo­so­phie, aber auch mit eigenen Veröf­fent­li­chungen belie­ferte.

Im Zeit­alter der Wissens­ge­sell­schaft sind die Grenzen der Wissens­zir­ku­la­tion keines­wegs verschwunden, sondern haben sich ledig­lich in andere Gebiete verschoben. An die Stelle staat­li­cher Zensur und Kontrollen an den Landes­grenzen sind große Verlags­kon­zerne getreten, die nun über den Zugang zu wissen­schaft­li­chen Aufsätzen walten und diese hinter digi­talen paywalls vor einer schran­ken­losen Verbrei­tung zurück­halten. Um Zugang zu erhalten, müssen Univer­si­täts­bi­blio­theken nicht selten 20.000 US-Dollar für das Abon­ne­ment eines einzigen Jour­nals und indi­vi­du­elle Nutzer durch­schnitt­lich 30 US-Dollar für einen einzigen Aufsatz an die Riesen des Geschäfts wie Else­vier, SAGE, Springer oder Wiley-Blackwell über­weisen.

Aufruhr im Lese­saal

Ober­lau­sit­zi­sche Biblio­thek der Wissen­schaften, 18. Jhd.; Quelle: wikipedia.org

Die Preise sind in den letzten Jahren drama­tisch in die Höhe geschossen. So zitiert der Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler Martin Eve in seinem 2014 erschie­nenen Buch Open Access and the Huma­nities Ergeb­nisse statis­ti­scher Studien, die zeigen, dass die Ausgaben großer Univer­si­täts­bi­blio­theken für Zeit­schrif­ten­abon­ne­ments seit 1986 um etwa 300% gestiegen sind, während ihr Gesamt­budget in diesem Zeit­raum nur etwa um 79% erhöht wurde. Die Folgen dieses Trends sind Kürzungen beim wissen­schaft­li­chen Personal, beim Ankauf von Mono­gra­phien, bei Dienst­leis­tungen sowie der Erneue­rung und Umrüs­tung der tech­ni­schen Infra­struktur.

Unter den sonst eher unauf­ge­regten und wenig rebel­li­schen Biblio­the­karen führte diese Entwick­lung bereits zu regel­rechten Aufständen: Bereits 2003 kündigte die Cornell Univer­sity ihre Verträge mit vielen der von Else­vier heraus­ge­ge­benen Jour­nals; 2012 versen­dete die Harvard Library ein Memo an die 2.100 Mitar­beiter der Univer­sität, in dem sie erklärte, dem Preis­druck der Verlage nicht mehr stand­halten zu können. Mit jähr­lich 3,5 Millionen US-Dollar alleine für Zeitschriften-Abonnements sei man am Ende der finan­zi­ellen Möglich­keiten ange­langt. Mit dieser Ankün­di­gung war ein Aufruf zum Boykott der großen Verlage und der Appell zur Publi­ka­tion in Open-Access-Journals verbunden. Im Juni 2017 gaben schließ­lich auch die vier großen Wissen­schafts­zen­tren Berlins bekannt, bis zum Ende des Jahres ihre Verträge mit Else­vier aufzu­kün­digen.

Schat­ten­bi­blio­theken

Eine radi­kale Inter­ven­tion gegen diese Entwick­lung kam von dem Program­mierer und Hacker Aaron Swartz, der 2008 mit dem „Guerilla Open Access Mani­fest“ von sich reden machte. Die beiden ersten Sätze dieses Mani­fests enthalten bereits die zentrale Diagnose: „Infor­ma­tion ist Macht. Und wie bei jegli­cher Macht gibt es jene, die sie für sich behalten wollen.“ Die Zurück­hal­tung von Wissen – oder tech­ni­scher: „Infor­ma­tion“ – folgt in dieser Lesart nicht nur einer ökono­mi­schen Logik, sondern ist Teil eines macht­po­li­ti­schen Kalküls. Während einige wenige privi­le­gierte Wissen­schaftler am „Bankett des Wissens speisen“, so Swartz weiter, bleibt „der Rest der Welt ausge­sperrt“.

Diese Macht­be­zie­hungen sind weniger zentra­lis­tisch als viel­mehr netz­artig orga­ni­siert. Bereits 1970 beschrieb Michel Foucault in seiner Antritts­vor­le­sung zur „Ordnung des Diskurses“ eine „gewal­tige Ausschlie­ßungs­ma­schi­nerie“ des Wissens. Mit „einem ganzen Geflecht von Prak­tiken […], dem System der Bücher, der Verlage und der Biblio­theken, den gelehrten Gesell­schaften einst­mals und den Labo­ra­to­rien heute“, werde der Zugang zum Diskurs regu­liert und versperrt. An der Ausgren­zung der weniger Privi­le­gierten haben demnach nicht nur Else­vier & Co. ihren Anteil, sondern der akade­mi­sche Komplex insge­samt: die wohl­ha­benden Elite-Universitäten, die Publi­ka­ti­ons­prak­tiken ihrer Wissen­schaftler sowie das inter­na­tio­nale Ranking-System, über das einzelne paywall-Jour­nals zum Gold­stan­dard der akade­mi­schen Aufmerk­sam­keits­öko­nomie erhoben werden.

Um diese Unge­rech­tig­keit zu über­winden, formu­lierte Swartz in seinem Mani­fest einen (a)moralischen Impe­rativ: „Pass­wörter an Kollegen weiter­geben, Sachen für Freunde runter­laden“. Seine Geschichte nahm einen tragi­schen Verlauf. Im Juli 2011 wurde bekannt, dass Swartz beschul­digt wurde, ca. 4,8 Millionen wissen­schaft­liche Artikel auf der zugangs­be­schränkten Inter­net­platt­form JSTOR herun­ter­ge­laden zu haben. Noch vor Prozess­be­ginn, am 11. Januar 2013, beging der seit Jahren an Depres­sionen leidende Program­mierer in seiner Wohnung in Brooklyn Suizid.

Swartz‘ Akti­vismus sollte jedoch bald Nach­ahmer finden und wird gegen­wärtig von der kasa­chi­schen Neuro­wis­sen­schaft­lerin Alex­andra Elbakyan fort­ge­führt, die 2011 das ille­gale Online-Archiv „Sci-Hub“ ins Leben gerufen hat. Hier können Nutzer nach wissen­schaft­li­chen Aufsätzen suchen, die entweder bereits auf den Servern von Sci-Hub archi­viert sind oder durch regis­trierte Zugänge von den offi­zi­ellen Daten­banken der Zeit­schriften und Verlage für die Nutzer herun­ter­ge­laden werden. Nach eigenen Angaben hat die Schat­ten­bi­blio­thek auf diese Weise bereits über 60 Million Fach­auf­sätze erbeutet und auf ihren Servern depo­niert.

Im November 2015 gelang es dem Elsevier-Konzern, in einem Gerichts­ver­fahren durch­zu­setzen, dass die .org-Domain der Wissen­schafts­pi­ratin gesperrt wurde. Die Seite ist über einen russi­schen Provider aller­dings weiterhin im offenen Internet sowie in den zwie­lich­tigen Unter­welten des Darknet „Tor“ verfügbar. Am 21. Juni 2017 konnte Else­vier einen weiteren Treffer gegen Alex­andra Elbakyan und Sci-Hub erzielen: Vor einem New Yorker Gericht wurden dem nieder­län­di­schen Konzern 15 Millionen US-Dollar Scha­dens­er­satz für Copyright-Verletzungen durch die Piraten-Plattform zuge­spro­chen. Ob Else­vier diese Summe aller­dings jemals erhalten wird, ist frag­lich, da Elbakan außer­halb der New Yorker Gerichts­bar­keit lebt und keine Vermögen in den USA besitzt.

Was tun?

Es gibt gute Gründe, Initia­tiven wie Sci-Hub zu befür­worten: Für viele Wissen­schaftler gibt es schlicht kaum Alter­na­tiven, um an die drin­gend benö­tigten, zugangs­be­schränkten Aufsätze von Kollegen zu kommen. Um zu verhin­dern, dass sich die scien­tific commu­nity zuneh­mend in eine gated commu­nity verwan­delt, mag Sci-Hub ein posi­tiver Weckruf sein.

Es gibt aber auch eine Menge guter Gründe, einer solchen Initia­tive skep­tisch gegen­über zu stehen: Zum einen, weil mit dem Tor-Netzwerk Sphären digi­taler Anony­mität genutzt werden, deren Untiefen weder ausge­lotet noch hinrei­chend kritisch reflek­tiert sind. Wollen wir wirk­lich, dass wissen­schaft­liche Aufsätze über Teil­chen­physik, Sprach­phi­lo­so­phie oder Mikro­bio­logie über die glei­chen Kanäle wie Waffen, Drogen und Auftrags­morde gehan­delt werden? Zum anderen ist Zurück­hal­tung geboten, weil die Artikel nicht nur an den Verlagen, sondern auch an den Autoren vorbei geschmug­gelt werden. Schließ­lich bleibt einzu­wenden, dass mit dem Dieb­stahl der Artikel zwar das Zugriffs-, nicht jedoch das Publi­ka­ti­ons­mo­nopol der Verlage gebro­chen wird.

Diese Einwände ändern aber nichts an Swartz‘ grund­sätz­li­chem Einwand, dass Wissen immer mehr zu einer Währung profit­ori­en­tierter, börsen­no­tierter Verlage und mithin zu einem Stra­tegem der Macht geworden ist. Das Problem ist bereits seit Längerem bekannt und formu­liert. So beispiels­weise in der „Buda­pest Open Access Initia­tive“ von 2002, dem „Bethesda State­ment on Open Access Publi­shing“ von 2003 sowie der eben­falls 2003 von neun­zehn inter­na­tio­nalen Forschungs­ein­rich­tungen unter­zeich­neten „Berlin Decla­ra­tion on Open Access to Know­ledge in the Sciences and the Huma­nities“. Freier Zugang für alle statt paywall publi­shing lautet das einheit­liche Plädoyer dieser Erklä­rungen.

„You pay, we publish!“ Der goldene Weg über die Grenze?

Gegen­wärtig werden zwei verschie­dene, sich teils ergän­zende Open-Access-Strategien disku­tiert. Einer­seits der soge­nannte „grüne Weg“, bei dem Publi­ka­tionen zunächst weiterhin in regu­lären Verlags­zeit­schriften oder als kosten­pflich­tige Mono­gra­phien erscheinen, um dann nach Ablauf einer gewissen Karenz­zeit als digi­tale Open-Access-Version in Online-Repositorien zu gelangen. Gerade in Wissen­schafts­dis­zi­plinen, in denen bei hohem Konkur­renz­druck geforscht wird, reicht diese Karenz­zeit jedoch aus, die entspre­chenden Ergeb­nisse zu über­holen. Wissen­schaftler auf Spit­zen­ni­veau bleiben damit weiterhin an die Erst­ver­öf­fent­li­chungen gebunden, während ihre Kollegen an weniger zahlungs­kräf­tigen Univer­si­täten abge­hängt hinter­her­for­schen.

Die zweite – viel­ver­spre­chen­dere – Form des Open Access ist der „goldene Weg“. Damit ist das exklu­sive Publi­zieren in Open-Access-Journals bzw. das Veröf­fent­li­chen von digital frei zugäng­li­chen Mono­gra­phien oder Sammel­bänden gemeint. Jeder Nutzer mit Zugang zum Internet kann diese „goldenen“ Open-Access-Veröffentlichungen barrie­re­frei abrufen, herun­ter­laden, weiter­leiten und ausdru­cken. Doch auch auf dem „goldenen Weg“ steckt der Teufel im Detail: Denn um die Kosten zu decken, die durch Begut­ach­tung, Korrek­torat, tech­ni­sche Imple­men­tie­rung und Veröf­fent­li­chung samt Daten­bank­in­di­zie­rung entstehen, sind nicht wenige Open-Access-Journals dazu über­ge­gangen, statt der Leser oder Abon­nenten nun die Autoren für die Publi­ka­tion zur Kasse zu bitten.

Solche article proces­sing charges (APCs) sind geeignet, die gesamte Idee von Open Access im Entstehen zu verei­teln. Nicht nur, dass mit der Auffor­de­rung, als Autor für die Veröf­fent­li­chung harter wissen­schaft­li­cher Arbeit zu bezahlen, die Selbst­aus­beu­tungs­logik der Krea­tiv­wirt­schaft an ihrem unka­schierten Flucht­punkt ange­langt ist; auch die Tatsache, dass es erneut v. a. die Elite-Universitäten sein werden, die ihren Mitar­bei­tern ein ausrei­chendes Publi­ka­ti­ons­budget zur Verfü­gung stellen können, deutet an, dass mit diesem Modell wenig gewonnen ist. Schlimmer noch: Bereits jetzt haben sich im Wind­schatten dieser Praxis eine ganze Reihe von Zeit­schriften zwei­fel­haften Typs etabliert, die bereit sind, gegen Bezah­lung Artikel zu veröf­fent­li­chen, welche von einem seriösen Journal mit Peer-Review-Verfahren niemals akzep­tiert würden. Frei nach dem geschäfts­tüch­tigen Motto: „You pay, we publish!“

Vertrau­ens­fragen

Ein Ausweg aus diesem zur Korrup­tion hin offenen Publi­ka­ti­ons­system wäre ein Modell, wie es seit 2015 erfolg­reich von der „Open Library of Huma­nities“ prak­ti­ziert wird. Abge­sehen von einer zusätz­li­chen Förde­rung durch eine Wissen­schafts­stif­tung, finan­ziert dieser nicht auf Gewinn ausge­rich­tete Open-Access-Verlag seine publi­zierten Zeit­schriften durch ein Koope­ra­ti­ons­mo­dell mit zahl­rei­chen Univer­si­täts­bi­blio­theken. Auf diesem Weg werden weder die Autoren noch die Leser durch eine paywall am Zugang zu Publi­ka­tionen gehin­dert, die höchsten wissen­schaft­li­chen Stan­dards verpflichtet sind.

Um den gated scien­tific commu­nities der kommer­zi­ellen Verlage entge­gen­wirken zu können, bietet ein solches Modell eine zukunfts­wei­sende Perspek­tive. Dennoch bleibt eine Reihe offener Fragen: Zunächst muss sich zeigen, ob die neu gegrün­deten, seriös begut­ach­teten Open-Access-Journals eine ähnliche Repu­ta­tion entwi­ckeln werden wie die tradi­tio­nellen Zeit­schriften. Für Forscher ist das sicher die zentrale Frage. Denn die Publi­ka­tion in ange­se­henen und mit hohem Impact Factor einge­stuften Fach­zeit­schriften wie Nature und Science ist nach wie vor entschei­dend für die Vergabe von wissen­schaft­li­chen Stellen und Projekt­fi­nan­zie­rungen. Die Open-Access-Journals werden also zunächst einen Vertrau­ens­kredit der Autoren benö­tigen, um sich lang­fristig etablieren zu können. Es bleibt abzu­warten, ob dem berech­tigten Ärger über die Verlage auch ein konse­quentes Umdenken im Wissen­schafts­alltag folgen wird.

Datenschutzerklärung
  • Maurice Erb studierte Informatik, Geschichte und Kommunikationswissenschaften sowie Recht an der Universität Zürich, wo er auch seine Doktorarbeit über zeitgenössische Philosophie abschloss. Er war Mitglied der E-Learning-Kommission der Philosophischen Fakultät und ist Mitherausgeber eines akademischen Open Access-Journals. Maurice Erb arbeitet als unabhängiger Berater in den Bereichen Fintech und Knowledge Management.