• Gretchen Dutschke ist Buchautorin und Zeitzeugin der Studentenbewegung der 1960er Jahre. Sie wurde in Oak Park (Illinois) geboren und kam 1964 nach Deutschland, um Philosophie zu studieren. In Berlin heiratete sie Rudi Dutschke, einen Wortführer der Studentenbewegung. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1979 zog sie 1985 zurück in die USA. Seit 2009 lebt sie wieder in Berlin.

  • Dorna Safaian lehrt Medienwissenschaft an der Universität Siegen und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft „Bilder der Empörung“.

Subver­sives Umher­schweifen, Flugblatt-Regen, Nach­spielen eines „Pudding­at­ten­tats“ für das Fern­sehen, besetzte Hörsäle – was ihre Akti­ons­formen angeht, war die Studen­ten­be­we­gung die Protestavant­garde der BRD. Ihre Aktionen waren nicht nur neuartig, sondern auch medi­enfit. Gret­chen Dutschke hat den Aufbruch 1968 als Akti­vistin miter­lebt und mitge­staltet. In einem Gespräch in ihrer Berliner Wohnung spricht sie über die Protest­formen der 68er, deren Verhältnis zur Medi­en­öf­fent­lich­keit und über die Heraus­for­de­rungen poli­ti­schen Protests im Zeit­alter des Inter­nets.

Dorna Safaian: Frau Dutschke, in Ihrem neuen Buch „1968 – Worauf wir stolz sein dürfen“ beschreiben Sie, wie sich im Juli 1966 3000 Studenten vor und in dem Henry-Ford-Bau der Freien Univer­sität Berlin auf den Boden setzen und die Demo­kra­ti­sie­rung der Univer­sität fordern. Das erste Sit-in in Deutsch­land. So eine Art des Protests hatte es in Deutsch­land nicht gegeben. Wie kam es dazu?

Gret­chen Dutschke: Die Idee des Sit-ins kam aus den USA. Es gab schon in der ersten Hälfe der 60er Jahre Bezie­hungen zwischen dem deut­schen SDS (Sozia­lis­ti­scher Deut­scher Studen­ten­bund) und dem ameri­ka­ni­schen SDS (Students for a Demo­cratic Society). Das waren zwei unab­hän­gige Orga­ni­sa­tionen, ihre Bezie­hung war aber sehr eng, weil sie ähnliche Denk­weisen hatten. Ein Student aus dem deut­schen SDS ging in die USA und hat im ameri­ka­ni­schen SDS mitge­ar­beitet. Er hat viele Ideen von dort nach Deutsch­land mitge­bracht.

 

Rudi Dutschke war ein Verfechter solcher „direkter Aktionen“. Sie kamen als ameri­ka­ni­sche Studentin nach Deutsch­land. Haben Sie ihn dies­be­züg­lich beein­flusst?

Sit-in an der Univer­sity of Cali­fornia, Berkeley im Jahre 1964; Quelle: berkeley.edu

Das kann ich nicht sagen, aber ich kannte neue Protest­formen durch die Civil Rights Bewe­gung in Amerika. Eine Rede von Martin Luther King habe ich damals in Chicago gehört. Die Studen­ten­be­we­gung fing in den USA erst Ende 1964 an. Ich kam Anfang 1964 nach Deutsch­land. 1962 und 1963, als ich noch in den USA war, gab es Studen­ten­auf­ruhr, aber ohne klares Ziel. Man rebel­lierte gegen eine enge Gesell­schaft, ohne zu wissen, was man wollte. An meinem College haben sich eines Tages die Studenten vor dem Gebäude versam­melt. Ich bin dann auf einen Tele­fon­mast gestiegen, woraufhin die Menge gejohlt und geschrien hat. Wegen des Lärms rückte die Polizei an, die wir dann mit weicher Erde bewarfen. Als ein Student verhaftet wurde, wollten wir zur Poli­zei­sta­tion marschieren, wurden aber blockiert. Das war meine Demons­tra­ti­ons­er­fah­rung in den USA. Das war rebel without a cause könnte man sagen.

 

Was man vom Sit-in an der FU nicht sagen kann. Hier wurden poli­ti­sche Forde­rung ausge­drückt, aber nicht nur. In Ihrem Buch zitieren Sie einen Betei­ligten, der von einem „verdammt glück­li­chen Gefühl der Gemein­sam­keit“ beim Sit-in spricht. Auch anderen Berichten kann man entnehmen, dass neben dem poli­ti­schen Ziel das persön­liche Erleben bei solchen Aktionen eine Rolle spielte. Sit-ins, Go-ins, Teach-ins usw. haben einen indi­vi­du­el­leren Ausdruck als Demons­tra­tionen. Machte auch das subjek­tive Moment für die Bewe­gung den Reiz solcher Aktionen aus?

In der Tat ist ein Sit-in eine direk­tere Protest­form als eine Demons­tra­tion vor dem Gebäude. Zunächst ging es aber um die poli­ti­sche Aussage. Das Glücks- und Soli­da­ri­täts­ge­fühl kam dann dazu. Der Kontakt zur Staats­ge­walt spielte aber auch eine Rolle, weil man so die Polizei austricksen konnte. Sie musste die sitzenden Studenten wegziehen, die aber zur Hintertür wieder herein­kamen. Man hat der Polizei auf diese Weise die Arbeit schwer gemacht.

 

Sie spre­chen das Konflikt­po­ten­tial an, das Aktionen provo­zieren, die direkt in ein Geschehen oder einen Ort eingreifen. Damit haben sie auch einen höheren Nach­rich­ten­wert als die klas­si­sche Demons­tra­tion.

Plakate gegen den Viet­nam­krieg, 1966; Quelle: literaturkritik.de

Ja. Man hat gene­rell schon sehr früh daran gedacht, dass die Medien eine Rolle spielen müssen. Im Grunde schon bei der ersten Plakat­ak­tion gegen den Viet­nam­krieg Anfang des Jahres 1966. Die Plakate sollten sowohl in München als auch in Berlin aufge­hängt werden. Man wollte den Eindruck erwe­cken, dass wir stärker waren, als es zu dieser Zeit der Fall war. Sie wurden in der Nacht aufge­hängt, aller­dings auch entdeckt und wegge­rissen – von Poli­zisten, wie uns ein Augen­zeuge erzählte. Es waren aber am nächsten Morgen einige übrig­ge­blieben. Die Aktion kam in die Presse. Es wurde der ganze Text des Plakates abge­druckt. Man hat auch zur Kenntnis genommen, dass die Aktion in zwei Städten statt­fand. Darüber haben wir uns dann gefreut. Man hat also durchaus Aktionen gemacht, die man als pres­se­wirksam einschätzte.

 

Das Fern­sehen etablierte sich in jener Zeit als zentrales Massen­me­dium, 1967 wurde das Farb­fern­sehen einge­führt. Die Studen­ten­be­we­gung hat dieses Medium bewusst genutzt und auch dadurch an Brei­ten­wir­kung gewonnen.

Das wurde immer klarer und hat auch viele Konflikte gebracht, weil Rudi sehr oft als Gesprächs­partner ange­fragt wurde. Wenn er im Fern­sehen auftrat, konnte er die Protest­ak­tionen erklären. Das hatte seine Wirkung, das war Rudi sehr bewusst. Er wurde aber am meisten ange­fragt. Das machte andere eifer­süchtig. Da kam auch Mobbing vor. Vor allem war Rudi der Über­zeu­gung, dass eine anti-autoritäre Bewe­gung keine Führungs­per­sön­lich­keit haben sollte. Für ihn lag da ein Wider­spruch. Denn die Medien haben ihn immer mehr in diese Rolle gedrängt, ohne dass er das wollte. Das ging so weit, dass wir sogar weggehen wollten.

 

Das heißt, dass Rudi Dutschke bereit war, deswegen seine Wirkungs­mög­lich­keiten einzu­schränken.  

Es ging ja nicht darum, für immer zu gehen. Aber für eine bestimmte Zeit, um den Druck heraus­zu­nehmen. Rudi wollte damit auch anderen die Chance geben, in die Medien zu kommen.

 

Die Tendenz der Massen­me­dien zur Perso­na­li­sie­rung entwi­ckelte sich in jenen Jahren. Es fehlte hier auch an Erfah­rungs­werten. Wie sehr war man eigent­lich von der medialen Brei­ten­wir­kung über­rascht?

Dutschke auf der Titel­seite des „Spiegel“, 1967; Quelle: spiegel.de

Ich habe das Problem mit Rudis Rolle in den Medien immer als eine ideo­lo­gi­sche Frage gesehen. Für ihn standen mit dieser Rolle einfach die anti-autoritären Ideale auf dem Spiel. Was aller­dings wirk­lich über­ra­schend war, war das Inter­esse der bürger­li­chen Presse. Maga­zine wie „Stern“ und „Spiegel“, die nicht zum Springer-Verlag gehörten, haben nämlich gemischt berichtet, also positiv und negativ. Sie haben auch Geld gezahlt – viel Geld, z.B. für das „Springer-Tribunal“ 1968. Die Gegner­schaft der Springer-Presse gegen­über der Studen­ten­be­we­gung hat man dagegen früh erfahren. Das fing schon an, bevor über­haupt konkrete Namen genannt wurden, als erst von soge­nannten „Links­ran­da­lie­rern“ berichtet wurde. Eine Ausnahme gab es aber.

 

Welche?

Die „Berliner Zeitung“, die zum Springer-Verlag gehört, hat 1966 einen Bericht von einer Podi­ums­dis­kus­sion mit Rudi in der Aska­ni­schen Schule in Berlin geschrieben. Der Titel lautete: „Dutschke dreht an einem dollen Ding“. Das klingt erst einmal positiv. Der Artikel war gemischt – da war Kriti­sches wie Posi­tives. Das war natür­lich gut, denn die Zeitung hatte eine große Leser­schaft. Der Mann, der den Artikel geschrieben hat, war aller­dings nicht mehr lange beim Springer-Verlag.

 

Der Konflikt mit dem Springer-Verlag hat sich 1968 zuge­spitzt. Nach dem Attentat auf Rudi Dutschke kam es zu Krawallen vor dem Axel-Springer-Hochhaus und vor Drucke­reien des Konzerns. Eine Spur des Konflikts ist symbo­lisch ins Berliner Stra­ßen­bild einge­gangen. Die Axel-Springer- und Rudi-Dutschke-Straße kreuzen sich in Berlin-Kreuzberg. Wie kam es dazu?

Stras­sen­kreu­zung am Axel-Springer-Hochhaus; Quelle: wikimedia.org

Das Problem war, dass der Eingang des Axel-Springer-Verlages an der Koch­straße lag, von der ein Teil in Rudi-Dutschke-Straße umbe­nannt werden sollte. Das hätte bedeutet, dass der Axel-Springer-Verlag die Rudi-Dutschke-Straße als Adresse gehabt hätte. Das konnten sie einfach nicht akzep­tieren. Die Tür zu dieser Straße haben sie dann geschlossen und den Eingang verlegt. Darauf haben sie eine Axel-Springer-Straße gefor­dert und bekommen, damit sie eine für sie passende Adresse haben. Deswegen gibt es jetzt die Kreu­zung Rudi-Dutschke-/Axel-Springer-Straße. Mein Sohn hat übri­gens versucht, die Frau von Axel Springer zu kontak­tieren, um ein Gespräch zwischen den beiden Fami­lien anzu­regen. Das hat sie aber abge­lehnt.

 

Protest wir heut­zu­tage nicht nur auf Straßen, in Zeitung und Fern­sehen, sondern auch im Internet sichtbar. Wie steht es Ihrer Meinung nach um Protest als Mittel poli­ti­scher Parti­zi­pa­tion heute?  

Inwie­weit das Internet als Protest­platt­form wirk­liche Ände­rungen herbei­führen kann, kann ich nicht einschätzen. Um Infor­ma­tion zu verbreiten und als Sammel­punkt für eine Bewe­gung ist es wohl nütz­lich. Ob Online-Unterschriftenaktionen wirksam sind, weiß ich nicht. Es gibt wahr­schein­lich viel zu viele davon. Um Spenden zu sammeln, könnte es auch nütz­lich sein. Ich kenne keine Studien, die den Erfolg dieser Art von Inter­net­ak­ti­vismus unter­su­chen. Gene­rell sehe ich es so: Protest ist notwendig, dabei können alle Formen eine Rolle spielen. Die Rechts­ex­tremen benutzen das Internet natür­lich auch tüchtig. Wir dürfen es ihnen auf keinen Fall über­lassen. Leider hat die extreme Rechte auch einige der Ideen von den provo­ka­tiven Protest­formen von damals über­nommen. Ich bleibe dabei: Protest ist notwendig. Nichtstun ändert ja nichts. Rechts­ex­tremen zu erlauben, mit Hass­pa­rolen herum­zu­laufen und punk­tuell große Demons­tra­tionen dagegen zu orga­ni­sieren, reicht aber nicht. Man sollte auch andere Protest­formen nutzen. Es gibt so viele wich­tige Themen, auch die Klima­frage gehört dazu – ich verstehe nicht, warum die jungen Menschen sich nicht gegen alles stellen, was ihr Leben in Zukunft zerstören wird. Demos reichen nicht mehr. Es braucht viel krea­ti­vere Methoden wie Boykott und Beset­zungen. Es braucht auch einen weit kriti­scheren Blick auf das Konsum­ver­halten und die Wirt­schaft insge­samt.

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