Schon oft in letzter Zeit musste man zur Kenntnis nehmen, dass die NZZ sich kaum mehr gegen politische und intellektuelle Strömungen weit rechts im politischen Spektrum abgrenzen mag. Der Ton wird rauer, die Fronten härter.

17. Mai 2016Lesezeit ca. 3 MinutenArtikel druckenIn Pocket speichern

In der NZZ hat der Publi­zist Heri­bert Seifert (68) kürz­lich viel Platz erhalten, um in einer sich besorgt gebenden Medi­en­kritik über „Wutjour­na­listen“ und ihre angeb­liche „kommu­ni­ka­tive Rüpelei“ in den „tradi­tio­nellen Medien“ sich seiner­seits in Rage zu schreiben. Die poli­ti­sche Distanz vieler führender Medien in der Bundes­re­pu­blik zur unver­hüllt islam­feind­li­chen AfD wird dabei mit ätzender Kritik, ja mit unver­hoh­lenem Spott über­zogen. Das ist an sich kein Zufall. Schon oft in letzter Zeit mussten die Lese­rInnen zur Kenntnis nehmen, dass die NZZ sich kaum mehr gegen poli­ti­sche und intel­lek­tu­elle Strö­mungen weit rechts im poli­ti­schen Spek­trum – inner­halb wie ausser­halb der Schweiz – abgrenzen mag. Der Ton wird rauer, die Fronten härter.

Doch wer ist Heri­bert Seifert? Seifert zeigt in der NZZ – er schreibt hier seit Jahren immer wieder – eher seine glatt­ge­kämmte Seite, um noch als „liberal“ durch­zu­gehen. Er kann aber auch anders. Artikel von ihm erscheinen ausser in der NZZ häufig in der Internet-Zeitschrift eigen­tüm­lich frei (ef), die von Poli­to­logen als „rechts­li­beral“, „rechts­na­tional“ oder auch als „rechts­ex­trem“ einge­stuft wird, und deren Macher um den Publi­zisten André F. Licht­schlag sich als „Anar­cho­ka­pi­ta­listen“ und „Liber­täre“ bezeichnen. Seiferts Medien-bashing, dem die NZZ regel­mässig ihre Spalten öffnet, findet auch dort statt. Ja, „die“ Medien – bzw., so Seifert, die „zuneh­mend wie Verlaut­ba­rungs­or­gane einer Besat­zungs­macht agie­renden Leit­me­dien“ (ef, 9.7.2012) – sind zusammen mit der Regie­rung Merkel und der „links­grünen Diktatur“ Ziel­scheibe seiner, gelinde gesagt, spitzen Feder. Seiferts jüngste Artikel auf eigen­tüm­lich frei sind zwar nur Abon­nenten vorbe­halten, aber auch ältere, zugäng­liche Texte erweisen ihn gerade als jenen eifernden „Wutjour­na­listen“, den er in den „tradi­tio­nellen Medien“ am Werk sieht. Nach den Bundes­tags­wahlen im Herbst 2009 etwa skiz­zierte er in knappen Worten die poli­ti­schen Fronten, wie sie sich ihm wohl auch heute noch darstellen:

„Der surreale ‚Anti­fa­schismus‘ mit ‚Kampf gegen Rechts‘ und sünden­stolzem Bekenntnis der immer­wäh­renden Schuld an der bösen ‚deut­schen Geschichte‘, die fort­lau­fende Erfin­dung immer neuer ‚Diskri­mi­nie­rungen‘, die Neuschöp­fung des Menschen im Sinne von ‚gender main­strea­ming‘ und schließ­lich die Fort­set­zung einer geschei­terten Einwan­de­rungs­po­litik sind auch unter dem neuen Personal ebenso garan­tiert wie die konti­nu­ier­liche Arbeit an der Selbst­auf­lö­sung der deut­schen Nation in einem kleptokratisch-bürokratischen ‚Europa‘.“ –Heri­bert Seifert (ef, 29.9.2009)

Dass einer sich über „gender main­strea­ming“ aufregt, ist hinzu­nehmen. Die hoch­mü­tige Ironie hingegen, mit der Seifert über das „sündenstolz[e] Bekenntnis der immer­wäh­renden Schuld an der bösen ‚deut­schen Geschichte‘“ spottet, sollte in den Redak­ti­ons­stuben der NZZ die Alarm­glo­cken läuten lassen. Denn das sind Code-Worte von ganz rechts aussen, und die zitierte Passage war kein Ausrut­scher. In ähnlich verächt­li­cher Weise kommen­tierte Seifert etwa Bestre­bungen, den Verkauf von Nazi-Propagandaliteratur an Kiosken zu verbieten: „So wie jener mutige Hote­lier mit rich­ter­li­cher Billi­gung sein Haus für einen urlaubs­reifen NPD-Funktionär sperrte, um seinen Gästen die Konfron­ta­tion mit dem Bösen zu ersparen, so wird auf dem Pres­se­markt der Kiosk gerei­nigt, um Verfüh­rung der Naiven und Empö­rung der schon Geläu­terten zu verhin­dern. Hier arbeitet eine aller Ehren werte gesell­schafts­sa­ni­täre Absicht, die auf strikte Tren­nung der Bösen von den Guten zielt.“ (ef, 14.7.2010).

Seifert operiert ständig mit solch scharfen Pola­ri­sie­rungen: Auf der einen Seite, ironisch “böse” genannt, der „NPD-Funktionär“, der weder in einem Hotel der “Guten” absteigen noch am Kiosk seine Nazi-Literatur kaufen darf; auf der anderen „die Geläu­terten“, die „Guten“ – d.h. neben den „links­grünen Dikta­toren“ auch die CDU unter Merkel und sogar Horst Seehofers CSU! –, die alle „Kritik“ am „main­stream“ ins Feld des „Nicht-Sagbaren“ abdrängen. Diese angeb­liche „Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­wei­ge­rung“ (NZZ) aber führt Seifert immer wieder auf das zurück, was im Zentrum seiner rechts­na­tio­nalen Kritik steht: die „große histo­ri­sche Erzäh­lung von der Erlö­sung der Deut­schen von ihrer bösen Vergan­gen­heit durch ihr Aufgehen in einem neuen Europa“ (ef, 9.7.2012).

Der Hass auf Europa, auf die Regie­rung Merkel und auf den Islam ist das eine; beängs­ti­gend aber ist, wie sehr dieser Hass sich vom Begehren herleitet, endlich von der poli­ti­schen und mora­li­schen Verant­wor­tung befreit zu werden, mit der die Erin­ne­rung an den Natio­nal­so­zia­lismus in Deutsch­land unauf­lösbar verbunden ist. Solche Töne des verkappten Bezugs auf den NS sind auch in der AfD zu hören. Seifert scheut sich nicht, sie immer wieder vorzu­bringen. Die NZZ aber muss sich fragen lassen, ob sie wirk­lich zum Sprach­rohr von Posi­tionen werden will, die bislang als rechts­ex­trem galten.

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