Wie können die Tussen es wagen?

Es war #MeToo-Woche in der Schweiz – auf Twitter, Facebook und in den Medien. Berichtet wurde über sexuelle Übergriffe und Gewalt, sexistische Bemerkungen und Degradierungen am Arbeitsplatz, beim Sport, im Ausgang. Erstes Fazit: Power bei den Frauen, Lernbedarf bei vielen Männern.



Artikel URL: https://geschichtedergegenwart.ch/wie-koennen-die-tussen-es-wagen/

Spätestens seit der #SchweizerAufschrei-Debatte im Jahr 2016 wissen wir, dass FemQueerTransColorLesben bald die Macht übernehmen. Die Zeit der breitbeinigen Männlichkeit, der Polter-Eidgenossen, Welterklärer, Maskulisten, Mansplainer, Werte-Verkünder, Pussygrabscher und Bescheidwisser ist vorbei. Sie sterben bald aus.

Nur ein kleines heterosexuelles Dorf weisser Männer wehrt sich (wie Robin Detjen es mal in der Zeit formulierte). Minuten nach der Hashtag-Lancierung regredierten die Männer: Vorhersehbar wie der Sonnenuntergang meldeten sich die ersten Stimmen, die es gemein fanden, dass sie „immer als Täter“ genannt werden. Die es doof fanden, dass Frauen sich „als Opfer inszenieren“. Wo sie, die Männer, doch die eigentlichen Opfer sind! Und wo doch die eigentlichen Täter diejenigen sind, die die Frechheit haben, sie an ihre Täterrolle zu erinnern! Ein grosser Entlastungsdrang entlud sich, es wurde geschimpft: Feminazis, Gesinnungspolizei! Und sowieso: Frauen nerven, denn die wollen offenbar tatsächlich, dass Männer ihr Verhalten reflektieren, gar ändern. Und da hört der Spass auf!

Es ist das, was immer passiert, wenn irgendwo Frauen aufmucken: Sie werden öffentlich zur Schnecke gemacht oder es wird ihnen zumindest vorgepredigt, wie sie Sexismus richtig zu verstehen haben. Wie können diese Tussen es wagen? Haben sie denn nichts gelernt? Ja, die Herren treten gern nach unten, um sich ihrer Allmacht zu versichern. Gerne wird dabei auch auf das männliche Recht gepocht, einfach drauf los baggern zu dürfen, denn: ich will doch nicht ständig nachdenken müssen! Und sicher lassen wir uns von Frauen nicht das „Tussi“-Sagen verbieten. Wir leben doch in einem freien Land!

Was so sehr verteidigt werden muss, liegt in den letzten Zügen. Man versuchte, sich unangreifbar zu machen, inszenierte sich als Verunsicherte, denen von Feministinnen das Leben zur Hölle gemacht wird und bemühte das maskulistische Lieblings-Horror-Szenario: die Schweiz sei von linkslesbischen Emanzen besetzt – von Frustbeulen, die Sex verbieten wollen und sich nicht einmal schön machen auf ihren Twitterfotos. Von einem feministischen Totalitarismus war die Rede, der Männern vorschreibe, wie sie Frauen ansprechen sollen, ihnen gar verbiete, Komplimente zu machen.

Was den Kommentatoren offenbar entging: dass jeder ihrer Tweets erneut bewies, wie bitter nötig der Aufschrei ist, wie nötig Feminismus und letztlich auch Political Correctness sind. Denn es muss eine Art zivilisierter Selbstzensur geben, die unsere Gesellschaft zusammenhält. So zu tun, als wäre es fortschrittlich, Ideen der Gleichheit und Gerechtigkeit oder letztlich einfach des Respekts mit Füssen zu treten, ist kindisch und regressiv. Ich will ‚Tusse‘ sagen dürfen! Rabääää! Apropos Kind: Kinder dazu zu erziehen, dass sie Bitte und Danke sagen, dass sie in der Schule am Platz bleiben und Konflikte gewaltfrei lösen, ist common sense. Zu lernen, dass wir beim Essen nicht rülpsen oder Menschen nicht anspucken, wenn sie uns nicht passen, ebenso. Warum soll der Anspruch, menschliches Verhalten zu ‚steuern‘, ja ein Stück weit ‚anzuerziehen‘, bei der Sexualität oder im Geschlechterverhältnis plötzlich aufhören?

Kulturelle Gepflogenheiten und Vorstellungen sind keine Naturtatsachen, sondern verändern sich. Bis vor kurzem durften Frauen in der Schweiz in der Ehe straffrei vergewaltigt werden. Sex galt als natürliches Recht des Ehemannes. Dass sich das geändert hat (ja, unsere Gesellschaft verändert sich), verdanken wir unzähligen Frauen und Feministinnen, die nicht müde wurden, diese Vorstellung zu hinterfragen. Heute ist es selbstverständlich, dass Vergewaltigung in der Ehe strafbar ist. Man kann das Ganze auch an einem harmloseren Beispiel durchdeklinieren: Welche unsägliche Empörung, als Feministinnen in den 1970er Jahren den Begriff „Fräulein“ kritisierten! Heute ist der Begriff antiquiert.

Der Punkt ist: Kulturelle Praxen zu überdenken und zu hinterfragen ist ein normaler, ja wichtiger Vorgang moderner demokratischer Gesellschaften. Wer das als ‚totalitär‘ schmäht, hat offensichtlich keine Ahnung, wie Geschichte abläuft. Im Totalitarismus-Vorwurf zeigt sich ein tief konservativer Argwohn gegenüber sozialen und politischen Veränderungen, gegenüber ‚ungehörigem‘ menschlichen Eingreifen in eine angeblich von Gott, der Natur oder dem Markt gewollte Ordnung.

Bei genauer Betrachtung geht es beim Political-Correctness-Argument darum, die asymmetrische Machtverteilung zu verteidigen, den Status quo zu erhalten. Und nicht zuletzt ist Political-Correctness-Bashing auch ein Ablenkungsmanöver vom eigentlichen Thema. Unterstellt wird, die Anliegen von Frauen oder anderen minorisierten Gruppen seien Demokratie-untauglich. Der Effekt dieser Unterstellung ist, dass am Ende über das ‚falsche‘, angeblich totalitäre Vorgehen der Frauen diskutiert wird, statt über das Problem ungleicher Macht- oder Ressourcenverteilung. Und so lief es auch in einigen Aufschrei-Debatten: Anstatt über die Probleme zu reden, die Frauen durch den Aufschrei benannt hatten, sollten sie sich rechtfertigen über die richtige oder falsche Form ihres Protests, über Sexismus-Definitionen oder sich gar dauer-erklären, inwieweit ihre Anliegen nicht totalitär oder Männerfeindlich seien.

Ich habe unter #SchweizerAufschrei keinen einzigen Tweet von einer Frau gesehen, der eine rechtliche Zurückstufung oder Schlechterstellung von Männern forderte, oder diese in den Gulag stecken wollte. Aber ich habe gesehen, wie Männer, anstatt zuzuhören, alles, was Frauen vorbrachten, als Gezeter abzutun. Ich habe gesehen, wie sie Frauen den Mund verbieten wollten. Man muss es offenbar immer und immer wieder sagen: Frauen, die in den Geschlechterbeziehungen ein Machtgefälle erkennen, wollen Männern nicht den Pimmel abschneiden. Und nein, Menschen, die ihre Verletzlichkeit offenbaren und mehr Schutz möchten, wollen Männern nicht die Weltherrschaft wegnehmen (wobei das ein Gedanke wert wäre).

Nein, es gibt in der Schweiz niemanden, der oder die eine ‚politisch korrekte‘ Diktatur durchsetzen möchte. Männer, die ein intaktes Unrechtsbewusstsein haben – auch die gibt es, wie sich in den letzten Tagen zeigte – werden es im Zuge des #SchweizerAufschrei nicht nötig haben, sich als Opfer zu stilisieren. Sondern endlich dazu übergehen, sich mehr Wissen zum Thema Geschlechtergerechtigkeit anzueignen und im besten Fall auch die eigenen Verhaltensweisen, Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten hinterfragen. Und nicht zuletzt werden sie in der Lage sein, auch mal Fragen zu stellen, anstatt die eigene Einschätzung für die einzig richtige zu halten. Fragen wie zum Beispiel: Warum sind in der Werbung, in Medien und in Filmen Frauen immer wieder Sexobjekte? Oder dümmliche Prinzessinnen? Warum sitzen in vielen Talkshows mehr Männer? Warum wird Care-Arbeit bis heute überwiegend von Frauen gestemmt? Und weshalb geht sexualisierte Gewalt fast ausschliesslich von Männern aus?

Gentlemen, es gibt keine Entschuldigung, packen Sie es an.