• Franziska Schutzbach hat Soziologie, Me­dien­­wissen­schaften und Ge­schlech­ter­forschung an der Uni­versität Basel studiert. Sie lehrt und forscht am Zentrum Gender Studies der Uni Basel und ist Heraus­geberin von Geschichte der Gegenwart.

Spätes­tens seit der #SchweizerAufschrei-Debatte im Jahr 2016 wissen wir, dass FemQueer­Trans­Co­lor­Lesben bald die Macht über­nehmen. Die Zeit der breit­bei­nigen Männ­lich­keit, der Polter-Eidgenossen, Welt­erklärer, Masku­listen, Mans­plainer, Werte-Verkünder, Pussy­grab­scher und Bescheid­wisser ist vorbei. Sie sterben bald aus.

Nur ein kleines hete­ro­se­xu­elles Dorf weisser Männer wehrt sich (wie Robin Detjen es mal in der Zeit formu­lierte). Minuten nach der Hashtag-Lancierung regre­dierten die Männer: Vorher­sehbar wie der Sonnen­un­ter­gang meldeten sich die ersten Stimmen, die es gemein fanden, dass sie „immer als Täter“ genannt werden. Die es doof fanden, dass Frauen sich „als Opfer insze­nieren“. Wo sie, die Männer, doch die eigent­li­chen Opfer sind! Und wo doch die eigent­li­chen Täter dieje­nigen sind, die die Frech­heit haben, sie an ihre Täter­rolle zu erin­nern! Ein grosser Entlas­tungs­drang entlud sich, es wurde geschimpft: Femi­nazis, Gesin­nungs­po­lizei! Und sowieso: Frauen nerven, denn die wollen offenbar tatsäch­lich, dass Männer ihr Verhalten reflek­tieren, gar ändern. Und da hört der Spass auf!

Es ist das, was immer passiert, wenn irgendwo Frauen aufmu­cken: Sie werden öffent­lich zur Schnecke gemacht oder es wird ihnen zumin­dest vorge­pre­digt, wie sie Sexismus richtig zu verstehen haben. Wie können diese Tussen es wagen? Haben sie denn nichts gelernt? Ja, die Herren treten gern nach unten, um sich ihrer Allmacht zu versi­chern. Gerne wird dabei auch auf das männ­liche Recht gepocht, einfach drauf los baggern zu dürfen, denn: ich will doch nicht ständig nach­denken müssen! Und sicher lassen wir uns von Frauen nicht das „Tussi“-Sagen verbieten. Wir leben doch in einem freien Land!

Aussage von Pat Robertson, einem einflussreichen US-amerikanischen ultrakonservativen, evangelikalen Politiker, Prediger und Verschwörungstheorektiker in einem Fundraisung-Brief gegen die staatliche Equal-Rights-Initiative in Iowa 1992, Quelle: www.ifunny.com

Aussage von Pat Robertson, einem einfluss­rei­chen US-amerikanischen ultra­kon­ser­va­tiven, evan­ge­li­kalen Poli­tiker, Prediger und Verschwö­rungs­theo­rek­tiker in einem Fundraisung-Brief gegen die staat­liche Equal-Rights-Initiative in Iowa 1992, Quelle: ifunny.com

Was so sehr vertei­digt werden muss, liegt in den letzten Zügen. Man versuchte, sich unan­greifbar zu machen, insze­nierte sich als Verun­si­cherte, denen von Femi­nis­tinnen das Leben zur Hölle gemacht wird und bemühte das masku­lis­ti­sche Lieblings-Horror-Szenario: die Schweiz sei von links­les­bi­schen Emanzen besetzt – von Frust­beulen, die Sex verbieten wollen und sich nicht einmal schön machen auf ihren Twit­ter­fotos. Von einem femi­nis­ti­schen Tota­li­ta­rismus war die Rede, der Männern vorschreibe, wie sie Frauen anspre­chen sollen, ihnen gar verbiete, Kompli­mente zu machen.

Was den Kommen­ta­toren offenbar entging: dass jeder ihrer Tweets erneut bewies, wie bitter nötig der Aufschrei ist, wie nötig Femi­nismus und letzt­lich auch Poli­tical Correct­ness sind. Denn es muss eine Art zivi­li­sierter Selbst­zensur geben, die unsere Gesell­schaft zusam­men­hält. So zu tun, als wäre es fort­schritt­lich, Ideen der Gleich­heit und Gerech­tig­keit oder letzt­lich einfach des Respekts mit Füssen zu treten, ist kindisch und regressiv. Ich will ‚Tusse‘ sagen dürfen! Rabääää! Apropos Kind: Kinder dazu zu erziehen, dass sie Bitte und Danke sagen, dass sie in der Schule am Platz bleiben und Konflikte gewalt­frei lösen, ist common sense. Zu lernen, dass wir beim Essen nicht rülpsen oder Menschen nicht anspu­cken, wenn sie uns nicht passen, ebenso. Warum soll der Anspruch, mensch­li­ches Verhalten zu ‚steuern‘, ja ein Stück weit ‚anzu­er­ziehen‘, bei der Sexua­lität oder im Geschlech­ter­ver­hältnis plötz­lich aufhören?

Kultu­relle Gepflo­gen­heiten und Vorstel­lungen sind keine Natur­tat­sa­chen, sondern verän­dern sich. Bis vor kurzem durften Frauen in der Schweiz in der Ehe straf­frei verge­wal­tigt werden. Sex galt als natür­li­ches Recht des Ehemannes. Dass sich das geän­dert hat (ja, unsere Gesell­schaft verän­dert sich), verdanken wir unzäh­ligen Frauen und Femi­nis­tinnen, die nicht müde wurden, diese Vorstel­lung zu hinter­fragen. Heute ist es selbst­ver­ständ­lich, dass Verge­wal­ti­gung in der Ehe strafbar ist. Man kann das Ganze auch an einem harm­lo­seren Beispiel durch­de­kli­nieren: Welche unsäg­liche Empö­rung, als Femi­nis­tinnen in den 1970er Jahren den Begriff „Fräu­lein“ kriti­sierten! Heute ist der Begriff anti­quiert.

Der Punkt ist: Kultu­relle Praxen zu über­denken und zu hinter­fragen ist ein normaler, ja wich­tiger Vorgang moderner demo­kra­ti­scher Gesell­schaften. Wer das als ‚tota­litär‘ schmäht, hat offen­sicht­lich keine Ahnung, wie Geschichte abläuft. Im Totalitarismus-Vorwurf zeigt sich ein tief konser­va­tiver Argwohn gegen­über sozialen und poli­ti­schen Verän­de­rungen, gegen­über ‚unge­hö­rigem‘ mensch­li­chen Eingreifen in eine angeb­lich von Gott, der Natur oder dem Markt gewollte Ordnung.

Bei genauer Betrach­tung geht es beim Political-Correctness-Argument darum, die asym­me­tri­sche Macht­ver­tei­lung zu vertei­digen, den Status quo zu erhalten. Und nicht zuletzt ist Political-Correctness-Bashing auch ein Ablen­kungs­ma­növer vom eigent­li­chen Thema. Unter­stellt wird, die Anliegen von Frauen oder anderen mino­ri­sierten Gruppen seien Demokratie-untauglich. Der Effekt dieser Unter­stel­lung ist, dass am Ende über das ‚falsche‘, angeb­lich tota­li­täre Vorgehen der Frauen disku­tiert wird, statt über das Problem unglei­cher Macht- oder Ressour­cen­ver­tei­lung. Und so lief es auch in einigen Aufschrei-Debatten: Anstatt über die Probleme zu reden, die Frauen durch den Aufschrei benannt hatten, sollten sie sich recht­fer­tigen über die rich­tige oder falsche Form ihres Protests, über Sexismus-Definitionen oder sich gar dauer-erklären, inwie­weit ihre Anliegen nicht tota­litär oder Männer­feind­lich seien.

Ich habe unter #Schwei­zer­Auf­schrei keinen einzigen Tweet von einer Frau gesehen, der eine recht­liche Zurück­stu­fung oder Schlech­ter­stel­lung von Männern forderte, oder diese in den Gulag stecken wollte. Aber ich habe gesehen, wie Männer, anstatt zuzu­hören, alles, was Frauen vorbrachten, als Gezeter abzutun. Ich habe gesehen, wie sie Frauen den Mund verbieten wollten. Man muss es offenbar immer und immer wieder sagen: Frauen, die in den Geschlech­ter­be­zie­hungen ein Macht­ge­fälle erkennen, wollen Männern nicht den Pimmel abschneiden. Und nein, Menschen, die ihre Verletz­lich­keit offen­baren und mehr Schutz möchten, wollen Männern nicht die Welt­herr­schaft wegnehmen (wobei das ein Gedanke wert wäre).

Nein, es gibt in der Schweiz niemanden, der oder die eine ‚poli­tisch korrekte‘ Diktatur durch­setzen möchte. Männer, die ein intaktes Unrechts­be­wusst­sein haben – auch die gibt es, wie sich in den letzten Tagen zeigte – werden es im Zuge des #Schwei­zer­Auf­schrei nicht nötig haben, sich als Opfer zu stili­sieren. Sondern endlich dazu über­gehen, sich mehr Wissen zum Thema Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit anzu­eignen und im besten Fall auch die eigenen Verhal­tens­weisen, Gewohn­heiten und Selbst­ver­ständ­lich­keiten hinter­fragen. Und nicht zuletzt werden sie in der Lage sein, auch mal Fragen zu stellen, anstatt die eigene Einschät­zung für die einzig rich­tige zu halten. Fragen wie zum Beispiel: Warum sind in der Werbung, in Medien und in Filmen Frauen immer wieder Sexob­jekte? Oder dümm­liche Prin­zes­sinnen? Warum sitzen in vielen Talk­shows mehr Männer? Warum wird Care-Arbeit bis heute über­wie­gend von Frauen gestemmt? Und weshalb geht sexua­li­sierte Gewalt fast ausschliess­lich von Männern aus?

Gentlemen, es gibt keine Entschul­di­gung, packen Sie es an.

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