Wie Gegen­wart schreiben? Über das cross-over zwischen Geschichts- und Kulturwissenschaften

Vom 25. bis zum 28. September findet in Münster der 52. Deutsche Historikertag statt. Zu diesem Anlass erläutern wir, was für uns „Geschichte der Gegenwart“ heißt, was wir unter „Kritik“ verstehen und was wir mit dem cross-over zwischen Geschichts- und Kulturwissenschaften erreichen wollen.

Geschichts­schrei­bung ist immer zwei­erlei: Sie schreibt über Vergan­genes – aber sie schreibt in der Gegen­wart. Sie befragt Geschichte aus der Perspek­tive und vom Stand­punkt der Gegen­wart aus, und sie evoziert Vergan­genes mit den Schreib­prak­tiken und Spra­chen, in den Medien und Denk­räumen des Heute. Sie trägt damit aber auch das Risiko aller Gegen­wart: Nicht zu wissen, ob das, was heute als ein sinn­voller, aufschluss­rei­cher oder kriti­scher Blick auf – zum Beispiel – die Vergan­gen­heit gelten kann, auch morgen, über den Tag hinaus, noch so erscheinen und Bestand haben wird.

Was in diesem Sinne eine bloße, letzt­lich triviale Rahmen­be­din­gung jeder Geschichts­wis­sen­schaft sein mag, wird dann, wenn Histo­ri­ke­rInnen sich mit Kultur­wis­sen­schaft­le­rInnen in ein Boot setzen, von einer Äußer­lich­keit zum Konzept, von einer Trivia­lität zum Programm. Wir Heraus­ge­be­rinnen und Heraus­geber von Geschichte der Gegen­wart sind akade­misch an den Univer­si­täten Zürich und Basel tätig und kommen aus der Geschichts­wis­sen­schaft, der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und den Gender Studies. Wir haben in den letzten zwei­ein­halb Jahren, seit es GdG gibt und wir wöchent­lich zwei von uns ausführ­lich bespro­chene und lekto­rierte Texte publi­zieren, dieses stän­dige cross-over über die Grenzen unserer Diszi­plinen hinweg als etwas Selbst­ver­ständ­li­ches, als etwas gera­dezu auf der Hand Liegendes erlebt. Wie kommt das?

Es gibt dazu eine einfache und eine kompli­zierte Antwort. Die einfache lautet: Geschichte der Gegen­wart ist ein Frei­zeit­pro­jekt jenseits unserer akade­mi­schen Pflichten, ein von insti­tu­tio­nellen Zwängen befreiter Ort, um Neues auszu­pro­bieren und als Zeit­ge­nos­sInnen auf die Gegen­wart zu reagieren. Das hat, wie wir ausführen werden, nicht nur eine wissen­schaft­liche, sondern auch eine letzt­lich poli­tisch zu nennende Dimen­sion – und es führt auch zu der eher kompli­zierten Antwort auf die Frage nach dem Konzept unseres post­dis­zi­pli­nären cross-over.

Genea­lo­gi­sche und kultur­ana­ly­ti­sche Blicke

Der Titel „Geschichte der Gegen­wart“ ist Programm und verweist zum einen auf den Anspruch, einem brei­teren Publikum die Gegen­wart als Ergebnis früherer Entwick­lungen und Verhält­nisse lesbar und verständ­li­cher zu machen. Zum anderen legt er es nahe, die „Geschichten der Gegen­wart“ – unsere Haupt­ru­brik – immer auch als Produkte des heutigen Schrei­bens von Gegen­wart zu verstehen. Doch weil dieses Schreiben meist nicht ohne Blick in die Vergan­gen­heit auskommen kann, gibt es keine wirk­liche Grenze, keine syste­ma­ti­sche Trenn­linie zwischen diesen beiden Perspek­tiven. In jedem Fall geht es darum, sich mit histo­ri­schem Sach­ver­stand der Gegen­wart zuzu­wenden. Man könnte mit einem Bonmot einer unserer Autoren auf Twitter sagen: „Alles was ich von der Gegen­wart weiß, weiß ich aus der Vergan­gen­heit“ – oder mit Karl Marx darauf hinweisen, dass die Vergan­gen­heit wie ein „Alp auf den Gehirnen der Lebenden lastet“ und Gegen­wart immer in den „Kostümen“ der Vergan­gen­heit insze­niert wird.

Doch wie dem auch sei. Unser Blick in die Geschichte beschränkt sich nicht auf unmit­tel­bare Vorge­schichten. Wir begreifen Geschichte viel­mehr in genea­lo­gi­scher Perspek­tive als ein kaum über­schau­bares Konglo­merat ganz unter­schied­li­cher Entwick­lungs­li­nien und Vorkomm­nisse, in dem auch Abge­bro­chenes und Verges­senes oder lange zurück­lie­gende Ereig­nisse rele­vant sind. Genea­logie, wie wir sie verstehen, ist nicht „Erin­ne­rungs­ge­schichte“, nicht „Aufar­bei­tung“ des Vergan­genen (wogegen gar nichts gesagt sei), sondern die Rekon­struk­tion der Herkunft dessen, was uns jetzt beschäf­tigt. Das können ebenso Texte zur mittel­al­ter­li­chen Geschichte des Islam sein (Almut Höfert, 21.5.2017) wie zur Staa­ten­lo­sig­keit als dem recht­li­chen Erbe zweier Welt­kriege (Miriam Rürup, 24.9.2017) oder zu „Reiz­wör­tern“ – eine andere Rubrik – wie „konser­vativ“ (Martina Steber, 4.3.2018) oder „Kultur­kreis“, „Iden­tität“, „Arbeit“, „Popu­lismus“, „Meinungs­frei­heit“ etc.

Viele dieser Texte sind nicht primär auf die Geschichte und histo­ri­sche Frage­stel­lungen ausge­richtet, sondern stellen kultur­ana­ly­ti­sche Fragen nach dem gegen­wär­tigen Gebrauch von Sprache und Bildern, Zeichen und Medi­a­lität ins Zentrum, gepaart mit den unwei­ger­lich poli­ti­schen Fragen nach Macht­ef­fekten und Macht­ver­hält­nissen. Entspre­chend finden sich im Kreis der bis heute rund 180 Autorinnen und Autoren viele Stimmen aus den Kultur-, Geistes-, Rechts- und Sozi­al­wis­sen­schaften sowie aus den Künsten. So schrieb etwa der Germa­nist Phil­ippe Wampfler einen „Bericht“ über seine Gespräche – oder Gesprächs­ver­suche – mit Verschwö­rungs­theo­re­ti­kern (28.2.2018), der Wissen­schafts­for­scher Michael Hagner über „Open Access“ (25.9.2016) oder der Völker­rechtler Oliver Diggel­mann über das schwie­rige Verhältnis von Völker­recht und Landes­recht im Zeit­alter der Globa­li­sie­rung (26.4.2017). Wir führten „Gespräche“ – eine weitere Rubrik – mit dem Thea­ter­ma­cher Georg Genoux über seine Insze­nie­rungen mit „displaced people“ in der Ukraine (27.7.2016) oder mit der Rechts­an­wältin und Frau­en­recht­lerin Seyran Ates, die 2017 in Berlin eine libe­rale Moschee grün­dete (28.1.2018), um nur zwei Beispiele zu nennen. In all diesen Texten und Gesprä­chen erweist sich die Frage nach der Gegen­wart als eine Frage danach, in welcher Zeit, in welcher Epoche, in welchem histo­ri­schen Umbruch wir gerade leben. Das ist die Frage, die Geschichts­wis­sen­schaft intrinsisch mit den anderen in unserem Online-Magazin präsenten Diszi­plinen verbindet – eine Vorrang­stel­lung hat dabei keine.

Social Media

Geschichte der Gegen­wart ist bewusst nur im Netz zu finden. Dies hat unter­schied­liche Gründe. Einer liegt in den gegen­wär­tigen Entwick­lungen des Medi­en­marktes, insbe­son­dere in der deutsch­spra­chigen Schweiz, wo die Plura­lität der Pres­se­land­schaft in den letzten Jahren unter Druck geraten ist und die Viel­falt des Feuil­le­tons gelitten hat. Doch auch abge­sehen davon eröffnet diese Form des Publi­zie­rens inhalt­liche und formale Möglich­keiten, die uns die großen Tages- und Wochen­zei­tungen natur­gemäß nicht bieten könnten. Wir sind frei, nur das zu veröf­fent­li­chen, was uns rele­vant, über­ra­schend, aufschluss­reich und neu erscheint, und wir können auch jüngeren Kolle­ginnen und Kollegen eine Platt­form für Texte bieten, die keine Chance hätten, im Feuil­leton einer großen Zeitung unter­zu­kommen. Für die Qualität bürgen wir – und versu­chen dabei, ein Publikum jenseits der Fach­öf­fent­lich­keiten zu errei­chen. Unsere Beiträge sind allge­mein verständ­lich geschrieben, frei von Fußnoten und Fach­jargon, und sie sind mit dem Anspruch verfasst, zum eigenen Weiter­denken anzuregen.

Als Online-Magazin muss GdG sich stets aufs Neue sein Publikum suchen – und wir finden es vor allem in den Sozialen Medien. Die Texte von Geschichte der Gegen­wart sind zum Liken, Teilen und Kommen­tieren gedacht, zum prak­ti­schen Gebrauch in den neuen Foren gesell­schaft­li­cher Diskus­sion. Und dies geschieht durchaus rege: Viel­be­ach­tete Artikel errei­chen auf der Website von Geschichte der Gegen­wart manchmal über 10.000 Lese­rinnen und Leser inner­halb der ersten Tage, davon die Mehr­heit aus Deutsch­land, gefolgt von der Schweiz; der Rest ist geogra­phisch sehr breit gestreut. Die Sprache defi­niert das Publikum, nicht die natio­nalen Grenzen; die Artikel inter­ve­nieren, mit anderen Worten, in durchaus unter­schied­liche natio­nale Diskus­si­ons­zu­sam­men­hänge. Zugleich ziehen sie auch immer wieder das Inter­esse klas­si­scher Medien auf sich, die einzelne Artikel aufgreifen oder weiter­ver­folgen. Geschichte der Gegen­wart ist kein Projekt, das sich als Gegen­satz zum klas­si­schen Kultur­jour­na­lismus versteht, sondern eine Art intel­lek­tu­eller Dienst­leister für aktu­elle Debatten.

Das heißt aber auch: Wir betreiben keine Wissen­schafts­po­pu­la­ri­sie­rung. Histo­ri­ke­rinnen und Kultur­wis­sen­schaftler haben zuhanden der Öffent­lich­keit noch mehr und anderes beizu­tragen als die konkreten Ergeb­nisse ihrer Forschungen: nicht nur oder nicht vornehm­lich ihr Fach­wissen, sondern ihre spezi­fi­schen Fähig­keiten des Fragens und Analy­sie­rens. Als Exper­tInnen für Hete­ro­ge­nität und Kontin­genz, für quel­len­kri­ti­sche Genau­ig­keit und Ambi­va­lenzen können sie aktu­elle Kontro­versen um Sicht­weisen berei­chern, die ansonsten oft zu wenig Raum erhalten. Auch das ist daher Programm: die Genau­ig­keit im Sprach­ge­brauch, das Frei­legen verschlei­ernder Sprech­weisen und die Dekon­struk­tion ideo­lo­gi­scher Begriffe und Konzepte.

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Publi­zieren im rauen Wind

Einen expli­ziten, gar ideo­lo­gisch gefes­tigten poli­ti­schen Stand­punkt hat Geschichte der Gegen­wart nicht – auch wenn wir zuweilen auch Kommen­tare und tages­ak­tu­elle Inter­ven­tionen publi­zieren, etwa zum Wahl­er­folg der AfD (Kijan Espa­han­gizi, 1.10.2017), zur Förder­po­litik des Schwei­ze­ri­schen Natio­nal­fonds (Sylvia Sasse, 6.7.2016) oder zum Verhältnis der Schweiz zu Saudi-Arabien (Bernard Schär, 18.10.2017). Verstän­digt haben wir uns jedoch auf einen Begriff von „Kritik“, der von der Kontin­genz des Gewor­denen ausgeht, gegen­wär­tige Ansprüche auf Wahr­heit und Geltung durch historisch-genealogische Analysen hinter­fragt und die Räume des Denkens zu erwei­tern versucht.

Damit macht man sich nicht immer Freunde, wie wir selbst erfahren haben, aber in der heut­zu­tage so überaus pola­ri­sierten poli­ti­schen Land­schaft bewegt man sich unwei­ger­lich im rauen Wind, wenn man den Kopf zum akade­mi­schen Fenster hinaus­hält. Mit der Ruhe des histo­ri­schen „Rück­blicks“ und der gelehrten geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Analyse im geschützten Raum der Univer­sität jeden­falls war es schnell vorbei, als wir uns im Februar 2016 während eines in der Schweiz beson­ders heftig geführten Abstim­mungs­kampfes über eine SVP-Initiative an die Öffent­lich­keit wagten. Seither besteht die Heraus­for­de­rung für GdG darin, in diesen kühlen, wech­selnden Winden auf rauer See weder die Segel zu strei­chen noch einfach einen „klaren Kurs“ zu fahren. GdG ist kein poli­ti­sches Projekt aufgrund einer bestimmten Program­matik, sondern wegen seiner kriti­schen Perspek­tive auf die Gegen­wart. Mit offenem Ausgang.

 

Dieser Text erschien zuerst im VHD-Journal vom Juli 2018.