In den Diskussionen über Erinnerungspolitik und Gedenkstättenarchitektur geht es auch um das von den Nazis zerstörte Revolutionsdenkmal. Doch die Forderung nach seiner Rekonstruktion ist nicht frei von den Fallstricken, die mit der Frage nach der Erinnerungswürdigkeit des Kommunismus verknüpft sind.

  • Claus Leggewie

    Claus Leggewie ist Ludwig Börne-Professor an der Universität Gießen und hat 2011 mit Anne Lang das Buch „Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt“ bei C.H. Beck/München veröffentlicht.

Vor kurzem machte in Berlin die Initia­tive des Anti­se­mi­tis­mus­be­auf­tragten Schlag­zeilen, Straßen und Plätze umzu­be­nennen, die histo­ri­schen Personen gewidmet sind, die sich anti­se­mi­tisch geäu­ßert und betä­tigt haben. In eindeu­tigen Fällen soll der Namens­geber voll­ständig getilgt, bei strit­tigen die mögliche histo­ri­sche Verstri­ckung „kontex­tua­li­siert“ werden. Solche Verwal­tungs­akte sind Alter­na­tiven zu „wilden“ Tilgungen einer Erin­ne­rung an verpönte Persön­lich­keiten, oft am Ende von (Bürger-)Kriegen; aber auch sie unter­scheiden zwischen einer kompletten „damnatio memo­riae“, die sie dauer­haft dem Vergessen anheim­gibt, und einer zeit­his­to­risch fundierten Kommen­tie­rung, die ihre Worte und Taten in kriti­scher Absicht für die Urteils­kraft der Nach­welt aufbe­wahrt. Beson­ders in den Blick geraten außer Namen von Straßen und Plätzen dann Statuen, Wohn­häuser, Dienst­stellen und weitere authentisch-auratische Orte.

Inter­es­sant ist nun, dass in jüngster Zeit die Rekon­struk­tion eines den Opfern des 15. Januar 1919 gewid­meten Revo­lu­ti­ons­denk­mals auf dem Berliner Zentral­friedhof Fried­richs­felde in Erwä­gung gezogen wird. Während andern­orts Erin­ne­rungen an den Kommu­nismus getilgt werden, soll das 1926 von Ludwig Mies van der Rohe gestal­tete Denkmal auf dem Friedhof wieder­errichtet werden. Anstöße dazu gab es bereits mehr­fach in jüngerer Vergan­gen­heit, nicht zuletzt von West­ber­liner und west­deut­schen Akteuren. Das Revo­lu­ti­ons­denkmal hat seit der Errich­tung unter Ägide der KPD 1926 eine höchst wech­sel­volle Geschichte hinter sich – nicht nur den Abriss durch die Natio­nal­so­zia­listen im Jahr 1935, die den großen Stern mit Hammer und Sichel wie eine Trophäe im SA-Museum präsen­tierten, sondern auch diverse geschei­terte Anläufe zu seiner Erneue­rung: der provi­so­ri­sche Nachbau 1946, Pläne für den Nachbau an anderer Stelle in Ost-Berlin, ein geschei­terter Plan West­ber­liner Archi­tekten und Studenten 1968 für ein Denkmal am Tatort. Am authen­ti­schen Ort in Fried­richs­felde findet man heute ledig­lich eine Gedenk­tafel und eine Erin­ne­rungs­stele mit „Kontex­tua­li­sie­rung“.

Den Kommu­nismus erinnern?

Karl-Marx-Allee Berlin, 2018, Foto: Marek Sliwecki; Quelle: wikipedia.org

Ob und wie man an den Kommu­nismus erin­nern soll, diese Frage stellt sich nicht erst seit 1989. Nachdem Josef Stalin schon 1956 persona non grata geworden war und seiner nur noch in wenigen Gegenden öffent­lich gedacht wird (und dort dann eher an den Sieger im „Großen Vater­län­di­schen Sieg“ als an den Partei­führer der KPdSU), fielen mit dem ruhm­losen Unter­gang der Sowjet­union auch Wladimir Iljitsch Lenin und andere Bolsche­wiki dem Denk­mals­sturz anheim; diese Säube­rung griff bisweilen zurück auf die Begründer der marxis­ti­schen Welt­an­schauung und Bewe­gung. Inter­es­sant sind aber Fälle, bei denen man an der Denk­mals­wür­dig­keit bewusst fest­hielt. Auf dem Gebiet der ehema­ligen DDR bestehen nicht nur Dutzende von Straßen und Plätzen fort, die nach Karl Marx und Fried­rich Engels benannt sind und Statuen, die an sie erin­nern (verein­zelt auch in West­deutsch­land); auch Reprä­sen­tanten der KPD wie Ernst Thäl­mann oder der SED wie Otto Grote­wohl haben hier und da ihre Straße behalten dürfen: zur Genug­tuung derje­nigen, die das Schild abge­schraubt oder zur Genug­tuung der anderen, die eine Adresse vertei­digt haben – und zur Gleich­gül­tig­keit der meisten Passanten.

Karl Lieb­knecht; Quelle: dhm.de

Rosa Luxem­burg; Quelle: dhm.de

Zu den vom Denk­mals­sturz Verschonten zählen promi­nent Karl Lieb­knecht und Rosa Luxem­burg. Ersterer ist bekannt als Ausrufer der sozia­lis­ti­schen Repu­blik auf dem Berliner Schloss­platz, letz­tere als auch im Westen geschätzte Kriti­kerin von Kapi­ta­lismus und Impe­ria­lismus. Beide verließen im Ersten Welt­krieg die Sozi­al­de­mo­kratie und kriti­sierten den Burg­frieden; sie gingen dafür ins Gefängnis, initi­ierten den Spar­ta­kus­bund, wurden für vogel­frei erklärt und am 15. Januar 1919 von Ange­hö­rigen der Garde-Kavallerie-Schützen-Division ermordet. Dieses brutalen Mordes wird seit über 100 Jahren gedacht.

Aus der DDR-Zeit, in der die SED in Fried­richs­felde eine alljähr­liche Gedenk­feier mit Demons­tra­tion und Kranz­nie­der­le­gung zu Ehren der beiden Revo­lu­tio­näre ausrich­tete, reicht das Ritual in die heutige Bundes­re­pu­blik hinein. Alljähr­lich versam­melt die Partei Die Linke Anhänger:innen diverser Orga­ni­sa­tionen vor der 1951 errich­teten „Gedenk­stätte der Sozia­listen“. Sie stellt sich damit in die Nach­folge der SED, zu der sie ansonsten auf kriti­sche Distanz gegangen ist. Über diese Mani­fes­ta­tion linker Konti­nuität in einem der von der Linken direkt eroberten Wahl­be­zirke im Osten Berlins wird regel­mäßig in den Haupt­nach­richten der Medien berichtet. Seit 2006 findet man hier auch eine selbst­kri­ti­sche Ausein­an­der­set­zung mit dem sowjet­kom­mu­nis­ti­schen Erbe: ein Gedenk­stein mit der Aufschrift „Den Opfern des Stali­nismus“, der durch den Förder­verein „Erin­ne­rungs­stätte der deut­schen Arbei­ter­be­we­gung“ einge­fügt wurde. Teile der Linken wie die „Kommu­nis­ti­sche Platt­form“ waren damit nicht einver­standen, die Führung der Links­partei besucht diesen Stol­per­stein in „Stillem Gedenken“, links­ra­di­kale Gruppen führen am Ort weiter Porträts von Josef Stalin und Mao Zedong mit sich. Streit­lust, aber auch ideo­lo­gi­scher Graben­kampf und Sektie­rertum sind Marken­zei­chen der kommu­nis­ti­schen Bewegung.

Mies van der Rohe: Denkmal für Rosa Luxem­burg und Karl Lieb­knecht, 1926; Quelle: faz.net

Ob eine Rekon­struk­tion an diesem (übri­gens auf dem Friedhof weit abge­le­genen) Ort oder eine eher museale Aufbe­rei­tung vorzu­ziehen ist, wird gerade intensiv disku­tiert. Architekten:innen und Architekturhistoriker:innen schwanken zwischen der Wert­schät­zung des Oeuvres von Mies van der Rohe über alle Regime (einschließ­lich des „Dritten Reiches“) hinweg und der Zurück­wei­sung eines damit verbun­denen Oppor­tu­nismus. Beim Denkmal ist unklar, wem eigent­lich gedacht werden soll: dem heraus­ra­genden Archi­tekten der Moderne oder der kommu­nis­ti­schen Revolution.

Kommunismus-Mythen…

Davon nicht zu trennen ist die Beant­wor­tung der grund­le­genden Frage, wie erinnerungs- und gedenk­würdig die kommu­nis­ti­sche Geschichte über­haupt sein soll. Diese Bewer­tung muss sich erstre­cken über den gesamten Zeit­raum der KP-Geschichte von der Russi­schen Revo­lu­tion und dem Spar­ta­kus­auf­stand bezie­hungs­weise der Grün­dung der KPD über deren anschlie­ßende „Stali­ni­sie­rung“, das tota­li­täre Regime Stalins, dessen Terror die Verfol­gung deut­scher Kommunist:innen einschloss, und die Pflege des Märtyrer-Erbes durch das SED-Regime in der DDR bis hin zu aktu­ellen neo-kommunistischen Initia­tiven. Eine engere Bewer­tung fokus­siert auf die beiden 1919 ermor­deten Persön­lich­keiten und ihre Einord­nung in die Geschichte des Sozia­lismus bis zu diesem Zeit­punkt. Eine brei­tere Perspek­tive schließt die postume Deutung der Revo­lu­ti­ons­führer im real­exis­tie­renden Sozia­lismus sowie ihren Stel­len­wert in post­kom­mu­nis­ti­schen Parteien und Bewe­gungen ein. Zu unter­scheiden ist dabei das Paar Liebknecht/Luxemburg als Rebellen gegen das auto­ri­täre System des Wilhel­mi­ni­schen Reiches und den deut­schen Mili­ta­rismus von ihrer späteren Instru­men­ta­li­sie­rung durch auto­ri­täre Regime des Sozia­lismus an der Macht. Für deren Defor­ma­tion sind sie natür­lich nicht verant­wort­lich, aller­dings ist auch in ihrem Denken und Wirken kritisch zu durch­leuchten, wo sie even­tuell Vorgaben für eine solche Defor­ma­tion gemacht haben, die Kritiker des Kommu­nismus a priori in seinen „reinen“ Ideen ange­legt sehen.

Dass die SED den seit 1924 durch Lenin ange­rei­cherten Liebknecht-Luxemburg-Mythos für Herr­schafts­zwecke instru­men­ta­li­siert hat, verstellt nicht den Blick auf die Abscheu­lich­keit ihrer Ermor­dung, ein barba­ri­scher Akt, den man als Keim­zelle des Nazi­ter­rors gegen die Linke wie gene­rell gegen Anders­den­kende ansehen darf. Inso­fern ist das Gedenken an Lieb­knecht und Luxem­burg zual­ler­erst ein Trau­erakt, und er bleibt es, wie auch immer ihn eine Indienst­nahme durch spätere Kommu­nisten beein­träch­tigt und beschä­digt haben mögen. Und eine solche Indienst­nahme muss als solche bezeichnet werden, wie sie übri­gens bereits das von Mies van der Rohe geschaf­fene Revo­lu­ti­ons­denkmal darstellte, das schon mitten in der Phase der Stali­ni­sie­rung der KPD deren Kampf­my­thos in Back­stein­quader formte, welcher zum Schei­tern der Weimarer Repu­blik erheb­lich beigetragen hat.

… und Kommunismus-Deutungen

Über den Kommu­nismus, den selbst einer seiner Mani­fes­toren, Karl Marx, nicht so nennen wollte, wurde von Beginn an gestritten. Vier Deutungs­muster der histo­ri­schen Einord­nung kann man grob unter­scheiden: Kommu­nismus als Ausdruck eines gegen die libe­rale Demo­kratie gerich­teten Extre­mismus oder Tota­li­ta­rismus, ein frontal gegen die Ideo­logie per se gerich­teter Anti­kom­mu­nismus und eine antis­ta­li­nis­ti­sche Kritik, die der Ursprungs­idee eine huma­nis­ti­sche Inten­tion nicht abspricht und den Real­so­zia­lismus als deren Perver­sion verur­teilt. Und dann gibt es immer wieder margi­nale neokom­mu­nis­ti­sche Initia­tiven, die an der Wertig­keit der Idee und ihrer prak­ti­schen Umsetz­bar­keit festhalten.

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Das erste Deutungs­muster, pole­misch auf die primi­tive Formel „rot gleich braun“ verkürzt, sieht in dem keines­wegs unzu­läs­sigen, aber metho­disch voraus­set­zungs­vollen Vergleich der rechts- und links­ra­di­kalen Bewe­gungen Schnitt­flä­chen, vor allem dort, wo faschis­ti­sche und kommu­nis­ti­sche Parteien an die Macht gekommen sind, sie als Einpar­tei­en­sys­teme oppo­si­tio­nelle Kräfte und eine per se viel­stim­mige öffent­liche Meinung unter­drü­cken, die Teilung der Gewalten aufheben und das Privat­leben der Bürger:innen massiv kontrol­lieren. Mit der Willkür von Geheim­diensten, dem Terror gegen Anders­den­kende und einer aggres­siven Politik nach außen können solche Systeme tota­li­täre Züge annehmen. Kommu­nismus und Faschismus sind, was ihre welt­an­schau­li­chen Grund­lagen betrifft, konträr, können sich aber gegen Akteure und Insti­tu­tionen libe­raler Demo­kra­tien partiell und taktisch verbinden. Die beschä­mendste Koope­ra­tion des rechten mit dem linken Tota­li­ta­rismus stellt der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 dar, in dessen Konse­quenz eine größere Zahl deut­scher Kommunist:innen dem Terror des NKWD als dem der Gestapo und SS zum Opfer gefallen sind. Nachdem die Tota­li­ta­ris­mus­theorie lange als poli­ti­sches Instru­ment des Kalten Krieges verpönt war, ist sie nicht zuletzt im Rekurs auf Hannah Arendt auch wissen­schaft­lich wieder zu Ansehen gelangt. Der diffe­renz­sen­sible Vergleich tota­li­tärer Systeme, der diese keines­wegs gleich­setzt, sondern auch ihre Unter­schiede heraus­ar­beitet, ist der analy­ti­sche Königsweg.

Unge­achtet mögli­cher Über­ein­stim­mungen haben zwei­tens anti­to­ta­li­täre Autoren in den 1990er Jahren vor allem in Frank­reich in direkter Anspie­lung auf histo­ri­sche Schwarz­bü­cher zum Faschismus ein Schwarz­buch des Kommu­nismus erstellt, das seiner­zeit auf große Reso­nanz und gehar­nischte Kritik gestoßen ist und zahl­reiche Unge­nau­ig­keiten und Über­trei­bungen, aber auch einen wahren Kern enthielt. Im Anschluss an ex-kommunistische Dissi­denten und sog. „Rene­gaten“ schon seit den 1930er und 1940er Jahren wurden Mensch­heits­ver­bre­chen kommu­nis­ti­scher Regime vor allem gegen Kritiker:innen und Gegner:innen ange­pran­gert, die lange aus einem falsch verstan­denen Anti-Antikommunismus, wie man die reflex­hafte Über­sprungre­ak­tion auf den grob­schläch­tigen Anti­kom­mu­nismus west­li­cher Prove­nienz bezeichnen kann, igno­riert, geleugnet oder beschö­nigt worden waren.

Eine sympa­the­ti­sche Vari­ante der Kommu­nis­mus­kritik bietet drit­tens der Antis­ta­li­nismus, der sich von allen Perver­sionen und Gewalt­taten kommu­nis­ti­scher Poten­taten distan­ziert und zum Teil einen unkon­ta­mi­nierten Kern der kommu­nis­ti­schen Idee zu retten versucht. Prot­ago­nisten waren zum einen ehema­lige Trotz­kisten wie Boris Souva­rine und Intel­lek­tu­elle wie Arthur Koestler, Manès Sperber und weitere soge­nannte „Rene­gaten“, die schon der Idee abschworen. Andere versuchten, in der Partei zu über­leben, wie der auf dem Pergo­lenweg in Fried­richs­felde beer­digte Paul Merker. Anfangs ein Prot­ago­nist der Stali­ni­sie­rung der KPD in den 1920er Jahren, wurde er in den 1950er Jahren als West­emi­grant zionis­ti­scher Umtriebe beschul­digt und geriet als „fran­zö­si­scher Agent“ in die Mühlen des Stalin­schen Terrors. Zu acht Jahren Zucht­haus verur­teilt, 1956 nur still­schwei­gend reha­bi­li­tiert und als Lektor im Verlag Volk und Welt aufs Abstell­gleis geschoben, wurde er posthum immerhin auf einer Brief­marke verewigt. In Fried­richs­felde ruht er unweit der dafür verant­wort­li­chen Genossen aus dem Polit­büro (Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck und Konsorten), die bei Liebknecht-Luxemburg-Ritualen stets indi­rekt mitge­ehrt werden.

Frei­heit, Gleich­heit und Solidarität

Dass der Kommu­nismus erin­ne­rungswürdig ist, sollte unbe­stritten sein. Eine Idee, die Millionen Menschen in ihren Bann geschlagen und mobi­li­siert hat, und eine macht­volle Bewe­gung, die zugleich Millionen Menschen auf dem Gewissen hat, sind schwer­lich zu igno­rieren. Es geht darum, wie man ohne die lange vorherr­schende Hagio­grafie und Mysti­fi­zie­rung auskommt und die von den Gegnern und Feinden betrie­bene Propa­ganda vermeidet. Es bleibt das Span­nungs­ver­hältnis zwischen einem auf huma­nis­ti­schen Kate­go­rien aufbau­enden Menschen­bild und diesen völlig zuwi­der­lau­fenden Prak­tiken, die an jedem Ort eines „real­exis­tie­renden Sozia­lismus“ aufge­treten sind. Gegen­über der mensch­li­chen Mitwelt wie der natür­li­chen Umwelt hält der Kommu­nismus struk­tu­rell eine mindes­tens autoritär-pädagogische, schlimms­ten­falls menschen­ver­ach­tende und natur­zer­stö­re­ri­sche Hier­ar­chie aufrecht, die ihn zu einem histo­ri­schen Relikt des 20. Jahr­hun­derts absinken ließ. Die Kern­ideen von Frei­heit, Gleich­heit und Soli­da­rität, die der Kommu­nismus von den bürger­li­chen Revo­lu­tionen geerbt hat, um sie aus dem Reich der Ideen in die soziale Welt zu über­setzen, sind damit nicht obsolet. Im Sinne einer anti­to­ta­li­tären Lektüre können sie sich mit konvi­via­lis­ti­schen Ideen der Gegen­wart verbinden und einen Teil seiner Aura und Attrak­tion bewahren, die Autoren wie Slavoj Žižek oder Dietmar Dath mit verzwei­feltem Sarkasmus pflegen, während es der Links­partei laut einer jüngsten Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung gelungen ist, ein Sympa­thie­po­ten­zial von mehr als einem Viertel der Deut­schen tief unter die Fünf­pro­zent­hürde zu drücken.

Was ist also „Kommu­nismus“, dieses Gespenst, das einst in Europa und der Welt umging, heute: ein anti­qua­ri­sches Studi­en­ob­jekt, „nur so eine (in Schön­heit gestor­bene) Idee“? Oder das Monster, das für immer mit dem GULag asso­zi­iert bleibt? Ein Untoter, der immer wieder idea­lis­ti­sche Begeis­te­rung hervor­ruft? Oder ein Mutant, der gerade die Gestalt des russi­schen Impe­ria­lismus ange­nommen hat? Von allem etwas wohl. Doch wie sagte Chris­tian Semler, 68er, ex-KPD/AO und graue Eminenz der taz, gerne: Kein Kommu­nismus ist auch keine Lösung.