Geschichte als Ereignis und als Farce. Dieses Bonmot von Karl Marx spiegelt sich auch in der Fussballgeschichte wieder, und schon bald wieder im Pokalfinale zwischen Bayer Leverkusen und Kaiserslautern.

  • Ansgar Mohnkern

    Ansgar Mohnkern ist Literaturwissenschaftler an der Universität von Amsterdam. Schwerpunkte seiner Arbeit betreffen die Schnittflächen von Literatur, Gesellschaft und Ideologie. Zuletzt erschienen ist sein Buch „Einer verliert immer. Betrachtungen zu Fußball und Ideologie“. Es liefert u.a. Analysen über Elfmeterschießen, Maradona und Klassenbildung wie auch zu Widersprüchen des Fußballs, die weniger auf der Hand liegen als die Verstrickungen seiner Funktionäre.

Als Karl Marx den Versuch unter­nahm, dem Schei­tern der Pariser Revo­lu­tion zwischen 1848 und 1851 einen geschicht­li­chen Sinn abzu­ringen, schrieb er seinen Acht­zehnten Brumaire des Louis Napo­leon. Darin scheint es bisweilen, als werde hier das Elend der Ereig­nisse wie vor allem die jähe Erkenntnis, dass Geschichte nicht nur als Fort­schritt sich ereignet, in einem Übermaß an glanz­voller Polemik ertränkt, die den Text schrift­stel­le­risch wohl immer noch zum fulmi­nan­testen seiner Werke macht. Immerhin galt es zu erklären, wie sich geschicht­lich eman­zi­pa­tive Impulse in Wider­sprüche verwi­ckeln, gegen sich selbst wenden und sich am Ende gar die Kraft der Revo­lu­tion, an der sich Marx zusammen mit Fried­rich Engels nur wenige Jahre zuvor noch im Kommu­nis­ti­schen Mani­fest so sehr berauscht hatte, in jenen blei­ernen Auto­ri­ta­rismus verwan­deln konnte, mit dem die Herr­schaft Napo­leon III. als dem wohl ersten genuin ‚rechten‘ Regime in der Geschichte moderner Gesell­schaften ihr Geschäft betrieb.

Vieles an den Ereig­nissen deutete Marx mit der Logik der Wieder­ho­lung. So lauten die bekannten ersten Sätze: „Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen welt­ge­schicht­li­chen Tatsa­chen und Personen sich sozu­sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzu­zu­fügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ Wieder­ho­lung: das hat bei Marx sehr viel mit histo­ri­schem Abstieg zu tun. Hier nämlich werden die Origi­nale, so Marx, „parodiert“, und es werden die Akteure (Napo­leon III. war bekannt­lich der Neffe Bona­partes) „maskiert“, in alte „Kostüme“ gesteckt, auf die poli­ti­sche Bühne gezerrt, nur um sich am Ende – das eben macht die Ereig­nisse zur „Farce“ – selbst dieser Bühne zu bemächtigen.

Zur Analyse des Acht­zehnten Brumaire gehört die Erkenntnis, dass die Arten der Wieder­ho­lung, wie sie von einer ins Stocken gera­tenen Geschichte hervor­ge­bracht werden, die im Begriff ist, sich gegen sich selbst zu wenden, im Grunde immer schlechte sind. Denn ihnen wohnt zwar etwas Mäch­tiges, aber doch eigent­lich Falsches inne. In jedem Fall haftet ihnen etwas Lächer­li­ches an, etwas aus der Zeit Gefal­lenes, aber auch etwas, das viel mit einer Ungleich­zei­tig­keit zu tun hat, die jene wider­spruchs­volle Präsenz zweier geschicht­li­cher Schichten in einer Gegen­wart orches­triert und, so zumin­dest Ernst Blochs Einsicht in Erbschaft dieser Zeit, die kraft- wie zugleich unheil­voll die konse­quen­teste unter den auto­ri­tären Regime­formen, den Faschismus, befruchtet. 

Fußball und Gest­rig­keit im geschicht­li­chen Heute

Nicht Weniges ist in der kraft­vollen Prosa Marx‘ zu finden, das noch – oder womög­lich gerade – heute über den Stand der Geschichte infor­miert. Längst nämlich sind auch wir wieder einge­treten in ein Zeit­alter, in dem viel Mut aufzu­bringen ist, um noch, wie es jüngst die Philo­so­phin Rahel Jaeggi mit Fort­schritt und Regres­sion getan hat, ein Buch zu schreiben, dass sich dem Fort­schritt als etwas grund­sätz­lich Posi­tives verpflichtet. Allzu sehr nämlich scheint zur Gewiss­heit geworden, dass sich eine viel­leicht ohnehin schon nicht (wie Adorno es wohl genannt hätte) „rich­tige“ Welt längst wieder einer Art von Gest­rig­keit zuge­wendet hat, mit der sie sich nicht nur die Wirk­lich­keit einer schwie­rigen Gegen­wart, sondern noch viel mehr die Möglich­keit – Kriege, Klima­wandel, soziale Ungleich­heit und verdun­kelte Träume von der KI deuten es an – einer noch viel schwie­ri­geren Zukunft vom Leibe zu halten versucht. Vergessen wir dabei nicht: der eigen­tüm­liche Wunsch nach einer solchen Gest­rig­keit im Heute ist wesent­li­cher Treiber jener auto­ri­tären Wirk­lich­keiten, wie sie, so als seien sie nach­ge­rade die Enkel Napo­leons III. (und also Urneffen Napo­leon Bona­partes), in Ungarn Victor Orbán, in Serbien Alek­sander Vučić, in der Türkei Recep Tayyip Erdoğan, in Deutsch­land die AfD und eben nicht zuletzt in einem verhee­rend zur Gegen­wart gehö­renden Russ­land Vladimir Putin geschäfts­mäßig betreiben. 

In einer Welt aber, in der diese Wirk­lich­keiten einigen schon nur noch wie lästige Gewohn­heiten erscheinen, wird immerhin noch dies: Fußball gespielt. So findet am 25. Mai 2024 im Berliner Olym­pia­sta­dion, selbst ja bekannt­lich ein geschicht­li­cher Ort mit einiger Gest­rig­keit, das Finale im DFB-Pokal statt. Hier trifft der große Favorit und neue deut­sche Meister Bayer Lever­kusen auf eine Mann­schaft, die zwar den großen Namen der Vergan­gen­heit, aber längst nicht mehr ihren Glanz versprüht: auf Kaisers­lau­tern, seines Zeichens dürf­tiger Zweit­li­gist. Was auf den ersten Blick wie ein Kate­go­rien­fehler erscheint, wenn in einem Atemzug von der Gest­rig­keit im geschicht­li­chen Heute und vom Fußball die Rede ist, so ergibt aber viel­leicht gerade weil es sich um eine so unwahr­schein­liche Konstel­la­tion handelt, diese auf eigen­tüm­lich char­mante Weise zugleich ihren Sinn. Denn dieses Pokal­fi­nale ist doch eben genau dies: der Kampf einer restlos moder­ni­sierten Gegen­wart, in der der Fort­schritt des Fußballs – wäre das im Spiel erlaubt – mit den Händen zu greifen ist, gegen ein imma­nent Gest­riges, das sich an den über­süßen Visionen einer Vergan­gen­heit berauscht, die es in einem Wort bannt: Tradi­tion. Auf der einen Seite nämlich dieses Lever­kusen unter Xabi Alonso, das, so mag es scheinen, in dieser Saison den Fußball neu erfand und (Stand 8. Mai) darum noch kein einziges Spiel verlor. Auf der anderen Seite aber jenes dem Abstieg in die Dritt­klas­sig­keit wohl gerade noch entrin­nende Kaisers­lau­tern unter einem Trainer Fried­helm Funkel, der selbst noch wie ein – wenn auch liebens­wür­diges – Monu­ment aus jenen längst vergan­genen Tagen wirkt, als man den Fußball noch ohne Zeit­lupe und in Schwarz-Weiß im Fern­sehen zu sehen bekam. 

Die Über­rollten der (Fußball-)Geschichte

Nun lässt sich natür­lich, wie es im Fußball so oft geschieht, auf eine endlose Kette von Anek­doten verfallen und über den Charme dieses Pokal­wett­be­werbes fabu­lieren, der es doch den im Zweifel so sympa­thi­schen Kleinen immer wieder erlaubt, sich mit den unge­heuer Großen immerhin einmal zu messen. Doch wenn sich, um Marx‘ Thea­ter­sprache zu bemühen, zu diesem Finale der Bühnen­vor­hang öffnet, so tut er dies auch für ein alle­go­ri­sches Schau­spiel, das uns an den geschicht­li­chen Moment erin­nert, in dem wir heute leben. Denn immerhin das scheint gewiss: Dieses Kaisers­lau­tern tritt stell­ver­tre­tend für alle von der (Fußball-)Geschichte Über­rollten aus dem Dunkel einer Vergan­gen­heit empor, deren Momente von Glück schon so weit zurück­liegen, das selbst die Ältesten unter den noch Lebenden schon kaum noch zu sagen wissen, ob diese Vergan­gen­heit denn über­haupt wirk­lich so war, wie wir sie uns vorzu­stellen pflegen.

Zur Klasse dieser Über­rollten gehören im deut­schen Fußball zumal jene Zweit­li­gisten, die, gäbe es Bayern München nicht, noch im letzten Jahr­tau­send gemeinsam mehr Titel sammelten als alle Erst­li­gisten zusammen. Die Liste ist lang und so glor­reich, dass sie selbst Unbe­tei­ligten Schmerzen zufügt. Hier stehen der Hamburger SV, Schalke 04, der 1. FC Nürn­berg, Hertha BSC, bald wohl auch wieder der 1.FC Köln, der SC Magde­burg, in dem der Osten Deutsch­lands seines verflos­senen Fußball­glücks gedenkt, und eben dieses Kaisers­lau­tern. Schick­sal­haft ruft der Name dieser im Grunde doch unbe­deu­tenden Stadt vor allem Fritz Walter in die Gegen­wart zurück, jenen längst zum Mythos geron­nenen Welt­meister von 1954, der hier (und nur hier) spielte. Von ihm glauben alle zu wissen, dass er der Größte war, doch ist kaum einer unter den Lebenden, die ihn – Fern­seh­bilder von seinem Spiel gibt es nur spär­lich – tatsäch­lich je haben spielen sehen. Dazu noch steht dieses Kaisers­lau­tern alle­go­risch ein für die vielen Siege gegen Bayern München, für ein 7:4 im Oktober 1973 oder eben auch – Fried­helm Funkel war leib­haftig als Spieler dabei – für ein 5:0 gegen Real Madrid, das nirgends sonst so hoch verloren hat in Europa wie einst im März 1982.

Wenn aber dieses Kaisers­lau­tern heute spielt, dann scheint es bisweilen, als liefere es bloß noch die Antworten auf die hoff­nungs­vollen Fragen jener, denen ihr Leben – im Zwei­fels­fall ermüdet von fünfzig Jahren neoli­be­ralem Stress – längst zu einer perma­nenten „Krise“ geworden ist, in der, wie Marx es nannte, die Menschen zuletzt „ängst­lich die Geister der Vergan­gen­heit zu ihrem Dienste herauf [beschwören]“ und „ihnen Namen, Schlacht­pa­role, Kostüm [entlehnen], um in dieser altehr­wür­digen Verklei­dung und mit dieser erborgten Sprache die neuen Welt­ge­schichts­szene aufzu­führen“. Was Marx dabei nicht wissen konnte, ist, dass er einst auch die Sprache des Fußballs spre­chen würde: „Namen, Schlacht­pa­role, Kostüm“. Wenn dieser Fußball uns auch zumal in seiner ewigen Saiso­na­lität den ideo­lo­gi­schen Schein von Natür­lich­keit vorhält, so ist es nicht zuletzt diese eigen­tüm­liche Über­lap­pung in der Sprache, die für die poli­ti­schen Akteure im 19. Jahr­hun­dert in Paris wie für die sport­li­chen Akteure des Fußballs heute glei­cher­maßen anwendbar ist, die uns daran erin­nert, dass der Fußball sehr wohl geschicht­lich (und eben nicht natür­lich) ist.  

Trös­tung, Bewäl­ti­gung: Tradition

Dabei hat der Fußball in seiner Geschicht­lich­keit zumin­dest eine Funk­tion: milde gespro­chen die der Trös­tung, realis­tisch gespro­chen die der Bewäl­ti­gung jener perma­nenten Krise. Indessen gehört jedoch zu seinen Wider­sprü­chen, dass er zumin­dest auf der sympto­ma­ti­schen Ebene in der Feier der Tradi­tion an der Instand­hal­tung der spezi­fi­schen Krise unserer Gegen­wart mitwirkt, in der das Stillen von Hoff­nungen vielen bloß noch im Gest­rigen vorstellbar scheint. Jeden­falls lässt er die vielen Treuen in Hamburg, Gelsen­kir­chen oder Kaisers­lau­tern einer­seits als die von der Geschichte Übrig­ge­blie­benen im Stand ihrer Zweit­klas­sig­keit zurück, nur um sie ande­rer­seits umso stärker an die tragi­sche Idee einer „Tradi­tion“ zu fesseln, von der für die Zukunft allen­falls noch die Wieder­ho­lung eines längst vergan­genen Glanzes zu erwarten ist. 

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Einge­denk ihrer Wut und Verzweif­lung scheint es wahr­schein­lich, dass am 25. Mai die Zuschauer aus Kaisers­lau­tern bedeu­tend leiden­schaft­li­cher sein werden als die ans feine Spiel gewöhnten Lever­ku­sener. Doch ihre Leiden­schaft wird viel von den geheimen Spuren einer Trauer haben über den schon längst voll­zo­genen Unter­gang einer Welt, die den Trau­ernden so wirk­lich scheint wie sie zugleich schon nicht mehr zu fassen ist für jene, die die Gegen­wart tatsäch­lich bevöl­kern. Dazu gehört auch, dass diese Zuschauer sich einge­richtet haben in der Gewohn­heit, dass nur noch in der Vergan­gen­heit die Schätze für sie bereit­liegen. Darum feiern sie in Kaisers­lau­tern auch schon lange keine Titel und Trophäen mehr, sondern vor allem die Geburts­tage ihrer Toten. Ob Fritz oder Ottmar Walter, Horst Eckel oder Werner Liebrich, Ronnie Hell­ström oder Wolfram Wuttke, einer findet sich immer aus jenem Schatz der Tradi­tion. Und wenn, wie im April dieses Jahres der 100. Geburtstag Werner Kohl­meyers, des Geschei­terten unter den fünf 54er Welt­meis­tern aus Kaisers­lau­tern, gefeiert wird, dann gedenken ihm im Stadion beinahe 50.000 Menschen in dem unbe­hag­li­chen Gefühl, dass sie von seinem Schicksal – Verar­mung, Isola­tion und früher Tod mit 49 Jahren – im Zweifel selbst ereilt werden könnten. 

Toten­be­schwö­rungen aus der Kurve

„Toten­be­schwö­rungen“ hätte Marx so etwas im Acht­zehnten Brumaire wohl genannt und damit eine geschicht­liche Praxis gemeint, die den „Aber­glauben an die Vergan­gen­heit“ nicht ablegen will. Dabei ist doch immerhin sicher, dass ewiges Gedenken auch im Fußball lähmt. So spielte im Februar dieses Jahres Kaisers­lau­tern in einem Zweit­li­ga­spiel gegen den Karls­ruher SC. Die Woche zuvor war der einzige gefühlte Kaisers­lau­terer unter den Welt­meis­tern 1990, Andreas Brehme, plötz­lich an einem Herz­still­stand verstorben. Darum waren die Spieler der „Roten Teufel“ zum Anlass ganz in unge­wöhn­li­chem Schwarz gekleidet und trugen also jene Trauer auf ihren Schul­tern, die zur Idee des Tradi­ti­ons­ver­eins doch zu wesent­lich gehört. Zu schwer jedoch war dieser Moment den Spie­lern in jeder Aktion: sie agierten alle­samt wie gelähmt, waren chan­cenlos und fast schien es, als ob an ihnen Marx‘ bekanntes Wort sich bewahr­heiten wollte, nach der „die Tradi­tion aller toten Geschlechter […] wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden“ laste. Dieser „Alp“ ließ sich in Zahlen messen an diesem Tag, denn das Spiel ging 0:4 verloren.

Auch im Pokal­end­spiel werden die unglück­li­chen Tradi­tio­na­listen aus Kaisers­lau­tern wohl ohne Chancen sein gegen Bayer Lever­kusen. Das ist anders als vor beinahe drei Jahr­zehnten, als man sich im Abstiegs­end­spiel des letzten Spiel­tags der Bundes­liga 1996 noch auf Augen­höhe wähnen durfte und Kaisers­lau­tern nach einem 2:2 (erst­mals über­haupt) in die zweite Liga abstieg. Doch es werden zumin­dest die diffusen Fanta­sien über ein irgendwie Großes der Vergan­gen­heit auch in Berlin die Choreo­gra­fien in der Kaisers­lau­terer Kurve leiten. Dies alles wird als ein eigen­tüm­lich unge­schicht­li­ches Fest erscheinen, wird also für einen Augen­blick das trau­rige Glück sugge­rieren, dass die Schi­mären der Vergan­gen­heit noch in der Gegen­wart zu retten sind. Wie in einer poli­ti­schen Alle­gorie wird es sich für viele Betei­ligte so anfühlen, als dürften sie noch einmal einen Moment durch­leben in jener alten und dem Senti­ment nach doch so viel „besseren“ Bundes­re­pu­blik unter Helmut Kohl, der bekannt­lich bis zum Lebens­ende Mitglied beim 1.FC Kaisers­lau­tern war. Aber die Momente werden zugleich viel von der Verstri­ckung in den Wunsch nach bloßer Wieder­ho­lung haben, der – wenn wir nicht aufpassen – nicht nur die Fußball­welt, sondern zuletzt auch (und noch viel unheim­li­cher) die Welt der Geschichte befällt, in der wir ja tatsäch­lich leben. Hoffen wir jeden­falls, dass der „Alp“ bloß die Spieler in Kaisers­lau­tern plagen wird, denn dass es auch schief­gehen kann mit einer geschicht­li­chen Welt, die uns alle beträfe, das hat Marx schon zu deuten versucht.