Als Karl Marx den Versuch unternahm, dem Scheitern der Pariser Revolution zwischen 1848 und 1851 einen geschichtlichen Sinn abzuringen, schrieb er seinen Achtzehnten Brumaire des Louis Napoleon. Darin scheint es bisweilen, als werde hier das Elend der Ereignisse wie vor allem die jähe Erkenntnis, dass Geschichte nicht nur als Fortschritt sich ereignet, in einem Übermaß an glanzvoller Polemik ertränkt, die den Text schriftstellerisch wohl immer noch zum fulminantesten seiner Werke macht. Immerhin galt es zu erklären, wie sich geschichtlich emanzipative Impulse in Widersprüche verwickeln, gegen sich selbst wenden und sich am Ende gar die Kraft der Revolution, an der sich Marx zusammen mit Friedrich Engels nur wenige Jahre zuvor noch im Kommunistischen Manifest so sehr berauscht hatte, in jenen bleiernen Autoritarismus verwandeln konnte, mit dem die Herrschaft Napoleon III. als dem wohl ersten genuin ‚rechten‘ Regime in der Geschichte moderner Gesellschaften ihr Geschäft betrieb.
Vieles an den Ereignissen deutete Marx mit der Logik der Wiederholung. So lauten die bekannten ersten Sätze: „Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ Wiederholung: das hat bei Marx sehr viel mit historischem Abstieg zu tun. Hier nämlich werden die Originale, so Marx, „parodiert“, und es werden die Akteure (Napoleon III. war bekanntlich der Neffe Bonapartes) „maskiert“, in alte „Kostüme“ gesteckt, auf die politische Bühne gezerrt, nur um sich am Ende – das eben macht die Ereignisse zur „Farce“ – selbst dieser Bühne zu bemächtigen.
Zur Analyse des Achtzehnten Brumaire gehört die Erkenntnis, dass die Arten der Wiederholung, wie sie von einer ins Stocken geratenen Geschichte hervorgebracht werden, die im Begriff ist, sich gegen sich selbst zu wenden, im Grunde immer schlechte sind. Denn ihnen wohnt zwar etwas Mächtiges, aber doch eigentlich Falsches inne. In jedem Fall haftet ihnen etwas Lächerliches an, etwas aus der Zeit Gefallenes, aber auch etwas, das viel mit einer Ungleichzeitigkeit zu tun hat, die jene widerspruchsvolle Präsenz zweier geschichtlicher Schichten in einer Gegenwart orchestriert und, so zumindest Ernst Blochs Einsicht in Erbschaft dieser Zeit, die kraft- wie zugleich unheilvoll die konsequenteste unter den autoritären Regimeformen, den Faschismus, befruchtet.
Fußball und Gestrigkeit im geschichtlichen Heute
Nicht Weniges ist in der kraftvollen Prosa Marx‘ zu finden, das noch – oder womöglich gerade – heute über den Stand der Geschichte informiert. Längst nämlich sind auch wir wieder eingetreten in ein Zeitalter, in dem viel Mut aufzubringen ist, um noch, wie es jüngst die Philosophin Rahel Jaeggi mit Fortschritt und Regression getan hat, ein Buch zu schreiben, dass sich dem Fortschritt als etwas grundsätzlich Positives verpflichtet. Allzu sehr nämlich scheint zur Gewissheit geworden, dass sich eine vielleicht ohnehin schon nicht (wie Adorno es wohl genannt hätte) „richtige“ Welt längst wieder einer Art von Gestrigkeit zugewendet hat, mit der sie sich nicht nur die Wirklichkeit einer schwierigen Gegenwart, sondern noch viel mehr die Möglichkeit – Kriege, Klimawandel, soziale Ungleichheit und verdunkelte Träume von der KI deuten es an – einer noch viel schwierigeren Zukunft vom Leibe zu halten versucht. Vergessen wir dabei nicht: der eigentümliche Wunsch nach einer solchen Gestrigkeit im Heute ist wesentlicher Treiber jener autoritären Wirklichkeiten, wie sie, so als seien sie nachgerade die Enkel Napoleons III. (und also Urneffen Napoleon Bonapartes), in Ungarn Victor Orbán, in Serbien Aleksander Vučić, in der Türkei Recep Tayyip Erdoğan, in Deutschland die AfD und eben nicht zuletzt in einem verheerend zur Gegenwart gehörenden Russland Vladimir Putin geschäftsmäßig betreiben.
In einer Welt aber, in der diese Wirklichkeiten einigen schon nur noch wie lästige Gewohnheiten erscheinen, wird immerhin noch dies: Fußball gespielt. So findet am 25. Mai 2024 im Berliner Olympiastadion, selbst ja bekanntlich ein geschichtlicher Ort mit einiger Gestrigkeit, das Finale im DFB-Pokal statt. Hier trifft der große Favorit und neue deutsche Meister Bayer Leverkusen auf eine Mannschaft, die zwar den großen Namen der Vergangenheit, aber längst nicht mehr ihren Glanz versprüht: auf Kaiserslautern, seines Zeichens dürftiger Zweitligist. Was auf den ersten Blick wie ein Kategorienfehler erscheint, wenn in einem Atemzug von der Gestrigkeit im geschichtlichen Heute und vom Fußball die Rede ist, so ergibt aber vielleicht gerade weil es sich um eine so unwahrscheinliche Konstellation handelt, diese auf eigentümlich charmante Weise zugleich ihren Sinn. Denn dieses Pokalfinale ist doch eben genau dies: der Kampf einer restlos modernisierten Gegenwart, in der der Fortschritt des Fußballs – wäre das im Spiel erlaubt – mit den Händen zu greifen ist, gegen ein immanent Gestriges, das sich an den übersüßen Visionen einer Vergangenheit berauscht, die es in einem Wort bannt: Tradition. Auf der einen Seite nämlich dieses Leverkusen unter Xabi Alonso, das, so mag es scheinen, in dieser Saison den Fußball neu erfand und (Stand 8. Mai) darum noch kein einziges Spiel verlor. Auf der anderen Seite aber jenes dem Abstieg in die Drittklassigkeit wohl gerade noch entrinnende Kaiserslautern unter einem Trainer Friedhelm Funkel, der selbst noch wie ein – wenn auch liebenswürdiges – Monument aus jenen längst vergangenen Tagen wirkt, als man den Fußball noch ohne Zeitlupe und in Schwarz-Weiß im Fernsehen zu sehen bekam.
Die Überrollten der (Fußball-)Geschichte
Nun lässt sich natürlich, wie es im Fußball so oft geschieht, auf eine endlose Kette von Anekdoten verfallen und über den Charme dieses Pokalwettbewerbes fabulieren, der es doch den im Zweifel so sympathischen Kleinen immer wieder erlaubt, sich mit den ungeheuer Großen immerhin einmal zu messen. Doch wenn sich, um Marx‘ Theatersprache zu bemühen, zu diesem Finale der Bühnenvorhang öffnet, so tut er dies auch für ein allegorisches Schauspiel, das uns an den geschichtlichen Moment erinnert, in dem wir heute leben. Denn immerhin das scheint gewiss: Dieses Kaiserslautern tritt stellvertretend für alle von der (Fußball-)Geschichte Überrollten aus dem Dunkel einer Vergangenheit empor, deren Momente von Glück schon so weit zurückliegen, das selbst die Ältesten unter den noch Lebenden schon kaum noch zu sagen wissen, ob diese Vergangenheit denn überhaupt wirklich so war, wie wir sie uns vorzustellen pflegen.
Zur Klasse dieser Überrollten gehören im deutschen Fußball zumal jene Zweitligisten, die, gäbe es Bayern München nicht, noch im letzten Jahrtausend gemeinsam mehr Titel sammelten als alle Erstligisten zusammen. Die Liste ist lang und so glorreich, dass sie selbst Unbeteiligten Schmerzen zufügt. Hier stehen der Hamburger SV, Schalke 04, der 1. FC Nürnberg, Hertha BSC, bald wohl auch wieder der 1.FC Köln, der SC Magdeburg, in dem der Osten Deutschlands seines verflossenen Fußballglücks gedenkt, und eben dieses Kaiserslautern. Schicksalhaft ruft der Name dieser im Grunde doch unbedeutenden Stadt vor allem Fritz Walter in die Gegenwart zurück, jenen längst zum Mythos geronnenen Weltmeister von 1954, der hier (und nur hier) spielte. Von ihm glauben alle zu wissen, dass er der Größte war, doch ist kaum einer unter den Lebenden, die ihn – Fernsehbilder von seinem Spiel gibt es nur spärlich – tatsächlich je haben spielen sehen. Dazu noch steht dieses Kaiserslautern allegorisch ein für die vielen Siege gegen Bayern München, für ein 7:4 im Oktober 1973 oder eben auch – Friedhelm Funkel war leibhaftig als Spieler dabei – für ein 5:0 gegen Real Madrid, das nirgends sonst so hoch verloren hat in Europa wie einst im März 1982.
Wenn aber dieses Kaiserslautern heute spielt, dann scheint es bisweilen, als liefere es bloß noch die Antworten auf die hoffnungsvollen Fragen jener, denen ihr Leben – im Zweifelsfall ermüdet von fünfzig Jahren neoliberalem Stress – längst zu einer permanenten „Krise“ geworden ist, in der, wie Marx es nannte, die Menschen zuletzt „ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf [beschwören]“ und „ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm [entlehnen], um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neuen Weltgeschichtsszene aufzuführen“. Was Marx dabei nicht wissen konnte, ist, dass er einst auch die Sprache des Fußballs sprechen würde: „Namen, Schlachtparole, Kostüm“. Wenn dieser Fußball uns auch zumal in seiner ewigen Saisonalität den ideologischen Schein von Natürlichkeit vorhält, so ist es nicht zuletzt diese eigentümliche Überlappung in der Sprache, die für die politischen Akteure im 19. Jahrhundert in Paris wie für die sportlichen Akteure des Fußballs heute gleichermaßen anwendbar ist, die uns daran erinnert, dass der Fußball sehr wohl geschichtlich (und eben nicht natürlich) ist.
Tröstung, Bewältigung: Tradition
Dabei hat der Fußball in seiner Geschichtlichkeit zumindest eine Funktion: milde gesprochen die der Tröstung, realistisch gesprochen die der Bewältigung jener permanenten Krise. Indessen gehört jedoch zu seinen Widersprüchen, dass er zumindest auf der symptomatischen Ebene in der Feier der Tradition an der Instandhaltung der spezifischen Krise unserer Gegenwart mitwirkt, in der das Stillen von Hoffnungen vielen bloß noch im Gestrigen vorstellbar scheint. Jedenfalls lässt er die vielen Treuen in Hamburg, Gelsenkirchen oder Kaiserslautern einerseits als die von der Geschichte Übriggebliebenen im Stand ihrer Zweitklassigkeit zurück, nur um sie andererseits umso stärker an die tragische Idee einer „Tradition“ zu fesseln, von der für die Zukunft allenfalls noch die Wiederholung eines längst vergangenen Glanzes zu erwarten ist.
Eingedenk ihrer Wut und Verzweiflung scheint es wahrscheinlich, dass am 25. Mai die Zuschauer aus Kaiserslautern bedeutend leidenschaftlicher sein werden als die ans feine Spiel gewöhnten Leverkusener. Doch ihre Leidenschaft wird viel von den geheimen Spuren einer Trauer haben über den schon längst vollzogenen Untergang einer Welt, die den Trauernden so wirklich scheint wie sie zugleich schon nicht mehr zu fassen ist für jene, die die Gegenwart tatsächlich bevölkern. Dazu gehört auch, dass diese Zuschauer sich eingerichtet haben in der Gewohnheit, dass nur noch in der Vergangenheit die Schätze für sie bereitliegen. Darum feiern sie in Kaiserslautern auch schon lange keine Titel und Trophäen mehr, sondern vor allem die Geburtstage ihrer Toten. Ob Fritz oder Ottmar Walter, Horst Eckel oder Werner Liebrich, Ronnie Hellström oder Wolfram Wuttke, einer findet sich immer aus jenem Schatz der Tradition. Und wenn, wie im April dieses Jahres der 100. Geburtstag Werner Kohlmeyers, des Gescheiterten unter den fünf 54er Weltmeistern aus Kaiserslautern, gefeiert wird, dann gedenken ihm im Stadion beinahe 50.000 Menschen in dem unbehaglichen Gefühl, dass sie von seinem Schicksal – Verarmung, Isolation und früher Tod mit 49 Jahren – im Zweifel selbst ereilt werden könnten.
Totenbeschwörungen aus der Kurve
„Totenbeschwörungen“ hätte Marx so etwas im Achtzehnten Brumaire wohl genannt und damit eine geschichtliche Praxis gemeint, die den „Aberglauben an die Vergangenheit“ nicht ablegen will. Dabei ist doch immerhin sicher, dass ewiges Gedenken auch im Fußball lähmt. So spielte im Februar dieses Jahres Kaiserslautern in einem Zweitligaspiel gegen den Karlsruher SC. Die Woche zuvor war der einzige gefühlte Kaiserslauterer unter den Weltmeistern 1990, Andreas Brehme, plötzlich an einem Herzstillstand verstorben. Darum waren die Spieler der „Roten Teufel“ zum Anlass ganz in ungewöhnlichem Schwarz gekleidet und trugen also jene Trauer auf ihren Schultern, die zur Idee des Traditionsvereins doch zu wesentlich gehört. Zu schwer jedoch war dieser Moment den Spielern in jeder Aktion: sie agierten allesamt wie gelähmt, waren chancenlos und fast schien es, als ob an ihnen Marx‘ bekanntes Wort sich bewahrheiten wollte, nach der „die Tradition aller toten Geschlechter […] wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden“ laste. Dieser „Alp“ ließ sich in Zahlen messen an diesem Tag, denn das Spiel ging 0:4 verloren.
Auch im Pokalendspiel werden die unglücklichen Traditionalisten aus Kaiserslautern wohl ohne Chancen sein gegen Bayer Leverkusen. Das ist anders als vor beinahe drei Jahrzehnten, als man sich im Abstiegsendspiel des letzten Spieltags der Bundesliga 1996 noch auf Augenhöhe wähnen durfte und Kaiserslautern nach einem 2:2 (erstmals überhaupt) in die zweite Liga abstieg. Doch es werden zumindest die diffusen Fantasien über ein irgendwie Großes der Vergangenheit auch in Berlin die Choreografien in der Kaiserslauterer Kurve leiten. Dies alles wird als ein eigentümlich ungeschichtliches Fest erscheinen, wird also für einen Augenblick das traurige Glück suggerieren, dass die Schimären der Vergangenheit noch in der Gegenwart zu retten sind. Wie in einer politischen Allegorie wird es sich für viele Beteiligte so anfühlen, als dürften sie noch einmal einen Moment durchleben in jener alten und dem Sentiment nach doch so viel „besseren“ Bundesrepublik unter Helmut Kohl, der bekanntlich bis zum Lebensende Mitglied beim 1.FC Kaiserslautern war. Aber die Momente werden zugleich viel von der Verstrickung in den Wunsch nach bloßer Wiederholung haben, der – wenn wir nicht aufpassen – nicht nur die Fußballwelt, sondern zuletzt auch (und noch viel unheimlicher) die Welt der Geschichte befällt, in der wir ja tatsächlich leben. Hoffen wir jedenfalls, dass der „Alp“ bloß die Spieler in Kaiserslautern plagen wird, denn dass es auch schiefgehen kann mit einer geschichtlichen Welt, die uns alle beträfe, das hat Marx schon zu deuten versucht.