• Franziska Schutzbach hat Soziologie, Me­dien­­wissen­schaften und Ge­schlech­ter­forschung an der Uni­versität Basel studiert. Sie lehrt und forscht am Zentrum Gender Studies der Uni Basel und ist Heraus­geberin von Geschichte der Gegenwart.

Der dies­jäh­rige inter­na­tio­nale Frauen*tag am 8. März war anders. Bestärkt durch den gigan­ti­schen Women’s March in Washington fanden globale Proteste statt, über 30 Länder haben – ausge­hend von Initia­tiven aus Argen­ti­nien, Polen und anderen Ländern – an Frauen*streiks teil­ge­nommen. Auch in der Schweiz gab es unzäh­lige grös­sere und klei­nere Aktionen: auf dem Bundes­platz in Bern versam­melten sich Menschen zu einem ‚Strick-In‘, Parlamentarier_innen strickten in der Wandel­halle für Gleich­stel­lung, in Zürich wurde die Statue des Refor­ma­tors Zwingli mit einem Pussyhat zur Ober-Pussy geweiht. Musiker_innen produ­zierten einen Solidaritäts-Song, die Guerilla-Feminist_innen Aktivistin.ch über­säten die klischierten Spiel­zeug­ab­tei­lungen grosser Kauf­häuser mit Protest­bot­schaften, und unter dem Motto „We Can’t Keep Quiet“ formierte sich ein gigan­ti­sches Bündnis von Frauen*organisationen und Verbün­deten.

Time, 28. Januar 2017; Quelle: time.com

Seit der Wahl von Donald Trump erfahren Frauen*bewegungen welt­weit Aufwind, konsti­tu­ieren sich teil­weise neu, weil unzäh­lige Frauen* und Verbün­dete dazu kommen und reali­sieren: Frauen*hass und Sexismus sind immer noch weit verbreitet. Was unsere Gross­mütter erkämpft haben, ist nicht sattel­fest. Und das, was noch erkämpft werden muss, erst recht nicht.

Manchmal sind dieje­nigen, die seit langem kämpfen, wütend: Warum wacht ihr erst jetzt auf? Wo wart ihr, als allein­er­zie­hende Mütter in Armut versanken und Care-Arbeiterinnen ihre Rechte einfor­derten? Wo waren die Massen, als Black Lives Matter gegen Poli­zei­ge­walt auf die Strasse ging? Als Erdoğan in der Türkei prokla­mierte, die wich­tigste Aufgabe der Frau sei es, Kinder zu gebären? Als in Argen­ti­nien jähr­lich 300 Frauen ermordet wurden? Für viele ist die Welt nicht erst seit Donald Trump uner­träg­lich geworden. Dass es jemanden wie Donald Trump braucht, um grosse Bewe­gungen zu mobi­li­sieren, ist nicht rühm­lich. Gleich­wohl macht es Hoff­nung, dass jetzt immer mehr Menschen aktiv werden.

Warum heisst es „Women’s March?“

Widerstands-Ikone Princess Leia / Carrie Fischer; Quelle: popsugar.com

Bemer­kens­wert ist dabei auch, dass so viele Menschen unter dem Label ‚Women‘ protes­tieren. Das ist nicht selbst­ver­ständ­lich. In der Tradi­tion des 8. März zum Beispiel gab und gibt es zahl­reiche Debatten und unter­schied­liche Hand­ha­bungen zu der Frage, ob Männer den Protesten soli­da­risch fern bleiben, oder ob sie unter dem Frauen*-Dach teil­nehmen sollen. Für beides gab und gibt es gute Gründe. Die aktu­elle Dring­lich­keit, möglichst breit gegen den reak­tio­nären Back­lash zu mobi­li­sieren, hat das Pendel in die Rich­tung „all Gender“ bewegt. So auch beim bevor­ste­henden Women’s March am Samstag in Zürich: Marschiert wird zwar unter dem Motto „Women“, teil­nehmen können und sollen aber alle. Denn die Proteste richten sich gegen mult­idi­men­sio­nale Sexismen sowie auch gegen Rassismus, Homo- und Trans­phobie, Ausbeu­tung und soziale Ungleich­heit.

Aber warum heisst es dann über­haupt noch „Women“? Bei der Lancie­rung des Women’s March Zürich kam es zu Diskus­sionen: Einige forderten, es solle „Equa­lity March“ heissen, schliess­lich gehe es nicht nur um Frauen*, und man wolle nicht die Männer* abschre­cken, das Label Frau* sei nicht inklusiv genug. Es zeigte sich: Wenn Männer* unter dem Frauen*-Dach mitlaufen sollen, ist das offenbar eine Kröte, die viele nicht so leicht schlu­cken. Dass sie unter „Women*“ mitge­meint sind, stösst auf. Schnell geht dabei aller­dings vergessen, dass Frauen* und viele andere sich Jahr­hun­derte lang unter dem Dach „weisser Mann“ versam­meln mussten. In der so genannten ‚west­li­chen Welt’ wurde der bürger­liche Mann im Zuge der Moderne zum Stan­dard, von dessen Zentral­per­spek­tive aus das Weib­liche als anders, als Abwei­chung und nicht zuletzt Makel markiert war (siehe zum Beispiel die freud­sche Vorstel­lung, die Frau sei durch den Penis-Mangel bestimmt).

Genau genommen bedeutet das: In der Kultur­ge­schichte der euro­päi­schen Moderne exis­tiert das Weib­liche für sich genommen nicht, sondern nur im Verhältnis zum Mann (Irigaray). Das rassis­ti­sche Patri­ar­chat produ­zierte sich ‚seine Frauen‘ (die ‚gute Mutter‘, züch­tige Ehefrau, Heilige oder Hure), deren Funk­tion die Begrün­dung des Männ­li­chen als Norm war. Aber auch Kate­go­rien wie schwarz, prole­ta­risch, irra­tional und vieles mehr fingierten als das infe­riore „Andere“ gegen­über dem weissen, vernünf­tigen männ­li­chen Subjekt.

Natür­lich ist es nicht das Ziel, diese Mecha­nismen umzu­kehren. Der phal­lo­zen­tri­schen Ordnung kann keine Herr­schaft der Frauen* folgen, keine neue Hier­ar­chie. Gleich­wohl scheint mir Women’s March eine sinn­volle Bezeich­nung, unter dem Frauen*-Dach lässt sich durchaus für eine Welt einstehen, die Frei­heit für alle, nicht für wenige ermög­li­chen soll.

Frau* ist keine fest­ste­hende Kate­gorie

Jeden­falls dann, wenn wir uns auf einen Frauen*-Begriffe verstän­digen, wie er in viel­fäl­tigen Debatten der letzten Jahr­zehnte entwi­ckelt wurde: Diffe­renz­fe­mi­nis­ti­sche, queer-theoretische und post­ko­lo­niale Ansätze haben Frau* als einheit­liche Kate­gorie oder Iden­tität zuneh­mend infrage gestellt. Es wurde deut­lich: Frau*sein bedeutet extrem unter­schied­liche Dinge, unter­schied­liche Erfah­rungen und Kontexte. Es kann nicht fest­ge­legt werden, wer oder was Frauen* sind. Wer das fest­legen will, bewegt sich in der vorherr­schenden patri­ar­chalen Logik, einer Logik, die Kate­go­rien bildet und dadurch wiederum normiert, ausschliesst und hier­ar­chi­siert.

Es wurde deshalb vorge­schlagen, Frau* nicht als biolo­gi­sche, nicht als feste Iden­tität, sondern als eine gesell­schaft­liche und mithin poli­ti­sche Kate­gorie zu begreifen (genau darauf soll übri­gens auch das Stern­chen verweisen). Plädiert wurde für einen utopi­schen Begriff Frau*, der gerade nicht wie im bishe­rigen Männer­system funk­tio­niert, das heisst keine Kate­gorie defi­niert. Frau* sollte viel­mehr eine Sehn­sucht nach etwas radikal anderem ausdrü­cken, den Entschluss, die phal­lo­zen­tri­sche, rassis­ti­sche, hetero-sexistische Ordnung zu verlassen, sich den vorherr­schenden Mass­stäben zu entziehen.

Tejal Shah: „Between the Waves“, Collage, Quelle: catch-fire.com

Entspre­chend wurde Frau* nicht mehr als Iden­tität gedacht, sondern als eine Akti­vität, ein Prozess, der unter­schied­lich ausge­füllt werden kann. Deleuze/Guattari (1972), Luce Irigaray (1974) und andere schlugen bereits in den 1970er Jahren vor, Frau* nicht als ein Zustand, sondern als Werden zu denken, als eine Bewe­gung hin zu etwas, das erst erfunden werden muss. Etwas, das konti­nu­ier­lich im Begriff des Entste­hens ist, und niemals abge­schlossen. Frau* wurde zu einem Marker für die Bestre­bung, das System von festen und zwangs­läufig herr­schaft­li­chen Kate­go­rien zu verlassen und zu unter­wan­dern.

Rosi Brai­dotti (2006) und andere schlugen vor, die symbo­li­sche Inexis­tenz der Frau* als ein poli­ti­sches Poten­tial zu nutzen: Während die Bestim­mung des Mannes als Mass­stab extrem begren­zend ist, verkör­pert das Mino­ri­sierte eine rela­tive Offen­heit. Es kann nicht zum Mass­stab werden, an dem der Rest der Welt bewertet wird. Deleuze und Guattari riefen deshalb zum Minoritär-Werden auf, zum „Frau-Werden, Schwarz-Werden, Tier-Werden“: „Beco­ming woman is the basis of a total critique“.

Das Mino­ri­sierte eröffnet einen Raum für poli­ti­schen Wider­stand, gerade weil es nicht fest­steht. „Frau-Werden, Tier-Werden, Schwarz-Werden“ ist eine poli­ti­sche Akti­vität, die der vorherr­schenden binären Ordnung zu entfliehen versucht – ohne schon zu wissen, was das Mino­ri­täre genau ist. „‚Beco­ming mino­ri­ta­rian‘ is the code name for over­tur­ning the logic that legi­ti­mates a central norm through hier­archi­cally orga­nized binary oppo­si­tions“ (Brai­dotti 2006).

Politik ohne Hier­ar­chi­sie­rung

Frau*-Werden in diesem poli­ti­schen Sinne können alle, unab­hängig vom Chro­mo­so­men­satz. Auch Männer*. Und es versteht sich von selbst, dass Minoritär-Werden inhä­rent auch Becoming-Queer. Und Schwarz. Und vieles mehr bedeutet.

Die teils schwer zugäng­li­chen deleu­zia­ni­schen Über­le­gungen sind bisher nicht in eine breite Öffent­lich­keit gedrungen. Ich meine aber, dass ihre poli­ti­sche Zeit gerade erst kommt, jetzt, wo sich die Idee der inter­sek­tio­nalen Femi­nismen gerade in den Strassen dieser Welt verbreitet. Jetzt, wo sich herum spricht, dass Femi­nismus weder in lila Latz­hosen daher kommt noch alles auf einen Geschlech­ter­kampf redu­ziert. Wo klar wird, dass die Situa­tion von Frauen* bei weitem nicht nur mit Geschlecht, mit Sexismus zu tun hat, sondern gerade so viel mit ökono­mi­scher und sozialer Benach­tei­li­gung, mit Haut­farbe, Migra­tion, sexu­eller Orien­tie­rung oder Behin­de­rung. Und nicht zuletzt mit poli­ti­schen Systemen, mit Ökologie und geogra­phi­schen Stand­orten.

Dem entspre­chend spricht sich auch endlich herum, dass Femi­nismus kein Parti­ku­lar­an­liegen von Frauen* ist, sondern ein univer­seller Bezugs­punkt, an dem sowohl Kapi­ta­lis­mus­kritik, Anti­ras­sismus, Anti­se­xismus, Frie­dens­po­litik, Fragen der Demo­kratie, Anti-Faschismus, Ökologie und vieles mehr zusammen kommen. Ich denke, dass wir im Zuge dieser Mult­idi­men­sio­na­lität die Frage sehr Ernst nehmen sollten, wie und mit welchen Para­digmen sich gemeinsam poli­ti­sieren lässt, ohne phal­lo­zen­tri­sche, rassis­ti­sche usw. Hierarchie-Systeme zu repro­du­zieren. Denn diese Gefahr besteht – gerade auch in ‚linker’ Politik. Immer noch und immer wieder.

women’s march on Zurich; Quelle: unia.ch

Es ist deshalb sicher nicht falsch, nochmal die vergan­genen, bisher unein­ge­lösten Über­le­gungen – zum Beispiel zum Minoritär-Werden – hervor­zu­kramen.

Und jetzt auf zum „Women’s March“ nach Zürich!

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