Deserteure gehören zum Krieg, seit es Soldaten gibt. Doch welche Fahnenflucht als feige und welche als heroisch gilt, hängt stets von der Parteinahme in einem Konflikt ab.

  • Claus Leggewie

    Claus Leggewie ist Ludwig Börne-Professor an der Universität Gießen und hat 2017 das Buch „Europa zuerst. Eine Unabhängigkeitserklärung“ bei Ullstein/Berlin veröffentlicht.

In Deutsch­land haben rund 3.500 russi­sche Männer im wehr­fä­higen Alter Asyl bean­tragt, nur 92 mit Erfolg. In Deutsch­land leben seit Kriegs­be­ginn auch über 200.000 männ­liche ukrai­ni­sche Staats­an­ge­hö­rige im Alter zwischen 18 und 60 Jahren, die sich einer Einbe­ru­fung entzogen haben und als Flücht­linge keinen Asyl­an­trag stellen müssen.

1/ Sollen wir russi­sche Deser­teure abschieben, die die Mitwir­kung an einem durch nichts gerecht­fer­tigten, in Völker­mord ausufernden Angriffs­krieg verwei­gerten? Und wollen wir ukrai­ni­sche Deser­teure aufnehmen, deren Heimat­land wir Kampf­mittel liefern, und die nun fehlen im Kampf gegen den russi­schen Aggressor, in dem Tausende ihrer Lands­leute gefallen, schwer verletzt und trau­ma­ti­siert sind? Wo genau liegt hier der Unter­schied? Es gibt keinen, wenn man Fahnen­flucht prin­zi­piell gutheißt, wie es klas­sisch Kurt Tucholsky vorschwebte, da die Betei­li­gung an einem Waffen­gang prin­zi­piell eine indi­vi­du­elle Gewis­sens­ent­schei­dung sei. Ebenso wenig macht einen Unter­schied, wer Deser­tion prin­zi­piell ablehnt, weil sie die Wehr­kraft einer Nation schmä­lert. Haben andern­falls unter dem Gesichts­punkt der Gleich­be­hand­lung beide Gruppen ein Recht auf Asyl – oder aus welchen Gründen nur eine oder keine von beiden?

Die Rechts­lage ist unüber­sicht­lich und wider­sprüch­lich. Fahnen­flucht ist welt­weit strafbar und in Deutsch­land mit einer Gefäng­nis­strafe bis zu fünf Jahren bedroht; geschützt werden soll damit die Schlag­kraft einer Armee im Vertei­di­gungs­fall. Gene­rell haben Deser­teure keinen Anspruch auf Asyl, aller­dings hat der Euro­päi­sche Gerichtshof 2015 und 2020 die Ausnahme statu­iert, dass als Flücht­ling aner­kannt werden kann, wer als Soldat mit hoher Wahr­schein­lich­keit in die Bege­hung von Kriegs­ver­bre­chen hinein­ge­zogen würde. Laut Pro Asyl hat das Gericht dazu fast uner­füll­bare Voraus­set­zungen errichtet: Betrof­fene müssten in ihrem Land zuvor „einen förm­li­chen Antrag auf Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rung gestellt haben, der abge­lehnt wurde oder sie zumin­dest nicht davor bewahrt, als Teil der kämp­fenden Truppe ins Kriegs­ge­biet entsendet zu werden. Sie müssten nach­weisen, dass sie wirk­lich rekru­tiert wurden und ein Einsatz im Krieg ernst­haft droht. Kaum jemand wird diese Krite­rien erfüllen können.“

Die Frage der Asyl­be­rech­ti­gung von Deser­teuren ist keine rein formal­recht­liche, sie wirft ethisch-politische Fragen auf, die auch die Situa­tion Unbe­tei­ligter tangieren. Wer sich als radi­kaler Pazi­fist per se gegen jeden Wehr­dienst ausspricht, für den sind wie gesagt russi­sche wie ukrai­ni­sche Fahnen­flüch­tige glei­cher­maßen zu schützen. Wer eine klare Aggres­sion Russ­lands diagnos­ti­ziert, die der Ukraine das Recht auf Selbst­ver­tei­di­gung gibt, dürfte jeden, der sich dem entzieht, kritisch sehen. Und man könnte russi­sche Deser­teure als Helden des Rück­zugs betrachten, die indi­rekt Wider­stand gegen den Kriegs­treiber Putin zum Ausdruck bringen (oder aber als Oppo­nenten, die ihre Oppo­si­tion besser im Land selbst arti­ku­lieren sollten). Wer in dem aktu­ellen Krieg ein „sinn­loses Schlachten“ sieht, könnte Expo­nenten beider Seiten als Zeugen für die rasche Been­di­gung heran­ziehen und als Vorboten eines Waffen­still­stands auffassen. Letzt­lich hängt die Beur­tei­lung also davon ab, ob und wie sehr man Deutsch­land selbst als „Kriegs­partei“ ansieht – und letzt­lich auch davon, ob Deut­sche bei einer nicht auszu­schlie­ßenden Eska­la­tion selbst bereit wären, zur Waffe zu greifen, Kinder und Enkel dazu zu ermu­tigen und Verwei­gerer konse­quen­ter­weise abzulehnen.

2/ Deser­teure gehören zum Krieg, seit es Soldaten gibt. Abso­lu­tis­ti­sche Heere aus Zwangs­ver­pflich­teten und Söld­nern litten an dauerndem Schwund, dem sie mit drako­ni­schen Strafen beizu­kommen versuchten. Ein promi­nenter Fahnen­flüch­tiger war kein Gerin­gerer als der spätere Feld­herr Fried­rich der Große, der als Kron­prinz „getürmt“ war. Sein Vater, der „Solda­ten­könig“, ließ an seiner Stelle den Freund und Mitwisser Hans-Hermann von Katte hinrichten; der Sohn musste der Exeku­tion beiwohnen, was als Katte-Tragödie durch Theodor Fontane auch in die Lite­ra­tur­ge­schichte einge­gangen ist. An Fried­richs eigenen Mili­tär­zügen wollte dann der Schweizer Ulrich Bräker nicht teil­nehmen, wie er in seinem Erin­ne­rungs­roman Der Arme Mann im Tocken­burg (Zürich 1789) nieder­ge­legt hat. Der Pietist entging der Fest­nahme und dem Spieß­ru­ten­laufen und kehrte als Privat­mann in die Heimat zurück. In späteren Berufs- und Wehr­pflich­ti­gen­ar­meen wurde Deser­tion bis zum Schwer­ver­bre­chen des Hoch­ver­rats aufge­rüstet; beson­ders hart bestraft wurde, wer seinen Posten vor dem Feind verließ oder zum ihm über­lief und Anstif­tung zur Fahnen­flucht. Im Zweiten Welt­krieg soll es bis zu 400.000 Deser­teure gegeben haben, was bei 18 Millionen Soldaten einen Anteil von immerhin zwei Prozent ergibt. Rund 23.000 Deser­teure wurden verur­teilt, ein Drittel davon zum Tode.

Ein anderes lite­ra­ri­sches Zeugnis ist nach 1945 als indi­vi­du­elle Aufleh­nung gegen diesen Zwang gewür­digt worden; in Alfred Anderschs (nicht ganz korrektem) auto­bio­gra­fi­schen Roman Die Kirschen der Frei­heit (1952) über seine Flucht aus der Wehr­macht in Südita­lien wird der Fahnen­flüch­tige als radikal-anarchistischer Indi­vi­dua­list beschrieben; ihm hingen die Kame­raden „meter­lang zum Hals heraus […]. Sie kotzten mich regel­recht an. Das Schlimmste an ihnen war, daß sie immer da waren.“ Anderschs Selbst­dar­stel­lung als radi­kaler Einzel­gänger ist, wie Nach­for­schungen zu „West­deutsch­lands berühm­testem Deser­teur“ ergaben, stark über­höht; es sind Zweifel ange­bracht, ob der Erfolgs­autor zu Recht in der Gedenk­stätte Deut­scher Wider­stand in Berlin als Deser­teur geehrt wird. Aber die von ihm darge­stellte Diagnose der Kamp­fes­mü­dig­keit als Haupt­motiv ist durch mili­tär­his­to­ri­sche Forschungen bestä­tigt worden.

Fahnen­flucht, lange ein Rand­thema, gehört mitt­ler­weile zu den gut erforschten Fragen der Militär- und Menta­li­täts­ge­schichte, die sich von ideo­lo­gisch geprägten Vorur­teilen befreit haben. Die Bewer­tung wandelte sich nach 1945 von über­wie­gender Verur­tei­lung zu wach­sendem Verständnis und heroi­scher Stili­sie­rung. Gerade die deut­sche Geschichte bezeugt, wie sehr die Antwort auf die Frage, ob man Deser­teure und Verwei­gerer als Helden oder Feig­linge ansieht, von den Zeit­läufen abhängt, also vom Rang mili­tä­ri­scher Wert­vor­stel­lungen und dem Ansehen krie­ge­ri­scher Inter­ven­tionen. Wurde in der DDR der Deser­tion von 1945 an als Bestand­teil des anti­fa­schis­ti­schen Wider­stands staats­of­fi­ziell und mit einer Reihe von Gedenk­steinen an „kriegs­müde deut­sche Soldaten“ gedacht, befasste man sich in der Bundes­re­pu­blik brei­ten­wirksam erst in den 1980er Jahren mit dem lange tabui­sierten Gegen­stand. Und hatte man Fahnen­flüch­tige anfangs als „Vater­lands­ver­räter“, „Kame­ra­den­schweine“ und „Feig­linge“ denun­ziert, wurden sie nun von pazi­fis­ti­scher Seite zu Vorkämp­fern gegen aktu­elle Aufrüs­tungs­be­stre­bungen stili­siert. Das skan­da­löse Todes­ur­teil des ehema­ligen „furcht­baren Rich­ters“ (und deswegen zurück­ge­tre­tenen) baden-württembergischen Minis­ter­prä­si­denten Hans Filbinger gegen einen Deser­teur im Mai 1945 sorgte für eine breite Debatte. Es entstanden zahl­reiche Denk- und Mahn­male, die zumeist namen­lose Deser­teure posthum Öffent­lich­keit verschafften und als Pendants der zahl­rei­chen Krie­ger­denk­mäler für eine gewisse Aner­ken­nung sorgten. Die formelle Reha­bi­li­ta­tion von Deser­teuren während der NS-Zeit und die Aufhe­bung der von der Wehr­machts­justiz gefällten Terror­ur­teile erfolgte erst nach der deut­schen Einheit, parallel zu supra­na­tio­nalen Libe­ra­li­sie­rungen im Mili­tär­straf­recht und in Flüchtlingskonventionen.

3/ Die Alter­na­tive „Held oder Feig­ling“ ist also zu sche­ma­tisch. Es gab und gibt sozu­sagen helden­hafte Feig­linge, die sich „nur“ weigerten zu töten, und feige Helden, deren Motiv über­leben zu wollen, jeden Respekt verdient. Derart „private“ Motive können sich mit poli­ti­schen oder reli­giösen Motiven mischen, die der Fahnen­flucht in den meisten Fällen nicht zugrunde lagen. Es bestä­tigt sich in den rekon­stru­ierten biogra­fi­schen Doku­menten und bei aller Stili­sie­rung auch in den lite­ra­ri­schen Zeug­nissen das Bündel indi­vi­du­eller, ichbe­zo­gener Motive, die gut nach­voll­ziehbar sind: sich nicht in Lebens­ge­fahr zu begeben und Entbeh­rungen und Zumu­tungen aller Art nicht auf sich zu nehmen. Auch nicht in Zwangs­ge­mein­schaft mit „Kame­raden“ leben zu wollen, mit denen man norma­ler­weise nichts zu tun haben will, am wenigsten die mora­li­schen Abgründe und Verro­hungen einer kriegs­be­dingten Lebens­füh­rung im Ausnah­me­zu­stand durch­ma­chen zu wollen. Das kann sich mit Motiven verbinden, nicht an diesemKrieg mitzu­wirken, den der poten­ziell Fahnen­flüch­tige even­tuell als beson­ders absurd und verbre­che­risch ablehnt und so eine poli­ti­sche Dimen­sion annehmen kann. Das Haupt­motiv hat der Wehr­machts­de­ser­teur Ludwig Baumann so benannt: „Die Wahr­heit ist: Ich wollte nicht töten. Und ich wollte leben“.

Dieses indi­vi­du­elle Kalkül, dessen Verwirk­li­chung von Ressourcen und Netz­werken der Fahnen­flüch­tigen abhängt, stellt der Krieg in der Ukraine auf die Probe. Es kolli­diert zum einen mit der breit geteilten Selbst­ver­pflich­tung einer neuen Demo­kratie, das Land auch um den Preis von Leib und Leben gegen den Aggressor zu vertei­digen (und damit seine nächsten Ange­hö­rigen zu schützen und die eigene Zukunft zu wahren). Auf der anderen Seite unter­läuft es den kaum nach­voll­zieh­baren Kada­ver­ge­horsam der russi­schen Streit­kräfte in der Tradi­tion des russi­schen Mili­ta­rismus, der nicht zuletzt oft gegen die eigene, nicht einver­stan­dene Bevöl­ke­rung zielt. Ratio­na­lität und Legi­ti­mität von Fahnen­flucht sind letzt­lich von Fall zu Fall zu beur­teilen, eine groß­zü­gige Asyl- oder Duldungs­praxis ist in den meisten Fällen anzu­raten. Aber sie vertieft auch die Unge­rech­tig­keit in der Ukraine wie in Russ­land zwischen jenen, die den Kriegs­dienst auf sich genommen haben, und jenen, die sich ihm entziehen konnten. Das aufge­zeigte Dilemma ist ein Beispiel für die Aporien, in die brutale Gewalt­akte eine fried­lich gestimmte Welt geführt haben.

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