Ein Blick in die USA zeigt, dass die Warnung vor linker Cancel Culture und Wokeism in Wirklichkeit eine massive Verbotswelle von Kinder- und Jugendbüchern vorbereitet hat, die über Rassismus und Sexismus aufklären. Philip Nel über Geschichte und Aktualität des konservativen Zensureifers.

  • Philip Nel

    Philip Nel is University Distinguished Professor of English at Kansas State University. He is the author or co-editor of thirteen books, including: Was the Cat in the Hat Black?: The Hidden Racism of Children’s Literature, and the Need for Diverse Books (2017).
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
Wer hat Angst vor multi­kul­tu­rellen Kinderbüchern?
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US-amerikanische Kinder sind echten Gefahren ausge­setzt. Doch „Indok­tri­na­tion“ durch „woke“ Lehrer:innen gehört nicht dazu.

Schon im Kinder­garten müssen sie Active-Shooter-Drills über sich ergehen lassen und lernen, in Deckung zu gehen. 2018 waren erst­mals Schuss­waffen und nicht mehr Verkehrs­un­fälle die häufigste Todes­ur­sache bei Kindern und Jugend­li­chen. Kinder­ar­beit ist auf dem Vormarsch, und manche Staaten lockern dies­be­züg­lich sogar die Vorschriften. Nach Angaben des Children’s Defense Fund lebt mehr als eines von sieben Kindern in Haus­halten, die nicht ausrei­chend zu essen haben; die Hälfte davon ist schwarz oder hispa­nisch. Fast eines von sieben Kindern lebt in Armut; 71 Prozent davon sind Kinder of Color.

Real Cancel Culture

George M. Johnson, All Boys Aren’t Blue
A Memoir-Manifesto
(2020), banned wegen wegen seines LGBTQ-Inhalts und sexuell expli­ziter Themen.

Doch die Republikaner:innen reagieren auf diese syste­ma­ti­sche Gefähr­dung von Kindern weder durch Inves­ti­tionen in Kinder­hilfs­pro­gramme noch durch ein Verbot von Schuss­waffen. Statt­dessen werden Bücher verboten, in denen LGBTQ+-Figuren oder People of Color vorkommen, Bücher, die Rassismus thema­ti­sieren, oder Bücher, die Infor­ma­tionen über Abtrei­bung, Schwan­ger­schaft oder sexu­elle Über­griffe enthalten. Im März 2023 meldete die American Library Asso­cia­tion die höchste Zahl an Verbots­ver­su­chen, seit sie vor über zwei Jahr­zehnten mit der Erfas­sung von Zensur­daten begann. Die „1269 Anträge auf Zensur von Biblio­theks­bü­chern und -ressourcen im Jahr 2022 […] sind fast doppelt so hoch wie die 729 Anfech­tungen von Büchern, die im Jahr 2021 gemeldet wurden.“  

Toni Morrison, The Bluest Eye ((1970), banned, weil er den sexu­ellen Miss­brauch von Kindern darstellt und als sexuell explizit ange­sehen wurde.

Von den Republikaner:innen kontrol­lierte staat­liche Regie­rungs­stellen und Gemein­de­ver­wal­tungen haben eben­falls verfügt, dass Rasse, Rassismus, Geschlecht, LGBTQ+-Rechte oder US-amerikanische Geschichte nicht unter­richtet werden dürfen. So berichtet PEN America, dass im August 2022 die Zahl der „im Bildungs­be­reich einge­reichten Maul­korb­er­lasse“ im Vergleich zum Vorjahr um 250 Prozent gestiegen ist. Sie zielten stärker auf die Hoch­schul­bil­dung ab (aber auch auf Primar- und Sekun­dar­schul­bil­dung) und sahen eher Strafen vor – diese reichten von hohen Geld­strafen über Entlas­sungen bis hin zur Straf­an­zeige. Und solche Maul­korb­er­lasse wurden im Jahr 2022 in 36 Staaten einge­führt, während es im Jahr 2021 nur 22 waren.  

Die Demo­kraten standen nur hinter einem einzigen der insge­samt 137 im Jahr 2022 im Bildungs­be­reich verfügten Erlasse.

Es stimmt zwar, dass es sich bei den Versu­chen zu regu­lieren, was Kinder und Jugend­liche lesen, um ein ideo­lo­gie­über­grei­fendes Phänomen handelt. Grob gesagt: Während Libe­rale junge Leser:innen vor rassis­ti­schen Büchern schützen möchten, wollen Konser­va­tive sie vor dem Wissen um die Exis­tenz des Rassismus schützen und setzen sich gleich­zeitig dafür ein, dass rassis­ti­sche Bücher auf dem Lehr­plan bleiben. Libe­rale halten Sexu­al­kunde für sinn­voll, während Konser­va­tive Kinder und Jugend­liche davor schützen wollen, zu lernen, wie die mensch­liche Fort­pflan­zung funktioniert.

Mike Curato, Flamer (2020), banned wegen des homo­se­xu­ellen Protagonisten.

Diese beiden poli­ti­schen Posi­tionen unter­scheiden sich gleich in doppelter Hinsicht. Erstens wird der durch die Erfah­rung von Rassismus, Sexismus, Homo­phobie oder Trans­phobie ausge­löste Schmerz nicht von allen glei­cher­maßen erfahren: Wer zur Ziel­scheibe von Into­le­ranz und Fana­tismus geworden ist, spürt den Schmerz viel tiefer. Obwohl es pädago­gisch wert­voll ist, im Kampf gegen den Hass rassis­ti­sche Bücher zu lesen, entschul­digen ihre konser­va­tiven Vertei­diger diese Bücher unter dem Vorwand, sie entsprä­chen einfach „ihrer Zeit“ und „man habe damals so gedacht“. Doch erstens (und daran erin­nert uns Robin Bern­stein) denken nicht alle Menschen einer Epoche gleich und zudem wurden auch damals Menschen verletzt, wenn sie Opfer von Into­le­ranz wurden. Schlimmer noch: Die verlo­gene Behaup­tung, die Mäch­tigen seien heut­zu­tage eine verfolgte Minder­heit, wird zum Vorwand genommen, um den Multi­kul­tu­ra­lismus zum Sünden­bock zu machen und diverse Bücher zu verbieten.

Trung Le Nguyen, The Magic Fish (2020), banned wegen des homo­se­xu­ellen Protagonisten.

Doch im Gegen­satz zu Büchern, die Into­le­ranz und oder Geschichts­lö­schung fördern, helfen Bücher, die die Errun­gen­schaften von Unter­drückten aufzeigen, die veran­schau­li­chen, dass Rassismus syste­misch ist, oder die die Funk­ti­ons­weise des mensch­li­chen Körpers erklären, allen Kindern und Jugend­li­chen. Junge Menschen, die einer Minder­heit ange­hören, sehen sich in ihrer Mensch­lich­keit bestä­tigt, wenn sie sich selbst in Lite­ratur und Geschichte wieder­finden, und es zeigt ihnen, dass ihre Geschichten wichtig sind. Mit anderen Leben als ihrem eigenen konfron­tiert zu sein, führt anderen wiederum vor Augen, dass die Welt sich nicht nur um sie dreht. Wissen hilft allen Kindern und Jugend­li­chen, in Ange­le­gen­heiten, die sie, ihre Klassenkamerad:innen und die Menschen in ihrer Gemein­schaft betreffen, bessere Entschei­dungen zu fällen.  

Was die Regu­lie­rung von Kinder- und Jugend­bü­chern betrifft, unter­scheiden sich US-amerikanische Rechte und Linke zwei­tens dadurch, dass die Rechten dies einfach besser beherr­schen. Aller erzeugten Hysterie um die soge­nannte „Cancel Culture“ zum Trotz waren die Libe­ralen in der Vergan­gen­heit in puncto Zensur eher erfolglos.

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Geschichte des konser­va­tiven Zensurfiebers

Das derzei­tige Zensur­fieber der Amerikaner:innen reicht fast drei­hun­dert Jahre in die Vergan­gen­heit zurück. Frühe Bildungs­ver­bote betrafen nicht (wie heute) die Vermitt­lung der schwarzen Geschichte, sondern die Alpha­be­ti­sie­rung der Afroamerikaner:innen. Der „Negro Act of 1740“ verhängte in South Caro­lina im Namen der „ordnungs­ge­mäßen“ Unter­wer­fung und des Gehor­sams“ der versklavten Bevöl­ke­rung und zur Wahrung der „öffent­li­chen Ruhe und Ordnung“ Geld­strafen in Höhe von 100 Pfund, wenn Sklaven im Schreiben unter­richtet wurden. Vor dem ameri­ka­ni­schen Bürger­krieg erließen mit Ausnahme von Mary­land und Kentucky alle Südstaaten im 19. Jahr­hun­dert Gesetze, die es illegal machten, Schwarzen – freien wie versklavten – das Lesen und Schreiben beizubringen.

PEN USA, Quelle: pen.org

Auch der erfolg­reichste profes­sio­nelle Zensor der Verei­nigten Staaten, Anthony Comstock, nutzte später im 19. Jahr­hun­dert Rassismus und Frem­den­feind­lich­keit, um seine Bücher­ver­bote durch­zu­setzen. Im Ersten Jahres­be­richt der New Yorker Gesell­schaft zur Unter­drü­ckung des Lasters von 1875 unter­stellte Comstock, dass Ausländer und Einwan­derer die Kinder (der weißen Ober­schicht) anfällig für Porno­grafie und Obszö­nität machten. Um seinen Stand­punkt zu belegen, stellte er sogar eine Liste der Verhaf­teten zusammen:

Von der Gesamt­zahl der verhaf­teten Personen waren 46 Iren, 34 Ameri­kaner, 24 Engländer, drei­zehn Kana­dier, drei Fran­zosen, ein Spanier, ein Italiener, ein N… und ein polni­scher Jude, was zeigt, dass ein großer Teil der in diese schänd­li­chen Machen­schaften verwi­ckelten Personen keine ameri­ka­ni­schen Staats­bürger sind.

In seinem Zweiten Jahres­be­richt bestä­tigt er diese Fest­stel­lung: „Es ist auf den ersten Blick ersicht­lich, dass wir einen großen Teil dieser Demo­ra­li­sie­rung dem Import von Krimi­nellen aus anderen Ländern verdanken.“

Nicola Beisel schreibt in Impe­riled Inno­cents: Anthony Comstock and Family Repro­duc­tion in Victo­rian America: „Indem er den Einwan­de­rern die Verbrei­tung von Obszö­nität anlas­tete, verwen­dete Comstock Ideo­lo­gien, die bereits über Städte und ihre Bewohner kursierten, und konstru­ierte derart Obszö­nität als Bedro­hung.“ Er behaup­tete, im Namen des Schutzes von „Kindern“ zu handeln, doch sein Augen­merk galt nur männ­li­chen Kindern aus der weißen Ober­schicht – deren zukünf­tige poli­ti­sche Macht er erhalten wollte. Und was war seiner Meinung nach obszön? Alles, was mit dem Körper zu tun hatte, insbe­son­dere dem weib­li­chen Körper, der mensch­li­chen Fort­pflan­zung und Verhü­tung. Der Comstock Act von 1873 erwei­terte das föde­rale Obszö­ni­täts­ge­setz von 1865, das besagte, dass „keine obszönen, unzüch­tigen oder lasziven Bücher, Broschüren, Bilder, Drucke oder andere Veröf­fent­li­chungen vulgären und unan­stän­digen Charak­ters mit der Post versendet werden dürfen“.

PEN USA, www.pen.org

Mit der Durch­set­zung dieses Gesetzes war der neue US-Postinspektor Anthony Comstock betraut. Das Gesetz legte nicht fest, was genau als „obszön, unzüchtig oder lasziv“, „unan­ständig“ und „unmo­ra­lisch“ gelten sollte. Also entschied Comstock selbst. Wie die Histo­ri­kerin Marjorie Heins berichtet, verwen­deten die Voll­stre­cker dieses Zensur­ge­setzes von den 1870er Jahren bis in die 1930er Jahre hinein extrem „weit gefasste Krite­rien“, um „zahl­lose lite­ra­ri­sche Werke zu verbieten“ – und das prak­tisch ohne Eingreifen der Gerichte.

Back­lash durch Verbote

Warum beginnt dieser Prozess in den 1870er Jahren? Er entstand als Gegen­re­ak­tion auf die poli­ti­schen Errun­gen­schaften der Afroamerikaner:innen und der Frauen. Zur Zeit der Recon­s­truc­tion war es schwarzen Männern erlaubt, zu wählen und für poli­ti­sche Ämter zu kandi­dieren. Und das taten sie auch. Die erste Frau­en­be­we­gung kämpfte für das Frau­en­stimm­recht. Das Macht­mo­nopol der weißen Eliten geriet unter Druck. Durch die Förde­rung rassis­ti­scher und sexis­ti­scher Stereo­type und die Schaf­fung von Gesetzen, die die ameri­ka­ni­schen Bürger vor diesen imagi­nären Gefahren „schützen“ sollten, fanden die weißen Männer also Mittel und Wege, die Kontrolle wiederzuerlangen.

So waren beispiels­weise bis in die 1850er Jahre Abtrei­bungen in der ersten Hälfte der Schwan­ger­schaft in fast allen US-Bundesstaaten legal. 1870 war sie zwar noch üblich, doch zu diesem Zeit­punkt war die Abtrei­bung – wie Nicola Beisel schreibt – „zum Symbol für den Zusam­men­bruch der Zivi­li­sa­tion geworden“. Ein ziem­li­cher Wandel in nur zwanzig Jahren! Das Wort „Abtrei­bung“ wird in den Para­grafen des Comstock Act von 1873 gleich fünfmal erwähnt. Und noch heute berufen sich die repu­bli­ka­ni­schen Attor­neys General bei ihren Bemü­hungen, den Verkauf der Abtrei­bungs­pille Mife­priston zu verhin­dern, auf den Comstock Act. Unter ihrem Druck willigte Walgreens ein, die Pille in 21 Bundes­staaten nicht zu vertreiben, obwohl Abtrei­bung in einigen Staaten weiterhin legal ist. Seit der Oberste Gerichtshof der USA im Juni 2022 das Urteil Roe vs. Wade gekippt hat, ist Abtrei­bung in zwölf US-Bundesstaaten illegal, und weitere werden wahr­schein­lich folgen.

Auch den aktu­ellen Bestre­bungen, multi­kul­tu­relle Kinder- und Jugend­bü­cher zu krimi­na­li­sieren, gehen zahl­reiche Präze­denz­fälle voraus, die bis zu dem Zeit­punkt zurück­rei­chen, als die Bewe­gung für diverse Bücher ­– heute am sicht­barsten verkör­pert durch die Orga­ni­sa­tion We Need Diverse Books – erst­mals eine kriti­sche Masse erreichte.

Von 1920 bis 1921 war W.E.B. Du Bois Mither­aus­geber von The Brow­nies Book, einer Monats­zeit­schrift „für die Kinder der Sonne“, in der die Gedichte von Lang­ston Hughes erst­mals veröf­fent­licht wurden. Sein Zeit­ge­nosse, der Histo­riker Carter G. Woodson, vertrat die Meinung, jungen Schwarzen müsste Geschichte wahr­heits­ge­treu vermit­telt werden. Da das (weiße) Verlags­wesen die Leis­tungen der Afroamerikaner:innen igno­rierte, grün­dete Woodson 1920 den Verlag Asso­ciated Publishers, der 1922 sein Lehr­buch The Negro in Our History für Highschool-Schüler veröffentlichte.

Wie Ibram X. Kendi kürz­lich in The Atlantic schrieb, entschieden sich die Lehrer der Negro Manual and Trai­ning High School in Muskogee, Okla­homa, im Jahr 1925 für Wood­sons Buch als Lehr­buch. Wie Woodson im Vorwort schreibt, besteht das Ziel des Buches darin, „dem Durch­schnitts­leser […] die Geschichte der Verei­nigten Staaten so darzu­stellen, wie sie durch die Anwe­sen­heit des N… in diesem Land beein­flusst wurde“. Auf diese Weise, so schrieb er, würde „gezeigt“, was schwarze Ameri­kaner „zur Zivi­li­sa­tion beigetragen haben“. Daraufhin behaup­teten die weißen Supre­ma­tisten in der Schul­be­hörde, Wood­sons Buch sei „klan­feind­lich“, und statu­ierten, es dürften in Schulen weder „klan­feind­liche noch klan­freund­liche“ Bücher einge­schleust werden. Wie Kendi bemerkt, „verbot die Schul­be­hörde das Buch. Sie beschlag­nahmte alle Exem­plare. Sie bestrafte die Lehrer. Sie erzwang den Rück­tritt des Schul­di­rek­tors.“ Als Reak­tion darauf rief Carter G. Woodson 1926 die Negro History Week ins Leben, aus der rund fünfzig Jahre später der Black History Month werden sollte.

Die „pro- oder anti-Klan“-Begründung der Schul­be­hörde von Okla­homa aus dem Jahr 1925 hallt auch noch in der Sprache von Floridas Stop W.O.K.E. Act nach. Der Text voll­zieht eine ähnliche Wendung, da er eine multi­kul­tu­relle Sprache gegen den Multi­kul­tu­ra­lismus einsetzt. Das Gesetz leugnet die Exis­tenz struk­tu­reller Ungleich­heiten und verbannt die Vorstel­lung aus dem öffent­li­chen Schul­wesen, dass „eine Person aufgrund ihrer Rasse, Haut­farbe, ihres Geschlechts oder ihrer natio­nalen Herkunft persön­liche Verant­wor­tung für Hand­lungen trägt, die in der Vergan­gen­heit von anderen Mitglie­dern derselben Rasse, Haut­farbe, natio­nalen Herkunft oder desselben Geschlechts begangen wurden und für die sie Schuld­ge­fühle, Ängste oder andere Formen psychi­schen Leids empfinden muss.“

Dieses Gesetz ist die logi­sche (oder unlo­gi­sche) Schluss­fol­ge­rung dessen, was Eduardo Bonilla-Silva in seinem Buch Racism without Racists als farben­blinden Rassismus bezeichnet. Deshalb zitieren weiße Rassisten Dr. Martin Luther Kings Aussage, er wünsche sich, dass seine Kinder „nicht nach der Farbe ihrer Haut, sondern nach ihrem Charakter beur­teilt werden sollten“ – doch sie zitieren eben nur diese eine Zeile, ohne sie in ihren größeren Kontext einzu­betten, in dem King den struk­tu­rellen Rassismus in den USA anklagt.

Diese Vari­ante eines farben­blinden Rassismus schleicht sich in das Gesetz aus Florida durch die (mögli­cher­weise) gut gemeinte Vorstel­lung ein, race könne wie durch Zauber­hand unsichtbar gemacht werden – eine Vorstel­lung, die in US-amerikanischen Schulen weit verbreitet ist. Dies mag gut gemeint sein, denn natür­lich sollten Menschen nach ihrem Charakter und nicht nach ihrer Haut­farbe beur­teilt werden. Dennoch ist die Aussage falsch, da race nicht mit Haut­farbe gleich­ge­setzt werden kann. Race ist, wie Richard Delgado und Jean Stefancic schreiben, „Produkt des sozialen Denkens und der sozialen Bezie­hungen. Race ist nicht objektiv, inhä­rent oder fest­ste­hend und entspricht keiner biolo­gi­schen oder gene­ti­schen Realität; viel­mehr ist race eine Kate­gorie, die eine Gesell­schaft erfindet, mani­pu­liert oder aufhebt, wenn es ihr passt“.

Zwei­tens ist die Aussage „I don’t see race“ gefähr­lich, da sich die Frage stellt, wie wir, wenn wir „race nicht sehen“, Rassismus über­haupt bemerken und bekämpfen können? Wie Bonilla-Silva schreibt, „dient der farben­blinde Rassismus heute als ideo­lo­gi­sches Rüst­zeug eines verdeckten und insti­tu­tio­na­li­sierten Systems“ rassis­ti­scher Unter­drü­ckung. Und „er trägt völlig unauf­fällig zur Aufrecht­erhal­tung des weißen Privi­legs bei, da er weder dieje­nigen benennt, die er unter­wirft noch dieje­nigen, die er bevorteilt“.

Angst­för­de­rung

Spätes­tens seit dem 19. Jahr­hun­dert wird die Stra­tegie, das Böse und Verlet­zende als Sicher­heit auszu­geben, von der poli­ti­schen Rechten in den USA dazu verwendet, um den Zugang zu Wissen einzu­schränken. Zunächst erfindet oder fördert eine weiße Person (in der Regel ein Mann) durch den Rück­griff auf bestehende Vorur­teile eine Angst oder ein Konglo­merat von Ängsten. Verstärkt man die Ängste der Menschen, sind sie leichter mani­pu­lierbar, und die Förde­rung eines gemein­samen Hass­ob­jekts lässt um diesen vermeint­li­chen Feind herum eine Gemein­schaft entstehen. Zwei­tens: Nachdem die öffent­liche Angst vor der Bedro­hung durch einen kultu­rellen „Anderen“ (Frauen, Schwarze, Einwan­derer, Jugend­liche) verstärkt wurde, bietet die weiße Person an, das von ihr erfun­dene „Problem“ zu lösen. Diese Lösung richtet die Macht des Staates gegen die Minder­heit oder die Minder­heiten, die zum Sünden­bock gemacht wurden, und verschafft ihren (in der Regel mehr­heit­lich weißen und mehr­heit­lich männ­li­chen) Anhän­gern ein Gefühl der Macht – selbst wenn dieser Macht­zu­wachs eher eine gemein­same emotio­nale Erfah­rung als einen mess­baren mate­ri­ellen Gewinn darstellt.  

Heute werden Bücher über die Geschichte der People of Color, der Frauen und von LGBTQ+-Personen aus drei Gründen verboten. Erstens: Wissen ist Macht. Wer seine Geschichte kennt, entwi­ckelt ein Gefühl der Zuge­hö­rig­keit und erhält Hand­lungs­spiel­raum. Wenn Menschen, deren Geschichte nicht in Geschichts­bü­chern steht, ihre Geschichte kennen, wenn sie erfahren, was ihre Vorfahren in einem System erreicht haben, das eigent­lich auf ihr Schei­tern ausge­richtet war, ist dies sogar noch wirkungsvoller.

Jerry Craft, New Kid (2019), banned, weil es „schäd­liche Inhalte“ wie die Critical Race Theory beinhaltet.

Ein zweiter Grund, weshalb Bücher über histo­ri­sche Rand­gruppen aus den Biblio­theks­re­galen entfernt werden, ist, dass ein Bewusst­sein für Unge­rech­tig­keit Schuld­ge­fühle erzeugt. Genau das räumt auch Floridas Stop W.O.K.E. Act ein, da das Gesetz Diskus­sionen über race, Geschlecht oder Natio­na­lität verbietet, die „ein schlechtes Gewissen, Ängste oder andere Formen psycho­lo­gi­scher Belas­tung“ hervor­rufen könnten, und jede Aner­ken­nung der Tatsache ausschließt, dass es unbe­wussten Rassismus gibt. Sowohl mora­lisch als auch psycho­lo­gisch gesehen ist es jedoch gesund, ange­sichts von syste­mi­schen Unge­rech­tig­keiten „Schmerz“ zu empfinden.

Deshalb ist es wichtig, dass alle Menschen diverse Bücher lesen, vor allem aber junge Menschen. Kinder- und Jugend­li­te­ratur kann die mitfüh­lende Vorstel­lungs­kraft fördern, da sie die Fähig­keit vermit­telt, sich – in der Fantasie, einen Roman lang – in ein fremdes Leben hinein­zu­ver­setzen. Wenn wir uns die Perspek­tive anderer Menschen vorstellen, entwi­ckeln wir die Fähig­keit, zu mora­li­schen, fürsorg­li­chen Menschen zu werden. Wie Hannah Arendt schreibt, war das Eich­mann­sche Böse nicht deshalb banal, weil Eich­mann dumm war, sondern weil ihm die Fähig­keit fehlte, sich die Perspek­tiven anderer Menschen vorzu­stellen. Sie formu­liert es so: „Es war gewis­ser­maßen schiere Gedan­ken­lo­sig­keit – etwas, was mit Dumm­heit keines­wegs iden­tisch ist –, die ihn dafür prädis­po­nierte, zu einem der größten Verbre­cher jener Zeit zu werden“. Und wenn wir Geschichte zensieren und die Viel­falt der Ansichten auslö­schen, die eine multi­kul­tu­relle Kinder- und Jugend­li­te­ratur zu bieten hat, fördern wir gerade diese Gedan­ken­lo­sig­keit, die letzt­end­lich zum Bösen führt.

E.B. White, Charlotte’s Web (2012), banned, weil Tier spre­chen und der Tod thema­ti­siert wird.

Der dritte Grund für die Entfer­nung von Büchern von histo­risch margi­na­li­sierten Gruppen liegt in einer beson­deren Form von restau­ra­tiver Nost­algie. Die Befürworter:innen des Stop W.O.K.E. Act und ähnli­cher Bestre­bungen möchten, dass die ameri­ka­ni­schen Bürger:innen von einer idyl­li­schen Vergan­gen­heit träumen und jenen Mythos wieder­be­leben, der ihnen in der Schule vermit­telt wurde. Solche Mythen trösten dieje­nigen, die an sie glauben, jedoch nur vorüber­ge­hend, denn Mythen gehen nicht auf die Ursa­chen des Schmerzes ein, der Menschen dazu bringt, Trost in Lügen und Verschwö­rungen zu suchen.

Mit Büchern fühlen lernen

Aus Jason Reynolds und Ibram X. Kendi’s Stamped: Racism, Anti­ra­cism and You kann man lernen, wie Amerikas rassis­ti­sche Vergan­gen­heit seine rassis­ti­sche Gegen­wart prägt – und auch, wie der Anti­ras­sismus der Vergan­gen­heit uns, wie Kendi sagt, helfen kann, „auf den Aufbau eines anti­ras­sis­ti­schen Amerikas hinzu­ar­beiten“. Toni Morri­sons The Bluest Eye – ein Buch, das in der Ober­stufe unter­richtet wird – kann aufzeigen, wie weiße Ideale von Schön­heit und Wert die Psyche schä­digen. Die Lektüre von George M. John­sons Memoiren All Boys Aren’t Blue gewährt Einblicke in die Heraus­for­de­rungen und Freuden, die schwarze oder queere Heran­wach­sende erleben. Bücher wie Angie Thomas’ The Hate U Give und Jason Reynolds und Brendan Kielys All-American Boys bieten einen nuan­cierten, mitfüh­lenden Blick auf junge Menschen – schwarze und weiße –, die das Move­ment for Black Lives (M4BL) unterstützen.

Nur: Diese Bücher könnten uns dies lehren, wenn junge Menschen sie denn lesen dürften. Doch alle fünf gehören zu den zehn am häufigsten verbo­tenen und ange­foch­tenen Büchern des Jahres 2020 und 2021. Solche Bücher lösen bei ihren Leser:innen wahr­schein­lich weit­rei­chende, kompli­zierte emotio­nale Reak­tionen aus – Gefühle, die heut­zu­tage in den Klas­sen­zim­mern mancher US-Bundesstaaten verboten sind. Doch, wie der verstor­bene James Loewen in Lies My Teacher Told Me: Ever­y­thing Your American History Text­book Got Wrong schreibt: „Gefühle sind der Kleb­stoff der Geschichte“.

Emotionen sind wichtig. Multi­kul­tu­relle Kinder- und Jugend­bü­cher spre­chen zwar den Schmerz anderer Gemein­schaften an als derje­nigen, die sie verbieten, aber sie ebnen den Weg zu Gesprä­chen über Verlust und Schmerz, die über ideo­lo­gi­sche Grenzen hinweg geführt werden können. Um James Baldwin zu zitieren: „Du denkst, dass dein Schmerz und dein Herz­schmerz in der Geschichte der Welt beispiellos sind, aber dann liest du. Es waren Bücher, die mich lehrten, dass die Dinge, die mich am meisten quälten, genau die Dinge waren, die mich mit all den Menschen verbanden, die am Leben waren, die jemals am Leben waren.“ Da sie ihren Lesern oft abver­langen, sich mit histo­ri­schem Leid ausein­an­der­zu­setzen, und da wir alle Schmerz erleiden – in unter­schied­li­cher Weise zwar, doch niemand entkommt dem Leben ohne Leid –, können diese Bücher Leser:innen aus verschie­denen Kulturen und Reli­gionen verbinden. In anderen Worten: Diverse Bücher für junge und ältere Leser:innen können jene Empa­thie in uns akti­vieren, aus der Gemein­schaft entsteht.

Deshalb fürchten die Auto­ri­tären solche Bücher. Und genau deshalb müssen wir das Recht vertei­digen, sie zu lesen.

Aus dem Ameri­ka­ni­schen von Anne Krier