Wer gehört zu uns? Eine Konjunktur des Autochthonen verbindet Afrika und Europa

Der holländische Sozialanthropologe Peter Geschiere ist in Kamerun und den Niederlanden demselben Phänomen begegnet: „Zugehörigkeit“ und „Herkunft“, ja „Bodenverbundenheit“ werden zu Kriterien gesellschaftlicher Ordnung. Sein Buch „Perils of Belonging“ von 2009 ist aktueller denn je.



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Das Buch Perils of Belonging des Sozialanthropologen Peter Geschiere ist gleichzeitig eine historische Untersuchung, eine anthropologische Studie und eine vergleichende Analyse mit den Schwerpunkten Holland und Flandern auf der einen sowie Kamerun und Elfenbeinküste auf der anderen Seite. Ausgehend von der Beobachtung, dass in den 1990er-Jahren in unterschiedlichen Weltregionen „Autochthonie“ zu einem politischen Kampfbegriff und zu einem Referenzpunkt für sehr unterschiedliche Behauptungen, Forderungen und Ansprüche wurde, erforschte Geschiere die Konjunktur der Vorstellungen einer „ursprünglichen“, gleichsam naturgegebenen Zugehörigkeit zu einem konkreten Territorium und zu einer abgeschlossenen Gemeinschaft. Was macht dieses Konzept so attraktiv, dessen Vieldeutigkeit mit einem hohen Potential an Gewalt einhergeht?

Die Idee der Autochthonie ist zwar schon sehr alt – in Europa kann sie als politisches Konzept zum Ausschluss Zugezogener vom Bürgerrecht bis ins athenische 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zurückverfolgt werden –, doch sie ist historischen Prozessen nicht vorgängig, sondern stellt eine Antwort auf Veränderungen dar. In einer Welt, so Geschiere, „that believes to be globalizing“, produziert die Privilegierung von Abstammung und Herkunft neue Formen der Exklusion. Weil den Autochthonen, d.h. wörtlich „den aus der Erde geborenen“, begriffslogisch die „Anderen“, die Fremden, die Zugewanderten gegenüberstehen, geht es bei dieser Denkfigur zentral um politische Ordnung und gesellschaftlichen Ausschluss. Wenn nämlich Zugehörigkeit (belonging) auf die Autochthonen, die Schon-immer-Dagewesenen, beschränkt wird, erscheint auch die Nichtzugehörigkeit der Zugezogenen als selbst-verständlich im Wortsinn; der Ausschluss von „Fremden“ bedarf dann keiner weiteren Begründung mehr. Damit wird aber nicht nur „Fremden“ der Zugang zu politischer und gesellschaftlicher Teilhabe verwehrt; vielmehr ist es auch möglich, nachträglich wieder „fremd“ zu werden. Das lässt sich in Deutschland beobachten, wo Türken erst „Gastarbeiter“ waren, dann zu türkischen „Mitbürgerinnen und Mitbürgern“ erklärt wurden – und heute vor allem „Moslems“ sind. Sie waren eben nicht „schon immer da“

GegenGeschichte

Das Konzept der Autochthonie kämpft mit inhärenten Widersprüchen und Brüchen, weil das Natürliche eben nicht naturgegeben ist. In vielen Gesellschaften Afrikas, aber auch etwa in den USA  und anderen ehemaligen Siedlergesellschaften, stehen stolze Gründungsmythen, die darauf beruhen, dass ein verheissenes Land gesucht, erreicht und besiedelt wurde, im eklatanten Widerspruch zur Idee des Schon-immer-da-gewesen-Seins. Und auch in jedem europäischen Stadt- und Regionalmuseum werden Geschichten von Ankunft, Vermischung, Assimilation und Migrationen erzählt.

Besonders gefährlich werden naturalisierte Ursprungsvorstellung allerdings nicht so sehr, weil und wenn sie solcherart im Widerspruch zur Geschichte oder gar zur Geschichtswissenschaft stehen, sondern wenn sie eine Verbindung mit „citizenship“ eingehen, also auf Bürgerrecht und Staatsbürgerschaft übertragen werden. Die Naturalisierung von Staatsbürgerschaft (citizenship), die sich in Parolen wie „Deutschland den Deutschen“ spiegelt, zeigt Geschiere am Beispiel der Elfenbeinküste, wo Staatspräsident Laurent Gbagbo 2002 das Prinzip des „Bürgerortes“ einführte: Jede Ivorerin und jeder Ivorer sollte in sein „Heimatdorf“ „zurückkehren“, um sich dort registrieren zu lassen; wer kein Dorf reklamieren konnte, wurde zum „Ausländer“ erklärt, verlor Staatsbürgerschaft, Wahlrecht und das Recht, Land zu erwerben.

Als Geschiere sein Buch schrieb, hatte in den Niederlanden und in Flandern der Begriff „Autochthonie“ mit dem Gegenbegriff „Allochthonie“ in Alltagssprache und den politischen Diskurs Eingang gefunden – als „allochton“ wurden z.B. in offiziellen Statistiken alle Niederländerinnen und Niederländer mit einem „ausländischen“ Elternteil aufgeführt. Auch die italienischen Lega Nord benutzt den Begriff; in Frankreich und Deutschland findet er sich weniger. Allerdings phantasieren auch Politiker der AfD in Verbindung mit dubiosen russischen Think Tanks davon, dass ein Austausch „der europäischen autochthonen Bevölkerung durch Masseneinwanderung nichteuropäischer Völker“ gestoppt werden müsse. Und unabhängig von der konkreten Verwendung des Begriffs verbinden sich immer häufiger Ängste um die eigene Existenz mit der Behauptung eines angeblich primordialen, unwiderlegbaren Rechts auf Zugehörigkeit, das gegen „aussen“ und die „Fremden“ im Innern  verteidigt werden muss

Die Rückkehr des Dorfes nach dem Kalten Krieg

Auf der Grundlage seiner seit den 1970er-Jahren unternommenen Feldforschungen in Kamerun und einigen anderen afrikanischen Ländern entfaltet Peter Geschiere eine feingliedrige Analyse, die viele offene Enden lässt. Historisch ist das Aufkommen der von ihm beschriebenen neuen Autochthonie in den 1990er-Jahren zu verorten, das heisst nicht zufällig am Ende des Kalten Krieges. Mehrere Entwicklungen trugen zur Verfestigung dieses Denkmusters bei, das sich mitnichten nur in rechtspopulistischen und nationalistischen Milieus findet – und auch nicht auf Europa beschränkt ist. Gerade die „Welle der Demokratisierung“ in Afrika, die mit einem tiefen Misstrauen gegenüber „dem Staat“ einherging, hat zur Stärkung lokaler Bezüge und Zugehörigkeit geführt. Auch die Neuorientierung der Entwicklungshilfeorganisationen weg von der Unterstützung des Staates hin zu dezentralen Projekten, mit denen einzelne „Gemeinschaften“ unterstützt werden sollten, befördert bei der Konkurrenz um Ressourcen eine Betonung von exklusiver „Zugehörigkeit“.

Weil mit der Demokratisierung der 1990er-Jahre die Betonung des Autochthonen und von ethnischen Partikularinteressen zunahm – während bei den Nationalstaatsgründungen in den 1960er-Jahren noch die Einheit des Volkes in den neuen Staaten im Vordergrund stand –, finden autoritäre Politiker heute einen fruchtbaren Grund vor. Als etwa der Kamerunische Staatschef Paul Biya gezwungen worden war, ein Mehrparteiensystem zuzulassen, ermutigte er die Bildung von regionalen Interessenvertretungen. Mit dieser Betonung regionaler Zugehörigkeit und dem Argument, Minoritäten müssten gegen Zuwanderer geschützt werden, konnte er erfolgreich die Bildung einer nationalen Opposition verhindern.

Eine weitere Ebene bei der Stärkung des Regionalen in einer globalen Welt ist die Renaissance des Dorfes. Sie drückt sich nicht nur in den oben erwähnten zynischen Staatsbürgerschaftsregelungen in der Elfenbeinküste aus, sondern auch zum Beispiel in einer signifikanten Zunahme von Beerdigungen „zu Hause“, in der heimatlichen Erde, die sich auf dem gesamten afrikanischen Kontinent finden lässt. Die oft mit grossem finanziellen Aufwand begangenen Feste im Gewand neotraditionalistischer Riten sind „true festivals of belonging“, die nicht selten eine Bühne bieten, um den Machtspielen städtischer Eliten Einhalt zu gebieten und die Bedeutung des Landes, der „wahren“ Heimat zu betonen. An den Beerdigungen zeigt sich nicht nur eine Konkurrenz zwischen städtischen und ländlichen Eliten, sondern vor allem die grosse emotionale, tief in der Gesellschaft eingebettet Kraft von „belonging“ und autochthonen Denkmustern.

Bedrohte Völker – global

Tania Li, Professorin für Politische Ökonomie und Kultur Asiens, sieht weltweit eine „deep conjuncture of belonging“ (im Sinne eines Zusammentreffens), zu der auch die Sorge um den Verlust von Biodiversität beiträgt, die Sorge um bedrohte Tierarten und um bedrohte Völker. 1993 riefen die Vereinten Nationen das „Internationale Jahr der autochthonen Bevölkerungsgruppen der Welt“ aus und erklärten die Jahre 1995-2004 zur „Internationalen Dekade der autochthonen Bevölkerungsgruppen der Welt“. Es sollte Aufmerksamkeit für marginalisierte Bevölkerungsgruppen geschaffen werden, die nach wie vor unter den Auswirkungen von Kolonialismus und Neokolonialismus leiden, die allerdings mit dieser Zuschreibung eines „Eingeborenenstatus“ auf seltsame Art und Weise aus der Geschichte herausfallen, weil etwa ihre eigenen Migrationsgeschichten und historischen Veränderungen ausgeblendet bzw. nur als negativer Effekt des Kolonialismus verstanden werden. Als „Ureinwohner“ in der (Post)Moderne gestrandet, müssen sie geschützt werden und erhalten Rechte. Doch wer gehört dazu? Wer darf an den von der UNESCO neu geschaffenen politisch-symbolischen und materiellen Ressourcen teilhaben?

Was alle afrikanischen und die europäischen Beispiele verbindet, ist ein zugrundeliegendes Paradox: So sehr Autochthoniediskurse eine grundlegende Sicherheit versprechen – denn niemand kann mehr „zugehörig“ sein, als wenn er oder sie „aus der Erde geboren“ ist, so sehr steht diese Sicherheit in der alltäglichen Praxis immer wieder zur Disposition. In einer Welt der demographischen Mobilität und gesellschaftlichen Mischung ist die Unsicherheit über den eigenen Status eine ständige Drohung: Bin ich rein genug in meiner Abstammung? Was definiert diese Abstammung: die Region, das Dorf, die Familie? Und wer ist der Fremde unter uns, der „Andere“, „residing in ones native land“?

Die Vorstellung, Zugehörigkeit sei „natürlich“, ist zugleich mit normativen Ansprüchen verbunden, die sich aber weniger nach aussen richten – etwa: Was sind die Bedingungen, um Schweizer zu werden? –, sondern vor allem nach innen – wer ist ein richtiger „Eidgenosse“? – und so die „Verräter“ dingfest macht, von denen Geschiere spricht.

Ende der Diskussion

Wenn etwas als natürlich, naturgegeben und selbstverständlich gilt, kann es keine Debatte mehr geben. Im Gegenteil, jede Diskussion und Analyse muss als Angriff erscheinen durch Feinde, die eben dieses Natürliche in Frage stellen oder sogar zerstören wollen. In diesem Umfeld stehen akademische Analysen unter Generalverdacht. Dabei ist es eine grundlegende wissenschaftliche – und nicht linke! – Operation, zu untersuchen, wie etwas entstanden ist und sich verändert, wie etwas funktioniert und konstruiert ist. So haben sich gegenwärtig auch der Deutsche Archäologiekongress in Mainz und eine Ausstellung im Neanderthal-Museum in Mettmann mit dem Titel „Zwei Millionen Jahre Migration“ des Themas angenommen. Peter Geschiere zeigt, dass der Anspruch auf ursprüngliche Zugehörigkeit, bei allen unterschiedlichen und wechselnden Gründen für die politische Mobilisierung von Autochthonie, häufig in eine destruktive Politik mündet. Sein Buch erinnert uns an den „Migranten in uns allen“, wie Gyanendra Pandey von der Emory University schrieb, unabhängig davon, wie früh wir uns in einer bestimmten Region niedergelassen haben, und an den Fremden, zu dem jeder von uns in einer konflikthaften politischen Situation werden kann.

Peter Geschiere: The Perils of Belonging. Autochthony, Citizenship, and Exclusion in Africa and Europe, Chicago/London 2009.