Wer braucht einen europäischen #Kanon?

Was sind europäische Traditionen – und wie sollten wir mit ihnen umgehen? Wäre ein Kanon dafür eine gute Idee? Über Fallstricke eines Begriffs in der öffentlichen Diskussion.



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In schöner Regelmäßigkeit wird in den Feuilletons die Frage aufgeworfen, welche Bedeutung ein Bildungskanon und insbesondere Lese-Kanones in der Gegenwart haben können, und konkrete Vorschlagslisten wie etwa in DIE ZEIT stoßen nicht erst jüngst auf erwartbare, oft von vornherein einkalkulierte Kritik. Die von Thomas Kerstan vorgeschlagenen 100 Werke (davon 91 von Männern) gaben Anlass zu grundsätzlicher Kanonkritik, aber auch zur plakativen Proklamation von Gegenkanones – ein Mittel, das schon die feministische Literaturwissenschaft nutzte und das unter dem von einem Kollektiv von Schriftstellerinnen, Journalistinnen und Akademikerinnen initiierten #DieKanon eine öffentliche Signalwirkung entfaltete. Dieser vielstimmig erstellte Gegenkanon wurde so auch gerne aufgegriffen nach dem durchaus selbstbewussten Motto: Der Kanon ist tot, es leben die Kanones.

Aus wissenschaftlicher Sicht sind weniger die Listen und Gegenlisten interessant als die Kriterien der Auswahl und die Frage, welche Orientierungsfunktion einem solchen veröffentlichten Kanon in der sich anschließenden Debatte zu- oder abgesprochen wird. In solchen öffentlichen Debatten finden sich die Geisteswissenschaften in einer verzwickten Lage. Denn die Erwartungen an die Orientierungsfunktion des Kanons, der das „Unbehagen“ an einer sich verändernden, „unordentlichen“ und „unübersichtlichen“ Welt (Thomas Kerstan) einhegen soll, haben wenig zu tun mit der mittlerweile lange institutionalisierten Auseinandersetzung mit Kanonfragen in den Geisteswissenschaften. Vor diesem Hintergrund überraschte ein Vorschlag, den der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz Peter-André Alt letztes Jahr machte: Die europäischen Universitäten sollten auch einen europäischen Kanon haben. Mit dieser Idee nahm Alt Bezug auf Emmanuel Macrons Projekt der europäischen Universitäten.

Alt nannte als Beispiele Thomas Hobbes, Karl Marx, John Locke, Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant, Montesquieu, Max Weber und Sigmund Freud. So eine Liste signalisiert, dass es ein bedeutsames geistig-kulturelles Erbe Europas gibt. Zugleich wird den Geisteswissenschaften eine wichtige Rolle zugewiesen. Das mag attraktiv klingen in einer Zeit, in der die gesellschaftliche Bedeutung von Wissenschaft mehr über Erfindungen als über Erkenntnisse definiert wird. Und während die EU-Mitgliedsstaaten über Flüchtlinge und Integration, über Meinungsfreiheit, Wissenschaftsfreiheit und Bildungspolitik streiten, ist es zweifelsohne willkommen, daran zu erinnern, dass zur EU neben einem gemeinsamen Wirtschaftsraum und Freizügigkeit auch ideelle Werte gehören. So das Versprechen eines friedlichen Miteinanders, die Anerkennung von sprachlicher und kultureller Vielfalt und eine die Nationengrenzen überschreitende Zusammenarbeit. Aber ist ein Kanon ein überzeugender Vorschlag, das zu vermitteln?

Die Strahlkraft des Kanons – und sein Schatten

Alt vertraut offenbar darauf, dass der Begriff des Kanons immer noch Strahlkraft hat: Wer sagt, es könne eine Liste mit Büchern geben, die einen europäischen Kanon bilden, erklärt auch, dass er davon überzeugt ist, dass es eine gemeinsame Tradition gibt, über die sich ein Konsens herstellen lässt. Unabhängig davon, was auf einer solchen Liste stehen würde: Die Idee des Kanons ist an sich ein Zeichen für eine bereits existierende Gemeinsamkeit, deren man sich lediglich neu vergewissern müsste.

Die einzelnen Namen, die Alt nannte, darf man nicht auf die Goldwaage legen, die Auswahl ist gleichwohl in einer Hinsicht signifikant: Es handelt sich ohne Ausnahme um einen spezifischen Typus von Autoren. Es sind einflussreiche ‚Klassiker‘ der europäischen Geistesgeschichte, die auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt sind. Eine lange Tradition der institutionellen Anerkennung mischt sich hier mit der bildungsbürgerlichen Anerkennung großer Namen, die sogar dann Klang besitzen, wenn man die Werke gar nicht kennt. Das erspart weitere Begründungen: Die Namen funktionieren wie Münzen, denen ihr Wert eingeschrieben ist – sie versprechen symbolisches Kapital für die europäische Union und für die europäischen Universitäten als Verwalterinnen dieses Erbes. Die Kehrseite dieser selbstreferenziellen Legitimationsstrategie ist, dass sie die historischen Wertungskriterien reproduziert, nach denen sich diese Tradition herausgebildet hat.

Dabei ist es zweifelhaft, ob ausgerechnet ein Kanon, der wie der kleinste gemeinsame Nenner des ewig Altbewährten aussähe, in eine europäische Zukunft weisen könnte. Die Verknüpfung von Vergangenheits- und Zukunftsperspektiven ist die neuralgische Stelle jedes Kanons. Impulse, ihn zu erweitern oder zu korrigieren, müssen beide Zeitdimensionen beachten: Nicht alles, was einmal als bewahrenswert galt, kann Anspruch darauf erheben, es auch zukünftig zu sein, und nicht alles, was als zukunftsweisend – und in diesem Fall gemeinschaftsstiftend – gilt, wird sich im Laufe der Geschichte als solches bestätigen. Der europäische Kanon ist ja nicht einfach eine Sammlung des kulturellen Erbes, sondern wird als Bestandteil eines umfassenderen Konzepts von Bildung gesehen. Die Idee einer listenförmig kommunizierbaren gemeinsamen Tradition soll hier ein Baustein dazu sein, eine europäische Identität auszubilden und diese zu festigen. Dagegen gilt es zu erinnern: Wirkmächtige Texte sind keineswegs notwendig die vorbildlichsten oder klügsten Texte. Und: Texte werden kanonisiert im Rahmen von Deutungstraditionen und Deutungsmacht.

Deutungsgeschichten und Wertzuweisungen

Eben deshalb haben Kanones an den Universitäten weder denselben Status noch dieselbe Funktion wie der klassische Bildungskanon, der in Feuilletons wiederkehrend beschworen wird. In universitären Veranstaltungen werden aus gutem Grund keine Listen von Autor*innen und Texten abgearbeitet, sondern Deutungs-, Wertungs- und Wissensgeschichten erschlossen. Im Zentrum universitärer Lehre steht daher statt einer bloßen Vermittlung von Texten, die als kanonisch erachtet werden, das Handwerkszeug der Interpretation, und neben Theorie und Methoden gehört dazu selbstverständlich auch geschichtliches Wissen über gesellschaftliche Traditionen. Die Interpretation von sogenannten Klassikern, die über einen langen Zeitraum kanonisiert waren und die eine ausgeprägte und oft vielseitige Deutungsgeschichte haben, ist hier immer Teil einer Auseinandersetzung über den Stellenwert von Tradition.

Umgekehrt lassen sich methodische Kompetenz und eine kritische Reflexion der eigenen Verfahren auch anhand von Texten weniger bekannter Autorinnen und Autoren lernen. Innovatives Potential liegt auch in Neulektüren kanonisierter Werke, zum Beispiel aus postkolonialer Perspektive. Kanonkritik bedeutet also nicht, dass man berühmte Texte, in denen problematische Denkmuster wie etwa die Behauptung zivilisatorischer und moralischer Superiorität Europas begegnen, nicht mehr lesen sollte. Es bedeutet, dass man sie nicht lesen sollte, ohne sich kritisch mit genau diesen Themen zu befassen. Niemand kann es sich heute leisten, kein Problembewusstsein für Prozesse und Effekte von Kanonisierung in der eigenen wissenschaftlichen Disziplin zu haben und das Kanonische mit dem Vorbildlichen zu verwechseln.

Das große Missverständnis

Das große Missverständnis beim klassischen Bildungskanon ist: Das listenförmige Angebot suggeriert, es genüge, dass Menschen eine gewisse Anzahl derselben Texte gelesen haben, damit eine Werteorientierung entsteht. Wer sich jemals mit Deutungsgeschichten von Texten, gerade der Klassiker, auseinandergesetzt hat, weiß dagegen, dass der Kanon keine Werteorientierung leistet, sondern immer nur ein historisches Symbol für diese Zielsetzung war. Von einer langen Geschichte der Wertschätzung von Texten lässt sich keineswegs auf eine bestimmte ästhetische oder gar ethische (im Sinne von: Werteorientierung vermittelnde) Qualität schließen.

Wer Aristoteles staatsphilosophische Schrift Politik liest, wird etwas über Menschenbilder und Ordnungskonzepte lernen, aber auch darüber, wie sich die Begründung der Freiheitsrechte für eine bestimmte Gruppe von Männern mit dem Ausschluss von Frauen aus der Sphäre des Politischen und mit der Rechtfertigung von Sklaverei verbindet. Aristoteles lesen heißt also lernen, warum wir einerseits zu Recht auf die griechische Antike als Wiege der Demokratie verweisen – und andererseits darüber hinausgehen. Wer sich mit Sigmund Freud beschäftigt, wird entsprechend über die bürgerliche Kleinfamilie, über Monotheismus und sogar die Kultur selbst als kulturhistorische Konzepte nachdenken. Wer sich mit der europäischen Aufklärung befasst, begreift, dass Begriffe wie Freiheit, Fortschritt oder Emanzipation historisch verwendet wurden, um für Menschenrechte als Rechte aller Menschen zu werben, aber ebenso dafür, gesellschaftliche Minderheiten zu unterdrücken oder Kolonialismus als zivilisatorisches Projekt zu legitimieren.

Das Erinnerungsprojekt Europa auf dem Prüfstand 

Wenn Universitäten ein Ort sein sollen, an dem eine Idee Europas oder eine europäische Identität entwickelt werden soll, darf dies nicht im Geiste der Europäisierung Europas im 19. Jahrhundert geschehen, die die Kehrseite kolonialistischer Expansionen und innereuropäischer Hegemonien war. Statt so zu tun, als hätte es eine gemeinsame und gleichberechtigte identitätsstiftende Tradition gegeben, die man lediglich wiederbeleben müsste, sollte das Erinnerungsprojekt Europa selbst auf den Prüfstand. Wir brauchen, wie Aleida Assmann es in „Der europäische Traum“ formuliert hat, mehr Wissen über die Gründungsgeschichte Europas im Kontext der Gewaltgeschichte der europäischen Länder, eine Verständigung darüber, welche Zukunftsvorstellungen wir daraus entwickeln wollen, und ebenso benötigen wir ein Gehör für marginalisierte Stimmen.

Die Rede von einem europäischen Kanon sendet ein falsches Signal an die interessierte Öffentlichkeit: Sie nutzt die symbolische Kraft einer Komplexitätsreduktion, statt für das Bemühen um die Anerkennung von Komplexität zu werben. Diese Anerkennung führt nämlich nicht dazu, dass man sich einer Orientierungsfunktion in Bezug auf das kulturelle Erbe entzieht. Sie bedeutet aber, dass man sich kritisch mit den Bewertungsmaßstäben von Texten und mit dem Zusammenhang von Kanon, Bildung und Habitus auseinandersetzt.

Die Stärke der Geisteswissenschaften liegt nicht im Bewahren und Verwalten eines geistig-kulturellen Erbes, sondern in einem informierten, kritischen Umgang mit dem kulturellen Archiv. Das wiederum lässt sich als ein Wert an sich begreifen: Eine Einübung in eine dringend benötigte lebendige, kritische, demokratische Streitkultur. Genau das könnte eine sinnvolle Zielvorstellung eines ‚europäischen‘ Lehrprogramms sein.

Wissenschaftler*innen sollten darüber sprechen, wie ein universitäres Lehrprogramm beschaffen sein könnte, das eine vielgestaltige europäische Tradition sichtbar macht, und zwar Vielgestaltigkeit innerhalb einzelner Staaten wie in der Staatengemeinschaft. Dazu kann gehören, Geschichte aus mehreren nationalen und einer transnationalen, globalgeschichtlichen Perspektive zu betrachten, sich mit Deutungsgeschichten kanonisierter Texte in vergleichender Perspektive zu konfrontieren, Verflechtungs- und Berührungs- und Konfliktgeschichten zu suchen, Formen der Rassifizierung und Kulturalisierung von gesellschaftlichen Konflikten kennenzulernen oder zu verstehen, dass auch die Geschichten der ehemals Kolonisierten Teil eines nationalen kulturellen Gedächtnisses werden müssen. Das alles ist nicht nur wichtiger, sondern auch aussichtsreicher als Vertrauen darauf zu setzen, dass ein gemeinsamer Kanon dazu beitragen könnte, eine europäische Identität auszubilden.