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  • Andrea Geier ist Germanistin mit den Schwerpunkten Geschlechter- und Interkulturalitätsforschung/Postcolonial Studies an der Universität Trier. Sie leitet das interdisziplinäre Centrum für Postcolonial und Gender Studies sowie den Studiengang Interkulturelle Gender Studies.

In schöner Regel­mä­ßig­keit wird in den Feuil­le­tons die Frage aufge­worfen, welche Bedeu­tung ein Bildungs­kanon und insbe­son­dere Lese-Kanones in der Gegen­wart haben können, und konkrete Vorschlags­listen wie etwa in DIE ZEIT stoßen nicht erst jüngst auf erwart­bare, oft von vorn­herein einkal­ku­lierte Kritik. Die von Thomas Kerstan vorge­schla­genen 100 Werke (davon 91 von Männern) gaben Anlass zu grund­sätz­li­cher Kanon­kritik, aber auch zur plaka­tiven Prokla­ma­tion von Gegen­ka­nones – ein Mittel, das schon die femi­nis­ti­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaft nutzte und das unter dem von einem Kollektiv von Schrift­stel­le­rinnen, Jour­na­lis­tinnen und Akade­mi­ke­rinnen initi­ierten #DieKanon eine öffent­liche Signal­wir­kung entfal­tete. Dieser viel­stimmig erstellte Gegen­kanon wurde so auch gerne aufge­griffen nach dem durchaus selbst­be­wussten Motto: Der Kanon ist tot, es leben die Kanones.

Was man heute wissen muss… – Quelle: zeit.de

Aus wissen­schaft­li­cher Sicht sind weniger die Listen und Gegen­listen inter­es­sant als die Krite­rien der Auswahl und die Frage, welche Orien­tie­rungs­funk­tion einem solchen veröf­fent­lichten Kanon in der sich anschlie­ßenden Debatte zu- oder abge­spro­chen wird. In solchen öffent­li­chen Debatten finden sich die Geis­tes­wis­sen­schaften in einer verzwickten Lage. Denn die Erwar­tungen an die Orien­tie­rungs­funk­tion des Kanons, der das „Unbe­hagen“ an einer sich verän­dernden, „unor­dent­li­chen“ und „unüber­sicht­li­chen“ Welt (Thomas Kerstan) einhegen soll, haben wenig zu tun mit der mitt­ler­weile lange insti­tu­tio­na­li­sierten Ausein­an­der­set­zung mit Kanon­fragen in den Geis­tes­wis­sen­schaften. Vor diesem Hinter­grund über­raschte ein Vorschlag, den der Präsi­dent der Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz Peter-André Alt letztes Jahr machte: Die euro­päi­schen Univer­si­täten sollten auch einen euro­päi­schen Kanon haben. Mit dieser Idee nahm Alt Bezug auf Emma­nuel Macrons Projekt der euro­päi­schen Univer­si­täten.

Alt nannte als Beispiele Thomas Hobbes, Karl Marx, John Locke, Jean-Jacques Rous­seau, Imma­nuel Kant, Montes­quieu, Max Weber und Sigmund Freud. So eine Liste signa­li­siert, dass es ein bedeut­sames geistig-kulturelles Erbe Europas gibt. Zugleich wird den Geis­tes­wis­sen­schaften eine wich­tige Rolle zuge­wiesen. Das mag attraktiv klingen in einer Zeit, in der die gesell­schaft­liche Bedeu­tung von Wissen­schaft mehr über Erfin­dungen als über Erkennt­nisse defi­niert wird. Und während die EU-Mitgliedsstaaten über Flücht­linge und Inte­gra­tion, über Meinungs­frei­heit, Wissen­schafts­frei­heit und Bildungs­po­litik streiten, ist es zwei­fels­ohne will­kommen, daran zu erin­nern, dass zur EU neben einem gemein­samen Wirt­schafts­raum und Frei­zü­gig­keit auch ideelle Werte gehören. So das Verspre­chen eines fried­li­chen Mitein­an­ders, die Aner­ken­nung von sprach­li­cher und kultu­reller Viel­falt und eine die Natio­nen­grenzen über­schrei­tende Zusam­men­ar­beit. Aber ist ein Kanon ein über­zeu­gender Vorschlag, das zu vermit­teln?

Die Strahl­kraft des Kanons – und sein Schatten

Alt vertraut offenbar darauf, dass der Begriff des Kanons immer noch Strahl­kraft hat: Wer sagt, es könne eine Liste mit Büchern geben, die einen euro­päi­schen Kanon bilden, erklärt auch, dass er davon über­zeugt ist, dass es eine gemein­same Tradi­tion gibt, über die sich ein Konsens herstellen lässt. Unab­hängig davon, was auf einer solchen Liste stehen würde: Die Idee des Kanons ist an sich ein Zeichen für eine bereits exis­tie­rende Gemein­sam­keit, deren man sich ledig­lich neu verge­wis­sern müsste.

Die einzelnen Namen, die Alt nannte, darf man nicht auf die Gold­waage legen, die Auswahl ist gleich­wohl in einer Hinsicht signi­fi­kant: Es handelt sich ohne Ausnahme um einen spezi­fi­schen Typus von Autoren. Es sind einfluss­reiche ‚Klas­siker‘ der euro­päi­schen Geis­tes­ge­schichte, die auch einer brei­teren Öffent­lich­keit bekannt sind. Eine lange Tradi­tion der insti­tu­tio­nellen Aner­ken­nung mischt sich hier mit der bildungs­bür­ger­li­chen Aner­ken­nung großer Namen, die sogar dann Klang besitzen, wenn man die Werke gar nicht kennt. Das erspart weitere Begrün­dungen: Die Namen funk­tio­nieren wie Münzen, denen ihr Wert einge­schrieben ist – sie verspre­chen symbo­li­sches Kapital für die euro­päi­sche Union und für die euro­päi­schen Univer­si­täten als Verwal­te­rinnen dieses Erbes. Die Kehr­seite dieser selbst­re­fe­ren­zi­ellen Legi­ti­ma­ti­ons­stra­tegie ist, dass sie die histo­ri­schen Wertungs­kri­te­rien repro­du­ziert, nach denen sich diese Tradi­tion heraus­ge­bildet hat.

Dabei ist es zwei­fel­haft, ob ausge­rechnet ein Kanon, der wie der kleinste gemein­same Nenner des ewig Altbe­währten aussähe, in eine euro­päi­sche Zukunft weisen könnte. Die Verknüp­fung von Vergangenheits- und Zukunfts­per­spek­tiven ist die neur­al­gi­sche Stelle jedes Kanons. Impulse, ihn zu erwei­tern oder zu korri­gieren, müssen beide Zeit­di­men­sionen beachten: Nicht alles, was einmal als bewah­rens­wert galt, kann Anspruch darauf erheben, es auch zukünftig zu sein, und nicht alles, was als zukunfts­wei­send – und in diesem Fall gemein­schafts­stif­tend – gilt, wird sich im Laufe der Geschichte als solches bestä­tigen. Der euro­päi­sche Kanon ist ja nicht einfach eine Samm­lung des kultu­rellen Erbes, sondern wird als Bestand­teil eines umfas­sen­deren Konzepts von Bildung gesehen. Die Idee einer listen­förmig kommu­ni­zier­baren gemein­samen Tradi­tion soll hier ein Baustein dazu sein, eine euro­päi­sche Iden­tität auszu­bilden und diese zu festigen. Dagegen gilt es zu erin­nern: Wirk­mäch­tige Texte sind keines­wegs notwendig die vorbild­lichsten oder klügsten Texte. Und: Texte werden kano­ni­siert im Rahmen von Deutungs­tra­di­tionen und Deutungs­macht.

Deutungs­ge­schichten und Wert­zu­wei­sungen

Eben deshalb haben Kanones an den Univer­si­täten weder denselben Status noch dieselbe Funk­tion wie der klas­si­sche Bildungs­kanon, der in Feuil­le­tons wieder­keh­rend beschworen wird. In univer­si­tären Veran­stal­tungen werden aus gutem Grund keine Listen von Autor*innen und Texten abge­ar­beitet, sondern Deutungs-, Wertungs- und Wissens­ge­schichten erschlossen. Im Zentrum univer­si­tärer Lehre steht daher statt einer bloßen Vermitt­lung von Texten, die als kano­nisch erachtet werden, das Hand­werks­zeug der Inter­pre­ta­tion, und neben Theorie und Methoden gehört dazu selbst­ver­ständ­lich auch geschicht­li­ches Wissen über gesell­schaft­liche Tradi­tionen. Die Inter­pre­ta­tion von soge­nannten Klas­si­kern, die über einen langen Zeit­raum kano­ni­siert waren und die eine ausge­prägte und oft viel­sei­tige Deutungs­ge­schichte haben, ist hier immer Teil einer Ausein­an­der­set­zung über den Stel­len­wert von Tradi­tion.

#DIEKANON; Quelle: Deutsch­land­funk Kultur auf Twitter

Umge­kehrt lassen sich metho­di­sche Kompe­tenz und eine kriti­sche Refle­xion der eigenen Verfahren auch anhand von Texten weniger bekannter Autorinnen und Autoren lernen. Inno­va­tives Poten­tial liegt auch in Neulek­türen kano­ni­sierter Werke, zum Beispiel aus post­ko­lo­nialer Perspek­tive. Kanon­kritik bedeutet also nicht, dass man berühmte Texte, in denen proble­ma­ti­sche Denk­muster wie etwa die Behaup­tung zivi­li­sa­to­ri­scher und mora­li­scher Supe­rio­rität Europas begegnen, nicht mehr lesen sollte. Es bedeutet, dass man sie nicht lesen sollte, ohne sich kritisch mit genau diesen Themen zu befassen. Niemand kann es sich heute leisten, kein Problem­be­wusst­sein für Prozesse und Effekte von Kano­ni­sie­rung in der eigenen wissen­schaft­li­chen Diszi­plin zu haben und das Kano­ni­sche mit dem Vorbild­li­chen zu verwech­seln.

Das große Miss­ver­ständnis

Das große Miss­ver­ständnis beim klas­si­schen Bildungs­kanon ist: Das listen­för­mige Angebot sugge­riert, es genüge, dass Menschen eine gewisse Anzahl derselben Texte gelesen haben, damit eine Werte­ori­en­tie­rung entsteht. Wer sich jemals mit Deutungs­ge­schichten von Texten, gerade der Klas­siker, ausein­an­der­ge­setzt hat, weiß dagegen, dass der Kanon keine Werte­ori­en­tie­rung leistet, sondern immer nur ein histo­ri­sches Symbol für diese Ziel­set­zung war. Von einer langen Geschichte der Wert­schät­zung von Texten lässt sich keines­wegs auf eine bestimmte ästhe­ti­sche oder gar ethi­sche (im Sinne von: Werte­ori­en­tie­rung vermit­telnde) Qualität schließen.

Bildung nach dem Modell einer bloßer Verab­rei­chung. Zukunfts­fan­tasie von Jean Marc Côté aus dem Jahr 1901: Frank­reich im Jahr 2000; Quelle: wikipedia.org

Wer Aris­to­teles staats­phi­lo­so­phi­sche Schrift Politik liest, wird etwas über Menschen­bilder und Ordnungs­kon­zepte lernen, aber auch darüber, wie sich die Begrün­dung der Frei­heits­rechte für eine bestimmte Gruppe von Männern mit dem Ausschluss von Frauen aus der Sphäre des Poli­ti­schen und mit der Recht­fer­ti­gung von Skla­verei verbindet. Aris­to­teles lesen heißt also lernen, warum wir einer­seits zu Recht auf die grie­chi­sche Antike als Wiege der Demo­kratie verweisen – und ande­rer­seits darüber hinaus­gehen. Wer sich mit Sigmund Freud beschäf­tigt, wird entspre­chend über die bürger­liche Klein­fa­milie, über Mono­the­ismus und sogar die Kultur selbst als kultur­his­to­ri­sche Konzepte nach­denken. Wer sich mit der euro­päi­schen Aufklä­rung befasst, begreift, dass Begriffe wie Frei­heit, Fort­schritt oder Eman­zi­pa­tion histo­risch verwendet wurden, um für Menschen­rechte als Rechte aller Menschen zu werben, aber ebenso dafür, gesell­schaft­liche Minder­heiten zu unter­drü­cken oder Kolo­nia­lismus als zivi­li­sa­to­ri­sches Projekt zu legi­ti­mieren.

Das Erin­ne­rungs­pro­jekt Europa auf dem Prüf­stand 

Wenn Univer­si­täten ein Ort sein sollen, an dem eine Idee Europas oder eine euro­päi­sche Iden­tität entwi­ckelt werden soll, darf dies nicht im Geiste der Euro­päi­sie­rung Europas im 19. Jahr­hun­dert geschehen, die die Kehr­seite kolo­nia­lis­ti­scher Expan­sionen und inner­eu­ro­päi­scher Hege­mo­nien war. Statt so zu tun, als hätte es eine gemein­same und gleich­be­rech­tigte iden­ti­täts­stif­tende Tradi­tion gegeben, die man ledig­lich wieder­be­leben müsste, sollte das Erin­ne­rungs­pro­jekt Europa selbst auf den Prüf­stand. Wir brau­chen, wie Aleida Assmann es in „Der euro­päi­sche Traum“ formu­liert hat, mehr Wissen über die Grün­dungs­ge­schichte Europas im Kontext der Gewalt­ge­schichte der euro­päi­schen Länder, eine Verstän­di­gung darüber, welche Zukunfts­vor­stel­lungen wir daraus entwi­ckeln wollen, und ebenso benö­tigen wir ein Gehör für margi­na­li­sierte Stimmen.

Die Rede von einem euro­päi­schen Kanon sendet ein falsches Signal an die inter­es­sierte Öffent­lich­keit: Sie nutzt die symbo­li­sche Kraft einer Komple­xi­täts­re­duk­tion, statt für das Bemühen um die Aner­ken­nung von Komple­xität zu werben. Diese Aner­ken­nung führt nämlich nicht dazu, dass man sich einer Orien­tie­rungs­funk­tion in Bezug auf das kultu­relle Erbe entzieht. Sie bedeutet aber, dass man sich kritisch mit den Bewer­tungs­maß­stäben von Texten und mit dem Zusam­men­hang von Kanon, Bildung und Habitus ausein­an­der­setzt.

Die Stärke der Geis­tes­wis­sen­schaften liegt nicht im Bewahren und Verwalten eines geistig-kulturellen Erbes, sondern in einem infor­mierten, kriti­schen Umgang mit dem kultu­rellen Archiv. Das wiederum lässt sich als ein Wert an sich begreifen: Eine Einübung in eine drin­gend benö­tigte leben­dige, kriti­sche, demo­kra­ti­sche Streit­kultur. Genau das könnte eine sinn­volle Ziel­vor­stel­lung eines ‚euro­päi­schen‘ Lehr­pro­gramms sein.

Wissenschaftler*innen sollten darüber spre­chen, wie ein univer­si­täres Lehr­pro­gramm beschaffen sein könnte, das eine viel­ge­stal­tige euro­päi­sche Tradi­tion sichtbar macht, und zwar Viel­ge­stal­tig­keit inner­halb einzelner Staaten wie in der Staa­ten­ge­mein­schaft. Dazu kann gehören, Geschichte aus mehreren natio­nalen und einer trans­na­tio­nalen, global­ge­schicht­li­chen Perspek­tive zu betrachten, sich mit Deutungs­ge­schichten kano­ni­sierter Texte in verglei­chender Perspek­tive zu konfron­tieren, Verflechtungs- und Berührungs- und Konflikt­ge­schichten zu suchen, Formen der Rassi­fi­zie­rung und Kultu­ra­li­sie­rung von gesell­schaft­li­chen Konflikten kennen­zu­lernen oder zu verstehen, dass auch die Geschichten der ehemals Kolo­ni­sierten Teil eines natio­nalen kultu­rellen Gedächt­nisses werden müssen. Das alles ist nicht nur wich­tiger, sondern auch aussichts­rei­cher als Vertrauen darauf zu setzen, dass ein gemein­samer Kanon dazu beitragen könnte, eine euro­päi­sche Iden­tität auszu­bilden.

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  • Andrea Geier ist Germanistin mit den Schwerpunkten Geschlechter- und Interkulturalitätsforschung/Postcolonial Studies an der Universität Trier. Sie leitet das interdisziplinäre Centrum für Postcolonial und Gender Studies sowie den Studiengang Interkulturelle Gender Studies.