Als ich am Montag nach der Wahl vom 19. November die Zeitung in den Händen hielt, schien es leicht zu sein, das Ergebnis der zweiten Runde der argentinischen Präsidentschaftswahlen irgendwie zu rationalisieren. Doch im Grunde war es schwer erklärbar, wie Javier Milei – ein völliger Außenseiter, Führer von „La Libertad Avanza“ (LLA), einer seltsam heterogenen und neuen politischen Kraft – die Präsidentschaft des Landes gewinnen konnte. Was eine solche Erklärung noch erschwert, ist die Tatsache, dass Milei, „der Löwe“, die Wahl mit einem Vorsprung von fast 12 Prozentpunkten, genauer gesagt mit erdrutschartigen 55,7 % der Stimmen gewann, mithin deutlich vor Sergio Massa von der „Unión por la Patria“ (UP), ein von der peronistischen Bewegung kontrolliertes Bündnis. Seltsamerweise hatte nur eine einzige Meinungsumfrage, nämlich die von Delfos, einem kleinen Meinungsforschungsinstitut aus der Stadt Córdoba, einen solch überraschenden Sieg vorausgesagt.
Aber es gibt noch andere irritierende Aspekte, die man mit Blick auf „La Libertad Avanza“ in Betracht ziehen muss. Zum Beispiel, dass Milei und seine Partei die „traditionellen“ Politiker abwertend als „Kaste“ bezeichnen: eine Gruppe von Leuten, die, obwohl sie aus verschiedenen Parteien kommen, sich immer gegenseitig schützen, indem sie von den Privilegien des Staates leben. Demgegenüber präsentierten sich Milei und seine Partei als „Libertäre“ und in einigen Fällen als „Anarchokapitalisten“. Sie geben vor, den wirtschaftlichen und philosophischen Ideen der Österreichischen Schule der Nationalökonomie des frühen 20. Jahrhunderts um Carl Menger, Friedrich von Wieser und Ludwig von Mises zu folgen. Libertäre glauben wirklich, dass der Markt sich selbst reguliert, oder zumindest, dass dies immer die bessere Option ist als jede Intervention des Staates. Aus diesem Grund schlägt die LLA zur Umstrukturierung der argentinischen Wirtschaft harte Maßnahmen vor, insbesondere die Abschaffung der Zentralbank und des Pesos und damit die „Dollarisierung“ der argentinischen Wirtschaft, d. h. die Einführung des amerikanischen Dollars als Alltagswährung. Kurz, in einem Land, das an die Sirenengesänge charmanter Politiker gewöhnt ist, die versuchen, die Wähler:innen mit allerlei Lockangeboten zu verführen, machte die LLA nichts als harte Vorschläge – und zu meiner Überraschung haben sie die Wahlen tatsächlich gerade mit der Zusicherung gewonnen, den massiv defizitären Staatshaushalt radikal zu beschneiden.
Eine bizarre Mannschaft
Die wichtigsten Mitglieder der neuen Partei bilden eine heterogene, bizarre und bisweilen widersprüchliche Gruppe von Leuten. In der argentinischen Politik wird diese Art von instabiler politischer Gruppierung gewöhnlich „Armada Brancaleone“ genannt – eine Bezeichnung, die sich auf eine italienische Filmkomödie aus dem Jahr 1966 bezieht, in der ein ungleicher und unglücklicher Haufen von Menschen unter der Führung eines ehemaligen Diebes und eines verarmten Ritters loszieht, um ihre mittelalterlichen Träume von Reichtum und Ruhm zu erfüllen.
Um dies näher zu erläutern, will ich nur kurz drei verschiedene Mitglieder der „Armada“ von Milei vorstellen. Beginnen wir mit der gewählten Vizepräsidentin Victoria Villarruel. Sie ist Anwältin und Tochter eines Militärs, der im Falkland-Krieg gekämpft hat. Sie hat ein Zentrum für „juristische Studien über den Terrorismus und seine Opfer“ (CELTYV) gegründet, das sich für die Entschädigung der Opfer der argentinischen Guerillaorganisationen der siebziger Jahre einsetzt. Zu diesen gehörten sowohl peronistische als auch marxistische Gruppen, die nicht nur ab 1976 die Militärdiktatur, sondern zuvor auch schon die peronistische Regierung bekämpft hatten. Victoria Villarruel forderte nun Wiedergutmachung für die von diesen Organisationen begangenen Attentate, Entführungen und anderen Aktionen und bekräftigt, dass sie damit eine Tür öffne, die in den letzten Jahren „auf unheilvolle Weise“ verschlossen gehalten worden sei. Menschenrechtsorganisationen und andere sehen diese Debatte über die Vergangenheit hingegen mit Misstrauen, weil sie die allgemeine Menschenrechtspolitik Argentiniens durch die erneute Diskussion über Opfer und Täter gefährden könnte. Doch abgesehen davon: Victoria Villarruel ist eine erfahrene Anwältin, und sie hat sich in der Debatte um die Vizepräsidentschaft sehr gut geschlagen, während ihr Gegner eine glanzlose Vorstellung ablieferte.
Die zweite im Bunde ist Lilia Lemoine, die in der ersten Runde der Wahlen zur nationalen Abgeordneten der LLA gewählt wurde. Sie ist ein ganz anderer Charakter als Villarruel, ist extrovertiert und präsentiert sich als Cosplayerin, Influencerin, Künstlerin und Politikerin zugleich. In den sozialen Netzwerken tritt sie mit kontroversen Äußerungen auf und greift Gegner und Journalisten verbal an – und das fern jeglicher politischen Korrektheit. Und schließlich Carolina Piparo – eine Sozialarbeiterin, die im Jahr 2010, im neunten Monat schwanger, ein schreckliches Verbrechen erlebte: Als sie von der Bank eine große Summe Geld abhob, wurde sie von Kriminellen überfallen, die ihr ins Gesicht schossen. Als Folge des Angriffs traten die Wehen zu früh ein und ihr Baby starb eine Woche nach der Geburt. Jetzt setzt sie sich vor allem für eine härtere Bestrafung von Kriminellen ein; als LLA-Kandidatin für das Amt des Gouverneurs der Provinz Buenos Aires erreichte sie mit 24,59 % der Stimmen den dritten Platz.
Wer ist Milei?
Doch wer ist Javier Milei, ein Mensch, der in ein und demselben Interview charmant sein oder in einen Wutanfall verfallen kann? Wer ist dieser widersprüchliche und instabile neue politische Führer? Er ist ein 53 Jahre alter Wirtschaftswissenschaftler, der sporadisch im Fernsehen auftrat, bevor er Politiker wurde. Er hat an der Universidad de Belgrano, der IDES und der Di Tella (allesamt private Einrichtungen) studiert und in der Privatwirtschaft gearbeitet, insbesondere für die Corporación América, die Eigentümerin mehrerer Unternehmen ist, darunter vor allem die Aeropuertos Argentina 2000, Verwalterin der meisten argentinischen Flughäfen.
Der Vorstandsvorsitzende dieses Unternehmens ist Eduardo Eurnekian, dem es irgendwie gelungen ist, ausgezeichnete Beziehungen zu allen verschiedenen Vorgängerregierungen zu unterhalten. Einige Beobachter betrachten Eurnekian als Mileis politischen Mentor, obwohl er während des Wahlkampfes versuchte, sich von Milei zu distanzieren, weil er sich Sorgen um sein öffentliches Ansehen in diesem politischen Abenteuer machte. Zweifelsfrei einen großen politischen Einfluss aber hat Mileis Schwester Karina, an der er sehr hängt. Er nennt sie „la jefa“ (die Chefin), und sie spielt eine sehr aktive Rolle in der Partei. Sie entschied über viele der Kandidaturen; sie ist Mileis wichtigste Beraterin und wird in der künftigen Regierung eine zentrale Rolle spielen.
Und sonst? Javier Milei hing auch sehr an seinem Hund, einer englischen Dogge, die er nach der Hauptfigur des Films „Conan der Barbar“ Conan nannte. Als sein geliebter Hund starb, war der Verlust für ihn eine Tragödie und Javier entschloss sich, die Erinnerung an ihn irgendwie lebendig zu halten. Zu diesem Zweck beschloss er, seinen alten Freund zu klonen. Er fand ein spezialisiertes Labor in den Vereinigten Staaten und schaffte es, vier Hunde aus Conans genetischem Material zu klonen. Er betrachtete seine neuen Hunde als seine Enkelkinder; wie er später erklärte, „taufte“ er sie auf die Namen berühmter Wirtschaftswissenschaftler Murray, Milton, Robert und Lucas…
Der neugeborene Gläubige
Javier Milei wurde katholisch getauft, hat sich jedoch die meiste Zeit seines Lebens als Agnostiker präsentiert. Aber er ist offensichtlich ein Charakter, der uns in jedem Winkel seiner Persönlichkeit überraschen kann. Zurzeit befindet er sich mitten in einem Prozess der Konversion zum Judentum. Er erklärte: „Ich habe darüber nachgedacht, zum Judentum zu konvertieren, und ich möchte der erste jüdische Präsident Argentiniens werden.“ Er ist mit dem Rabbiner Axel Wahnish, Mitglied einer sephardischen jüdischen Gemeinde, verwandt, der ihn in der Kenntnis der Tora anleitet. Milei hat auch Beziehungen zur Jabad Lubawitsch-Gemeinde. Bei seiner jüngsten Reise in die USA, unmittelbar nach den Wahlen, besuchte er das Grab des Rabbiners Menachem Mendel Schneerson, besser bekannt als „der Rabbiner von Lubawitsch“. Während der politischen Kampagne nahm er Bezug auf einen Satz aus dem Buch der Makkabäer: „In einer Schlacht hängt der Sieg nicht von der Zahl der Soldaten ab, sondern von den Kräften des Himmels.“ In der Tat trugen einige seiner Anhänger während des Wahlkampfs Transparente mit der Aufschrift „Las fuerzas del cielo“ (die Kräfte des Himmels), und nach seinem Sieg beendete Milei seine Rede mit den Worten „Dios bendiga a la Argentina“ (Gott segne Argentinien). Das war eine Überraschung, denn es gehört nicht zu unserer politischen Tradition, dass ein Kandidat eine solche Aussage macht. Stattdessen kann man diesen Satz mit der amerikanischen politischen Tradition im Allgemeinen und mit Donald Trump im Besonderen in Verbindung bringen.
Der gewählte Präsident hat mehrfach eine klare Ausrichtung auf Israel und die USA zum Ausdruck gebracht. Ich denke, dass seine Vorstellung von dem, was Israel repräsentiert, weit darüber hinausgeht, es nur als einen weiteren, durchschnittlichen Staat zu betrachten: Für Milei ist Israel das Heilige Land, das verteidigt und erhalten werden muss. Die Verwendung religiöser Aussagen in politischen Reden, wie sie Trump vornimmt, hat wohl auch eine strategische Seite. Vermutlich versucht Milei, eine wachsende und immer wichtiger werdende Minderheit zu erreichen: die gläubige Herde der evangelikalen Kirchen. Wie überall in Südamerika haben die evangelikalen Kirchen auch in Argentinen einen starken Aufschwung erlebt und ihre Anhängerschaft vergrößert, insbesondere in den ärmsten Schichten der Gesellschaft.
Javier Milei hat sehr enge und persönliche Beziehungen zu Donald Trump und zu Jair Bolsonaro, dem ehemaligen Präsidenten Brasiliens. Darüber hinaus trugen die Verbindungen der Vizepräsidentin Victoria Villarruel dazu bei, dass gute Beziehungen zur spanischen Rechtsaußenpartei Vox aufgebaut werden konnten. Und schließlich hat die LLA ausgezeichnete Beziehungen zu europäischen rechten Spitzenpolitikern. Dies gilt insbesondere für die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und ihren Vize Mateo Salvini; Victor Orbán, Ministerpräsident von Ungarn, war bei der Amtsübernahme anwesend.
Argentiniens Rätsel
Was ist in Argentinien wirklich passiert? Wurden hier alle in einem Wimpernschlag zu Fans der österreichischen Schule der Nationalökonomie, oder eine große Mehrheit der Bevölkerung zu Anhänger:innen der extremen Rechten…? Ich denke, dass die Haupterklärung für den Wahlsieg von Milei woanders liegt. Seit 1983, als die Militärdiktatur endete, hatte Argentinien demokratische Regierungen. Diese waren zwar wirksam bei der Einführung demokratischer Regeln und der Achtung der Rechte ihrer Bürger:innen, aber sie waren sehr inkompetent bei der Verwaltung der Wirtschaft. Die peronistische Regierung von Alberto Fernandez (2019-2023) war nicht die Ausnahme von der Regel, sondern ein völliges wirtschaftliches und politisches Desaster. Eine Kombination aus falschen Entscheidungen, Inkompetenz, Korruption, unerwarteten Ereignissen wie die Covid 19-Pandemie und einem irrationalen Kampf der Egos erzeugte den perfekten Sturm.
2019 hatte die Peronistin Cristina Kirchner erneut die Chance, sich als Präsidentschaftskandidatin zu präsentieren, aber die Umfragen waren deutlich: Die Mehrheit der Wähler wird gegen sie stimmen. Also beschloss sie, ein Bündnis mit Sergio Massa einzugehen, einem ehemaligen Mitglied ihrer Regierung, der jetzt eine Partei mit rund 15 Prozent der Wählerstimmen kontrollierte. Die beiden wählten Alberto Fernandez zum Präsidenten, während Cristina als Vizepräsidentin an zweiter Stelle der Liste kandidierte. Alberto hatte keine politische Struktur hinter sich, was wahrscheinlich einer der Gründe war, warum er vorgeschlagen wurde. Cristina verkündete der Partei ihre persönliche Entscheidung – und die Partei nahm die Kandidatur ohne Gegenkandidaten an. Von Anfang an schuf dieses Arrangement ein Monster mit drei Köpfen. Alberto Fernandez, Cristina Kirchner und Sergio Massa waren in eine fast ununterbrochene Reihe von Intrigen und Kämpfen verwickelt, die die Regierungsführung gefährdeten. Alberto hatte nie die Macht; Schlüsselbereiche der Regierung, einschließlich des Innenministeriums, landeten in den Händen der Kirchneristen, die nur auf Cristinas Befehle reagierten.
Wie in anderen Fällen weltweit hat die Regierung während der Coronakrise an Glaubwürdigkeit und Unterstützung verloren. Aufgrund einer zu langen und zu strengen Quarantäne brach die Wirtschaft zusammen, und nach der Epidemie versuchte die Regierung, die Wirtschaft zu reaktivieren, indem sie Geld in den Markt pumpte, was unweigerlich die Inflation anheizte. Im Jahr 2022 drehte sich die Inflationsspirale weiter, der Wirtschaftsminister trat zurück, und nach einigen Tagen des Marktchaos übernahm Sergio Massa dessen Amt. Er versprach, die Wirtschaft zu stabilisieren, die Inflation zu bremsen und den Dollar zu kontrollieren. Als er antrat, lag die jährliche Inflation bei 71 %, die monatliche bei 7,4 %. Doch Massa hat grob versagt. Die für 2023 prognostizierte Jahresinflation liegt jetzt bei über 140 %, und der Wechselkurs gegenüber dem Dollar, der bei Massas Amtsantritt bei 290 Pesos lag, ist auf fast 1:1000 gestiegen. Das Nationale Statistikzentrum (INDEC) gab im September 2023 bekannt, dass 40 Prozent der Bevölkerung in Argentinien arm sind. Das Land hat in diesen vier Jahren praktisch keine Arbeitsplätze in der Privatwirtschaft geschaffen, sondern nur den öffentlichen Sektor ausgebaut. All diese Daten zeigen eklatant, dass das peronistische Wirtschaftsmodell am Ende ist.
Die Schlussfolgerung liegt daher auf der Hand: Die argentinische Bevölkerung bevorzugt einen skurrilen und instabilen Kandidaten, der etwas Riskantes und Neues vorschlägt, anstatt so weiterzumachen wie bisher. Im Gegensatz zu seinen konservativen Vorgängern hat Milei in allen gesellschaftlichen Gruppen Stimmen erhalten. Viele Menschen, die in ihrem Leben noch nie etwas von der Österreichischen Schule gehört hatten oder sich selbst als rechtsorientiert betrachten, schenkten ihm zumindest eine Zeit lang ihr Vertrauen.
Obwohl wir über viele Hinweise verfügen und einige rote Fahnen deutlich Gefahr signalisieren, wissen wir nicht, wie Mileis Regierung aussehen wird. Nehmen wir an, dass er nach der Wahl beschlossen hat, einige seiner polemischeren Projekte auf Eis zu legen und die wichtigsten Positionen mit gemäßigten Personen zu besetzen. Einige von ihnen kommen von „Juntos por el Cambio“, einer konservativen Kraft unter der Führung des ehemaligen Präsidenten Mauricio Macri, die im Moment dazu dient, Mileis Impulse zu dämpfen. Keines der Mitglieder seiner „Armata Brancaleone“ hat bisher einen sichtbaren Platz im Kabinett erhalten. Halten wir also unsere Beunruhigung für den Moment noch in Grenzen. Mileis eigentümliches Schiff ist eben erst in See gestochen.
Nun, 10 Tage später wissen wir schon mehr. Sollte Milei sich durchsetzen, endet dieses Experiment in einer weiteren Diktatur, ohne parlamentarische und juristische Kontrolle.
Wenn sich die Sicherheitskräfte in diesem Dispositiv einrichten, dann erleben die Argentinier wieder auf die harte Tour, wie schön es war, als noch arm waren, aber nicht gefoltert und getötet wurden.