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Welt­ge­schichte oder Anthro­pozän? Die ökolo­gi­sche Frage zwischen Dualismen und Verschwörungstheorie

Seit einigen Jahren beschäf­tigt der Begriff des „Anthro­pozän“ das ökolo­gisch aufge­klärte Feuil­leton. Die Mensch­heit, so soll damit gesagt werden, sei eine Kraft geolo­gi­schen Ausmaßes geworden. Sie greife auf eine Art und Weise in die Geschicke des Planeten ein, die es recht­fer­tige, von einem neuen, menschen­ge­machten Erdzeit­alter zu spre­chen – eben dem Anthro­pozän. Einer der promi­nen­testen Autoren in dieser Debatte ist der fran­zö­si­sche Sozio­loge, Wissen­schafts­theo­re­tiker und Philo­soph Bruno Latour. In seinem Buch Das terres­tri­sche Mani­fest (2017) gibt er aller­dings auch der Versu­chung nach, von einer Verschwö­rung der globalen Eliten zu erzählen, die angeb­lich für die mangel­hafte Klima­po­litik verant­wort­lich seien.

Es gibt aber auch zahl­reiche andere, weniger proble­ma­ti­sche Antworten auf die Frage, wie es zu der gegen­wär­tigen Situa­tion kommen konnte. Viel­fach wird dabei ein Zusam­men­hang mit dem Aufstieg des globalen Kapi­ta­lismus seit der Frühen Neuzeit herge­stellt. So erstaunt es nicht, dass das Konzept des Anthro­pozän auch in der Geschichts­wis­sen­schaft breit debat­tiert wird. Zu den Fürspre­chern des Konzepts zählt der weithin bekannte Histo­riker und Autor des Klas­si­kers Provin­cia­li­zing Europe: Post­co­lo­nial Thought and Histo­rical Diffe­rence (2000), Dipesh Chakrabarty. Dieser hat sein Konzept 2009 im Aufsatz »The Climate of History. Four Theses« vorge­stellt. In jüngerer Zeit hat er verschie­dent­lich auf Kritik daran reagiert, so etwa im Artikel »Anthropo­cene Time« (2018) und bei einem Vortrag in Bern.

Welt­ge­schichte und geolo­gi­sche Zeit

Chakrabartys Ausgangs­punkt ist die Fest­stel­lung, dass in den Debatten über das Anthro­pozän zwei verschie­dene Formen der Zeit­lich­keit aufein­an­der­treffen: die mensch­liche Zeit der eigenen Biografie und der erfass­baren Welt­ge­schichte einer­seits und die geolo­gi­sche Zeit der Erdge­schichte ande­rer­seits. Erstere stelle den Hori­zont mensch­li­chen Handelns dar. In ihr fänden die globalen Ausein­an­der­set­zungen über Umwelt­the­matik wie über soziale Gerech­tig­keit statt; sie bilde den Gegen­stand und den Rahmen sozial- und geschichts­wis­sen­schaft­li­cher Erkenntnis. Letz­tere hingegen, die geolo­gi­sche Zeit, stehe für die ganz andere Dauer plane­tarer Prozesse, wie sie von der Geologie und beson­ders von der Erdsys­tem­wis­sen­schaft unter­sucht werden. Hier gehe es nicht um die poli­ti­sche Gestal­tung der mensch­li­chen Zukunft, sondern um die viel grund­le­gen­dere Frage nach der Bewohn­bar­keit von Planeten für komplexes, viel­zel­liges Leben. Dieser Unter­schei­dung geht der Autor in einer immer wieder neu anset­zenden und durchaus vorsich­tigen Argu­men­ta­ti­ons­weise nach, die nicht leicht zu entwirren ist. Ich will dennoch den Versuch wagen, einige allge­meine Linien aufzuzeigen.

Chakrabarty betont, dass die post­ko­lo­niale und femi­nis­ti­sche Kritik nach wie vor wichtig ist, und deren Forde­rung nach Gerech­tig­keit nicht aufge­geben werden dürfe. Ange­sichts der Trag­weite der Umwelt­pro­ble­matik müssten solche Ausein­an­der­set­zungen bzw. das Poli­ti­sche selbst jedoch auf einen neuen Boden gestellt werden. Dies gelte auch für die Erdsys­tem­wis­sen­schaft, deren Vertre­te­rinnen und Vertreter sich aufgrund einer nach­voll­zieh­baren Besorgnis der Hoff­nung hingeben würden, die Welt könne mit neuen Tech­no­lo­gien und besserer Steue­rung gerettet werden. Damit ließen auch sie die Gele­gen­heit unge­nützt, den bishe­rigen Hori­zont mensch­li­chen Denkens und Handelns zugunsten einer plane­ta­ri­schen Perspek­tive hinter sich zu lassen. Die aktu­elle Ausein­an­der­set­zung darüber, ob die ökolo­gi­sche Frage in erster Linie als soziale Frage oder als Frage von Tech­no­logie und globaler Steue­rung behan­delt werden soll, bewegt sich also, so Chakrabarty, zu sehr in den herge­brachten Denk­sche­mata der Moderne. Sein Anspruch ist es, nach ganz neuen Denk­weisen zu suchen und die ökolo­gi­sche Frage aus einer plane­taren Perspek­tive neu zu stellen. Proble­ma­tisch aller­dings ist die Art und Weise, wie er das im Einzelnen tut.

Falsche Abstrak­tionen

Die Erde, aufge­nommen von Apollo 17 am 7. Dezember 1972; Quelle: wikipedia.org

Erstens: Trotz der erklärten Absicht, die beiden oben skiz­zierten Zeit­ho­ri­zonte mitein­ander zu vermit­teln, liefert er vor allem eine Gegen­über­stel­lung von Welt und Planet. In seinem Berner Vortrag sprach er vom tiefen Anders­sein des Planeten (deep other­ness of the planet) und von der Unmög­lich­keit, ihn in einer kommu­ni­ka­tiven Bezie­hung zu den Menschen (commu­ni­ca­tive rela­ti­onship to humans) zu denken. In »Anthropo­cene Time« wird die Erde zu einer Art Göttin, deren Reak­tion auf unser Tun wir nicht vorher­sehen können: „[W]e do not know if the Earth […] will honor our trust as we warm her up“.

Diese Gegen­über­stel­lung von Welt und Planet wird, zwei­tens, durch einen abstrakten Begriff von „den“ Menschen (the humans, huma­nity) verstärkt. Wenn Chakrabarty fordert, dass man sie im Sinne der Erdsys­tem­wis­sen­schaft als plane­ta­ri­sche Kraft (force) und nicht in der Begriff­lich­keit von Macht und Verant­wort­lich­keit (power and responsa­bi­lity) beschreiben müsse, wieder­holt er eine Perspek­tive, die etwa Chris­tophe Bonneuil und Jean-Baptiste Fressoz in ihrem Buch L’Evénement Anthropo­cène kriti­siert haben: Wer von einem abstrakten Anthropos ausgeht, stützt sich im Namen des ökolo­gi­schen Ausnah­me­zu­stands auf die Figur des univer­salen Menschen, den die Sozial- und Geschichts­wis­sen­schaften schon seit Jahr­zehnten aufge­geben haben.

Obwohl Chakrabarty mit der post­ko­lo­nialen Kritik am Konzept des Anthro­pozän und insbe­son­dere am Menschheits- oder Spezies-Denken bestens vertraut ist, unter­läuft er mit dieser Rede vom Anders­sein des Planeten und von der „einen Mensch­heit“ immer wieder sein eigenes Projekt einer ökolo­gisch moti­vierten, symme­tri­schen Anthro­po­logie. Diese würde nicht von vorne herein und pauschal „die Mensch­heit“ als Akteur bestimmen, sondern nach den Netz­werken aus Lebe­wesen und Dingen fragen, durch die Hand­lungs­fä­hig­keit erst entsteht.

Den Planeten hingegen beschreibt Chakrabarty an manchen Stellen durchaus auch als insta­biles System aus nicht voll­kommen verschränkten Prozessen. Und er macht deut­lich, dass die Menschen ein Teil davon sind. Entspre­chend gelingt es ihm denn auch nicht zu zeigen, welcher Gewinn darin liegen könnte, die Unter­schei­dung zwischen Welt­ge­schichte und Erdge­schichte aufrecht­zu­er­halten: Warum ist es ein Problem, dass wir uns der mora­li­schen Sogwir­kung (moral pull) der Welt­ge­schichte nicht entziehen können? Und was könnte uns dagegen das Planet-zentrierte Denken der Erdsys­tem­wis­sen­schaft bringen? Wissen wir denn nicht genug über die Trag­weite der Umwelt­pro­ble­matik? Und mangelt es nicht vor allem daran, die poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Konse­quenzen aus diesem Wissen zu ziehen – also in der Dimen­sion der „Welt­ge­schichte“ Ände­rungen anzu­streben? Auch Chakrabarty selbst schreibt, dass es schließ­lich darum gehen müsse, das Geolo­gi­sche in mensch­liche Lebens­weisen einzu­bringen, dass wir Wege finden müssten, die Erdzeit in die Welt­zeit „zurück­zu­falten“ (folding back).

Einen konse­quen­teren Versuch, die Dicho­tomie von Planet und Mensch­heit zu über­winden, unter­nimmt Latour in seinem Terres­ti­schen Mani­fest. Zwar ist auch sein Denken nicht ganz frei von der Faszi­na­tion für das ganz Andere. Aber er betont, dass mit dem Terres­tri­schen die ganze Viel­falt an Lebe­wesen, Dingen und Prozessen gemeint ist, die die lebens­freund­liche Zone ober- und unter­halb der Erdober­fläche bevöl­kert und trans­for­miert. In diesen Netz­werken – in denen eben nicht „die“ Mensch­heit „dem“ Planeten gegen­über­steht, wie Chakrabarty sugge­riert – gebe es keine autonom handelnden Subjekte, sondern nur immer wieder neue Konstel­la­tionen von Akteuren. Gleich­zeitig findet man bei Latour aller­dings auch eine Verschwö­rungs­er­zäh­lung, in welcher die globalen Eliten als auto­nomes Subjekt fungieren. Nicht zuletzt unter dem Eindruck der Umwelt­pro­ble­matik, so argu­men­tiert Latour, hätten sich die globalen Eliten seit den 1980er Jahren von der Idee einer gemein­samen Welt abge­wandt und begonnen, das eigene Über­leben ins Zentrum zu stellen. Das Leugnen des Klima­wan­dels diene ihnen dazu, diese Absichten den rest­li­chen 99 Prozent der Welt­be­völ­ke­rung gegen­über zu verschleiern.

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Die soziale Frage

Diese befremd­liche Theorie wird nicht erst seit den verein­fa­chenden Parolen der „Occupy“-Bewegung kriti­siert. Doch abge­sehen davon kann man Latours Analyse sehr wohl folgen, wenn er den von Chakrabarty favo­ri­sierten „view from nowhere“ der „plane­ta­ri­schen Sicht“ als einen wich­tigen Aspekt jenes moder­nis­ti­schen Welt­ver­hält­nisses kriti­siert, in dem der proble­ma­ti­sche Umgang mit der Umwelt erst gründe. Das „Terres­tri­sche“, so argu­men­tiert er weiter, „erlaubt keine derar­tige Teil­nahms­lo­sig­keit.“ Mit ihm sei viel­mehr ein „neuer Politik-Akteur“ auf die Bühne getreten, der „von jetzt an […] unein­ge­schränkt an unserem öffent­li­chen Leben teil­nimmt.“ Explizit wendet sich Latour damit gegen jeden Versuch, die ökolo­gi­sche gegen die soziale Frage auszu­spielen. Was sein Büch­lein lesens­wert macht, ist denn auch genau die Verve, mit der er ein Zusam­men­denken der beiden Thema­tiken fordert: „Warum hat die auf die soziale Frage fokus­sierte Bewe­gung sich der ökolo­gi­schen Themen nicht von Anfang an bemäch­tigt, als seien es ihre urei­genen? […] Aber auch anders­herum gefragt: Warum hat es die poli­ti­sche Ökologie nicht verstanden, die soziale Frage zu über­nehmen?

Dies ist nicht nur ein viel konkre­terer Vorschlag, an welcher Stelle die Suche nach einem neuen Denken ansetzen könnte. Er nimmt auch explizit die Kritik an der Debatte um das Anthro­pozän und ihren Dualismen auf. Es gilt also weder mit Chakrabarty die Umwelt­pro­ble­matik als „plane­ta­ri­sche“ zu behan­deln, noch mit Latour geheime Machen­schaften aufzu­de­cken. Um über diese Denk­ho­ri­zonte hinaus­zu­gehen, sollten wir viel­leicht doch weiterhin über die (Um-)Welt anstatt über das Anthro­pozän spre­chen. Die Vorsilbe »Anthropo-«, schreibt auch Anna Lowen­haupt Tsing in ihrem viel­ge­prie­senen Buch Der Pilz am Ende der Welt, verhin­dere letzt­lich die Aufmerk­sam­keit für die flicken­haften Land­schaften, multi­plen Zeit­lich­keiten und verän­der­li­chen Verbünde von Menschen und Nicht­men­schen. Die Heraus­for­de­rung besteht heute darin, die soziale Frage mit solchen Perspek­tiven anzu­rei­chern, und nicht darin, sie hinter sich zu lassen.