• Peter-Paul Bänziger ist Privatdozent an der Universität Basel und vertritt derzeit die Globale Wirtschaftsgeschichte an der Universität Konstanz. Unter anderem forscht er zum Verhältnis von Arbeit und Konsum seit der Frühen Neuzeit.

Seit einigen Jahren beschäf­tigt der Begriff des „Anthro­pozän“ das ökolo­gisch aufge­klärte Feuil­leton. Die Mensch­heit, so soll damit gesagt werden, sei eine Kraft geolo­gi­schen Ausmaßes geworden. Sie greife auf eine Art und Weise in die Geschicke des Planeten ein, die es recht­fer­tige, von einem neuen, menschen­ge­machten Erdzeit­alter zu spre­chen – eben dem Anthro­pozän. Einer der promi­nen­testen Autoren in dieser Debatte ist der fran­zö­si­sche Sozio­loge, Wissen­schafts­theo­re­tiker und Philo­soph Bruno Latour. In seinem Buch Das terres­tri­sche Mani­fest (2017) gibt er aller­dings auch der Versu­chung nach, von einer Verschwö­rung der globalen Eliten zu erzählen, die angeb­lich für die mangel­hafte Klima­po­litik verant­wort­lich seien.

Es gibt aber auch zahl­reiche andere, weniger proble­ma­ti­sche Antworten auf die Frage, wie es zu der gegen­wär­tigen Situa­tion kommen konnte. Viel­fach wird dabei ein Zusam­men­hang mit dem Aufstieg des globalen Kapi­ta­lismus seit der Frühen Neuzeit herge­stellt. So erstaunt es nicht, dass das Konzept des Anthro­pozän auch in der Geschichts­wis­sen­schaft breit debat­tiert wird. Zu den Fürspre­chern des Konzepts zählt der weithin bekannte Histo­riker und Autor des Klas­si­kers Provin­cia­li­zing Europe: Post­co­lo­nial Thought and Histo­rical Diffe­rence (2000), Dipesh Chakrabarty. Dieser hat sein Konzept 2009 im Aufsatz »The Climate of History. Four Theses« vorge­stellt. In jüngerer Zeit hat er verschie­dent­lich auf Kritik daran reagiert, so etwa im Artikel »Anthropo­cene Time« (2018) und bei einem Vortrag in Bern.

Welt­ge­schichte und geolo­gi­sche Zeit

Chakrabartys Ausgangs­punkt ist die Fest­stel­lung, dass in den Debatten über das Anthro­pozän zwei verschie­dene Formen der Zeit­lich­keit aufein­an­der­treffen: die mensch­liche Zeit der eigenen Biografie und der erfass­baren Welt­ge­schichte einer­seits und die geolo­gi­sche Zeit der Erdge­schichte ande­rer­seits. Erstere stelle den Hori­zont mensch­li­chen Handelns dar. In ihr fänden die globalen Ausein­an­der­set­zungen über Umwelt­the­matik wie über soziale Gerech­tig­keit statt; sie bilde den Gegen­stand und den Rahmen sozial- und geschichts­wis­sen­schaft­li­cher Erkenntnis. Letz­tere hingegen, die geolo­gi­sche Zeit, stehe für die ganz andere Dauer plane­tarer Prozesse, wie sie von der Geologie und beson­ders von der Erdsys­tem­wis­sen­schaft unter­sucht werden. Hier gehe es nicht um die poli­ti­sche Gestal­tung der mensch­li­chen Zukunft, sondern um die viel grund­le­gen­dere Frage nach der Bewohn­bar­keit von Planeten für komplexes, viel­zel­liges Leben. Dieser Unter­schei­dung geht der Autor in einer immer wieder neu anset­zenden und durchaus vorsich­tigen Argu­men­ta­ti­ons­weise nach, die nicht leicht zu entwirren ist. Ich will dennoch den Versuch wagen, einige allge­meine Linien aufzu­zeigen.

Chakrabarty betont, dass die post­ko­lo­niale und femi­nis­ti­sche Kritik nach wie vor wichtig ist, und deren Forde­rung nach Gerech­tig­keit nicht aufge­geben werden dürfe. Ange­sichts der Trag­weite der Umwelt­pro­ble­matik müssten solche Ausein­an­der­set­zungen bzw. das Poli­ti­sche selbst jedoch auf einen neuen Boden gestellt werden. Dies gelte auch für die Erdsys­tem­wis­sen­schaft, deren Vertre­te­rinnen und Vertreter sich aufgrund einer nach­voll­zieh­baren Besorgnis der Hoff­nung hingeben würden, die Welt könne mit neuen Tech­no­lo­gien und besserer Steue­rung gerettet werden. Damit ließen auch sie die Gele­gen­heit unge­nützt, den bishe­rigen Hori­zont mensch­li­chen Denkens und Handelns zugunsten einer plane­ta­ri­schen Perspek­tive hinter sich zu lassen. Die aktu­elle Ausein­an­der­set­zung darüber, ob die ökolo­gi­sche Frage in erster Linie als soziale Frage oder als Frage von Tech­no­logie und globaler Steue­rung behan­delt werden soll, bewegt sich also, so Chakrabarty, zu sehr in den herge­brachten Denk­sche­mata der Moderne. Sein Anspruch ist es, nach ganz neuen Denk­weisen zu suchen und die ökolo­gi­sche Frage aus einer plane­taren Perspek­tive neu zu stellen. Proble­ma­tisch aller­dings ist die Art und Weise, wie er das im Einzelnen tut.

Falsche Abstrak­tionen

Die Erde, aufge­nommen von Apollo 17 am 7. Dezember 1972; Quelle: wikipedia.org

Erstens: Trotz der erklärten Absicht, die beiden oben skiz­zierten Zeit­ho­ri­zonte mitein­ander zu vermit­teln, liefert er vor allem eine Gegen­über­stel­lung von Welt und Planet. In seinem Berner Vortrag sprach er vom tiefen Anders­sein des Planeten (deep other­ness of the planet) und von der Unmög­lich­keit, ihn in einer kommu­ni­ka­tiven Bezie­hung zu den Menschen (commu­ni­ca­tive rela­ti­onship to humans) zu denken. In »Anthropo­cene Time« wird die Erde zu einer Art Göttin, deren Reak­tion auf unser Tun wir nicht vorher­sehen können: „[W]e do not know if the Earth […] will honor our trust as we warm her up“.

Diese Gegen­über­stel­lung von Welt und Planet wird, zwei­tens, durch einen abstrakten Begriff von „den“ Menschen (the humans, huma­nity) verstärkt. Wenn Chakrabarty fordert, dass man sie im Sinne der Erdsys­tem­wis­sen­schaft als plane­ta­ri­sche Kraft (force) und nicht in der Begriff­lich­keit von Macht und Verant­wort­lich­keit (power and responsa­bi­lity) beschreiben müsse, wieder­holt er eine Perspek­tive, die etwa Chris­tophe Bonneuil und Jean-Baptiste Fressoz in ihrem Buch L’Evénement Anthropo­cène kriti­siert haben: Wer von einem abstrakten Anthropos ausgeht, stützt sich im Namen des ökolo­gi­schen Ausnah­me­zu­stands auf die Figur des univer­salen Menschen, den die Sozial- und Geschichts­wis­sen­schaften schon seit Jahr­zehnten aufge­geben haben.

Obwohl Chakrabarty mit der post­ko­lo­nialen Kritik am Konzept des Anthro­pozän und insbe­son­dere am Menschheits- oder Spezies-Denken bestens vertraut ist, unter­läuft er mit dieser Rede vom Anders­sein des Planeten und von der „einen Mensch­heit“ immer wieder sein eigenes Projekt einer ökolo­gisch moti­vierten, symme­tri­schen Anthro­po­logie. Diese würde nicht von vorne herein und pauschal „die Mensch­heit“ als Akteur bestimmen, sondern nach den Netz­werken aus Lebe­wesen und Dingen fragen, durch die Hand­lungs­fä­hig­keit erst entsteht.

Den Planeten hingegen beschreibt Chakrabarty an manchen Stellen durchaus auch als insta­biles System aus nicht voll­kommen verschränkten Prozessen. Und er macht deut­lich, dass die Menschen ein Teil davon sind. Entspre­chend gelingt es ihm denn auch nicht zu zeigen, welcher Gewinn darin liegen könnte, die Unter­schei­dung zwischen Welt­ge­schichte und Erdge­schichte aufrecht­zu­er­halten: Warum ist es ein Problem, dass wir uns der mora­li­schen Sogwir­kung (moral pull) der Welt­ge­schichte nicht entziehen können? Und was könnte uns dagegen das Planet-zentrierte Denken der Erdsys­tem­wis­sen­schaft bringen? Wissen wir denn nicht genug über die Trag­weite der Umwelt­pro­ble­matik? Und mangelt es nicht vor allem daran, die poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Konse­quenzen aus diesem Wissen zu ziehen – also in der Dimen­sion der „Welt­ge­schichte“ Ände­rungen anzu­streben? Auch Chakrabarty selbst schreibt, dass es schließ­lich darum gehen müsse, das Geolo­gi­sche in mensch­liche Lebens­weisen einzu­bringen, dass wir Wege finden müssten, die Erdzeit in die Welt­zeit „zurück­zu­falten“ (folding back).

Einen konse­quen­teren Versuch, die Dicho­tomie von Planet und Mensch­heit zu über­winden, unter­nimmt Latour in seinem Terres­ti­schen Mani­fest. Zwar ist auch sein Denken nicht ganz frei von der Faszi­na­tion für das ganz Andere. Aber er betont, dass mit dem Terres­tri­schen die ganze Viel­falt an Lebe­wesen, Dingen und Prozessen gemeint ist, die die lebens­freund­liche Zone ober- und unter­halb der Erdober­fläche bevöl­kert und trans­for­miert. In diesen Netz­werken – in denen eben nicht „die“ Mensch­heit „dem“ Planeten gegen­über­steht, wie Chakrabarty sugge­riert – gebe es keine autonom handelnden Subjekte, sondern nur immer wieder neue Konstel­la­tionen von Akteuren. Gleich­zeitig findet man bei Latour aller­dings auch eine Verschwö­rungs­er­zäh­lung, in welcher die globalen Eliten als auto­nomes Subjekt fungieren. Nicht zuletzt unter dem Eindruck der Umwelt­pro­ble­matik, so argu­men­tiert Latour, hätten sich die globalen Eliten seit den 1980er Jahren von der Idee einer gemein­samen Welt abge­wandt und begonnen, das eigene Über­leben ins Zentrum zu stellen. Das Leugnen des Klima­wan­dels diene ihnen dazu, diese Absichten den rest­li­chen 99 Prozent der Welt­be­völ­ke­rung gegen­über zu verschleiern.

Die soziale Frage

Diese befremd­liche Theorie wird nicht erst seit den verein­fa­chenden Parolen der „Occupy“-Bewegung kriti­siert. Doch abge­sehen davon kann man Latours Analyse sehr wohl folgen, wenn er den von Chakrabarty favo­ri­sierten „view from nowhere“ der „plane­ta­ri­schen Sicht“ als einen wich­tigen Aspekt jenes moder­nis­ti­schen Welt­ver­hält­nisses kriti­siert, in dem der proble­ma­ti­sche Umgang mit der Umwelt erst gründe. Das „Terres­tri­sche“, so argu­men­tiert er weiter, „erlaubt keine derar­tige Teil­nahms­lo­sig­keit.“ Mit ihm sei viel­mehr ein „neuer Politik-Akteur“ auf die Bühne getreten, der „von jetzt an […] unein­ge­schränkt an unserem öffent­li­chen Leben teil­nimmt.“ Explizit wendet sich Latour damit gegen jeden Versuch, die ökolo­gi­sche gegen die soziale Frage auszu­spielen. Was sein Büch­lein lesens­wert macht, ist denn auch genau die Verve, mit der er ein Zusam­men­denken der beiden Thema­tiken fordert: „Warum hat die auf die soziale Frage fokus­sierte Bewe­gung sich der ökolo­gi­schen Themen nicht von Anfang an bemäch­tigt, als seien es ihre urei­genen? […] Aber auch anders­herum gefragt: Warum hat es die poli­ti­sche Ökologie nicht verstanden, die soziale Frage zu über­nehmen?

Dies ist nicht nur ein viel konkre­terer Vorschlag, an welcher Stelle die Suche nach einem neuen Denken ansetzen könnte. Er nimmt auch explizit die Kritik an der Debatte um das Anthro­pozän und ihren Dualismen auf. Es gilt also weder mit Chakrabarty die Umwelt­pro­ble­matik als „plane­ta­ri­sche“ zu behan­deln, noch mit Latour geheime Machen­schaften aufzu­de­cken. Um über diese Denk­ho­ri­zonte hinaus­zu­gehen, sollten wir viel­leicht doch weiterhin über die (Um-)Welt anstatt über das Anthro­pozän spre­chen. Die Vorsilbe »Anthropo-«, schreibt auch Anna Lowen­haupt Tsing in ihrem viel­ge­prie­senen Buch Der Pilz am Ende der Welt, verhin­dere letzt­lich die Aufmerk­sam­keit für die flicken­haften Land­schaften, multi­plen Zeit­lich­keiten und verän­der­li­chen Verbünde von Menschen und Nicht­men­schen. Die Heraus­for­de­rung besteht heute darin, die soziale Frage mit solchen Perspek­tiven anzu­rei­chern, und nicht darin, sie hinter sich zu lassen.

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