Neben den viel diskutierten „Coronawellen“ ist auch die Versinnbildlichung von Migrant:innen, und besonders Geflüchteten, als Welle oder Flut stets in den Medien präsent. Wie kommt es, dass die Wassermetaphorik gleichzeitig zwei so unterschiedliche Phänomene beschreiben kann?

  • Anne Schult ist Doktorandin im Department of History an der New York University und forscht zur Flüchtlingsgeschichte, zur Geschichte der Sozialwissenschaften, und zur Entwicklung des internationalen Rechts im 20. Jahrhundert. Sie ist Mitglied der Redaktion des Journal of the History of Ideas Blogs.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart
Wellen, Ströme, Fluten. Zur poli­ti­schen Geschichte aqua­ti­scher Metaphern
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Im rechts­po­pu­lis­ti­schen Milieu ist es ein fest etabliertes rheto­ri­sches Spiel, Flücht­linge als gefähr­li­ches Wasser­er­eignis darzu­stellen. Inmitten der soge­nannten Flücht­lings­krise von 2015 erklärte etwa der unga­ri­sche Minis­ter­prä­si­dent Viktor Orbán – gene­rell ein Freund des brachialen Sprach­ge­brauchs –, er sei erst dann zufrieden, „wenn die Flut aufge­halten worden ist.“ Doch auch aus der poli­tisch weniger eindeutig veror­teten Medi­en­be­richt­erstat­tung ist die Vorstel­lung von Flüch­tenden als reißenden Wasser­massen – ob als „Flücht­lings­welle“, „Flücht­lings­strom“ oder eben „Flücht­lings­flut“ – nicht wegzu­denken. Bestimmte Bilder verstärken sie oft visuell: Vermeint­lich migran­ti­sche Menschen­mengen schlän­geln sich mäan­dernd wie Flüsse durch die Land­schaft oder steuern „wellen­rei­tend“ auf Booten über das Mittel­meer auf die Strände von Südeu­ropa zu.

In den letzten Jahren gab es etliche wich­tige Kritiken an der Natu­ra­li­sie­rung und Entpo­li­ti­sie­rung von Flucht und an der Entmensch­li­chung von Geflüch­teten durch eine solche Wort­wahl. Durch ihre sprach­bild­liche Gleich­set­zung mit einer Natur­ka­ta­strophe werden die betrof­fenen Menschen zu einer vagen, emotional aufge­la­denen Bedro­hung. Daher drängt sich die Frage auf, welche Geschichte die Meta­phern­fa­milie der Welle, Flut und Über­schwem­mung hat und woher ihre Präsenz im öffent­li­chen Diskurs kommt?

Flüs­siges und Flie­ßendes im Wissenschaftsdiskurs

 In ihrem Diskurs­his­to­ri­schen Wörter­buch zur Einwan­de­rung (2000) loka­li­sieren die Sprachwissenschaftler:innen Matthias Jung, Thomas Nier und Karin Böke den Ursprung der deutsch­spra­chigen Wasser­me­taphorik in der Nach­kriegs­zeit; ab den 1970er Jahren stellen sie eine eindeutig nega­tive Konno­ta­tion von Migra­tion fest, die in der Warnung vor der vermeint­li­chen „Über­flu­tung“ des Arbeits­markts durch die soge­nannten Gast­ar­beiter zum Ausdruck komme. Ab den 1990er Jahren sei dieses Voka­bular zwar kritisch reflek­tiert worden. Doch wie die oben genannten Beispiele zeigen, erfreuen sich die aqua­ti­schen Meta­phern weiterhin großer Beliebtheit.

Grafik in Hein de Haas, Simona Vezzoli and María Villares-Varela, “Opening the floo­d­gates? Euro­pean migra­tion under restric­tive and liberal border regimes 1950-2010”, working paper, Inter­na­tional Migra­tion Insti­tute Network, Februar 2019

Hinzu kommt, dass sich dieser Wort­schatz nicht nur im Popu­lär­dis­kurs der im Wörter­buch unter­suchten und kriti­sierten Medien wieder­findet. Auch im akade­mi­schen Spre­chen ist die Wasser­me­taphorik omni­prä­sent; hier reden selbst Ökonom:innen und Soziolog:innen ganz ohne Ironie von „Migra­ti­ons­strömen“ und „Einwan­de­rungs­wellen“. Auch groß ange­legte histo­ri­sche Über­blicks­werke zur Ein- und Auswan­de­rungsgeschichte, die der Kontex­tua­li­sie­rung der aktu­ellen Migra­ti­ons­po­litik dienen sollen, sind von Wellen und Strömen durch­zogen. Und selbst in der eigent­li­chen Migra­ti­ons­for­schung findet sich eine meta­pho­ri­sche Orien­tie­rung am Wasser und dessen physi­ka­li­schen Gesetzen: Die klas­si­sche analy­ti­sche Unter­schei­dung zwischen „pull“- und „push“-Faktoren der Migra­tion, die in den 1960er Jahren durch die Arbeit des ameri­ka­ni­schen Sozio­logen Everett Lee geprägt wurde, ist an die Regel­mä­ßig­keiten der Gezeiten ange­lehnt  – bildet doch die Wech­sel­wir­kung von Ebbe und Flut durch die Anzie­hungs­kräfte von Mond und Sonne ein scheinbar univer­selles Modell des Zu- und Abwan­de­rungs­ge­sche­hens. Die damit sugge­rierte Bere­chen­bar­keit erlaubt es auch, Migra­tion mit anderen gesell­schaft­li­chen Prozessen in Rela­tion zu setzen. So zeigte beispiels­weise das ameri­ka­ni­sche Magazin National Geogra­phic 2019 mit einer mehr­tei­ligen, als „Migra­tion Waves“ beti­telten Info­grafik den wellen­för­migen vorge­stellten und damit angeb­lich gesetz­mä­ßigen Zusam­men­hang zwischen wirt­schaft­li­chen Fluk­tua­tionen und Migration.

Was diesen Beispielen gemein ist und sie in gewissem Maße von den rechts­po­pu­lis­ti­schen Parolen unter­scheidet, ist nicht, dass der Gebrauch einer Sprache der Liqui­dität die Zerstö­rungs­kraft von Migra­tion versinn­bild­li­chen soll, sondern dass sie das gesell­schaft­liche Phänomen als ein gesetz­mä­ßiges, ja beinahe natur­ge­setz­mä­ßiges inter­pre­tiert. Die Wasser­me­taphorik ist mithin ambi­va­lenter, als es die momen­tanen poli­ti­schen Parolen vermuten lassen. So signa­li­sieren Welle und Flut nicht nur Naturkata­stro­phen, sondern, vor allem im wissen­schaft­li­chen Kontext, (Natur-)Gesetze. Das Wasser hat dabei die Funk­tion einer „epis­te­mi­schen Meta­pher“, die nicht mittels Analogie einen bereits bekannten Gegen­stand poli­tisch deutet, sondern diesen als Wissens­ge­gen­stand erst gene­riert, das heißt erkennbar macht.

Grafik in Alberto Lucas López, Ryan Williams, and Kaya Berne, „Migra­tion Waves: The Shif­ting Patterns of Move­ment“, National Geogra­phic Maga­zine, August 2019. Quelle: National Geographic.

Die Welle als Naturgesetz

Diese Grund­an­nahme einer wissen­schaft­lich fest­stell­baren, wellen­för­migen Regel­mä­ßig­keit der Migra­tion knüpft an eine längere Tradi­tion inner­halb der Sozi­al­theorie an, in der soziale Realität als in Wellen­form exis­tie­rend und darstellbar ange­nommen wird. Der ameri­ka­ni­sche Anthro­po­loge Stefan Helm­reich weist in seiner kürz­lich erschie­nenen Skizze der Geschichte der „Wellen­theorie“ darauf hin, dass die Figur der Welle wie viele andere sozi­al­wis­sen­schaft­liche Begriffs­werk­zeuge den Natur­wis­sen­schaften entlehnt ist und bei Sozi­al­theo­re­ti­kern bereits seit dem späten 19. Jahr­hun­dert Konjunktur hatte. In der Tat beschäf­tigten sich um 1900 eine Viel­zahl von wissen­schaft­li­chen Diszi­plinen – von der Lingu­istik über die Ökonomie bis zur Epide­mio­logie – leiden­schaft­lich mit den „stei­genden und fallenden Tendenzen im Sozi­al­körper“. Dabei fungierte die Welle gleich­zeitig als wissen­schaft­li­ches Inter­pre­ta­ti­ons­werk­zeug und als Prophe­zeiung mit Droh­po­ten­tial. In diesem Sinne ist auch die allge­gen­wär­tige „Coro­na­welle zumin­dest konzep­tuell mit der „Flücht­lings­welle“ verwandt: Beide „Wellen“ sind sowohl Beschrei­bung einer natür­li­chen, (fast) vorpo­li­ti­schen Regel­mä­ßig­keit als auch impli­zite Handlungsaufforderung.

Mitt­ler­weile hat sich dieses hydrau­li­sche Verständnis von gesell­schaft­li­chen Prozessen auch in der Geschichts­wis­sen­schaft etabliert, wo die (zumeist anglo­phone) Histo­rio­gra­phie mit der Iden­ti­fi­zie­rung von „guten“ Wellen, die nach demselben Schema der ange­nom­menen natür­li­chen Regel­mä­ßig­keit funk­tio­nieren, sozialen Fort­schritt beschreibt. Allein im 20. Jahr­hun­dert begegnen den Leser:innen die „Wellen“ der Frau­en­be­we­gung, der Demo­kra­ti­sie­rung oder der Deko­lo­ni­sa­tion. Obgleich dieses prozess­ori­en­tierte Schema um Komple­xität bemüht ist, gibt es auch hierzu seit einiger Zeit gute und wich­tige Kritik. Diese lässt sich exem­pla­risch an der Geschichte der Frau­en­be­we­gung beschreiben. Hier beruht die Darstel­lung der sozialen Bewe­gung in wellen­för­migen Schüben oft auf einer selek­tiven Wahr­neh­mung von Fort­schritt, die sich an neuer Gesetz­ge­bung und den Errun­gen­schaften für weiße, gut situ­ierte Frauen orien­tiert, aber letzt­lich die konti­nu­ier­liche Arbeit und die Erfah­rungen von nicht-weißen, prole­ta­ri­schen Akti­vis­tinnen marginalisiert.

Ähnlich verhält es sich dann auch mit der Meta­pher der „Migra­ti­ons­welle“, die versucht, die scheinbar wahl­losen Wande­rungs­be­we­gungen über Jahr­hun­derte hinweg als große Natur­ge­setz­mä­ßig­keiten zu deuten. Dies hat zwar den Vorteil, dass Migra­tion nicht als Ausnah­me­hand­lung in der Mensch­heits­ge­schichte stig­ma­ti­siert wird, – aber die Moti­va­tionen und Erfah­rungen jener Indi­vi­duen, die die jewei­ligen „Wellen“ bilden, werden in diesem Schema zwangs­läufig außen vor gelassen bezie­hungs­weise stereo­ty­pi­siert. Gerade im Bereich der inter­na­tio­nalen Migra­tion wird ihre Bewe­gung entweder zur natür­li­chen Folge des Krieges (Kate­gorie „Flücht­ling“) oder sie ist Resultat der vermeint­lich magne­ti­schen Anzie­hungs­kraft des Arbeits­marktes im Ziel­land (Kate­gorie „Migrant“).

Von der epis­te­mi­schen zur poli­ti­schen Metapher

In den Sozi­al­wis­sen­schaften haben die aqua­ti­schen Meta­phern aller­dings nicht nur eine epis­te­mi­sche, wissens­ge­ne­rie­rende, Funk­tion, sondern können sehr schnell in eine nur noch poli­ti­sche Bedeu­tung umschlagen. Zum Verständnis der außer­or­dent­li­chen Wirk­mäch­tig­keit der Welle als poli­ti­scher Meta­pher lohnt sich ein Blick auf ihre Verwen­dung im Kontext der nord­ame­ri­ka­ni­schen Immi­gra­tion des frühen 20. Jahr­hun­derts. Hier wird deut­lich, dass die Welle, über das sprach­liche Bild hinaus, als graphi­sche Veran­schau­li­chung der histo­ri­schen Immi­gra­ti­ons­sta­tistik diente und in dieser Funk­tion vermeint­lich neutrale, wissen­schaft­liche Daten abbil­dete, aber eben gleich­zeitig auch deren Bedro­hung symbo­li­sierte. Eine ganze Reihe von ameri­ka­ni­schen Wissen­schaft­lern benutzte in den 1910er und 1920er Jahren in diesem Sinne die hydrau­li­sche Sprache. Das berüch­tigte Werk des Histo­ri­kers Lothrop Stod­dard, The Rising Tide of Color: The Threat Against White World-Supremacy, aus dem Jahr 1920 ist ein heraus­ra­gendes Beispiel dafür, dass eine solche Rhetorik eng mit rassis­ti­schen Vorstel­lungen verflochten war.

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Louis Dalrymple, “The High Tide of Immigration—A National Menace,” Judge Maga­zine, August 22, 1903. Quelle: The Ohio State Univer­sity Billy Ireland Cartoon Library & Museum.

Aber auch das weniger bekannte – obgleich viel­sa­gend beti­telte – Buch The Immi­grant Inva­sion des Ökonomen und Statis­ti­kers Frank Julian Warne von 1913 liefert ein tref­fendes Beispiel dafür, wie wissen­schaft­liche Rhetorik Fanta­sien von Natur­ka­ta­stro­phen herauf­be­schwören konnte. Warnes Diagramme zur Statistik der Einwan­de­rung in die Verei­nigten Staaten zwischen 1860 und 1910 glei­chen optisch einer Abfolge von immer höher schwap­penden Wellen, deren Höhe­punkte in den Jahren 1873, 1882 und 1907 mit Finanz­pa­niken und indus­tri­ellen Depres­sionen zusam­men­fielen, die, nach Warnes Lesart, somit kurzer­hand als deren Ursache inter­pre­tiert werden konnten. „Man beachte den ‚Wellen­ef­fekt‘ der Linie, die die Schwan­kungen des jähr­li­chen Zustroms misst“, betonte Warne dann auch im Begleit­text zur Grafik – als ob die Leser:innen eine weitere Ermu­ti­gung gebraucht hätten, um die Verbin­dung zwischen der vermeint­lich „neutralen“ statis­ti­schen Darstel­lung der Realität und der von Warne beklagten Bedro­hung herzu­stellen, die in dem Sprach­bild der auf die ameri­ka­ni­schen Küsten zurol­lenden „Einwan­de­rungs­wellen“ vermit­telt wurde.

Grafik in Frank Julian Warne, The Immi­grant Inva­sion (New York: Dodd, Mead and Company, 1913).

Das Problem bei der Welle als Daten­vi­sua­li­sie­rung ist, dass Zahlen, ob groß oder klein, ziem­lich abstrakt erscheinen, wenn sie in einer einfa­chen Tabelle zusam­men­ge­stellt sind. Viel mehr Dring­lich­keit und Alarm wird hingegen sugge­riert, wenn sie als Diagramm darge­stellt werden, wobei durch die Wahl der Maßstäbe auf den jewei­ligen Achsen und die Mani­pu­la­tion ihrer Propor­tionen zuein­ander drama­ti­sche visu­elle Effekte erzeugt werden können. Wie man bei Warne sieht, werden bei der Migra­tion solche Effekte inhalt­lich noch dadurch verstärkt, dass die Akku­mu­la­tion von Daten­sätzen über die Zeit hinweg die Form einer sich aufbäu­menden Welle annimmt und sich der Forschungs­ge­gen­stand “zufällig” genau in solchen Wellen bewegt.

Von Strömen zu Sedimenten

Die über­wie­gend von Sozi­al­wis­sen­schaft­lern verfassten einwan­de­rungs­feind­li­chen Trak­tate des frühen 20. Jahr­hun­derts über­schneiden sich nicht zufällig mit dem Aufstieg der Demo­grafie als akade­mi­scher Diszi­plin. Die Verwen­dung von statis­ti­schem Mate­rial durch Demo­grafen, die um wissen­schaft­liche Aner­ken­nung rangen, sugge­rierte, dass viel­leicht keine komplette Steue­rung oder gar Unter­bin­dung einer „Einwan­de­rungs­welle“ möglich sei, gleich­wohl aber eine auf histo­ri­sche Daten gestützte Vorher­sage. Dieser Zusam­men­hang ist auch inso­fern wichtig, als es in der Demo­grafie in Bezug auf Migra­tion tradi­tio­nell nicht um einzelne, in Bewe­gung gera­tene Indi­vi­duen oder Gruppen geht, sondern um das allum­fas­sende Konstrukt der „Bevöl­ke­rung“ und darum, wie sich Migra­tion auf die Beschaf­fen­heit dieser Bevöl­ke­rung auswirkt. Anders gesagt: Hier wird die Welle nicht als einma­liger Aufprall einer Natur­ge­walt verstanden, sondern es geht darum, was diese Welle angeb­lich auf lange Zeit gesehen „wegs­pült“ bezie­hungs­weise um das „Sedi­ment“, welches sie hinterlässt.

Diese Facette der Wasser­me­taphorik lässt sich in den poli­ti­schen Diskus­sionen des 21. Jahr­hun­derts, in denen es um die Repro­duk­ti­ons­raten von vermeint­lich fremden gegen­über „einhei­mi­schen“ Frauen geht, ohne Probleme wieder­finden. Sowohl in Deutsch­land als auch in Frank­reich wird die Theorie eines „Bevöl­ke­rungs­aus­tauschs“, wonach angeb­lich die vorran­ging weiße euro­päi­sche Bevöl­ke­rung fort­schrei­tend durch nicht-weiße – und beson­ders musli­mi­sche – Einwanderer:innen „ersetzt“ wird, durch Rechts­po­pu­listen wie Thilo Sarrazin und Renaud Camus propa­giert. Der angeb­liche „Unter­gang“ der euro­päi­schen Gesell­schaft in den soge­nannten „Fluten“ der Migranten ist dabei konzep­tio­neller Dreh- und Angel­punkt. Und auch bei der viel­be­spro­chenen „Festung Europa“ geht es eigent­lich darum, einer vermeint­li­chen demo­gra­fi­schen „Sint­flut“ als Damm stand­zu­halten – und dieses imagi­näre Bild findet selbst dann Anwen­dung, wenn es für kriti­sche Zwecke genutzt wird.

Künf­tige Fluten

Das proble­ma­ti­sche Framing der aktu­ellen Geflüch­teten findet natür­lich nicht nur durch Wasser­me­taphorik statt – und umge­kehrt ist die hydrau­li­sche Sprache auch nicht auf die Migra­ti­ons­ge­schichte beschränkt, sondern hat beson­ders in den Human­wis­sen­schaften ein breites Anwen­dungs­feld gefunden. Doch die „Flücht­lings­welle“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie solche Meta­phern­fa­mi­lien selbst eine Geschichte haben und nicht ohne histo­ri­schen Kontext verstanden werden können. In einer para­doxen Weise könnte es sich in Zukunft aller­dings erweisen, dass die buch­stäb­liche Bedeu­tung der Flut in neuer Weise ernst genommen werden muss und von bloßen Meta­phern keine Rede mehr sein kann: Dann nämlich, wenn den „Fluten“ der Klima­f­lücht­linge ein durch globale Erwär­mung real stei­gender Wasser­spiegel voraus­geht, der die Begriffe von Flucht und Flut neu zusam­men­fließen lässt.

  • Anne Schult ist Doktorandin im Department of History an der New York University und forscht zur Flüchtlingsgeschichte, zur Geschichte der Sozialwissenschaften, und zur Entwicklung des internationalen Rechts im 20. Jahrhundert. Sie ist Mitglied der Redaktion des Journal of the History of Ideas Blogs.