Welcher Islam? Zum Islam in Feuilleton und Forschung

Populistische Bewegungen reden viel vom Abendland, das vom Islam bedroht werde. Aber auch im Feuilleton und in der Forschung werden Islam und Europa als zwei getrennte Kulturen einander gegenübergestellt. Das verstellt sowohl den Blick auf heutige Problemlösungen wie auf historische Verflechtungen.



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Wenn Terroristen im Namen des Islam Attentate verüben, wird rasch von verschiedenen Seiten versichert, dass diese mit dem wahren Islam nichts zu tun hätten. Aber bei der Frage, was der Islam nun ist (und wie er in Bezug auf Europa einzuordnen ist), verlässt die Islamdebatte regelmäßig die Ebene zeitgenössischer Diagnostik und begibt sich in die historisch-theologische Dimension. Es werden Koran und Bibel miteinander verglichen und die Geschichte des „Islam“ der Geschichte des „Abendlandes“ (wahlweise auch „Europas“ oder „des Westens“) gegenübergestellt. Ist es nicht so, dass das humanistische Projekt der Renaissance in Europa in die Aufklärung und Säkularisierung mündete und islamische Theologen einen Nachholbedarf in einer historisch-kritischen Lektüre ihrer heiligen Schrift haben? Kann man leugnen, dass der Prophet Muhammad die muslimische umma (die Gemeinschaft der Muslime und Musliminnen) als Staat und Religion zugleich begründete und die frühen Kalifen in einer enormen Geschwindigkeit ein riesiges Weltreich unter dem neuen Glauben mit gewaltsamen Eroberungen schufen? Hatten sich die Anhänger Jesu, dessen Reich „nicht von dieser Welt“ war, hingegen nicht von Beginn an in Opposition zum römischen Staat und Kaiserkult befunden? Historische Argumentationen über einen Vergleich zwischen Abendland und Islam weisen häufig darauf hin, dass diese grundsätzliche weltlich-religiöse Dualität, mit der das Christentum gestartet sei, erst die mittelalterlichen Auseinandersetzungen zwischen Kaisern und Päpsten und dann die europäische Säkularisierung ermöglicht habe: Die moderne Trennung zwischen Politik und Religion sei daher ein genuin europäisches Phänomen.

Die Vorstellung von „Kulturen“ als Großeinheiten der Geschichte

So sehr man die populistischen Bewegungen auch verurteilen mag, wir reden alle – im Westen wie im Islam – von zwei Kulturen, deren Bezeichnung variiert (Islam, Orient, Morgenland versus Europa, Okzident, christliches oder jüdisch-christliches Abendland): Feuilletons und die ältere Forschung unterscheiden sich hier nur wenig. Beiden Kulturen werden konträre Ausgangsbedingungen in der Gretchenfrage Wie hältst du’s mit der Religion? zugeschrieben. Das Konzept von verschiedenen „Kulturen“ als Großeinheiten der Geschichte mit einem religiös-kulturellen Wesenskern (wie etwa China, Indien, Europa und der Islam) kam im späten 19. Jahrhundert auf. Es wird in unserer Forschungslandschaft dadurch festgeschrieben, dass die islamische und die europäische Geschichte in zwei verschiedenen Disziplinen, der Islamwissenschaft und der Geschichte, erforscht und gelehrt werden.

Die zahlenmäßig sehr klein ausgestattete Islamwissenschaft ist natürlich als erste gefragt, wenn es um historische Aufklärung über die Geschichte des Islams geht. Wenn beispielsweise vom Koran als vermeintlicher Blaupause für den Verlauf der islamischen Geschichte die Rede ist, kann die Islamwissenschaft darauf verweisen, dass es überhaupt erst seit 1924 einen einheitlichen Korantext gibt. Die frühesten Koranmanuskripte aus dem 7. Jahrhundert enthielten keine Vokalzeichen und auch nicht alle diakritischen Punkte, mit denen sich die verschiedenen Konsonanten im Arabischen unterscheiden lassen. Sie lieferten daher lediglich ein Textskelett (arab. rasm) als Gedächtnisstütze, das erst durch das Rezitieren (arab. qaraʾa: davon leitet sich das Wort qurʾān ab) lebendig wurde. Dabei gab es im Mittelalter sieben verschiedene, alle als theologisch gleichwertig anerkannte Lesarten. Noch vielfältiger waren die unterschiedlichen Interpretationen: Mit seinen unerschöpflichen Deutungsmöglichkeiten wurde der Koran als ein „gewaltiges Meer“ gefeiert, „in dem man nie auf Grund stößt und nie durch ein Ufer zum Halten gebracht wird“ (Ibn al-Djazari, 1350–1429). Als die Azhar-Universität 1924 den Koran als heute maßgebliche Ausgabe in einer der sieben überlieferten Lesarten vollvokalisiert druckte, wurden die vormodernen weiten Bedeutungsfacetten des Korantextes eingeschränkt – und durch absolute islamistische Auslegungen weiter verengt.

Wenn es um einen Vergleich zwischen islamischer und europäischer Geschichte geht, müssen hingegen die Erkenntnisse aus Islam- und Geschichtswissenschaft zusammengeführt werden. Der historische Vergleich ist schon innerhalb der europäischen Geschichte schwierig. Ein transkultureller Vergleich steht vor dem zusätzlichen Problem, dass historische Methoden und Kategorien in der Geschichtswissenschaft fast ausschließlich anhand der europäischen Geschichte entwickelt worden und nicht unbedingt kompatibel mit der islamischen Geschichte sind. Das gilt unter anderem für die Frage, wie „Religion“ (ein moderner Begriff, der anhand der christlichen Tradition gebildet wurde) überhaupt definiert wird. Die europäische Geschichte wird mit solchen europäischen Kategorien zur Norm, während der Islam zwangsläufig als defizitär („ohne Kirche“, „ohne Trennung zwischen Religion und Politik“) erscheint. Darüber hinaus führt die lange Tradition der beiden getrennten Disziplinen dazu, dass beide Geschichten als spezifisch erscheinen und der Blick auf mögliche Gemeinsamkeiten verstellt ist. Es ist genau diese Konstellation, die zu der (auch in wissenschaftlichen Handbüchern vertretenen) Vorstellung geführt hat, dass Islam und Abendland in Bezug auf Religion und Politik zwei ganz unterschiedliche Entwicklungsverläufe hinter sich haben. Bringt man beide Geschichten in einer methodisch reflektierten Perspektive zusammen, so ergibt sich jedoch ein ganz anderes Bild: So war beispielsweise die Verschmelzung von Religion und politischen Strukturen des islamischen Reiches kein neues, typisch islamisches Muster, sondern die Fortführung des römisch-christlichen Modells.

Den Blick schärfen für Verflechtungen

Um dies zu verstehen, muss man die gewaltigen Umbrüche in Betracht ziehen, die Religion im spätantiken Römischen Reich und seinen Nachbarregionen ab dem 3. Jahrhundert erfuhr. Die fließenden Übergänge zwischen der antiken Götter- und Menschenwelt wurden mehr und mehr getrennt. Christus- und Kaiserkult entwickelten sich in einer Konkurrenz zueinander, schufen in diesen Auseinandersetzungen aber gemeinsam eine neue Bühne, in der politische Legitimation zunehmend mit religiösen Ämtern verknüpft wurde. Zudem kam das Glaubensdogma als Merkmal von Religion auf. Die Schriften der Kirchenväter und die Kanons der Konzilien prägten das Christentum letztlich mehr als die Bibel selbst. Unter dem Vorsitz von Konstantin dem Großen legte das Konzil von Nicaea 325 das christliche Glaubensbekenntnis fest. Der Übertritt Konstantins zum Christentum brachte dem Römischen Reich eine neue kulturelle Kohärenz. Der römisch-christliche Kaiser galt nun als Abbild des himmlischen Königs, das römische Weltreich als irdische Manifestation des himmlischen Reiches: ein Gott, ein Universalherrscher (der Kaiser), ein Reich, ein Glaube war nun die Devise. In diesem Reich konnte es letztlich nur Christen geben. Als selbst ernannte „Sieger über alle Völker“ hatten die Kaiser (mit wechselndem Erfolg) den Anspruch, ihre christliche Herrschaft über den gesamten Erdkreis auszudehnen. Auch Karl der Große (gest. 814) nahm dieses Prinzip aus der Spätantike auf, als christlicher Herrscher für die Verbreitung und richtige Ausübung des Christentums in seinem Reich verantwortlich zu sein.

Die Bewegung, in der der Prophet Muhammad (gest. 632) und seine Anhänger zum frommen Lebenswandel unter dem einen Gott Abrahams aufriefen, war apokalyptisch geprägt. Die frühesten Suren im Koran befassen sich vor allem mit dem bald bevorstehenden Jüngsten Gericht. Angesichts dieser Dringlichkeit waren theologische Abgrenzungen zum Christen- und Judentum weniger wichtig und wurden nicht durchgängig gezogen. 661 verlegten die Umaiyadenkalifen das politische Zentrum von der arabischen Halbinsel nach Syrien. Dabei übernahmen sie die typisch spätantike Verschmelzung von Religion und imperialen Strukturen. Die Kalifen nannten sich „Stellvertreter Gottes“. Sie akzeptierten zwar, dass Juden und Christen ihre Religion weiter praktizierten, etablierten den Islam jedoch als einzig wahre Herrschaftsreligion. Damit folgten die Kalifen dem römisch-christlichen Prinzip: ein Gott, ein Universalherrscher (= Kalif), ein Reich, ein Glaube. Wie die Kaiser erließen auch die Kalifen Gesetze – ein Vorgang, den die späteren islamischen Rechtsgelehrten ausblendeten, als sie die Prophetentradition ins Zentrum stellten. Die Ideologie, die gesamte Welt unter einem Glauben in einem militärisch eroberten Weltreich unter einem Herrscher im Namen des abrahamitischen Gottes zu einigen, war also nicht „typisch islamisch“, sondern aus den römisch-christlichen Fundamenten des „Abendlandes“ heraus geboren worden. Aber auch in ihrer weltlichen Repräsentation führten die Umaiyadenkalifen christlich-imperiale Traditionen fort: In den Ruinen der umaiyadischen Paläste und Sommerresidenzen sind noch Mosaiken und Fresken erhalten, die mit Jagd, Badevergnügen, Musik und Gesang die Welt höfischen Vergnügens abbilden.

 

Den „Islam“ nicht exotisieren, sondern historisieren

Unsere modernen Kultur- und Fächergrenzen verstellen immer wieder wie Betonmauern den Blick auf solche Gemeinsamkeiten und Verflechtungen. Wir können weder auf den Islam- noch den Europabegriff verzichten, aber die Verwendung beider Begriffe ist sehr viel komplizierter als gemeinhin angenommen wird. Wir tun gut daran, die Grenzen zwischen „uns“ und „den Anderen“ fließend zu halten und die Grundlage einer geeinten Menschheit höher zu setzen. Es wäre schon viel geholfen, zwischen spätantikem, mittelalterlichem und modernem Islam und Europa zu differenzieren: Denn der „Islam“ ist kein außerhistorisches Phänomen. Die Art und Weise, wie sich Salafisten einzelne Formeln aus dem hochkomplexen Korantext aneignen, ist ein Phänomen der Moderne. Um es zu verstehen, brauchen wir soziologische, politikwissenschaftliche und zeitgeschichtliche Analysen über die Weltordnung nach 1945 und 1989 sowie den Blick auf gesellschaftliche Ausgrenzungen und fragile Männlichkeiten. Historische Argumentationen, die den Geschichtsverlauf im Abendland und Islam pauschal anführen, Bibel und Koran miteinander vergleichen und sich auf ein Wesen von Religion berufen, führen hingegen in die Irre – in politischen Debatten ebenso wie in Feuilletons und der Forschung.