Warning: Use of undefined constant PP_MULTIPLE_AUTHORS_VERSION - assumed 'PP_MULTIPLE_AUTHORS_VERSION' (this will throw an Error in a future version of PHP) in /home/geschic8/public_html/wp-content/themes/gdg/functions.php on line 45
  • Sabrina Habel ist Literatur- und Kultur­wis­sen­schaft­lerin und gerade mit einem Rosenzweig-Stipendium an der Hebrew University in Jerusalem. Sie hat in Tübingen studiert, arbeitete als wissen­schaft­liche Assis­tentin an der Universität Zürich, war Redakteurin beim Merkur und ist seit Januar 2019 Redakteurin von Geschichte der Gegenwart.

Im Ameri­ka­ni­schen gibt es die trockene Formu­lie­rung „We have a situa­tion“. Voller under­state­ment und doch alles Mögliche umfas­send, kündet sie von einer uner­war­teten, unmit­tel­baren und gefähr­li­chen neuen Lage, die eine sofor­tige Reak­tion erfor­dert. Und wenn’s auf natio­naler Ebene ganz drama­tisch wird, versam­meln sich der Präsi­dent und seine Top-Berater im „Situa­tion Room“ im Keller des Weißen Hauses – einge­richtet 1961 unter John F. Kennedy.

Der Situa­tion Room in Stanley Kubricks „Dr. Stran­ge­love“; Quelle: youtube.com

Im Deut­schen ist das Wort philo­so­phisch aufge­laden. Dass es vom Poli­ti­schen nicht zu trennen ist, sieht man bei Georg Wilhelm Fried­rich Hegel, der in seinen Vorle­sungen über die Ästhetik von 1817 erst­mals über die „Situa­tion“ nach­ge­dacht hat. Diese Vorle­sungen sind bekannt für ihre „These“ vom Ende der Kunst. Weniger bekannt ist, dass sie auch eine Theorie des Anfangs der Kunst und des Anfan­gens über­haupt beinhalten. Und Anfangen meint bei Hegel etwas ganz Konkretes und Prak­ti­sches: Seine Vorle­sungen über die Ästhetik sind eine Theorie des mensch­li­chen Handelns, der poli­ti­schen Inter­ven­tion und des Wider­stands.

Hegel und die Situa­tion

Am Beispiel des Dramas, der Gattung, die das mensch­liche Handeln zum Gegen­stand hat, unter­sucht Hegel die Frage, womit das mensch­liche, soziale und poli­ti­sche Handeln eigent­lich beginnt und wie es hervor­zu­rufen sei. Dazu entwi­ckelt Hegel eine umfas­sende und erstaun­lich klein­tei­lige Herlei­tung des Handelns. Für den Philo­so­phen muss der Anfang der Hand­lung in etwas liegen, das der Hand­lung voraus­geht und diese erst ermög­licht. Die Hand­lung, so über­legt Hegel, setzt einen „gleich­förmig“ bestehenden Zustand voraus, den die Hand­lung dann bewusst unter­bricht. Diese Unter­bre­chung, den Ort des Über­gangs von der Nicht-Handlung zur Hand­lung, vom status quo zur Tätig­keit, nennt Hegel die „Situa­tion“. Es ist einer dieser Hegel’schen Begriffe, bei denen erst im Rück­blick klar wird, dass sie eine Kate­gorie und einen Wissens­ge­gen­stand bezeichnen, den man sonst gar nicht hätte und dessen analy­ti­sche Kraft nicht hoch genug geschätzt werden kann.

Die „Situa­tion“ bezeichnet den Vor-Ort der Hand­lung, in dem verschie­dene Möglich­keiten als Potenz gespei­chert sind, und zugleich den Stachel und Anreiz, der eine konkrete Hand­lung hervor­treten lässt. Die Situa­tion, so erläu­tert Hegel, beginnt zunächst ganz harmlos, zeitigt dann jedoch eine Störung, die notwendig Reak­tionen hervor­ruft.

Als Beispiel (das Hegel aller­dings noch nicht vor Augen haben konnte), kann man an eine Reihe sozio­lo­gi­scher Komö­dien von Carl Stern­heim denken: Zu Beginn der ersten Komödie Die Hose verliert die Frau eines klein­bür­ger­li­chen Beamten beim Spazierengehen ihre Unter­hose und in der Reak­tion darauf führt das weitere Geschehen zum Ersten Welt­krieg. Durch eine nur vermeint­lich harm­lose Irri­ta­tion des status quo löst die Situa­tion eine „Notwen­dig­keit des Agie­rens“ (Hegel) aus und setzt ein Geschehen in Gang, das sich immer weiter fortpflanzt.

Der Status quo

Der Zustand, in den die Hand­lung inter­ve­niert, ist der gesell­schaft­liche status quo, die „Prosa“ der bürger­li­chen Verhält­nisse. Auf der Suche nach dem Anfang des Handelns ist Hegel also bei den Verhält­nissen ange­langt, und die Verhält­nisse (um es mit Brechts Drei­gro­schen­oper zu sagen), „die sind nicht so“. Der Anfang des Handelns liegt für Hegel in den histo­ri­schen und gesell­schaft­li­chen Verhält­nissen, die das Handeln formen und auf es einwirken: in der Macht der bürger­lichen Ordnung, dem Alltag und der Arbeits­welt, den sozialen und ökono­mi­schen Abhän­gig­keiten, Diszi­pli­nie­rungen und Diskri­mi­nie­rungen. Also eigent­lich in dem, was man das „Hete­ro­nome“ oder die „Hete­ro­nomie“ nennen könnte. Das moderne, denkende und handelnde Subjekt hat seinen Anfang in etwas anderem, in der Geschichte, dem Sozialen, dem Gesell­schaft­li­chen, aber auch dem Zufäl­ligen und Sinn­losen – es erfährt sich ganz wört­lich als „Unter­wor­fenes“. Hegel skiz­ziert eine explizit bürger­liche Welt der Bedingt­heiten, die die Möglich­keit des auto­nomen Anfan­gens und Handelns nicht beson­ders wahr­schein­lich machen.

Handeln als Wider­stand

Valie Export: Akti­ons­hose Geni­tal­panik (1969); Quelle: christies.com

Statt beim Anfang des Handelns ist Hegel bei dessen Krise ange­kommen, d.h. dessen ständig drohendem Gebremst­werden durch Umstände und Bedin­gungen. Bei dieser Beschrei­bung des Bürger­li­chen als über­mäch­tigem Schicksal lässt er es dann jedoch nicht bewenden: Für ihn ist die Kunst gerade ein Einspruch gegen die Abhän­gig­keit und Ohnmacht des indi­vi­du­ellen Handelns. Die Kunst empört sich, so Hegel, gegen die Beschränkt­heit und damit „gegen die gesamte bürger­liche Gesell­schaft selbst“. Sie besteht darauf, Anfänge zu erproben und zu setzen – und das heisst: Situa­tionen herzu­stellen.

Dass die Situa­tion den Menschen dazu provo­ziert, handelnd Stel­lung zu beziehen, ist nämlich nicht nur eine drama­ti­sche, sondern auch eine poli­ti­sche Funk­tion, wie man exem­pla­risch an der Weiter­ent­wick­lung des Denkens der „Situa­tion“ durch die Künstler-, Intellektuellen- und Akti­vis­ten­gruppe der „Situa­tio­nisten“ (1957-1972) sehen kann. Indem Hegel die „Situa­tion“ als Provo­ka­tion einer Reak­tion und als erre­gendes Moment eines Spiels verstanden hat, berei­tete er ihre poli­ti­sche und künst­le­ri­sche Weiter­ent­wick­lung durch die Situa­tio­nisten vor: Nicht zufällig gehören Hegels Schriften, die Alex­andre Kojève in Frank­reich bekannt gemacht hat, zu den Schlüs­sel­texten der Situa­tio­nis­ti­schen Bewe­gung.

Die Situa­tio­nisten

Am Beginn der ersten Nummer der Situa­tio­nis­ti­schen Inter­na­tio­nale vom Juni 1958 steht ein program­ma­ti­scher Artikel mit dem sper­rigen Titel „Vorbe­rei­tende Probleme bei der Konstruk­tion einer Situa­tion“. Wie Hegel gingen die Situa­tio­nisten an den Ort vor der Hand­lung zurück, nicht um die uner­schöpf­liche Fülle an Möglich­keiten und Hand­lungs­weisen, die in der Situa­tion ange­legt ist, zu beschreiben, sondern um diese zu akti­vieren. Durch die bewusste Planung und „Ausstat­tung eines Moments“ wollten sie eine Störung des Alltags und seiner Hand­lungs­rou­tinen herbei­führen.

„Bikini-Mädchen“, Inter­na­tio­nale Situa­ti­on­niste, Nr. 1, 1958; Quelle: 1000littlehammers.files.wordpress.com

Die erste Nummer der Zeit­schrift ist mit einer Serie von Frauen in Bikini-Höschen bebil­dert – der Name „Bikini“ war bekannt­lich eine Anspie­lung an die Atom­bom­ben­tests der Ameri­kaner auf dem Bikini-Atoll ab 1946, die in der Tat eine neue „Situa­tion“ schufen. Die „Situa­tion“, wie sie die Situa­tio­nisten auffassten und auch kreieren wollten, ist eine gesell­schaft­liche Inter­ven­tion und ein soziales Expe­ri­ment: Sie soll den Zuschauer zu einem unge­planten und alter­na­tiven Handeln provo­zieren und ihn dazu bringen, im öffent­li­chen Raum spontan und gestal­tend aktiv zu werden. Der Situa­tio­nismus orien­tierte sich dabei, im Gegen­satz zu Hegel, nicht mehr am bürger­li­chen Theater („Le théâtre est mort!“). Er hob die Grenze zwischen Zuschauer und Publikum, Bühne und Welt, Kunst und Alltag auf und ersetzte das Theater durch Perfor­mance, Inter­ven­tion und poli­ti­sche Hand­lung.

Die „bewusst konstru­ierte Situa­tion“

Die Vision der Situa­tio­nisten war, dass das poli­ti­sche Indi­vi­duum in seinem Handeln einen Anfang setzen könne und die Situa­tion eine „NEUE WIRKLICHKEIT“ herbei­führe. Doch auch diese neue Wirk­lich­keit müsste sich zunächst gegen die Macht der Verhält­nisse und des Alltags behaupten. Im dem program­ma­ti­schen Artikel heisst es, dass es im Alltag zwar zu hand­lungs­er­re­genden „Situa­tionen“ komme, diese änderten jedoch nichts am status quo: „Getrennte, ziellos herum­zie­hende Indi­vi­duen“ träfen zwar zufällig aufein­ander, doch „ihre vonein­ander abwei­chenden Gemüts­re­gungen heben sich gegen­seitig auf und erhalten ihre feste Umwelt der Lange­weile aufrecht.“ Nur die „bewusst konstru­ierte Situa­tion“ könne diese Umwelt der Lange­weile unter­bre­chen und eine wirk­liche Störung des Alltags garan­tieren – eine Störung, die sich dann, so die Hoff­nung, zu einer neuen Gesell­schafts­form verselb­ständigen werde.

Mit der „bewusst konstru­ierten Situa­tion“ erkauften die Situatio­nisten den Wider­stand gegen die Verhält­nisse jedoch teuer: Die Kehr­seite der situa­tio­nis­ti­schen Befreiung des Alltags war das Einsetzen eines Spiel­lei­ters: Ein Konstruk­teur stellt die Situa­tion bewusst her, kombi­niert und koor­di­niert Figuren und nimmt Inter­ven­tionen vor. Seine „Vorrang­stel­lung“ und die „tempo­rären Unter­ord­nung“ des Spiels unter seine Verant­wor­tung führen ein Moment der Herr­schaft in das Spiel ein, das sich auch in der situa­tio­nis­ti­schen Phan­tasie einer „kollek­tiven Welt­herr­schaft“ Ausdruck verschafft.

Pjotr Pawlenski mit ange­na­geltem Hoden auf dem Roten Platz; Quelle: welt.de

Pjotr Pawlenski oder: Die anar­chis­ti­sche Situa­tion

Lässt sich eine Situa­tion denken, die nicht auf diesem Moment der Herr­schaft gründet? Die Situa­tionen des Akti­ons­künst­lers Pjotr Pawlenski stellen Struk­turen der Herr­schaft aus und konfron­tieren sie mit der Idee der Herr­schafts­lo­sig­keit – dem Anar­chismus. Dabei dreht Pawlenski den Ansatz der Situa­tio­nisten auf eine inter­es­sante Weise um: Während diese Situa­tionen bewusst konstru­ieren, die etwas provo­zieren sollen, provo­ziert Pawlenski Situa­tionen, die ihre (Herrschafts-)Konstruk­tionen ausstellen sollen: In einem Gespräch, das 2016 unter dem Titel Gefängnis des Alltäg­li­chen als Broschüre erschienen ist, bestä­tigt Pawlenski eindrück­lich die Bedeu­tung der „Situa­tion“ für die poli­ti­sche Kunst.

Pawlenski erläu­tert die Aktion FIXIERUNG vom 10. November 2013, bei der er nackt und mit ange­na­gelten Hoden auf dem Roten Platz sass. „Die Geste des Hoden­an­nagelns ist in unserer Kultur im Prinzip ziem­lich stark verwur­zelt“, erklärt er. Es ist eine Geste, derer sich die Häft­linge in den russi­schen Gefäng­nissen bedienen – eine Geste, mit der sie ihre Frei­heits­be­schrän­kung auf die Spitze treiben. Pawlenski macht diese Geste sichtbar, er trägt das Gefängnis ins Zentrum der Stadt, auf den Platz, auf dem der Staat sich in Mili­tär­pa­raden und die Gesell­schaft sich in Gross­ereig­nissen feiert. In der Mitte der Gesell­schaft und vor der Mauer des Kreml zitierte Pawlenski die Geste aus dem Gefängnis – und wählte dafür einen beson­deren Tag: „Der 10. November ist der Tag der Polizei. Jedes Jahr werden in der ganzen Stadt Banner aufge­hängt“. Für Pawlenski ist diese Arbeit mit „kultu­rellen Markern“ grund­le­gend. Dass die Bezüge, die seine Aktion herstellt, erst im Nach­hinein, in der Refle­xion, deut­lich werden, ist dabei einkal­ku­liert. Der Künstler arbeitet mit der Nach­zei­tig­keit und der Verzö­ge­rung des Verste­hens.

(Un)freiwillige Akteure

Der wich­tigste Teil der Situa­tion, erklärt Pawlenski, war die Polizei: Diese gestaltet die Situa­tion erst. Die Poli­zisten haben Hand­lungs­an­wei­sungen, Regle­mente, die sie exeku­tieren und deren Objekt sie zugleich sind. Sie müssen handeln, sind darin aber nicht frei. Auf dem Roten Platz ergibt sich daraus etwas Para­doxes: Die Aufgabe der Polizei ist es, so Pawlenski,

Ereig­nisse zu neutra­li­sieren, zu liqui­dieren, eine Straße oder einen Platz rein zu halten. Aber hier sind sie gezwungen, genau das Gegen­teil zu tun. Sie konstru­ieren ein Ereignis. Sie werden zu Hand­lungs­trä­gern. Alles basiert auf Ihnen. Mein Handeln ist auf ein Minimum redu­ziert. Ich sitze einfach nur da und mache nichts

Die Poli­zisten werden hier in die Rolle unfrei­wil­liger Situa­tio­nisten versetzt, sie stellen Pawlenski (als Situa­tion) erst her. Er selbst versetzt sich in den Charakter des Zuständ­li­chen („Ich bleibe statisch“), das von etwas unter­bro­chen wird, das sich als Moment der Herr­schaft entlarvt. Pawlenski verschmilzt mit der Situa­tion, sein nackter Körper verkör­pert sie und damit eine Form des passiven, herr­schafts­freien Wider­stands. Seine Kunst nennt er eine „Arbeit mit Steue­rungs­me­cha­nismen“. Die Poli­zisten, die Herren der Situa­tion, werden in den Prozess der poli­ti­schen Kunst hinein­ge­zogen: Sie sind nicht nur Funk­tionen der Macht, sondern auch Funk­tionen der Kunst. Einer Kunst, die die Verwo­ben­heit von Auto­nomie und Hete­ro­nomie vor Augen führt.

Denken als Wider­stand

An dieser Stelle rechnet Pawlenskis Kunst nicht nur mit einer nach­zei­tigen und verzö­gerten Refle­xion, sondern setzt darauf. Während die Macht in Gestalt der Poli­zisten sich dadurch entlarvt, dass sie sofort und reflex­haft handelt, ermu­tigt die Situa­tion das poten­tiell revo­lu­tio­näre Subjekt dazu zu denken. Der Zeuge der Situa­tion hat, so Pawlenski, zwei Möglich­keiten zu reagieren: „Er könnte einfach schnell antworten oder er könnte über­legen und eine Entschei­dung treffen. Genau das ist der Raum, in dem der Kampf statt­findet.“ Pawlenskis Kunst zielt darauf, die unbe­wussten Wahr­neh­mungs­muster und Hand­lungs­re­flexe zu irri­tieren, sie der Verän­de­rung und dem Nach­denken zugäng­lich zu machen. Mit der Irri­ta­tion beginnt etwas Neues, die Möglich­keit der auto­nomen Entschei­dung, ein Anfang, der ein Vorbild sein kann: „Präze­denz­fälle im Bereich der Bedeu­tung“ nennt Pawlenski seine Aktionen. Die Kraft, Anfänge zu setzen, liegt also nicht allein in der Hand­lung selbst, sondern auch in dem Nach­denken über sie, im philo­so­phi­schen Denken, das nach Hegel auch eine Form des – situa­tio­nis­ti­schen und poli­ti­schen – Handelns ist.

Datenschutzerklärung
  • Sabrina Habel ist Literatur- und Kultur­wis­sen­schaft­lerin und gerade mit einem Rosenzweig-Stipendium an der Hebrew University in Jerusalem. Sie hat in Tübingen studiert, arbeitete als wissen­schaft­liche Assis­tentin an der Universität Zürich, war Redakteurin beim Merkur und ist seit Januar 2019 Redakteurin von Geschichte der Gegenwart.