Die Gletscher in den Alpen verschwinden langsam, aber sicher. Der Permafrost taut auf, Bergstürze wie jener von Bondo bedrohen Dörfer und Verkehrswege im Alpenraum. Die wegschmelzenden Gletscher könnten helfen, die Kosten des globalen Klimawandels abzuschätzen – und zum politischen Handeln motivieren.

  • Christoph Keller ist Buch­autor, Lehr­beauf­trag­ter an der Zür­cher Hoch­schule der Künste und Dozent an der Schwei­zer Journa­listen­schule MAZ in Luzern, zudem Moderator an regionalen, nationalen und internationalen Veranstaltungen.

Der Grüeb­ug­let­scher erstreckt sich unter­halb des Fletsch­horns ob Saas Grund in den Walliser Alpen, von 2850 Meter auf 3990 Meter über Meer. Und er ist, wie andere Glet­scher auch, eine Glet­scher­ruine geworden. Dort, wo vor Jahren noch Eis war, schim­mert jetzt ein neuer See, man kann dem Eis beim Schmelzen zusehen. So gebrech­lich ist der einst stolze Grüeb­ug­let­scher geworden, dass Alpi­nisten davor warnen, den Eisfirn zu überqueren.

Er ist nicht allein. 2,2 Kilo­meter hat etwa auch der Morte­ratsch­glet­scher seit Beginn der Messungen 1878 einge­büsst, mehr als ein Viertel seiner früheren Länge. Er wird vermut­lich bis im Jahr 2050 ganz verschwunden sein, wenn die Erwär­mung des Klimas so weiter­geht. Und mit ihm, so die Berech­nungen des World Glacier Moni­to­ring Service an der Univer­sität Zürich, verschwinden die meisten Glet­scher der Alpen auch, unwi­der­bring­lich. In den Alpen allein sind bereits 100 Glet­scher weg. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen, das zeigen neueste Auswer­tungen des Glet­scher­vo­lu­mens der Schweizer Glet­scher, werden bis Ende des Jahr­hun­derts auch alle anderen verschwunden sein, selbst dann, wenn die Mensch­heit den Ausstoss von CO2 heute auf einen Schlag stoppen würde.

Aber was sind Gletscher?

Glet­scher, für sich genommen, sind zunächst einmal eine Anhäu­fung von Eis. Nicht irgend­wel­ches Eis aller­dings, sondern Eis, das über Jahr­hun­derte und Jahr­tau­sende gewachsen ist, Ergebnis eines kompli­zierten, dyna­mi­schen Prozesses der Akku­mu­la­tion und Meta­mor­phose von Schnee zu Eis. So sind die Glet­scher welt­weit, und nicht nur in den Alpen, Archive des Klimas, aus deren Schich­tungen, Wachs­tums­kurven, Schnee­se­di­mente, aber auch aus deren Karbon­ge­halt oder Russ­be­fall die Glazio­logen klima­ti­sche Verän­de­rungen der letzten Jahr­zehnte, Jahr­hun­derte, Jahr­tau­sende heraus­lesen können.

Glet­scher erzählen, wenn man sie mit Bohrungen analy­siert, vom Ausbruch des südost­asia­ti­schen Vulkans Tambora im Jahr 1815, von der kleinen Eiszeit in der Mitte des 19. Jahr­hun­derts, vom zuneh­menden Ausstoss an CO2 in die Atmo­sphäre in den letzten 150 Jahren und von der sprung­haften Erwär­mung in der zweiten Hälfte des letzten Jahr­hun­derts. Einge­la­gert in den Eisschichten trägt jeder Glet­scher auch seine eigene Geschichte in sich, die schnellen wie die lang­samen Wachs­tums­phasen, Abbrüche, Verwin­dungen, Verwer­fungen, die lang­samen Prozesse der Abla­tion und Sublimation.

Glet­scher sind einfach da, anwe­sende, ruhende, manchmal auch würde­volle Zeugen der Klimageschichte.

Kein Posten in der Bilanz

Aber Glet­scher sind auch Spei­cher von welt­weit rund 70 Prozent allen Süss­was­sers dieses Planeten, das sind rund 30 Millionen Kubik­ki­lo­meter Wasser – nicht wenig also, was da oben in den Gipfeln der Alpen ruht, und auch im Hima­laya, in den Anden, in Norwegen, auf Grönland.

Dennoch: Ökono­misch betrachtet sind die Glet­scher irrele­vant, denn ihr Verschwinden hinter­lässt bis heute in keiner Buch­hal­tung einen Minus­posten. Glet­scher sind zwar in den Alpen wich­tige Trink­was­ser­vor­räte, vor allem das Wallis ist vom Schmelz­wasser der Glet­scher abhängig. Glet­scher­wasser speist zudem Flüsse und Spei­cher­seen; rund 19 Prozent der heutigen Strom­pro­duk­tion in der Schweiz erfolgt mit dem Schmelz­wasser der Glet­scher. Fallen die Glet­scher als Wasser­lie­fe­ranten dereinst weg, rechnen die Experten der ETH-Wasserforschungsanstalt EAWAG aller­dings nicht mit einem signi­fi­kanten Rück­gang der verfüg­baren Wassermenge.

Verschieben würden sich zwar, sagen Experten, die saiso­nalen Abfluss­mengen, mit mehr Hoch­wasser im Winter, weil mehr Regen statt Schnee fallen wird. Im Sommer hingegen werden die bis dahin neu entstan­denen Glet­scher­seen die Aufgabe der Glet­scher als Wasser­spei­cher erfüllen. Kein Grund zur Sorge also. Und auch der Grund­was­ser­spiegel der Schweiz wäre nicht gefährdet, wenn es keine Glet­scher mehr gäbe. Insge­samt, so eine Studie des Klima­for­schers Konrad Steffen von der ETH Zürich, bedroht das Verschwinden der Glet­scher die Rolle der Schweiz als „Wasser­schloss Europas“ nicht.

Caspar Wolf: Rhone­glet­scher, 1778, Kunst­haus Aarau, Quelle: swissinfo.ch

So gibt es, zumin­dest von Seiten der Strom- und Wasser­wirt­schaft, kein unmit­tel­bares Inter­esse an der Weiter­exis­tenz von Glet­schern. Nicht einmal ein ästhe­ti­scher, mögli­cher­weise auch touris­ti­scher Wert lasse sich den meisten Glet­schern zuspre­chen. Zu weit oben, zu weit entfernt von den Wander­pfaden liegt ein Glet­scher wie der Turt­mann­glet­scher, der nur noch ein Trüm­mer­feld ist. Mehr Aufmerk­sam­keit gibt es viel­leicht für den mäch­tigen Rhone­glet­scher, even­tuell für den Aletsch­glet­scher, der jähr­lich zehn­tau­sende Besu­cher anzieht und unter dem Schutz der UNESCO steht. Aber auch hier werden – anders als in den histo­ri­schen Stätten des Welt­erbes – keine konkreten Siche­rungs­maß­nahmen unter­nommen. Das Welt­na­tur­erbe wird bestaunt, nicht bewahrt.

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

Glet­scher werden in diesem Sinne nicht als Rohstoffe betrachtet, und sie gehören auch nicht zu den Gemein­gü­tern, zu den soge­nannten Allmenden. Allmende sind gemein­wirt­schaft­lich genutzte Güter, an denen Viele parti­zi­pieren, und sie setzen – das war die grund­le­gende Erkenntnis der Ökonomin und Nobel­preis­trä­gerin Elinor Ostrom – konkur­rie­rende indi­vi­du­elle Nutzungs­in­ter­essen der Betei­ligten voraus. Erst aus diesen konkur­rie­renden, also auch konflik­tiven Nutzungs­in­ter­essen heraus können Regeln entstehen, die verhin­dern, dass Allmende über­nutzt werden. Aus ihnen ergeben sich Abspra­chen, wie die Kosten der Nutzung und der Erhalt der Ressource gere­gelt werden können. Fehlt hingegen das Nutzungs­in­ter­esse, gibt es auch kein Inter­esse an einer gemein­wirt­schaft­li­chen Bewah­rung, und genau das ist die Situa­tion bei den Gletschern.

Wenig Inter­esse

Olaf Otto Becker: Point 660, 2008; Quelle: amadorgallery.com

Glet­scher stehen sozu­sagen auf glei­cher Stufe mit vom verschwinden betrof­fene Arten und sind so wenig geschützt wie Eisbären oder Lemuren – mit dem Unter­schied, dass gefähr­dete Tier­arten zumin­dest so etwas wie emotio­nale Reak­tionen auslösen. Das Verschwinden der Glet­scher vor der Haustür hingegen, das zeigen die Forschungs­er­geb­nisse des Klima­psy­cho­logen Adrian Brügger, wird als ein Phänomen betrachtet, das „weit weg“ liegt und besten­falls „als Bedro­hung für die Natur und für zukünf­tige Genera­tionen“ empfunden wird, wie er kürz­lich in einem Inter­view  sagte. Man bedauert, man doku­men­tiert, man deckt die Glet­scher­stummel mit Planen ab, aber es gibt keine Bewe­gung, nicht in der Politik, nicht in der Zivilgesellschaft.

Die rapide dahin­schmel­zenden Glet­scher teilen damit die Fata­lität des sich stetig erwär­menden Klimas, die Ursache ihres Verschwin­dens. Das Klima steht zwar seit dem Pariser Klima­ab­kommen von 2015 unter einem umfas­senden Schutz­re­gime, gewachsen aus der Einsicht, dass unsere Biosphäre kolla­bieren wird, wenn es auf der Erde mehr als 1,5, maximal 2 Grad wärmer wird als heute. Aber trotz klaren Beschlüssen, trotz weitest­ge­henden Bekennt­nissen, trotz Warnungen der Klima­for­scher welt­weit — die Reduk­ti­ons­ziele, welche die Länder bis heute beschlossen haben, sind weit davon entfernt, dieses globale Ziel zu errei­chen; wir steuern zurzeit auf ein Szenario zu, nach dem das Klima sich bis Ende dieses Jahr­hun­derts um etwa 4 bis 6 Grad erwärmen wird. Und die Erwär­mung würde sich auch dann fort­setzen, wenn wir heute sofort mit dem Ausstoss aller Klima­gase stoppen würden, weil die Erwär­mung, die wir heute spüren, zurück­geht auf die Emis­sionen an CO2 aus früheren Jahr­zehnten; was wir heute ausstossen, kommt poten­ziert noch obendrauf.

Globale Kosten

Im Alpen­raum liegt die mitt­lere Tempe­ratur bereits heute 2 Grad Celsius über dem vorin­dus­tri­ellen Mittel, das Doppelte der globalen Erwär­mung von mindes­tens 0,85 Grad Celsius. Die Glet­scher also sind verloren, und es ist auch kein Inter­esse an ihrem Fort­be­stehen auszu­ma­chen. Das ändert sich viel­leicht erst dann, wenn man die Kosten ihres Verschwin­dens in groben Zügen zu bezif­fern versucht. Denn die Klima­er­wär­mung, die fast alle Glet­scher im Alpen­raum abschmelzen wird, führt im ebenso schnellen Takt zum Abschmelzen der Polkappen, zur rasant fort­schrei­tenden Ausdün­nung des arkti­schen Meer­eises; sie treibt das Wegschmelzen der Glet­scher im Hima­laya voran, in den Anden, auf Alaska, Norwegen, sie ist die Ursache für das Wegbre­chen von grossen Teilen des Antark­ti­schen Eises.

Neuere Berech­nungen haben ergeben, dass allein das Wegschmelzen weniger antark­ti­scher Eisschilde den Meeres­spiegel um bis zu 3,3 Meter ansteigen lassen wird. Rechnet man mit dem voll­stän­digen Abschmelzen des Grön­län­di­schen Eises, ergibt sich ein Anstieg des Meeres­spie­gels um 7,3 Meter, und geht man vom Abschmelzen aller Glet­scher und Polar­kappen welt­weit aus, errechnet sich ein Anstieg um ganze 66 Meter. Und welche Kosten dies verur­sa­chen würde, kann man sich klar­ma­chen, wenn man die Schäden betrachtet, die der bishe­rige Anstieg des Meeres­spie­gels um global rund 20 Zenti­meter schon heute schafft. Auf den flachen Südsee­inseln wie Kiri­bati oder Fidji hat das stei­gende Wasser zum Verlust an frucht­baren Böden, zur Versal­zung des Grund­was­sers, zur Aufgabe von Dörfern geführt; die Schäden nehmen zu, von Jahr zu Jahr. Auch an der West­küste West­afrikas, im Küsten­ab­schnitt zwischen Maure­ta­nien und Nigeria haben Sturm­fluten und die Erosion der Strände zum Verlust ganzer Ortschaften geführt. Die Touris­ten­orte an der Petite Côte im Senegal haben herbe Verluste hinzu­nehmen, die Kosten gehen in die Milliarden.

Auch für die Alpen­länder sind die Kosten kaum absehbar, aber bereits spürbar. Der Berg­sturz in Bondo, der nur dank Inves­ti­tionen von 4,5 Millionen Franken in ein Auffang­be­cken keine noch schlim­meren Schäden verur­sachte, ist nur der Anfang. Auftau­ender Perma­frost, der Felsen nicht mehr hält oder durch Wieder­ge­frieren im Winter sprengt, wird zum Kosten­faktor: Wander­wege, wie der Euro­paweg im Wallis mit seiner langen Hänge­brücke, müssen verlegt werden, Fels­wände müssen gesi­chert und über­wacht, Strassen und ganze Dörfer geschützt werden. Manche werden unbe­wohnbar, ihre Bewohner sind die ersten inlän­di­schen Klima­f­lücht­linge. Allein für 2016 beliefen sich die Schäden in der Schweiz durch Natur­ka­ta­stro­phen auf 300 Millionen Franken, für die Präven­tion werden heute schon 3 Milli­arden Franken pro Jahr ausgegeben.

Im Welt­mass­stab sind die Aussichten noch drama­ti­scher. Städte wie New York, Los Angeles, Djakarta, Amsterdam, Shanghai, Tokio und viele andere können nur mit riesigen Infra­struk­tur­mass­nahmen vor den stei­genden Fluten gerettet werden. In New York etwa werden Schutz­mass­nahmen gegen die stei­genden Fluten nur schon für die nähere Zukunft auf 19,5 Milli­arden Dollar berechnet. In Miami sind Immo­bi­lien im Wert von 3,7 Milli­arden US-Dollar von den stei­genden Fluten  betroffen, und nicht bezif­ferbar ist wohl das Verschwinden ganzer Staaten, etwa von Kiri­bati, den Male­diven, von Fidji und weiten Teilen der Marschall­in­seln. Noch nie in der jüngeren Mensch­heits­ge­schichte musste das Aufgeben ganzer Staaten über­haupt errechnet werden.

Rech­nete man alle Faktoren zusammen, dürfte es bis ins nächste Jahr­hun­dert hinein 60 Billionen Dollar – das sind sech­zig­tau­send Milli­arden Dollar – in heutiger Kauf­kraft kosten, um die Folgen des Abschmel­zens der Glet­scher und der Polkappen zu bekämpfen. Auf diese Zahl kamen Forscher rund um Gail Whiteman an der Erasmus-Universität Rotterdam und der Univer­sität Cambridge in einer Unter­su­chung, die bereits 2013 in Nature veröf­fent­licht wurde. Whiteman rechnet als eine der wenigen mit ein, dass die fort­schrei­tende Erwär­mung des Klimas beschleu­ni­gende Folge­ef­fekte haben wird, etwa das Auftauen des Perma­frostes, der zu einer massiven Frei­set­zung des Klima­gases Methan führen wird.

Am Ende doch ein Preis

Silvia Michel: Rhone­glet­scher mit Abdeckvlies, 2016; Quelle: Künstlerarchiv.ch

Das Verschwinden der Glet­scher hat am Ende doch einen Preis. Aller­dings nicht primär im Alpen­raum, in der Schweiz, wo jeder Bewohner im Schnitt 5,02 Tonnen C02 pro Jahr ausstösst, das Fünf­fache von dem, was für das Klima erträg­lich ist; und auch nicht in der eigenen Lebens­spanne, sondern erst in der nächsten und über­nächsten Genera­tion, also weit weg. Dennoch hat die Erkenntnis des Klima­öko­nomen Nicholas Stern Bestand: es komme viel güns­tiger, dafür zu sorgen, dass das Eis erhalten bleibt als zu warten, bis die Kata­strophe ihren Lauf genommen hat. Einzig der Schutz des Klimas führt zu nach­hal­tiger wirt­schaft­li­cher Vorsorge, d.h. zu vorweg­ge­nom­menem Schutz vor anstei­genden Fluten, Über­schwem­mungen, Erdrut­schen, Murgängen und anderen klima­be­dingten Schäden.

Damit lassen sich zwar die Glet­scher im Alpen­raum (und an vielen anderen Orten) nicht mehr retten, aber ein unge­trübter Blick auf die Folge­kosten liesse die Einsicht wachsen, dass es sich lohnt, immerhin einen Teil des arkti­schen und des antark­ti­schen Eises zu erhalten. Für die Schäden, die so oder so zu erwarten sind, müssten Staaten und Firmen jetzt schon Rück­stel­lungen machen, mit Einschluss der Kosten für die bevor­ste­henden Migra­ti­ons­be­we­gungen aus den betrof­fenen Gebieten. Rund sech­zig­tau­send Milli­arden Dollar also, die geäufnet werden müssen, von den Verur­sa­chern der Klima­ka­ta­strophe, der Erdöl­in­dus­trie, den Betrei­bern von Kohle­kraft­werken, den Palm­öl­pro­du­zenten, die nach wie vor den Regen­wald abholzen – aber auch von der Allge­mein­heit, den Staaten. Milli­ar­den­schweres Vorsor­ge­ka­pital, das den Klima­fonds der UNO endlich mit dem notwen­digen Kapital ausstatten würde, aber auch einzel­staat­liche Fonds.

Das Dahin­schmelzen der Glet­scher könnte durchaus als Mass für die notwen­dige Höhe des aufzu­brin­genden Kapi­tals dienen – dahin­ge­schmol­zene Kubik­ki­lo­meter Eis, in Geld umgerechnet.

  • Christoph Keller ist Buch­autor, Lehr­beauf­trag­ter an der Zür­cher Hoch­schule der Künste und Dozent an der Schwei­zer Journa­listen­schule MAZ in Luzern, zudem Moderator an regionalen, nationalen und internationalen Veranstaltungen.