Was ist #Gerechtigkeit? Der Streit darüber dauert schon 2000 Jahre - und ist erneut aktuell

Was ist gerecht? Seit Aristoteles wird diese Frage in der westlichen Welt kontrovers diskutiert. Heute hat sie zwei Dimensionen: Gerechtigkeit ist nicht nur eine Frage der Verteilung von Einkommen und Vermögen, sondern auch der Verteilung von Anerkennung und Repräsentation.



Artikel URL: https://geschichtedergegenwart.ch/was-ist-gerechtigkeit-der-streit-darueber-dauert-schon-2000-jahre-und-ist-erneut-aktuell/

Das Wort wird selten ausgesprochen und ist dennoch fast in jeder politischen Debatte präsent: Ob um genderneutrale Toiletten, niedrigere Steuersätze für Reiche oder die gesellschaftliche Verantwortung von Konzernen gestritten wird – schlussendlich geht es immer um Gerechtigkeit. Sowohl von links als auch von rechts wird dieser Begriff herbeizitiert, um entweder zu Reformen aufzurufen oder den Status-Quo zu verteidigen. Der Kampf für Gerechtigkeit ist ein uraltes Narrativ, das von Sophokles bis zu den Wachowski-Geschwistern („Matrix“), wieder und wieder erzählt wird. Verbirgt sich hinter der Gerechtigkeit aber noch mehr als bloss ein emotionaler Kniff beim Erzählen einer Geschichte? Ist da noch mehr als nur ein rhetorischer Schachzug gewiefter Politiker?

Aristoteles und die Anfänge

Aristoteles beschäftigt sich im fünften Buch der Nikomachischen Ethik mit der Tugend der Gerechtigkeit. Er trifft dabei eine Unterscheidung, die auch heute wieder relevant ist, nämlich die zwischen „kommutativer“ und „distributiver“ Gerechtigkeit. Die kommutative Gerechtigkeit fordert, dass alle genau gleichbehandelt werden, unabhängig von persönlichen, finanziellen oder politischen Eigenschaften. Herrscht absolute Gleichbehandlung, so ist die daraus resultierende Situation gerecht. Dieses Konzept wird von Aristoteles mit dem arithmetischen Mittel verglichen: die Summe wird geteilt durch die Anzahl der Teilnehmer. Dabei ist unerheblich, wer wie viel zum Kuchen beigetragen hat, jeder bekommt ein gleich grosses Stück. Das klassische Beispiel hierfür ist das Recht: Vor dem Gesetz sind alle gleich.

Die distributive Gerechtigkeit hingegen erlaubt, dass Personen unterschiedlich behandelt werden. Wenn z.B. in der griechischen Polis ein eloquenter und gebildeter Bürger ins Amt eines Politikers gewählt wird, während dies einem anderen verwehrt wird, muss dies keine Ungerechtigkeit sein. Denn wenn die beiden Bürger in relevanten Aspekten verschieden sind, sollten sie auch verschieden behandelt werden. Die Zuteilung von Anerkennung, politischen Ämtern oder materiellen Gütern sollte danach ausgerichtet werden, wie die einzelnen Individuen beschaffen sind. Aristoteles findet für diese Form der Gerechtigkeit eine Parallele zur Geometrie: Wer am meisten zum Kuchen beigetragen hat, soll proportional mehr davon profitieren. Sein Beispiel hierfür ist die Investition: die Investorin, welche das umfangreichste Kapital bereitstellt, soll dafür die höchste Rendite erhalten.

Für beide Formen von Gerechtigkeit sieht Aristoteles eine gemeinsame Wurzel: die Gleichheit. Das was eingefordert wird, muss dem entsprechen, was weggenommen wurde. Wenn ich z.B. für mich und meine Gruppe Gerechtigkeit in Form von Privilegien einfordere, dann müssen diese der Ungleichbehandlung und Diskriminierung entsprechen, die meine Gruppe erfahren hat. Wurde oder wird eine Gruppe chronisch und strukturell benachteiligt, so kann es durchaus gerecht sein, spezielle Rechte oder Privilegien einzufordern. Unterschiedliche Eigenschaften rechtfertigen unterschiedliche Behandlung.

Der Liberalismus bediente sich, würde er ernstgenommen, der kommutativen Gerechtigkeit: wenn jeder die selben Startbedingungen hat, so ist man für sein Glück selbst verantwortlich und die resultierende Verteilung also gerecht. Das Wichtige in diesem Satz ist aber das Antezedens: Gerecht kann eine liberale Gesellschaft nur sein, wenn Privilegien abgeschafft werden, seien diese in den finanziellen Möglichkeiten, der Bildung oder dem privaten, z.B. sexuellen, Leben. Als Verfechterin des Liberalismus müsste man sich also für Erbschaftssteuern, Chancengleichheit und offene Grenzen stark machen.

Rawls und die Ökonomie

Der einflussreichste Text über Gerechtigkeit aus neuerer Zeit stammt vom amerikanischen Philosophen John Rawls. In seinem Buch A Theory of Justice präsentiert Rawls eine Theorie darüber, was gerecht sei und was nicht. Seine Grundidee ist einfach erklärt: Um herauszufinden was gerecht ist, muss man von seiner eigenen Position abstrahieren und sich das menschliche Zusammenleben aus objektiver Perspektive anschauen. Diesen Standpunkt erreicht man laut Rawls mittels eines Gedankenexperiments: Man stelle sich vor, alle Menschen träfen sich vor ihrer Geburt in einem Vorraum der menschlichen Existenz. Sie schauten herunter auf die Welt und sähen die Zustände unter den Lebenden: Erfolg, Benachteiligung, Krieg und Frieden. Nun müssten sie darüber entscheiden, nach welchen gesellschaftlichen Prinzipien sie leben wollen, ohne zuvor zu wissen, in welches Leben sie hineingeboren werden, d.h. ob sie als privilegierte oder unterdrücke Person auf die Welt kommen. Rawls zufolge wären folgende Prinzipien für alle zustimmungswürdig: Erstens, jeder soll die gleichen Rechte auf Grundfreiheiten sowie Zugang zu einflussreichen Ämtern haben. Zweitens, jede Veränderung in der Gesellschaft ist nur dann gerechtfertigt, wenn die am schlechtesten Gestellten am meisten von ihr profitieren – etwa bei Steuerreformen. Solche Überlegungen führen zur Frage, wie gerechtfertigt eine radikale Umverteilung sei. Dabei lohnt sich der Blick in die ökonomische Literatur.

Anfang dieses Jahres hat ein renommiertes Team von ÖkonomInnen den World Inequality Report veröffentlich. Darin wird deutlich, dass seit den 1980er Jahren den obersten 1% der Weltbevölkerung ein immer grösser werdender Anteil an Einkommen und Vermögen zukommt. Gleichzeitig ist die Verteilung der Einkommen der unteren 99% gerechter geworden – vor allem durch das Entstehen einer Mittelschicht in China und Indien. Diese Erfolgsstory stimmt aber nur auf globalem Level. Innerhalb der meisten Ländern (inkl. USA, Europa und China) ist die Einkommensungleichheit gestiegen.

Die Ökonomie liefert also keine abschliessende Antwort darauf, ob die Welt gerechter geworden ist oder nicht. Sie bemüht sich um adäquate Beschreibungen und fokussiert dazu auf messbare Grössen wie Löhne, BIP und Vermögen. Häufig wird dabei allerdings die starke These vertreten, dass ökonomische Ungleichheit den einzig relevanten Aspekt von Gerechtigkeit darstellt. Wenn die materiellen Güter – und der Zugang zu ihnen – gerecht verteilt wären, würden sich andere Ungerechtigkeiten, etwa auf dem Arbeitsmarkt sowie in Bildung und Politik, wie von selbst auflösen.

Kulturelle Ungerechtigkeit

Doch so plausibel dies klingen mag: Gerechtigkeit lässt sich nicht auf Verteilungsgerechtigkeit reduzieren, sondern hat auch eine ethische und damit nicht-quantifizierbare Dimensionen. Es gibt eine von materiellen Gütern unabhängige Dimension der Gerechtigkeit: die der Verteilung von Anerkennung und Repräsentation. Der einflussreiche Literaturwissenschaftler Edward Said setzte die kulturelle Macht der politischen und ökonomischen voran. Er untersuchte das Machtgefälle zwischen der „westlichen“ und der „östlichen“ Welt und kam zum Schluss, dass die Art und Weise wie der Orient im Okzident repräsentiert wurde, erst den Weg für die Kolonisierung bereitet hat. Ohne Literatur, Kunst und Journalismus, die nicht-europäische Länder und Personen über Jahrhunderte hinweg systematisch als minderwertig repräsentiert hatten, wäre die militärische und politische Unterdrückung in dieser Form gar nicht möglich gewesen.

Die Sensibilität bezüglich Sprachgebrauch und Diversität, die zurzeit unter dem Label „Identitätspolitik“ einer grösseren Öffentlichkeit bekannt wird, speist sich aus solchen Überlegungen. Manch einer mag dies übertrieben und wirkungslos scheinen. Gewisse Autoren (wie z.B. der New Yorker Professor Mark Lilla) bezeichnen identity politics sogar als Grundproblem linker Politik: Anstatt sich auf die ökonomischen Probleme von globalem Kapital und unterdrückter Arbeiterschaft zu kümmern, beschäftige man sich lieber mit den Anerkennungsproblemen von Minderheiten.

Aber so berechtigt die Kritik an Identitätspolitik in einzeln Fällen sein mag, darf deshalb nicht die ganze Frage nach der Anerkennungsgerechtigkeit verworfen werden. Auch wenn absurde Vorschriften und Forderungen nach gleicher Repräsentation und Sprachsensibilität gemacht werden, heisst das nicht, dass gleiche Repräsentation und sprachliche Sensibilität absurd sind. Und genau dieses Thema ist jüngst auch Gegenstand empirischer Forschung geworden: So hat ein Team von Ökonominnen untersucht, wie sich die Besetzung des Bürgermeisterpostens durch Frauen auf die Selbsteinschätzung von Schülerinnen auswirkt. Das Resultat: In den Ortschaften mit Bürgermeisterinnen sind die Mädchen ehrgeiziger und selbstbewusster, und werden von ihren Eltern eher darin bekräftigt, sich ambitionierte und selbstbestimmte Ziele zu stecken. Die psychologischen und sozialen Auswirkungen von gesellschaftlicher Anerkennung sind also ganz real.

Die Frage, ob man nun eher gegen ökonomische Ungleichheit oder für gleiche Anerkennung kämpfen sollte, erweist sich bei näherer Betrachtung daher als Scheinfrage: Die Philosophin Nancy Fraser verweist darauf, dass ökonomische Ungleichheit und verwehrte Anerkennung zumeist Hand in Hand gehen und daher auch gemeinsam Ziel von politischem Handeln seien. Das spricht für einen Dialog – zwischen den Disziplinen, etwa zwischen Ökonominnen und Literaturwissenschaftlern, aber auch zwischen liberalen Reformen und linker Identitätspolitik.

Nicht eine Gerechtigkeit

Die Frage nach der Gerechtigkeit beschäftigt die Gemüter und Gehirne seit mehr als 2000 Jahren, gerade weil sich keine abschliessende Antwort darauf finden lässt. Eine Ursache dafür liegt darin, dass unser Konzept von Gerechtigkeit verschiedenen, sich teilweise sogar widersprechenden Intuitionen entspricht und deshalb nicht vereinheitlicht werden kann. Vielmehr müssen wir „Gerechtigkeit“ als Sammelbegriff für eine ganze Familie von Bedeutungen verstehen.  So war denn auch etwa für Theodor W. Adorno eine absolute Gerechtigkeit „jenseits der Zeit“, d.h. ein abstrakter und ohnmächtiger Begriff. Vielmehr müsse Gerechtigkeit aus den bestehenden Umständen und konkreten Situationen heraus gedacht werden. Wenn sich im Wandel der Zeit die Konzeptionen über Gerechtigkeit immer wieder verändert haben, so heisst das nicht, dass unsere Vorfahren in ihren Vorstellungen falsch lagen und wir heute erst erkennen, worin die gerechte Gesellschaft zu bestehen hätte. Vielmehr heisst dies, dass sich die Gerechtigkeit grundsätzlich über die Zeit hinweg verändert und sich in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich zeigt. Und genau dies muss also die Aufgabe sein: Wie muss Gerechtigkeit gedacht werden, dass sie sich heute als Vision anbietet, für die es sich zu kämpfen lohnt?