Wachstum und Wohlfahrt. Eine zwiespältige Allianz

Wirtschaftswachstum gilt heute als natürliche Entwicklung und als universelles Heilmittel. Ein Blick in die Geschichte zeigt jedoch, dass diese Überzeugung relativ jung ist. Es gab und gibt gute Gründe dafür, den Zusammenhang von Wachstum und Wohlfahrt in Frage zu stellen.



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Das Thema lag schon länger in der Luft, als der amerikanische Ökonom Larry Summers im Herbst 2013 das treffende Stichwort lieferte: „secular stagnation“. Die These eines langfristigen Erlahmens der Wachstumsdynamik in den postindustriellen Ländern traf den Nerv einer Zeit, die sich pessimistisch als „Abstiegsgesellschaft“ zu beschreiben begann. In der Tat weisen die Wachstumsraten in Europa, Nordamerika und Japan seit den 1970er Jahren einen konstanten Rückgang auf. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie reichen vom Strukturbruch des aufkommenden Neoliberalismus über ökonomische Sättigungstendenzen, internationale Konkurrenz und die Finanzialisierung bis hin zu diversen wirtschaftlichen Krisendynamiken.

In langer Frist entwickelt sich die Wirtschaft nicht wie ein Hockeyschläger, an dessen Bild wir uns gewöhnt haben: stagnierend für den Großteil der Menschheitsgeschichte und dann beschleunigend in einen fast vertikalen Aufstieg, wie eine J-Kurve. Seit Mitte der 1970er Jahre zeichnet sich in den Regionen, die Ausgangspunkt der kapitalistischen Industrialisierung waren, ein anderer Verlauf ab. Die Beschleunigung verlangsamt sich und könnte bald zum Stillstand kommen.

Die Heilslehren des Wachstums

Obwohl sich in den früh industrialisierten Ländern das Ende des Wachstums abzeichnet und erstmals denkbar wird, feiert das Wachstumsparadigma als vermeintlicher Sachzwang und Naturgesetz fröhliche Urstände. Seine Dominanz ist kaum zu übersehen. Es erscheint auf den Titelseiten der Zeitungen, spielt eine Schlüsselrolle in ökonomischen Analysen und strukturiert die öffentliche Diskussion. Während die Medien jede kleinste Schwankung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nach unten mit fast religiöser Inbrunst kommentieren, ist der Ruf nach höheren Wirtschaftswachstumsraten über alle Ländergrenzen und das politische Spektrum hinweg zum Leitmotiv politischer Debatten geworden. Besonders eindrücklich zeigt sich die Dominanz des Wachstumsparadigmas in einer Rede, die die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel kurz nach dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise im Jahr 2009 hielt. Darin hiess es: „Ohne Wachstum keine Investitionen, ohne Wachstum keine Arbeitsplätze, ohne Wachstum keine Gelder für die Bildung, ohne Wachstum keine Hilfe für die Schwachen. Und umgekehrt: Mit Wachstum Investitionen, Arbeitsplätze, Gelder für die Bildung, Hilfe für die Schwachen und – am wichtigsten – Vertrauen bei den Menschen.“ Diese Glaubenssätze finden sich in fast allen politischen Programmen. So enthält beispielsweise auch die Vision des neuen US-Präsidenten Donald Trump für die Zukunft der US-Wirtschaft vier Punkte, von denen jeder einzelne Wirtschaftswachstum enthält, als gäbe es keine anderen Probleme. Er fordert, eine „dynamic booming economy“ zu schaffen, spricht davon, dass „Increasing growth by 1.5 percent would result in 18 million jobs“, skizziert einen „pro-growth tax plan“ und in seinem letzten Punkt fasst er seine Vision noch einmal zusammen: „Boost growth to 3.5 percent per year on average, with the potential to reach a 4 percent growth rate.“

Wachstum und Wohlfahrt

Dass Wirtschaftswachstum heute als selbstverständliches Ziel und Allheilmittel für die Lösung gesellschaftlicher Problemlagen gilt, ist alles andere als selbstverständlich. Endloses Wachstum stand in den Wirtschaftswissenschaften bis in die 1930er Jahre nicht zur Diskussion und auch der Zusammenhang von Wachstum und Wohlfahrt galt nicht als gesichert. Hingegen fehlte es nicht an Theoretikern, die das Ende des Wachstums als willkommene Zukunft begrüßten – so etwa auch John Maynard Keynes. In seinem berühmten Essay Economic Possibilities of our Grandchildren, den er bemerkenswerterweise am Anfang der Großen Depression der 1930er Jahre schrieb, versammelt er eine Reihe faszinierender langfristiger Vorhersagen über ein gutes Leben jenseits von Wachstum, zunehmender Plackerei und endloser Akkumulation. Für die Industrieländer rechnete Keynes damals mit einem kontinuierlichen Anstieg von Wirtschaftsproduktion und Lebensstandards, der um das Jahr 2030 herum in einen Zustand des Überflusses münden würde, in dem Konsumbedürfnisse größtenteils gedeckt wären. Den Enkelkindern seiner Generation sagte Keynes ein Leben voraus, das von den profanen Aktivitäten des Sparens, Akkumulierens und Lohnarbeitens befreit sein würde und Raum böte, um sich höheren Gütern wie der Kunst oder der Muße zu widmen.

Die Entwicklung des modernen Wachstumsparadigmas

Dass uns ein mögliches Ende des Wachstums heute eher als ein bedrohliches Gespenst und nicht als eine willkommene Zukunft erscheint: diese Wahrnehmung wurde erst in der Nachkriegszeit möglich. In den Jahrzehnten nach Keynes’ Vorhersagen wurde die Sichtweise, die im Wirtschaftswachstum eine vorübergehende Phase der Menschheitsgeschichte auf ihrem Weg zur wohlhabenden Postwachstumsgesellschaft erblickte, durch das aufkommende Wachstumsparadigma verdrängt.

Entscheidend dafür, dass Wachstum zu einem Fetisch werden konnte, war zunächst die internationale Standardisierung der Statistiken, die das Bruttoinlandsprodukt (BIP) definieren. Erst auf dieser Grundlage entstand seit den 1940er Jahren eine über Zeit und Raum vergleichbare und einheitliche Konzeption „der Wirtschaft“. Erst jetzt wurde messbar, was wachsen sollte: die Summe der Markttransaktionen im Rahmen nationalstaatlicher Grenzen. Und erst danach setzte sich die Idee durch, dass langfristiges, stabiles und unbegrenztes Wachstum möglich sei. Noch in den politischen Diskus­sionen der unmittelbaren Nachkriegszeit war die Idee des Wirtschaftswachstums auffällig abwesend. Die zentralen Themen waren vielmehr Vollbeschäftigung, Stabilität und Wiederaufbau. In den folgenden Jahren jedoch wurde Wachstum im Kontext von Dekolonialisierung und Kaltem Krieg an die Spitze der Politikziele katapultiert.

Während Robert Solow in den USA das Fundament für die neoklassische Wachstumstheorie legte, wurde die ökonomische Expansion spätestens ab Mitte der 1950er Jahre zum global akzeptierten Maßstab des Fortschritts. Dazu trugen auch die soziologischen Modernisierungstheorien bei, welche Entwicklung nunmehr als unumkehrbaren und zielgerichteten Wachstumsprozess begriffen. Nationalstaaten und politische Systeme traten nun nicht mehr in Bezug auf Gleichheit, Emanzipation oder Arbeitsplätze in einen Wettbewerb, sondern in Bezug auf die Quantität von Gütern und Dienstleistungen, die ein Land produzieren konnte. Eingebettet in diese Wahrnehmungsmatrix wurde Wachstum nun zu einem zentralen Ziel von Wirtschaftspolitik, zu einer Verantwortlichkeit von Regierungen und zum wichtigsten Indikator für nationalen Erfolg und soziale Wohlfahrt. Parallel dazu etablierte sich ein Narrativ, das Wachstum und Wohlfahrt aneinander band und mit der kontinuier­lichen Expansion von Markttransaktionen gleichgesetzte. In dieser Konstellation wurde das BIP zum ersten und allgemeinen Indikator für Modernität, Prosperität, Lebensstandard, Entwicklung und das Prestige von Ländern.

Als neuer Fetisch hat das Wachstumsparadigma eine Schlüsselrolle dabei gespielt, den gesellschaftlichen Diskurs über Verteilungsfragen und damit einhergehende Konflikte um Verlierer und Gewinner wirtschaftlicher Aktivität von einem Nullsummenspiel in ein scheinbares Positivsummenspiel zu transformieren, in dem alle vom wachsenden Wirtschaftsprodukt profitierten und daher auch ein gemeinsames Interesse am Wirtschaftswachstum hätten. In Wachstumsgesellschaften verwandelten sich soziale Konflikte in technische Probleme, die, so die Vorstellung, von Expert_innen zum Wohle der Allgemeinheit „gemanagt“ werden konnten. Wie Charles S. Maier das auf den Punkt brachte: „The true dialectic was not one of class against class, but waste versus abundance.“

Die sozialen und ökologischen Kosten des Wachstumsgebots

Seit seinem Aufstieg wurde das moderne Wachstumsparadigma von einer steten Kritik begleitet, die Wohlfahrt anders versteht als vom Bruttosozialprodukt gemessen. In der Mitte des 20. Jahrhunderts sprachen sich fast alle führenden Ökonom_innen dagegen aus, das BIP als Maßstab für den Wohlstand der Nationen und für internationale Vergleiche zu nutzen. Stets gab es nicht nur eine Vielzahl an konzeptuellen Divergenzen zwischen nationalen Traditionen, sondern auch fundamentale innerwissenschaftliche Kontroversen zu dieser Messmethode – Stichworte dieser Diskussion über die richtige Messgröße sind Externalitäten, unbezahlte Hausarbeit und Subsistenz.

Spätestens mit dem Bericht „Grenzen des Wachstums“ an den Club of Rome von 1972 sind die schädlichen Folgen des Wachstumsparadigmas für Mensch und Umwelt ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Auch im Westen wurde deutlich, dass Wirtschaftswachstum nicht automatisch mehr Wohlfahrt und Lebensqualität schafft. Manifest wurde dies auch in der Arbeitslosenquote, die seit Mitte der 1970er Jahre zunahm, während die Wirtschaft weiter wuchs – wenn auch deutlich langsamer als während des goldenen Zeitalters des Fordismus. Auch mit Blick auf die Zukunft gibt es gute Gründe dafür, zu hinterfragen, ob quantitatives Wachstum in den nächsten Jahrzehnten wünschenswert ist.

Zum einen sind die universellen Vorteile von Wachstum zweifelhaft. Eine Vielzahl an Studien zur Wohlfahrtsökonomie, zur Sozialgeschichte und zur ökologischen Ökonomie zeigen nicht nur, dass der Fokus auf BIP-Wachstum „unser Leben falsch misst“ (so ein berühmtes Buch von Joseph Stiglitz, Amartya Sen und Jean-Paul Fitoussi). Vielmehr haben sich die Zweifel an dem fortdauernden positiven Zusammenhang zwischen dem weiteren BIP-Wachstum auf der einen Seite, und Wohlfahrt, Gleichheit, Verteilung, Glück oder Arbeitsplätzen auf der anderen Seite erhärtet. Wie diese Studien zeigen, ist Gleichheit ab einer gewissen Einkommensschwelle viel entscheidender für die gesellschaftliche Wohlfahrt als das steigende Pro-Kopf-Einkommen. Gerade in den Industrieländern, wo Wohlfahrt und Lebensqualität seit vierzig Jahren trotz stetigen Wachstums stagnieren oder sogar zurückgehen, ist Wachstum so gesehen „unwirtschaftlich“ geworden.

Zum anderen sind die exponentiell anwachsenden sozialen und ökologischen Kosten des Wirtschaftswachstums zu bedenken. Ökonomische Analysen legen nahe, dass eine gerechte Entwicklung im globalen Süden bei gleichzeitigem Einhalten der planetaren ökologischen Grenzen nur möglich ist, wenn die Länder des Nordens ihren ökologischen Fußabdruck drastisch reduzieren. Ob dies möglich ist – beispielsweise über eine für die Einhaltung der Klimaziele notwendige Reduktion des CO-2-Ausstoßes um 95 Prozent innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte –, wenn die Ökonomien der frühindustrialisierten Länder weiter wachsen, ist ausgesprochen fragwürdig. Zwar führen Effizienzsteigerungen und die Energiewende trotz der immer zu beobachtenden „Rebound-Effekte“ (die einen Teil der Einsparungen durch Mehrkonsum ausgleichen) dazu, das mit weniger Materialdurchsatz mehr produziert werden kann. Doch diese „Entkopplung“ von BIP-Wachstum und Umweltverbrauch – so zeigen neuere Studien – ist viel zu langsam und wird längerfristig nicht ausreichen. Wachstumspolitik ist unstabil und selbstwidersprüchlich, da die von ihr geweckten Erwartungen nach immer weiter steigender materieller Produktion mit den ökologischen Kapazitäten des endlichen Planeten kollidieren. Die ihr zu Grunde liegende Annahme, dass letztendlich alle ihren Anteil an den Vorteilen des Wachstums genießen können, wird angesichts der ökologischen Unmöglichkeit der Universalisierung der gegenwärtigen Produktions- und Lebensweise der reichsten Länder auf die ganze Welt zunehmend unglaubwürdig.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Wachstumskrisen ist es paradox, dass der utopische Traum vom Auslaufen des Wachstums in den reichsten Ländern, der Keynes in den krisengeschüttelten 1930er Jahren vorgeschwebt hat, der Gegenwart als kollektiver gesellschaftlicher Alptraum erscheint. Umso wichtiger ist es, daran zu erinnern, dass Wachstum nicht das gleiche ist wie Wohlstand. Die Auflösung dieser Gleichsetzung ist entscheidend. Sie öffnet den Raum für Denk- und Handlungsperspektiven, die Wohlstand nicht länger auf Wirtschaftswachstum reduzieren.