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Kontakt­verbot, Grenz­schlie­ßung, Ausgangs­sperre, Einsatz des Mili­tärs im Inland, Bewe­gungs­da­ten­über­wa­chung, Zwangs­iso­lie­rung, Notstands­ge­setze – die Eindäm­mung eines Virus, gegen das es bislang weder Medi­ka­mente noch Impf­stoffe gibt, kann solche Maßnahmen recht­fer­tigen. Die Einschrän­kung von Grund­rechten zum Schutze aller ist ein auch in modernen Demo­kra­tien vorge­se­henes Mittel der Krisen- und Kata­stro­phen­be­wäl­ti­gung. Die meisten Ärzte und Viro­logen raten derzeit zum Einsatz dieser Mittel, um Leben zu retten und die Verbrei­tung des Virus soweit zu verlang­samen, dass die Gesund­heits­sys­teme nicht über­for­dert werden. Bei aller Unschärfe der Proba­bi­listik ist das logisch und vernünftig. Dras­ti­sche Maßnahmen sind notwendig – jetzt, in der Krise.

Warum also ein Unbe­hagen verspüren? Warum diese Ausnah­me­maß­nahmen dennoch als unheim­lich empfinden? Weil sie bei uns bisher nicht zum Einsatz kamen? Oder weil ihr Einsatz zeigt, wie groß die abzu­weh­rende Gefahr wirk­lich ist? Beides spielt wohl eine Rolle. Beides ist aber auch Teil der inneren Logik von Krisen: Die Exzep­tio­na­lität der Gegen­maß­nahmen bezeugt, dass die Heraus­for­de­rung ‚histo­risch‘ ist – die größte „seit dem 2. Welt­krieg,“ wie viel­fach betont wird. Doch es gibt noch ein anderes Unbe­hagen, das nicht unmit­telbar in der Krisen-Logik aufgeht. Es stellt sich ein, wenn man sich an die Zeit vor der Krise erin­nert, wenn man ihre Gegen­wär­tig­keit beob­achtet und wenn man an die Folgen nach ihrem Ende denkt.

Unser Globalkrisen-Bewusstsein

Die Möglich­keit globaler Kata­stro­phen ist Teil unserer Welt­wahr­neh­mung seitdem mensch­li­ches Handeln tatsäch­lich unmit­telbar globale Auswir­kungen haben kann – also grob seit dem 19. Jahr­hun­dert. Zum einen wech­seln seither Bedin­gungs­ge­füge einander ab, die in der Tat die Welt als Ganzes verän­dert haben: die Indus­tria­li­sie­rung, der Impe­ria­lismus, die Welt­kriege, die nukleare Bedro­hung, der Klima­wandel. Zum anderen verviel­fäl­tigen sich seitdem auch die imagi­nären Szena­rien einer Mensch­heits­be­dro­hung – lite­ra­risch, popu­lär­kul­tu­rell und ideo­lo­gisch. Beides gehört zum Bewusst­sein dessen, was heute Anthro­pozän heißt – mit Hannah Arendt verstehbar als jenes Zeit­alter, in dem mensch­li­ches Handeln beginnt, Natur­pro­zesse hervor­zu­bringen, die es in der Natur bislang nicht gab. Und auch die globale Verbrei­tung eines Virus inner­halb weniger Wochen ist ein erst durch die tech­nisch indu­zierte Mobi­lität unserer modernen Lebens­weise ermög­lichter Natur­pro­zess – also eine klas­si­sche Gefahr der Moderne mit entspre­chenden Präze­denz­fällen: spani­sche Grippe, Aids, SARS, MERS, Schwei­ne­grippe.

Gerade dieser Hinter­grund einer epochalen Bedin­gungs­struktur erfor­dert aber auch den komple­men­tären Blick auf die Beson­der­heiten. Und in dieser Hinsicht fällt an der gegen­wär­tigen Global-Krise dann doch das Ausmaß auf, in dem sie schon vorab imagi­niert oder voraus­ge­dacht wurde, derzeit multi­me­dial repro­du­ziert oder insze­niert wird und in ihren mögli­chen Folgen jetzt schon als eine histo­ri­sche Zäsur gilt, die unsere Lebens­weise auf Dauer verän­dern wird.

Das hängt zunächst damit zusammen, dass die jetzige Krise in einen histo­ri­schen Kontext fällt, in dem sich, zumin­dest in Europa und Amerika, seit dem Ende der bipo­laren Bedro­hungs­ord­nung des Kalten Krieges die kumu­la­tive Verviel­fäl­ti­gung und Stei­ge­rung eines ‚Globalkrisen-Bewusstseins‘ beob­achten lässt, das sich an immer neuen Heraus­for­de­rungen abar­beitet und zugleich verschärft. Gerade aufgrund ihrer Globa­lität werden die Problem­lagen seit den 1990er Jahren als mensch­heit­liche Exis­tenz­krisen wahr­ge­nommen. ‚Klima­wandel‘, ‚Terro­rismus‘, ‚Finanz­krise‘, ‚Flücht­lings­krise‘, ‚Popu­lismus‘ entwi­ckelten sich zu meta­his­to­ri­schen Begriffen einer Funda­men­tal­ge­fähr­dung des Ganzen. Das Bewusst­sein, in einer wahr­haft globa­li­sierten Welt zu leben, scheint heute soweit ausge­prägt, dass Krisen und Gefähr­dungen fast auto­ma­tisch mensch­heit­lich gedacht werden. Ande­rer­seits wird die Abwehr dieser univer­salen Gefähr­dungen weit­ge­hend national und parti­kular orga­ni­siert.

Auch jetzt wieder: jeder Staat, jedes Land, bisweilen sogar jeder Land­kreis für sich. Die erste Antwort auf die globale Krise lautet: Rückzug ins Eigene, und von dort aus beob­achten, was die anderen machen. Hinzu kommen die para­his­to­ri­schen Krisen­vi­sionen, die ihre imagi­nierte Stei­ge­rung und Radi­ka­li­sie­rung insze­nieren. Globale Kata­stro­phen sind seit Jahr­zehnten ein multi­me­dial insze­niertes Leit­motiv der Popu­lär­kultur und wir erleben immer neue Wellen säkular-apokalyptischer Endzeit­er­war­tungen: vom Y2K-Bug über das ‚2012‘-Weltende bis zum ‚Prepper‘-Phänomen. Auch die jetzige Krise ließ sich mehr­fach vorer­leben: Outbreak (1995), Conta­gion (2011), Plague Inc. (2012) oder auch Bill Gates‘ nun erneut popu­läre Brand­rede von 2015. Manchmal scheint es, als würden wir nach dem Ende der so prägenden ‚Extreme‘ des 20. Jahr­hun­derts, deren multi­me­diales Nach­er­leben derzeit eben­falls hoch im Kurs steht, nach den prägenden ‚Extremen‘ des 21. Jahr­hun­derts gera­dezu verzwei­felt suchen. Wenn es einen gedachten Konsens zumin­dest in der west­li­chen Welt seit der ‚Wende‘ gibt, dann ist es die mal diffuse, mal konkrete, mal rein imagi­näre, mal gut begrün­dete Erwar­tung einer globalen Krise.

Die Wirk­lich­keit der Krise

Nun ist sie da. Doch auch wenn sie hier und da an ihre medialen Vorab­in­sze­nie­rungen erin­nert, ist ihre Wirk­lich­keit davon unab­hängig. Das Virus kümmert sich nicht um die Vorge­schichte seiner Wahr­neh­mung. Wie weit es sich noch verbreiten und wie viele Leben es noch kosten wird, hat mit dem hier Behan­delten nichts zu tun. Nicht unsere unmit­tel­bare Betrof­fen­heit durch die Krise lässt sich wahr­neh­mungs­ge­schicht­lich beob­achten und kontex­tua­li­sieren, wohl aber unser Umgang mit ihr.

Der derzeit popu­lärste Vorwurf an die Entschei­dungs­träger und ihre Reak­tion auf die Krise lautet, man sei nicht vorbe­reitet gewesen. Wer die online-Kommentare zu Nach­rich­ten­seiten verfolgt, kann diesen Vorwurf in hunderten von Vari­anten nach­lesen. Je über­raschter viele von den täglich neuen Zahlen und Maßnahmen sind, desto heftiger ihre Annahme, der Staat, die Regie­rung, die Wissen­schaft hätten es wissen müssen und würden, viel zu spät und viel zu halb­herzig reagieren. Beson­ders wo über grund­recht­liche Bedenken gegen­über bestimmten Krisen­maß­nahmen berichtet oder über ihre baldige Aufhe­bung nach­ge­dacht wird, über­schlagen sich die Kommen­tare in ihrer Kritik an einem solchen „Gelaber“, das nur noch mehr Menschen­leben kosten werde.

Viele dieser Kommen­tare sind zunächst unschwer als simple Fort­set­zung der popu­lis­ti­schen und anti­in­sti­tu­tio­nellen online-Rhetorik der letzten Jahre zu lesen. Bezeich­nen­der­weise aber kann der poli­ti­sche Popu­lismus sie derzeit nicht nutzen. Im Gegen­teil scheint es, als würde dem stän­digen Krisen­dis­kurs der popu­lis­ti­schen Parteien und Bewe­gungen von der realen Krise der Wind aus den Segeln genommen. Sicher gab es Versuche, Frem­den­angst und Virus­angst zu verschmelzen (‚der China-Virus‘), doch werden sie derzeit zumin­dest in Europa wenig gehört. Die popu­lis­ti­sche Provo­ka­tion zerschellt an der Realität der Krise – die Grenzen sind ja geschlossen, die Flücht­lings­hilfe ist ausge­setzt, jede Nation kümmert sich um sich selbst.

„Krisen-Lust“

Es ist schon erstaun­lich: Zumin­dest anfäng­lich war es in Deutsch­land vor allem die Regie­rung, die zur Ruhe mahnte, die darauf hinwies, dass Demo­kra­tien in anderer Weise auf die Krise reagieren müssten als auto­ri­täre Staaten, und von Vorsicht bei der Einschrän­kung von Grund­rechten sprach. Inzwi­schen sind diese Stimmen auch hier­zu­lande verstummt, während immer neue Maßnahmen nurmehr verkündet, aber kaum noch proble­ma­ti­siert werden. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Eindruck vorherrscht, die Bevöl­ke­rung würde auch viel dras­ti­schere Maßnahmen akzep­tieren oder gar fordern. Die Notstands­ge­setze, die Boris Johnson in Groß­bri­tan­nien durch­ge­setzt hat (inklu­sive der mögli­chen Inhaf­tie­rung Infi­zierter und der Isolie­rung von Risi­ko­gruppen) gehen noch weiter und stoßen dennoch auf breite Zustim­mung. Die Mehr­heit der Menschen scheint derzeit willens, nicht nur zu akzep­tieren, dass es eine Krise gibt, sondern sie auch zum primären Maßstab des gegen­wär­tigen poli­ti­schen, gesell­schaft­li­chen und privaten Lebens zu machen.

Bezeich­nen­der­weise gibt es auch nur wenige vernünf­tige Gegen­stimmen. Die Behaup­tung, dass alles über­trieben und Propa­ganda sei, ist nicht nur ange­sichts der Entwick­lung der Infek­ti­ons­zahlen ein schwa­ches Argu­ment. Auch bleibt sie in ihrer impli­ziten Verschwö­rungs­theorie voll­kommen inner­halb des Denk­mus­ters der Krise und ersetzt die reale nur durch eine andere imagi­näre. Was es bisweilen aller­dings schon zu geben scheint und was teils aus jener Vorge­schichte unserer akku­mu­lierten Krisen­er­war­tungen herrührt, ist eine gewisse ‚Lust‘ an der Krise: ein Gefühl der Selbst­be­stä­ti­gung durch die Krise und ein gewisser Genuss der massiv verein­fachten Welt­wahr­neh­mung und Welt­ver­än­de­rung, die sie mit sich bringt.

Das zeigt sich etwa in der politisch-öffentlich insze­nierten Konkur­renz der Krisen­ma­nager, die mal durch reiße­ri­schen Aktio­nismus, mal durch insze­nierte Vernunft die Souve­rä­nität über die Krise bean­spru­chen. Täglich neu kürt der Jour­na­lismus partei­über­grei­fend die oder den „Richtige(n)“ für die Krise, aufgrund der Kompe­tenz, Ruhe, Tatkraft oder Klar­sicht der jewei­ligen Person. Teils sind das die bekannten Figuren, teils spült die Krise aber auch verges­sene Gestalten nach oben, denen jetzt, in der Krise, plötz­lich ‚Führungs­kom­pe­tenz‘ zuge­traut wird. Ein ähnli­ches Casting findet auch für die bera­tenden Experten statt. Krisen­zeit ist immer auch Profi­lie­rungs­zeit. Wer beson­ders poin­tiert zur Krise Stel­lung nimmt, wird gehört. Das gilt für den drama­ti­schen Aktio­nismus wie für die verschwö­rungs­theo­re­ti­sche Leug­nung der Krise. Boris Johnson hat es geschafft, beide Seiten zu bedienen: erst wochen­lang natio­na­lis­ti­sche Leug­nung, jetzt ein popu­lis­ti­sches Maßnah­men­paket, das die Krisen­po­litik des rest­li­chen Europa in den Schatten stellt. In Ungarn hat Victor Orbán die Krisen­po­litik gleich direkt mit dauer­haftem Macht­er­halt verbunden. Trump arbeitet noch dran. Und es bleibt abzu­warten, wann Bolso­naro in Brasi­lien ähnliche Wege einschlägt.

Nun mögen dies auf der politisch-öffentlichen Bühne erwart­bare Effekte sein. Doch auch die allge­meine öffent­liche Wahr­neh­mung der Krise scheint sich in der Welt­ver­ein­fa­chung, die mit ihr einher­geht, einzu­richten: Wurde in den ersten Wochen noch vieles erklärt, proble­ma­ti­siert und erör­tert, scheint jetzt auch die Bericht­erstat­tung selbst im Krisen­modus: Neben dem Krisenmanager-Casting vor allem Live-Blogs mit täglich neuen Zahlen, die bloße Aufzäh­lung der neuen Maßnahmen und immer wieder Erfah­rungs­be­richte aus dem Alltag. Man muss lange suchen, um zu erfahren, wie es eigent­lich an der türkisch-griechischen Grenze aussieht, warum man derzeit kaum etwas von einer euro­päi­schen Soli­da­rität spürt und warum Italien ausge­rechnet von Russ­land Hilfe bekommt. Ebenso verschwinden Erör­te­rungen des Sinns und Unsinns oder der Lega­lität bestimmter Maßnahmen zuneh­mend hinter den ‚vom Virus geschaf­fenen‘ Fakten.

Und nach der Krise?

Politik, Öffent­lich­keit, Wirt­schaft, Alltag, Kultur und Bildung – alles schaltet jetzt auf Krisen­modus. Sorge ist sicher die vorherr­schende Stim­mung, zumal wenn man selber oder im unmit­tel­baren Familien- und Freun­des­kreis vom Virus betroffen ist. Doch neben der Sorge scheint sich aus der akku­mu­lierten Krisen­er­war­tung und dem derzei­tigen Krisen­er­lebnis auch ein Wille zur Einrich­tung in der Krise heraus­zu­bilden. Die Univer­si­täten etwa expe­ri­men­tieren teils begeis­tert mit Formen der kontakt­losen online-Lehre, die bislang nur wider­stre­bend genutzt wurden, jetzt aber die campus­lose Uni der Zukunft denkbar machen. Die Rede von der Krise als Chance hat sich in den letzten Wochen mit Blick auf viele gesell­schaft­liche Bereiche verbreitet; vor allem dort, wo sie Abläufe verein­facht. Was kontaktlos online machbar ist, sollte auch online gemacht werden – am besten auch in Zukunft, nach der Krise. Auch in anderen Maßnahmen des gegen­wär­tigen Notstands werden bereits Instru­mente gesehen, die auf Dauer gestellt werden sollten, damit es nicht noch einmal passiert. So wie nach 9/11 die Terror­be­kämp­fung zum lang­fris­tigen Dreh- und Angel­punkt aller Politik erklärt wurde, hat jetzt die ‚Seuchen­kon­trolle‘ gute Chancen, zum nächsten poli­ti­schen Para­digma zu werden.

Entspre­chend wird die Krise jetzt schon und wieder als Zäsur gedacht, die die Welt verän­dern wird – weniger durch das Virus als durch die Formen seiner Bekämp­fung. Verein­fachte Verwal­tung, verein­fachte Geld­flüsse, bessere Versor­gung und vor allem bessere Vorsorge – so die posi­tiven Aussichten. Doch aus der Krise zu lernen lässt sich sehr schnell damit verwech­seln, den Krisen­modus auf Dauer zu stellen. Und das wirft dann doch unzeit­ge­mäße, aber berech­tigte Fragen auf: Wollen wir diese Krisen­zu­kunft? Wollen wir kontakt­lose Bildung, reinen Versand­handel und die Möglich­keit, das öffent­liche Leben in noch kürzerer Zeit als jetzt einzu­stellen, wenn es nötig ist? Werden wir die Notmaß­nahmen wirk­lich zurück­fahren, wenn die Krise vorbei ist? Oder wollen wir die Krise präventiv schon jetzt als Präze­denz­fall der nächsten denken, nach dem Motto: ‚So haben wir Corona doch auch besiegt‘. Werden die jetzigen, dras­ti­schen Maßnahmen also in Zukunft schneller bei der Hand sein, wenn Gefahr für das Ganze droht? Werden Krisen­er­war­tung und Krisen­er­lebnis zur Struktur einer künf­tigen ‚Krisen­ge­sell­schaft‘ gerinnen – oder können wir auch wieder verlernen, in der Krise zu leben? Wenn Letz­teres möglich bleiben soll, dürfen wir auch mitten in der Krise nicht aufhören, ihr Vorher und Nachher zu bedenken.

 

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