Die jüngst bekannt gewordenen Deportations- bzw. „Remigrations“-Pläne von Mitgliedern der AfD, Identitären und anderer Rechter hat in ganz Deutschland breite Proteste ausgelöst. Wenig bekannt ist dabei, dass das „Remigrations“-Konzept auf den Siedlerkolonialismus z.B. in Südafrika und die dortige Apartheitspolitik zurückgeht.

  • Florian Wagner

    Florian Wagner ist Akademischer Rat für Europäische Geschichte in Globaler Perspektive an der Universität Erfurt. Er forscht zur Kolonialgeschichte, zur Geschichte der Migration und zur Umweltgeschichte, untersucht im Rahmen der DFG-Forschungsgruppe „Freiwilligkeit“ die Geschichte der Rückmigration und veröffentlichte 2022 bei Cambridge University Press „Colonial Internationalism and the Governmentality of Empire, 1893-1982“.

Anfang 2024 demons­trieren in Deutsch­land Hundert­tau­sende für den Erhalt einer viel­fäl­tigen Gesell­schaft. Anlass dafür war der von der Recher­che­platt­form „correctiv“ aufge­deckte Plan rechter Kreise, die „Remi­gra­tion“ unlieb­samer Menschen zu erzwingen. Nicht wenige erin­nerte dieser Plan an die Depor­ta­tionen im Natio­nal­so­zia­lismus und die völki­sche Ausgren­zung und späterer Vernich­tung rassi­fi­zierter Gruppen, vor allem der Jüdinnen:Juden. Weil all dies nichts mit frei­wil­liger Rück­kehr zu tun hat, mit der der Ausdruck Remi­gra­tion übli­cher­weise verbunden wird, wählte eine Jury von Sprachwissenschaftler:innen den mani­pu­lierten Begriff jüngst zum „Unwort des Jahres“. Nach der Offen­le­gung der Depor­ta­ti­ons­pläne fielen die Umfra­ge­werte der AfD, welche darin nichts Verwerf­li­ches sah. Ihr Vorhaben, Depor­ta­ti­ons­pläne unter dem Label der Remi­gra­tion rheto­risch zu entna­zi­fi­zieren und dadurch gesell­schafts­fähig zu machen, scheint zumin­dest vorerst geschei­tert zu sein.

Doch während die Zivil­ge­sell­schaft schnell durch­schaute, dass Rechte den Remi­gra­ti­ons­be­griff als Troja­ni­sches Pferd zur Einschleu­sung rassis­ti­scher Depor­ta­ti­ons­fan­ta­sien in die Mitte der Gesell­schaft nutzen wollten, erkannten nur wenige den erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Hinter­grund dieses Vorha­bens. Der Remi­gra­ti­ons­be­griff ist nämlich schon seit Jahr­zehnten zentraler Bestand­teil einer rechten Erin­ne­rungs­kultur an den Kolo­nia­lismus. Hinter ihm versam­melt sich das gesamte Spek­trum der selbst­er­nannten „Neuen Rechten“, von Rechts­extremen und Iden­ti­tären bis hin zu rechts­po­pu­lis­ti­schen Parteien und rechts­kon­ser­va­tiven Kreisen. Vor allem die südafri­ka­ni­sche Apart­heid mit ihrer Kombi­na­tion aus weißem Sied­lungs­ko­lo­nia­lismus und der Verdrän­gung Schwarzer Menschen durch Remi­gra­ti­ons­pro­jekte bleibt bis heute für die rechte Erin­ne­rungs­kultur anschluss­fähig. Diese Erin­ne­rungs­kultur „von rechts“ ist dabei kein nost­al­gi­scher Rück­blick, sondern zielt auf eine Aktua­li­sie­rung kolo­nialer Prak­tiken ab, die den Sied­lungs­ko­lo­nia­lismus wieder­be­leben und zum Zukunfts­kon­zept machen wollen. 

Südafrika: Sied­lungs­ko­lo­nia­lismus und der Mythos vom Völker­mord an den Weißen

Im Oktober 1999 reisten sech­zehn deut­sche Neonazis nach Südafrika, um dort den Beginn des Buren­krieges vor hundert Jahren zu feiern und Schieß­übungen auf einer weißen Sied­ler­farm durch­zu­führen. Sie stammten aus dem Umfeld der rechten Terror­gruppe NSU, die sich nach ihrem Unter­tau­chen im Jahr 1998 in Welt­ge­genden mit sied­lungs­ko­lo­nialer Tradi­tion wie „Südame­rika, Südafrika und Namibia“ absetzen wollten. „Vor allem eine Auswan­de­rung nach Südafrika“ hatten die NSU-Terrorist:innen Uwe Mundlos, Uwe Böhn­hardt und Beate Zschäpe konkret ins Auge gefasst.

Dass es die NSU-Bande nach Südafrika zog, war kein Zufall. Dort hatten sich seit dem 19. Jahr­hun­dert nieder­län­di­sche Siedler:innen (Buren) nieder­ge­lassen und das Land kolo­ni­siert. Wie auch im sied­ler­ko­lo­nialen Amerika des 19. Jahr­hun­derts geschah dies mit der rassis­ti­schen Absicht, solche Gebiete durch vorrangig „germa­ni­sche“ Sied­lungs­ko­lo­ni­sa­tion „weiß“ zu machen und die indi­gene Bevöl­ke­rung zu verdrängen. In Südafrika versuchten die Buren dieses rassis­ti­sche Projekt in der Apart­heid umsetzen, indem sie beispiels­weise Schwarze Afrikaner:innen in erfun­dene „Town­ships“ und „Home­lands“ oder „Bantu­stans“ depor­tierten und dies als Remi­gra­tion in eine ange­stammte Heimat darstellten. Tatsäch­lich war ein Leben dort schwer möglich. 

Nach der Wahl Nelson Mandelas im Sommer 1994 wurde zwar die Apart­heid nomi­nell abge­schafft, die weißen Siedler:innen blieben aber im Land und hielten oft am Apart­heid­denken mit dem Ziel des Erhalts ihrer weißen „Rassen­rein­heit“ fest. Solche neo-burischen Apartheidverfechter:innen vereinten sich zum Beispiel in der „buri­schen Enklave Balmoral“, einem Dorf, dass sie 1992 zum „Home­land für weiße Afri­ka­aner“ erklärten. Entspre­chend ihres Welt­bildes vom perma­nenten Rassen­kampf schufen sie den Mythos von einem umge­kehrten „Genozid an den Weißen“ durch die neue Schwarze Regie­rung. Das Balmoral-Projekt zog nicht nur Rechtsextremist:innen aus dem NSU-Netzwerk an, sondern wurde auch von inter­na­tio­nalen white supre­macists wie dem US-amerikanischen Holo­caust­leugner David Duke mitfinanziert. 

Dem Balmoral-Projekt war auch der deut­sche Rechts­extre­mist Claus Nord­bruch verbunden, der als Kontakt­person für den NSU in Südafrika fungierte; seine Schriften und Visi­ten­karten fanden sich bei dem Terror-Trio. Nord­bruch, der in den 1960er und 1970er Jahren in Deutsch­land und Öster­reich aufge­wachsen war, war 1986 wegen rechts­extremer Umtriebe aus der Bundes­wehr entlassen worden und ging anschlie­ßend nach Südafrika, wo er Anschluss an neo-burische Apartheidverfechter:innen fand. Seine Kontakte nach Deutsch­land blieben eng. Nord­bruch veröf­fent­lichte zahl­reiche Pamphlete im rechts­extremen Grabert-Verlag, schrieb aber auch für bürger­liche Blätter wie die Neue Zürcher Zeitung. Bis zur Enttar­nung des NSU im Jahr 2011 war er in rechts­kon­ser­va­tiven Kreisen ein gern gese­hener Gast. 

In seinen Schriften leug­nete Nord­bruch die Shoah genauso wie den Herero-Nama-Genozid; statt­dessen warnte er vor einem Völker­mord an den Weißen. Diese Thesen verbrei­tete er auch bei Treffen des NSU-nahen „Thüringer Heimat­schutzes“ oder im Umfeld des kolo­ni­al­nost­al­gi­schen „Tradi­ti­ons­ver­bandes deut­scher Schutz­truppen“. Er koope­rierte eng mit deutsch­stäm­migen Völker­mord­leug­nern aus weißen Sied­ler­mi­lieus, zum Beispiel mit dem pseu­do­wis­sen­schaft­li­chen Adelaide-Institut in Austra­lien oder mit Vertreter:innen der berüch­tigten Colonia Dignidad in Chile, einer der zahl­rei­chen Kolo­nien Deutsch­stäm­miger in Südame­rika. Nord­bruch arbei­tete also von Südafrika aus für eine inter­na­tio­nale „Soli­da­rität der Revi­sio­nisten“, der auch die „Neue Rechte“ in Deutsch­land zuneigte.

Unbe­kannter, aber nicht unver­däch­tiger ist der deutsch-südafrikanische Sicher­heits­experte Stephan Maninger, der an der Bundes­po­li­zei­aka­demie lehrte und nebenbei in seriösen geschichts­wis­sen­schaft­li­chen Werken publi­zierte. Dabei hatte der in Südafrika aufge­wach­sene Maninger einen „Volks­staat“ für Weiße mitsamt einer Tren­nung von „Ethnien“ zur angeb­li­chen Konflikt­ver­mei­dung gefor­dert – ein Argu­ment ganz im Sinne der rassis­ti­schen Apart­heid­logik. In Deutsch­land hatte er den Träger­verein des Insti­tuts für Staats­po­litik mitbe­gründet, welches als rechts­extremer Verdachts­fall gilt und die oben ange­spro­chenen Remi­gra­ti­ons­pläne propa­giert. Maninger selbst warf Euro­päi­schen Regie­rungen vor, Einwan­de­rung zuzu­lassen und damit einen „Ethno­suizid“ oder Selbst­mord an der eigenen „Ethnie“ voran­zu­treiben. Solche Vorstel­lungen vom Rassen­kampf entwi­ckelte er auch aus seiner Faszi­na­tion für den Sied­lungs­ko­lo­nia­lismus in Nord­ame­rika. In revisio­nis­ti­schen Veröf­fent­li­chungen zur Erobe­rung Nord­ame­rikas im 17. Jahr­hun­dert schrieb er den „Urein­woh­nern“ Nord­ame­rikas pauschal einen krie­ge­ri­schen Charakter zu und sugge­rierte, sie hätten durch asym­me­tri­sche Kriegs­füh­rung in Form von „Raub­zügen“ und „Hinter­halten“ ihre Vernich­tung selbst provo­ziert. Die hinter­häl­tige „indi­gene Kriegs­füh­rung“ hätte demnach unwei­ger­lich zu ihrer „Entmensch­li­chung“ geführt und die Siedler:innen veran­lasst, gnadenlos zurück­zu­schlagen. In all diesen Beispielen zeigt sich die rechte Fantas­terei vom „Rassen­kampf“ auf Leben und Tod, der ein geno­zi­dales Vorgehen gegen Schwarze und Indi­gene recht­fer­tigen soll.

Von der Apart­heid zum Ethnopluralismus

Vorstel­lungen von Rassen­tren­nung und Rassen­kampf tauchen in rechten Ideo­lo­gien und Partei­pro­grammen verklau­su­liert unter dem Begriff des „Ethno­plu­ra­lismus“ auf, der ein getrenntes Leben verschie­dener „Ethnien“ zur erstre­bens­werten Norma­lität erklärt. Ideen­ge­schicht­lich geht der „Ethno­plu­ra­lismus“ auf kolo­niale Segre­ga­ti­ons­po­li­tiken zurück, die in der rassis­ti­schen Apart­heid­po­litik ihren Höhe­punkt fanden. Wie beim Konzept des „Ethno­plu­ra­lismus“ gaben sich die kolo­niale Segre­ga­ti­ons­po­litik und selbst die Apart­heid oft unschuldig und vermieden teils sogar das Wort „Rasse“. Étienne Balibar erkannte in dieser Stra­tegie eine Kultu­ra­li­sie­rung des Rassismus und einen „Rassismus ohne Rasse“. Die euro­päi­sche Kolo­ni­al­lobby propa­gierte diesen schon seit den 1890er Jahren im Namen des Kultur­re­la­ti­vismus. Damals hieß es zum Beispiel aus dem Umkreis des „Inter­na­tio­nalen Kolo­ni­al­in­sti­tuts“, in dem sich seit 1893 Hunderte von Kolonialexpert:innen vereinten, dass der Kolo­nia­lismus keines­wegs die Aufgabe hätte, die Indi­genen zu Europäer:innen zu machen, und ihnen gleiche Rechte zu gewähren, weil diese kultu­rell anders und nur in ihrer eigenen Kultur über­le­bens­fähig seien.

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Unter Beru­fung auf diesen scheinbar wert­schät­zenden Kultur­re­la­ti­vismus führten zum Beispiel engli­sche Kolo­ni­al­re­gie­rungen eine „Einge­bo­re­nen­po­litik“ (native policy) ein, durch die sie die Verwal­tung von Schwarzen Menschen und weißen Siedler:innen strikt trennten. Diese Tren­nung mani­fes­tierte sich in allen Lebens­be­rei­chen: in unter­schied­li­cher Besteue­rung und Recht­spre­chung genauso wie in der räum­li­chen Segre­ga­tion von schwarzen und weißen Wohn­vier­teln. Buri­sche Apart­heid­theo­re­tiker rassi­fi­zierten diese Tren­nungs­po­litik noch stärker, beschrieben sie aber zynisch als Mittel zur fried­li­chen Koexis­tenz der Kulturen, die auf einer sepe­rate but equal-Logik beruhte – also einer Tren­nung ohne Benach­tei­li­gung einer Seite. In Wirk­lich­keit wurde im Apart­heid­system aber Schwarzen Menschen die Bewe­gungs­frei­heit entzogen und auf Town­ships und Home­lands begrenzt, die ihnen ein würde­volles Leben verun­mög­lichten. Auch Frank­reich führte in seiner Sied­lungs­ko­lonie Alge­rien einen unter­schied­li­chen Rechts­status für euro­päi­sche Siedler:innen und Muslim:innen ein. Durch die so genannte Einge­bo­re­nen­ge­setz­ge­bung (Indi­génat) verhin­derte sie die recht­liche Gleich­stel­lung der Kolo­ni­sierten und vor allem ihren Zugang zur fran­zö­si­schen Staatsbürgerschaft.

Es verwun­dert darum nicht, dass die fran­zö­si­sche „Neue Rechte“ (Nouvelle Droite) erst­mals den Begriff Ethno­plu­ra­lismus verwen­dete, auch wenn die Idee schon lange exis­tierte. Neovöl­ki­sche Propagandist:innen wie Alain de Benoist griffen seit den 1960er Jahren das kultur­re­la­ti­vis­ti­sche Programm auf, weil es eine Möglich­keit bot, biolo­gis­ti­sche Begrün­dungen ihres Rassismus zu umgehen, die der natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Völker­mord diskre­di­tiert hatte. Auch andere Kulturrelativist:innen mussten sich vom NS-Rassismus distan­zieren, wie zum Beispiel Mathilde Luden­dorff. Sie war eine zentrale Figur der deut­schen völki­schen Bewe­gung nach 1945. Im Rahmen ihres Entna­zi­fi­zie­rungs­pro­zesses sagte sie sich von Hitlers biolo­gi­schem Rassismus los und fanta­sierte statt­dessen von einer Ordnung der Welt nach „völki­schen Iden­ti­täten“. Im selben Jahr nannte sich das bereits erwähnte Inter­na­tio­nale Kolo­ni­al­in­stitut in Insti­tute of Diffe­ring Civi­liza­tions um und sprach fortan von der Koexis­tenz unter­schied­li­cher „Zivi­li­sa­tionen“ anstatt von unter­schied­li­chen Rassen. Wie bereits erwähnt entlarvte Étienne Balibar solche Verschleie­rungs­stra­te­gien als „Rassismus ohne Rassen“ und nannte sie „diffe­ren­tia­lis­ti­schen Rassismus“. 

Unter dem Vorwand des Kultur­re­la­ti­vismus konnten sich Mitglieder des Insti­tuts sogar als Antirassist:innen darstellen. So hand­habte es auch der Vordenker der fran­zö­si­schen „Neuen Rechten“, Alain de Benoist, indem er behaup­tete, der kultur­re­la­ti­vis­ti­sche Ethno­plu­ra­lismus sei kein Rassismus, weil er nicht von einer Hier­ar­chie zwischen Rassen ausging, sondern diese als gleich­be­rech­tigt neben­ein­an­der­stellte. Zur Verhöh­nung Bali­bars nannte er sich darum später einen „diffe­ren­tia­lis­ti­schen Antirassisten“.

Beim Ethno­plu­ra­lismus handelt es sich also um die völki­sche Vorstel­lung, dass ethnisch defi­nierte und angeb­lich verschie­den­ar­tige Volks­gruppen ihr jeweils eigenes Exis­tenz­recht haben, aber getrennt gehalten werden müssen. Er entstamm dem kolo­ni­al­ras­sis­ti­schen Segre­ga­tio­nismus, dem sich AfD-Politiker:innen und „Iden­ti­täre“ spätes­tens um 2010 anschlossen, als sie program­ma­tisch die  Segre­ga­tion und gewalt­same Abschie­bung von „Kultur­fremden“, „Nicht-Integrierbaren“ oder allge­mein „uner­wünschten“ Gruppen forderten, wie es der Iden­ti­täre Martin Sellner formuliert.

Umge­kehrter Kolo­nia­lismus zur Recht­fer­ti­gung von Deportationen

Der kolo­nia­lis­ti­sche Ethno­plu­ra­lismus verstärkte sich in der spät­ko­lo­nialen Periode (1945-1960), als immer mehr Kolo­ni­sierte die Staats­bür­ger­schaft ihrer „Mutter­länder“ einfor­derten, aber mit dem Argu­ment nicht bekamen, sie seien kultu­rell „anders“. Seit der inten­si­vierten Deko­lo­ni­sa­tion ab 1960 verband die „Neue Rechte“ dann ihren Ethno­plu­ra­lismus verstärkt mit Remi­gra­ti­ons­plänen. Die Unab­hän­gig­keit Alge­riens von 1962 war hierfür einschlägig, auch weil eine Million Siedler:innen das Land verließen und nach Europa „remi­grierten“. Die Nouvelle Droite in Frank­reich hieß die Unab­hän­gig­keit Alge­riens nicht gut, führte aber die „Remi­gra­tion“ der Algerienfranzös:innen als Beweis an, dass Massen­reg­mi­gra­tionen möglich und welt­weit akzep­tiert seien.

Gleich­zeitig schürte sie Ängste vor einer drohenden Massen­in­va­sion von Migrant:innen aus einer durch die Deko­lo­ni­sa­tion verarmten „Dritten Welt“ nach Europa. Als Ausdruck dieser Angst vor einer „umge­kehrten Kolo­ni­sie­rung“ gilt der Roman Heer­lager der Heiligen von Jean Raspail (1973). Der rechts­kon­ser­va­tive Autor fanta­sierte darin über die Ankunft zehn­tau­sender Armutsmigrant:innen aus der post­ko­lo­nialen Welt an der Côte d’Azur. In seiner Erzäh­lung nehmen gutmei­nende Französ:innen sie als Asyl­su­chenden auf, während nur Rechst­kon­ser­va­tive sie als Invasor:innen mit kolo­nialen Absichten erkennen. Raspails Schrift rich­tete sich also genauso gegen imagi­nierte „Flücht­lings­horden“ wie gegen deren Helfer:innen im fran­zö­si­schen „Estab­lish­ment“. Von dem Roman wurden zwei Millionen Exem­plare verkauft. Im Jahr 2015 wurde er vom Antaios-Verlag neu ins Deut­sche über­setzt, der dem „Institut für Staats­po­litik“ nahe­steht und auch Martin Sellner Pamphlet zur „Remi­gra­tion“ (2024) im Programm hat. 

Der Roman entwirft also ein Bedro­hungs­sze­nario, demzu­folge die Migra­tion nach Europa eine Kolo­ni­sa­ti­ons­be­we­gung sei, die den Austausch von „Einhei­mi­schen“ durch „Fremde“ zum Ziel habe. In iden­ti­tären Kreisen taucht dieses Narrativ heute als „Erset­zungs­mi­gra­tion“ oder „Umvol­kung“ auf. Zum Rassen­kampf auf Leben und Tod stili­siert, diente das Narrativ nichts anderem als der Recht­fer­ti­gung einer gewalt­samen Rück­füh­rung und „Remi­gra­tion“ von Migrant:innen, die als Invasor:innen und Siedlungskolonist:innen darge­stellt wurden. Die These von der drohenden „Kolo­ni­sa­tion“ Europas durch „Kutur­fremde“ rührt einer­seits von der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Verschwö­rungs­er­zäh­lung her, welche Europa vom „inter­na­tio­nalen (Finanz-)Judentum“ kolo­ni­siert sah und dessen Depor­ta­tion als Befreiung darstellte. Ande­rer­seits schließt sie an die rassis­ti­sche Welt­sicht (neo-)burischer Siedler:innen an, die eben­falls von einem Genozid an den Weißen fanta­sieren. Sie führen dabei an, dass schon die Briten in den Buren­kriegen „Konzen­tra­ti­ons­lager“ für die Buren einrich­teten und afri­ka­ni­sche Regie­rungen angeb­lich auch heute noch einen Völker­mord planten. Diese Fanta­sien entspringen einer zutiefst kolo­ni­al­ras­sis­ti­schen Weltsicht. 

Falls es noch eines Beweises bedurfte, offen­barten die „Remi­gra­ti­ons­pläne“ die tief­ge­hende Kolo­nia­lität von Theorie und Praxis der „Neuen Rechten“. Diese Kolo­nia­lität entspringt einer histo­ri­schen Symbiose rechten Denkens mit dem Sied­lungs­ko­lo­nia­lismus, welche bis in die Gegen­wart immer wieder aktua­li­siert wird. Dieser Sied­lungs­ko­lo­nia­lismus ist genauso völkisch-rassistisch wie es der Natio­nal­so­zia­lismus war. Er propa­giert und prak­ti­ziert das Weiß­sein als einzig erhal­tens­werte Lebens­form, die vor Nicht-Weißen getrennt oder „segre­giert“ werden müsse und dürfe, um die Konta­mi­na­tion und poten­zi­elle Dege­ne­ra­tion der weißen Rasse zu vermeiden. Diese zutiefst kolo­ni­al­ras­sis­ti­sche Welt­sicht gilt nicht nur Rechts­extremen als normal, sondern auch vielen mode­ra­teren Unterstützer:innen eines „Ethno­plu­ra­lismus“. Auch darum bestand die Hoff­nung unter Rechts­extremen, dass ihr Remi­gra­ti­ons­plan in der deut­schen Gesell­schaft konsens­fä­higer war als eine direkte Bezug­nahme auf die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Depor­ta­tionen. Bisher ging dieser Plan aber nicht auf.