Vom Opfer zum resilienten Ich. Über eine problematische Verschiebung

Die oft gehörte Behauptung, es sei heute nur noch von Opfern die Rede, ist falsch. Vielmehr ist die Bezeichnung auf bestem Weg, wieder zum Stigma zu werden.



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Elf Jahre ist es her, dass die Vereinten Nationen den 27. Januar zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärten. Die Generalversammlung bekräftigte seinerzeit, der Holocaust solle allen Menschen bis in alle Ewigkeit eine Mahnung dafür sein, welche Gefahren mit Hass, Bigotterie, Rassismus und Vorurteilen verbunden seien. Dieser Auftrag ging auch im offiziellen Statement des UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon am diesjährigen Internationalen Gedenktag nicht unter. Denn er nannte nicht nur alle jene Opfer, die während des Holocaust ermordet wurden: sechs Millionen Juden, eine Vielzahl an Kriegsgefangenen und politischen Dissidenten, Roma und Sinti, Homosexuelle, Behinderte und Angehörige weiterer Minderheiten. Er nahm den Holocaust-Gedenktag vielmehr auch als Gelegenheit wahr, um auf gefährliche Entwicklungen in der Gegenwart hinzuweisen, namentlich den zunehmenden Antisemitismus und die antimuslimische Bigotterie. Auch der Verweis auf die Gewaltexzesse der Gegenwart und ihre grauenhaften Folgen für Millionen von Zivilisten fehlte nicht. Kaum überraschend erwähnte Ban Ki-moon in diesem Zusammenhang den Konflikt in Syrien. Er habe die „schlimmste humanitäre Katastrophe“ unserer Zeit hervorgebracht. Humanitäre Hilfsleistungen würden kaum oder gar nicht in die belagerten Gebiete vorgelassen. Den Einwohnern von Madaya etwa, unter denen sich Tausende an Flüchtlingen befänden, drohe deshalb der Hungertod.

Ban Ki-moons Statement blieb unwidersprochen – nicht aus Zustimmung, sondern weil es in dieser Form ausschliesslich auf der Webseite der UNO erschien. Als der Generalsekretär kurze Zeit später jedoch in der Park East Synagoge in Manhattan erschien, um anlässlich dieses Gedenktages eine fast gleichlautende Ansprache zu halten, erntete er lautstarke Zwischenrufe. Dies nicht etwa, weil der Redner dort ebenfalls unterstrich, dass zur Zeit des Holocaust ausser den sechs Millionen Juden auch Kriegsgefangene, „Dissidenten“, Roma und Sinti und Behinderte ermordet wurden; empört waren zahlreiche Anwesende vielmehr deshalb, weil der Generalsekretär wenige Tage zuvor die israelische Besatzungspolitik als „Affront gegenüber den Palästinensern und der internationalen Staatengemeinschaft“ bezeichnet hatte, ja die gewalttätigen Antworten der Palästinenser vor diesem Hintergrund gar „begreiflich“ fand.

Angesichts der jahrzehntelangen Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern waren die massiven Proteste in New York zu erwarten. Das Aufbegehren der israelischen Seite verweist dabei aber nicht nur auf die Unerbittlichkeit des dortigen Konflikts, sondern zudem auf ein generelleres Phänomen: Es zeigt, wie schnell Kritik heute in einer Täter-Opfer-Dichotomie wahrgenommen wird, und es macht deutlich, dass allein die Vermutung, die eine Seite würde zum Täter gemacht, während der anderen ein Opferstatus zugesprochen wird, massive Abwehr produziert. Eine solche Reaktion ist nicht immer unberechtigt. Gewaltverhältnisse erweisen sich oft als komplizierter – insbesondere in der Konstellation von Kriegen und Bürgerkriegen. Pauschale Täter- und Opferzuschreibungen sind deshalb selten adäquat, auch wenn es moralische und politische Gründe für sie geben kann. Im Gefolge des Holocaust etwa gab es dafür hinreichend Gründe. Allerdings stand keineswegs von Anbeginn an fest, wer von den Ermordeten und Geschädigten der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik als „Opfer“ bezeichnet und offiziell anerkannt werden würde. Was etwa die Roma und Sinti anbelangt, dauerte es deutlich länger, bis diese als Opfer in den Blick gerieten, als bei jenen, die als „Juden“ ermordet wurden.

Dass Menschen, die in irgendeiner Weise Gewalt ausgesetzt sind oder in Not geraten, als Opfer anerkannt werden, war in der Vergangenheit also keineswegs selbstverständlich – und ist es auch heute noch nicht. Zwar haben sich Opferzuschreibungen während der letzten drei Jahrzehnte vervielfältig, was ganz wesentlich darauf zurückzuführen ist, dass psychischen Auswirkungen von Gewalt – dem Trauma – seit den späten 1970er Jahren eine völlig veränderte Aufmerksamkeit und Anerkennung zuteil wurde als zuvor. Auch unsere Vorstellung davon, was eigentlich unter „Gewalt“ (und damit auch unter „Missbrauch“) zu verstehen ist, hat sich dadurch beträchtlich verändert – und damit die Zahl derer vergrößert, denen der Status, ein Opfer zu sein, zugesprochen wird. Und trotzdem: Dass Menschen, die Not leiden, deshalb auch als Opfer gelten, ist keineswegs selbstverständlich. Denn die Zuschreibung und Anerkennung eines Opferstatus ist hochgradig politisch. Sie bringt nämlich die Frage der Verantwortung ins Spiel: dafür, wer für das verursachte Leid die Verantwortung trägt, und dafür, wer die Verantwortung zu übernehmen hat, dass dieses Leid gemindert wird. Immerhin haben Menschen, die offiziell als Opfer anerkannt werden, auch Rechte. So sehen es die Vereinten Nationen seit Mitte der 1980er Jahre vor, ebenso etwa die Institution der Opferhilfe, die in der Schweiz seit 1993 gesetzlich verankert ist.

Es ist deshalb interessant, genau hinzusehen, wer bei uns gegenwärtig als Opfer bezeichnet wird, und nicht wie selbstverständlich bei allem Leiden, über das in den Medien berichtet wird, anzunehmen, es sei dabei von „Opfern“ die Rede. So sind die Massenmedien seit Monaten zwar voll von Meldungen über Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten, die sich gezwungen sahen, ihre Heimat zu verlassen; von Menschen, die während ihrer Flucht oft Schrecklichstes erlebten – doch fällt dabei nur selten der Begriff des Opfers. Er fällt, wenn Flüchtlinge im Meer ertranken. Dann steht „Opfer“ für Tote, und manchmal ist dann auch die Rede davon, dass Flüchtlinge Opfer von skrupellosen Schleppern geworden seien. Manchmal heißt es auch, Flüchtlinge seien Opfer des Terrors oder des Bürgerkriegs. Damit ist die juristische und politische Verantwortung für das Leid, dem die Flüchtlinge ausgesetzt sind, vorgeblich benannt. Sie liegt demnach ‚außen’ und ‚woanders’, jedenfalls nicht bei den Staaten in Europa. Entsprechend sind ihre Hilfsleistungen zu verstehen: Sie sind nicht Ausdruck eines Rechts, auf das Opfer einen Anspruch hätten; sie werden vielmehr in den Kontext einer moralischen, d.h. ‚humanitären‘ Verantwortung gestellt und damit gleichsam zu einer caritativen Geste gegenüber Bedürftigen, zu einer Art postmoderner Philanthropie also. Auch das zeigt das Fehlen des Opferbegriffs im Sprechen über Flüchtlinge an.

Diese Beobachtung soll die freiwilligen Hilfeleistungen für Flüchtlinge in keiner Weise schmälern. Vor allem nicht die vielfältigen privaten Unterstützungsleistungen und das oft unglaubliche persönliche Engagement, das viele seit Monaten zu leisten bereit sind, um die Not von Migranten zu lindern. Außerdem gibt es tatsächlich gute Gründe, achtsam mit dem Opferbegriff umzugehen. Die Klassifizierung eines Menschen als Opfer kann eine problematische Zuschreibung sein. Denn oft genug kann man beobachten, dass sie mit recht dezidierten Erwartungen verbunden ist, wie Menschen auf Ereignisse reagieren und wie sie an ihnen leiden müssen – ohne dass man sie je genauer danach fragte. Das populäre Verständnis vom ‚Trauma’ zeigt hier seine unschönen Effekte. Es produziert ebenso dezidierte wie verkürzte Vorstellungen davon, wie Menschen schmerzhafte Ereignisse ‚verarbeiten’ und sich zu verhalten haben. Anderes als ein Leiden im Sinne eines erkennbaren oder geäußerten Unvermögens, im Leben zurechtzukommen, ist da kaum mehr vorgesehen.

Kein Wunder, dass man inzwischen immer öfter die Stimmen jener hört, die sich öffentlich dagegen zur Wehr setzen, nach einer schrecklichen Erfahrung nur noch als „Opfer“ betrachtet zu werden; die an sie herangetragenen Verhaltenserwartungen empfinden sie als unangemessen. Und ihr Aufbegehren verhallt heute keineswegs. Im Gegenteil, immer mehr Menschen, so scheint es, sind der Rede von den Opfern überdrüssig. Die Opferrolle sei schlicht bequem und ein Versuch, sich der Verantwortung zu entziehen, heißt es – auf dem publizistischen Markt muss man gegenwärtig nicht lange suchen, bis man auf diese Art von Kritik stößt. Tatsächlich scheint sich eine neue Devise zu verbreiten, die in etwa dem Motto folgt: „Lass dich nicht hängen, Du kannst auch anders!“ Wissenschaftliche Abhandlungen und populärwissenschaftliche Schriften, die vornehmlich aus dem Feld der Psychologie kommen, unterstreichen: Der Mensch ist nicht Opfer einer Situation, sondern ihr Gestalter. Womit wir daran erinnert werden sollen: Auch schlimme Situationen sind überwindbar. Interessanter Weise findet sich dieses Credo bereits in einer breiten Ratgeberliteratur, die regelrecht den Markt flutet. Dabei fällt immer wieder dasselbe Stichwort: „Resilienz“. Im Kern ist damit das Anliegen bezeichnet, Personen oder auch soziale Gruppen in ihrer Fähigkeit zu stärken, mit Belastungssituationen oder sogar Schädigungen fertig zu werden. Oder besser noch: beweglich auf Notlagen zu reagieren, um auf diese Weise gar nicht geschädigt zu werden.

„Endlich einmal etwas Positives“, ist man versucht zu sagen. Was kann schon dagegen sprechen, Menschen dabei zu helfen, heftigen Krisen und belastenden Situationen besser gewachsen zu sein? Es wäre absurd, eine solche Frage anders zu beantworten als mit dem Wort „nichts“. Dennoch: Man ist gut beraten, das zunehmende Faible für die „Resilienz“, das sich in so unterschiedlichen Feldern wiederfindet wie der Erziehungswissenschaft, der Arbeitspsychologie und der Ökonomie, der Gesundheitspolitik, der Klimaforschung, der Katastrophenvorsorge oder der Sicherheitspolitik, kritisch zu verfolgen. Denn so unterschiedlich das Konzept der Resilienz im Einzelnen auch ausbuchstabiert sein mag – es zielt nicht darauf, die eigentlichen Ursachen für Krisen und Katastrophen zu beseitigen; es folgt dem Anliegen des Krisen- und Katastrophenmanagements. Das ist eine beträchtliche Verschiebung, von zahlreichen Wissenschaftler gedeckt und befördert und gegenwärtig, wie es scheint, politisch höchst attraktiv. Das gilt beispielsweise für alle Neoliberalen und jene, die unter Druck stehen, das sozialstaatliche Sicherungssystem abzubauen. Immerhin wirbt eine regelrechte „Resilienz“-Industrie damit, jeder einzelne könne seine psychische Widerstandskraft stärken, um mit Stresssituationen und Rückschlägen in der Alltags- und Arbeitswelt „umgehen“ zu können. „Resilienz“-Stärkung zur Verhinderung von Burnout und Ähnlichem: Solche Ideen versprechen nicht nur, das belastete Gesundheitswesen zu entlasten; sie verschieben auch die Definition des ‚Normalen’, das heißt dessen, was gesellschaftlich akzeptiert sein soll. Dabei orientiert man sich nicht an jenen, die in schwierigen, nervenaufreibenden Situationen kollabieren, jenen, die angesichts von Belastungen einfach nicht mehr können. Vorbild sind jene, die sich als „resilient“ erweisen und durchhalten, womöglich sogar noch aufgrund von Krisen und Belastungen gestärkt werden. Auch für dieses Phänomen gibt es in der psychologisch ausgerichteten Resilienzliteratur einen neuen Begriff: Er lautet „post-traumatisches Wachstum“.

Vom „Opfer“ ist in diesem Zusammenhang nicht mehr die Rede, soll auch gar nicht die Rede sein, wie man der breiten Ratgeberliteratur zur „Resilienz“ entnehmen kann. Situationen, in denen man zum Opfer wird, gibt es ihr zufolge nämlich gar nicht mehr, denn jedem Mensch steht es angeblich frei, sich zu entscheiden, wie er sich zu belastenden Situationen stellt. Das ist bestenfalls ein falsch verstandener Konstruktivismus. Vor allem aber ist es zynisch, wenn Autoren dem Konzept der Resilienz dadurch Glaubwürdigkeit verleihen wollen, daß sie auf Überlebende der Konzentrationslager verweisen und nahe legen, die wären dem Tod aufgrund einer ‚inneren Entscheidung‘ entkommen. Der österreichische Psychiater Viktor Frankl, Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse, dient ihnen dann als Kronzeuge, um gleichsam nahezulegen: Wenn man das Konzentrationslager ’schaffen‘ kann, geht auch alles andere. Das ist ein absurder Vergleich und obendrein eine fahrlässige Umcodierung der Erinnerung. Dieser Vergleich zeigt aber an, dass die Idee von der „Resilienz“, je mehr sie sich verbreitet, das Sprechen über Opfer und die Akzeptanz von Opfern verändern wird. In den USA ist diese Entwicklung seit 9/11 nicht mehr zu übersehen. Die Zuschreibung, ein Opfer zu sein, die lange Zeit mit einem Stigma verbunden war, droht es nach einer Unterbrechung von wenigen Jahrzehnten wieder zu werden. Das werden dann nicht nur jene zu spüren bekommen, die aufgrund von Krisen und Katastrophen ihr Land verlassen müssen (oder dort in Elend leben); es wird sich auch auf ‚uns’ in den wohlhabenden Industriegesellschaften auswirken. Denn zahlreiche Rechtsansprüche sind daran geknüpft, dass Geschädigte als Opfer anerkannt werden. Wer den so verstandenen Begriff des Opfers zurückweist, wird damit Rechtsansprüche preisgeben. Das sollte wissen, wer nicht mehr von „Opfern“ sprechen will.