In den 1980er Jahren entstand in Serbien eine neue nationalistische Erzählung. In den 1990er Jahren trug sie zu den blutigen Kriegen bei, in denen das frühere Jugoslawien zerfiel. Heute regiert ein proeuropäischer Präsident das Land, doch das nationalistische Aufpeitschen hat weiter Folgen.

  • Andrej Marković ist Doktorand an der Abteilung für Osteuropäische Geschichte des Historischen Seminars der Universität Zürich. Er forscht zur Geschichte des sozialistischen Jugoslawiens.

Vor dreissig Jahren „ereig­nete sich in Serbien das Volk“. So bezeich­nete zumin­dest ein ergrif­fener Schrift­steller die „Meetings der Wahr­heit“ in den späten 1980er Jahren, an denen Hundert­tau­sende forderten, die serbi­sche Teil­re­pu­blik inner­halb der jugo­sla­wi­schen Föde­ra­tion zu stärken. Sorg­fältig orches­triert wurden die Massen­auf­läufe von Gruppen, die dem serbi­schen KP-Chef Slobodan Milošević nahe­standen. Dieser versprach, Serbien wieder zu Kraft und Würde zu verhelfen. Das natio­nale Aufbe­gehren nutzte er für seinen poli­ti­schen Aufstieg. Zwar sind Vergleiche zwischen Miloše­vićs Aufstieg und heutigen Versu­chen andern­orts, „to make xy great again“, unver­meid­lich ahis­to­risch und ober­fläch­lich. Der Blick auf das heutige Serbien kann aller­dings helfen, die Folgen zu ermessen, die das Umsetzen solcher Verspre­chen mit sich bringt. 

Die Nation im Zentrum

“Meeting der Wahr­heit” in den 1980er Jahren; Quelle: carsa.rs

Die 1980er Jahre waren in Serbien von der ökono­mi­schen, sozialen und gesell­schaft­li­chen Krise des jugo­sla­wi­schen Sozia­lismus und damit der Angst vor dem sozialen Abstieg geprägt. Diese Gegen­wart wurde von Histo­ri­kern, Schrift­stel­lern und der Serbisch-Orthodoxen Kirche als Fort­set­zung einer Natio­nal­ge­schichte gewertet, die sie als nicht enden wollenden „Opfer­gang des serbi­schen Volkes“ deuteten. In ihrer Sicht wurde nichts gerin­geres als die Exis­tenz der Serben durch auslän­di­sche Verschwö­rungen und Verräter im Inneren bedroht. Die staat­lich kontrol­lierten Medien popu­la­ri­sierten solche Lesarten; die führende Tages­zei­tung druckte gleich seiten­weise Leser­briefe ab, die in dieselbe Kerbe schlugen. Orches­trierte Echo­kam­mern sind älter als das Web. In ihnen wurde die Nation zur alles bestim­menden Kate­gorie der Wahr­neh­mung; es war, wie der Südost­eu­ro­pa­his­to­riker Holm Sund­haussen das einmal zutref­fend nannte, eine „epis­te­mo­lo­gi­sche Kata­strophe“. Milošević versprach Abhilfe. Die Folgen seiner Lösungs­vor­schläge sind bekannt – Milošević trug entschei­dend zum Ende Jugo­sla­wiens bei. Die Kriege, die er ab 1991 anzet­telte, um aus dem ausein­an­der­fal­lenden Staat zumin­dest ein vergrös­sertes Serbien heraus­zu­schlagen, endeten in Vertrei­bung und Vernichtung. 

Milošević Politik ruinierte aber auch Serbien. Das Land musste die aus anderen Teilen Jugo­sla­wiens geflüch­teten und vertrie­benen Serben unter­bringen und gleich­zeitig mit den Folgen des von der inter­na­tio­nalen Gemein­schaft verhängten Wirt­schafts­em­bargos kämpfen. In der Erin­ne­rung weiter Teile der Bevöl­ke­rung sind die 1990er als Periode von Isola­tion, bitterer Armut und Krimi­na­lität veran­kert. Die Verelen­dung und die verlo­renen Kriege desavou­ierten Milošević, der soziale Gerech­tig­keit und natio­nale Grösse verspro­chen hatte. Doch die natio­na­lis­ti­schen Wunsch­bilder, die ihm den Weg bereitet hatten, über­dau­erten seine Nieder­lage gegen das breite Bündnis „Demo­kra­ti­sche Oppo­si­tion Serbiens“ 2000. Dieses hatte sich nicht zuletzt auf anti­kom­mu­nis­ti­sche Teile des Bürger­tums gestützt. Deren Verständnis von euro­päi­scher Inte­gra­tion – auf der Basis von Natio­nal­staaten – vertiefte sogar die natio­nal­kon­ser­va­tiven Geschichts­bilder aus der Ära Milošević. Dieser hatte die Erzäh­lung vom jugo­sla­wi­schen Parti­sa­nen­auf­stand, der die deut­schen Besatzer 1945 aus dem Land vertrieben und den Sozia­lismus begründet hatte, nie ganz aufge­geben. Nun wurden rechte Denker und Kolla­bo­ra­teure offen reha­bi­li­tiert. Auf den Stras­sen­schil­dern des Landes machten die noch verblie­benen Parti­sa­nen­helden Platz für die Könige des mittel­al­ter­li­chen Serbiens. Zur unge­bro­chenen natio­nalen Selbst­ver­ge­wis­se­rung trug schliess­lich die weit­ver­brei­tete Leug­nung und Rela­ti­vie­rung der in den jugo­sla­wi­schen Zerfalls­kriegen began­genen serbi­schen Kriegs­ver­bre­chen bei. Bis heute findet sich im EU-Beitrittskandidaten nur eine Minder­heit bereit, mit Milošević auch in dieser geschichts- und erin­ne­rungs­po­li­ti­schen Hinsicht zu brechen. 

Serbi­sche Konti­nui­täten und Brüche 

Alek­sandar Vučić (links) am Sarg von Slobodan Milošević, Belgrad 2006; Quelle: vreme.com

An der Macht versuchte die „Demo­kra­ti­sche Oppo­si­tion Serbiens“ unter denkbar schlechten Bedin­gungen, demo­kra­ti­sche Insti­tu­tionen aufzu­bauen und Wirt­schafts­re­formen durch­zu­führen. Die Insti­tu­tionen blieben schwach und die Priva­ti­sie­rung produ­zierte Arbeits­lo­sen­heere und eine neue ökono­mi­sche Elite, deren Korrup­ti­ons­af­fären nie den Epilog vor Gericht fanden. Heute aber wird Serbien wieder von Milošević-Kadern regiert. Seit 2012 heisst der starke Mann des Landes Alek­sandar Vučić. Lange Jahre war er der Gene­ral­se­kretär einer stramm rechten Partei gewesen und hatte in den Neun­zi­gern auch kurz­zeitig als Infor­ma­ti­ons­mi­nister gedient. Sein Partner ist die von Milošević begrün­dete Sozia­lis­ti­sche Partei Serbiens. Vučić hatte es verstanden, sich zu mässigen und sich so einer Viel­zahl an Akteuren als Projek­ti­ons­fläche anzu­bieten. Seinen alten rechten Wählern dient er als Garant für die Stärke Serbiens; regie­rungs­treue Boule­vard­me­dien zeichnen weiterhin das Bild einer gegen Serbien verschwo­renen west­li­chen Welt, feiern Vučić aber gleich­zeitig dafür, das Ansehen Serbiens in der Welt wieder­her­ge­stellt zu haben. Bei seinen Auftritten voll­zieht Vučić denselben ideo­lo­gi­schen Spagat zwischen dem alten, lieb­ge­wonnen Opfer­selbst­ver­ständnis und einem „Aufbruch“. In jeweils drama­ti­schen Worten verkündet er die Wahl zwischen Unter­gang und der Versöh­nung mit den ehema­ligen Kriegs­geg­nern. Nicht zuletzt malt er das Bedro­hungs­sze­nario der Wieder­kehr der „Demo­kraten“. Ihr Schei­tern nährte den Glauben, dass es Vučić besser machen würde. Gerade den Verlie­rern der Priva­ti­sie­rung war der Wohl­stand schluss­end­lich wich­tiger als „Gross­ser­bien“. Oder wie es ein Parla­ments­ab­ge­ord­neter auf den Punkt brachte: „Patrio­tismus lässt sich nicht in die Tanks von Trak­toren füllen.“ 

Die unge­nü­gende Aufar­bei­tung der 1990er Jahre zeigt sich aller­dings nicht nur im Fort­be­stehen natio­nal­kon­ser­va­tiver Milieus, sondern auch in der Bereit­schaft anderer Wähler­schichten, Vučić zu akzep­tieren. Denn zu seiner Mehr­heit verhalf ihm erst das Über­laufen vieler proeu­ro­päi­scher Wähler. Diese erhofften sich von ihm, den von den „Demo­kraten“ nicht bewerk­stel­ligten Beitritt zur Euro­päi­schen Union endlich nach­zu­holen. Zuvor hatten diese Enttäuschten aus Angst vor der Rück­kehr von Miloše­vićs Personal jahre­lang weiterhin für das „demo­kra­ti­sche“ Lager gestimmt. Vučićs Neuerfin­dung als proeu­ro­päi­scher Poli­tiker eröff­nete ihnen neue Optionen. Sein Erfolg illus­triert auch, wie sehr ihre Angst in erster Linie eine vor der Rück­kehr der Sank­tionen und des Elends der Neun­ziger war. Weitaus weniger Wähler stören sich an durch auto­ri­tären und mili­tanten Natio­na­lismus kompro­mit­tierte Biogra­fien. Zwischen­zeit­lich hatten sogar die „Demo­kraten“ mit den Sozia­listen koaliert und dies als histo­ri­sche Versöh­nung insze­niert. Mit anderen Worten: Im Namen der Nation – und der Mehr­heit im Parla­ment wegen – wurde der unver­hoh­lenen Reha­bi­li­tie­rung der Verant­wort­li­chen für die Kriegs- und Elends­po­litik der Neun­ziger Vorschub geleistet. 

Alek­sandar Vučić auf der großen Bühne der euro­päi­schen Politik; Quelle: bundeskanzlerin.de

Heute kann Vučić Erfolge vorweisen, von denen die „Demo­kraten“ lange Jahre geträumt hatten: Die lang ersehnte Aufnahme der Beitritts­ver­hand­lungen zur EU, die Wieder­eröff­nung wich­tiger Kultur­in­sti­tu­tionen oder eine Gay Pride-Parade mit mehr Teil­neh­mern als Poli­zisten. So hält er die Hoff­nung am Leben, dass es nach all der Zeit endlich etwas vorwärts ginge. Auch deswegen ist er der bei weitem belieb­teste Poli­tiker Serbiens. Stolz verweist er heute auf Berichte der Welt­bank und des Inter­na­tio­nalen Währungs­fonds, um seine Erzäh­lung vom nie dage­we­senen wirt­schaft­li­chen Aufschwung zu belegen. Früher hatte Vučić hingegen ein serben­has­sendes Ausland für Probleme aller Art verant­wort­lich gemacht. Von seinen poli­ti­schen Anfängen hat er sich distan­ziert und räumt Fehler ein. Aber die Hinter­las­sen­schaften der Milošević-Zeit gerei­chen ihm weiterhin zum Vorteil. 

Der lange Schatten Miloševićs 

Entgegen seiner Selbst­dar­stel­lung höhlt Vučić die schwach­ge­blie­benen demo­kra­ti­schen Insti­tu­tionen syste­ma­tisch aus. Die aller­meisten Medien werden von der Regie­rung kontrol­liert. Ihre Bericht­erstat­tung ist ein Trom­mel­feuer guter Nach­richten. Oppo­si­ti­ons­par­teien werden nur dann erwähnt, wenn an ihr Schei­tern an der Macht erin­nert werden soll oder sie zu dämo­ni­sieren sind. Vučić hat auch die etablierten Klien­tel­struk­turen des serbi­schen Partei­we­sens fort­ge­führt. Seine „Fort­schritts­partei“ umfasst Schät­zungen zufolge über 600’000 Mitglieder und damit fast ein Zehntel der Bevöl­ke­rung Serbiens. Sie versam­melt verschie­dene Inter­es­sen­gruppen, denen vor allem die Bereit­schaft gemein ist, sich im Wind­schatten der Popu­la­rität des Präsi­denten berei­chern zu wollen. Das ohnehin wenig ange­se­hene Parla­ment wird als Ort der poli­ti­schen Debatte ganz abge­schafft: Die Tages­ord­nung wird mit hunderten von unsin­nigen Geset­zes­än­de­rungs­vor­schlägen geflutet, deren Abar­beiten die für Diskus­sionen vorge­se­hene Zeit auf Kosten der Oppo­si­tion aufbrau­chen soll. Neuer­dings werden sogar Pseudo-Nichtregierungsorganisationen gegründet, die bloss eine weitere Platt­form für Atta­cken gegen die kriti­sche Öffent­lich­keit darstellen – und über die staat­liche Projekt­fi­nan­zie­rung weitere Quellen für die persön­liche Berei­che­rung sicher­stellen. Euro­päi­sche Insti­tu­tionen halten sich demge­gen­über mit Kritik zurück. Sie hoffen darauf, dass der starke Vučić sich eines Tages leisten könnte, die Unab­hän­gig­keit der ehema­ligen serbi­schen Provinz Kosovo anzuerkennen. 

Nicht alle sind begeis­tert: Proteste gegen den Präsi­denten 2017; Quelle: bote.ch

Zeit­weilig konnte Vučić sogar die kritischsten Teile der Öffent­lich­keit für sich einnehmen. Während der 1990er Jahre profi­lierten sich kleine Gruppen mit ihrer kompro­miss­losen Kritik am Natio­na­lismus und Kriegs­po­litik. Heute fordern sie die ehrliche Aufar­bei­tung dieser Vergan­gen­heit ein. Dennoch sahen sogar Vertreter dieses Lagers zeit­weilig in Vučić eine Chance. Von ihm verspra­chen sie sich die Moder­ni­sie­rung Serbiens gegen die Wünsche einer tradi­tio­na­lis­ti­schen Mehr­heit. Auch ihrem Denken hatte Milošević seinen Stempel aufge­drückt. Die Verknüp­fung zwischen Natio­na­lismus und Sozia­lismus liess kriti­schen Milieus die serbi­sche Gegen­wart zuneh­mend als die triste Folge egali­tärer Ideo­lo­gien erscheinen, die dem Land den Weg in eine bürger­liche Moderne versperrt hätten. Aus dieser Warte erschienen radi­kale Markt­re­formen und auto­ri­täres Handeln zumin­dest für eine Weile vertretbar. Tatsäch­lich versprach Vučić, Max Weber zitie­rend, „faule“ Serben zu protes­tan­ti­scher Arbeits­ethik zu erziehen. Was er neben einem beschei­denen Wirt­schafts­wachstum aller­dings vor allem zustande gebracht hat, ist die Schlei­fung der Arbeit­neh­mer­rechte. Die Kritik daran entfaltet nur wenig öffent­liche Wirkung, was nicht nur eine Folge des vom Staat domi­nierten Medi­en­sek­tors ist. 

Es ist die „epis­te­mo­lo­gi­sche Kata­strophe“ des aufge­peitschten Natio­na­lismus der 1980er und 1990er Jahre, die auch hier ihre lang­an­hal­tenden Folgen zeitigt. Die in das Zentrum aller Diskus­sionen gerückte Nation zwingt auch kriti­sche Geister zu der erschöp­fenden Dauer­auf­gabe, weiterhin popu­läre natio­nal­kon­ser­va­tive und auto­ri­täre Vorstel­lungen zurück­zu­weisen. Für die ernst­zu­neh­mende Kritik der Wirtschafts- oder Sozi­al­po­litik fehlt vielen nicht der Wille, sondern die Kompe­tenz oder schlicht die Zeit. Statt­dessen bleiben diese Diskus­sionen auf enge Spezia­lis­ten­zirkel beschränkt. Letzt­end­lich prägt der Natio­na­lismus somit auch das Handeln seiner Kritiker. Zwar inter­es­siert sich im armen Serbien die Bevöl­ke­rung Umfragen zufolge bren­nend für soziale Themen, doch die wenigen oppo­si­tio­nellen Medien verstehen es vor allem, skan­dal­träch­tige Einzel­fälle der beis­senden Kritik zu unter­ziehen. Viele Ankün­di­gungen der Regie­rung können sie hingegen bloss kommen­tarlos doku­men­tieren. Auch deswegen ist Vučićs Propa­ganda so wirksam. Die Parteien, die während der Neun­ziger und heute wieder die Oppo­si­tion bilden, verraten eben­falls die Spuren vergan­gener Zeiten. Sie verglei­chen Vučić mit Milošević und versu­chen so selbst­ge­fällig an ihre alten Glanz­zeiten anzu­knüpfen. Da dies nur wenige Wähler über­zeugt, setzen sie umso eher auf die natio­nale Karte. Bereits in den Neun­zi­gern hatten Teile der demo­kra­ti­schen Oppo­si­tion Milošević vorge­worfen, nur unzu­rei­chend die serbi­schen Inter­essen zu vertei­digen. Heute halten sie Vučić vor, die Aner­ken­nung eines unab­hän­gigen Kosovos vorzu­be­reiten. Das aktuell wich­tigste Oppo­si­ti­ons­bündnis umfasst auch eine aus einer kleri­kal­fa­schis­ti­schen Orga­ni­sa­tion hervor­ge­gan­gene Partei. Möglich wird diese Politik nicht zuletzt durch die in der jüngeren serbi­schen Vergan­gen­heit voll­zo­gene Norma­li­sie­rung extremster Formen des Natio­na­lismus. Wenn sich das „Volk“ erst einmal „ereignet hat“, verschwindet es nicht mehr so schnell von der Bildfläche.

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  • Andrej Marković ist Doktorand an der Abteilung für Osteuropäische Geschichte des Historischen Seminars der Universität Zürich. Er forscht zur Geschichte des sozialistischen Jugoslawiens.