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Videoes­says: Zeigen als Intervention

Geschichte der Gegenwart 
Videoes­says: Zeigen als Intervention
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Das zweite Impeachment-Verfahren gegen den ehema­ligen Präsi­denten Donald Trump wurde am 9. Februar 2021 mit einer Zeugen­aus­sage eröffnet, die umso mehr Aufmerk­sam­keit auf sich zog, als sie nicht etwa von einer der anwe­senden Personen, sondern viel­mehr in Form eines Videos vorge­bracht wurde. Gezeigt wurde eine drei­zehn­mi­nü­tige Montage aus Pres­se­auf­nahmen, vor allem aber aus Clips, welche die Trump-Anhänger:innen von sich selbst und ihrem Angriff aufs Kapitol am 6. Januar 2021 aufge­nommen und anschlie­ßend auf der Online­platt­form Parler geteilt hatten. Drei­zehn Minuten gesam­meltes audio­vi­su­elles Mate­rial, das in seiner Zusam­men­stel­lung nicht nur die Gefähr­lich­keit der Kapitol-Stürmer, sondern auch den direkten Zusam­men­hang zwischen Trumps Agita­tion und der eska­lie­renden Gewalt seiner Anhänger:innen eindrück­lich zeigte.

Damit war dieses Video weit mehr als nur ein Beweis­mittel – es war eine Argu­men­ta­ti­ons­stra­tegie in audio­vi­su­eller Form. Auf Twitter teilte kurz darauf der Filme­ma­cher Kevin B. Lee den Hinweis eines Freundes, dass mit diesen drei­zehn Minuten mögli­cher­weise erst­mals ein Videoessay den Verlauf der Geschichte der USA bestimmen werde. Jedoch fügte Kevin B. Lee die Frage an, ob es sich denn hier tatsäch­lich um einen Videoessay handelte. Tatsäch­lich ist die Frage brisanter als man denkt und das Impeachment-Video ein idealer Anlass, um sich grund­sätz­liche Gedanken zu machen über das noch junge, aber bereits äußerst einfluss­reiche mediale Format Videoessay – über seine Möglich­keiten und die Verant­wor­tung, die es mit sich bringt.

Das Mate­rial spricht

Gemeinhin versteht man unter dem Sammel­be­griff Videoessay digi­tale Videos von begrenzter Länge, die beispiels­weise einen Spiel­film in Form von Ausschnitten analy­sieren, indem sie diese neu montieren, kommen­tieren oder mit erläu­ternden Sche­mata versehen. Das Format, das seit gut fünf­zehn Jahren auf Video­platt­formen wie Youtube oder Vimeo Furore macht, kann dabei von einem mit Bildern verse­henen münd­li­chen Vortrag bis zu einer ganz ohne Kommentar auskom­menden Clip-Zusammenstellung, einem soge­nannten Supercut, reichen. Gemein ist allen Spiel­arten des Videoes­says aber wohl, dass sie sich fremdes multi­me­diales Mate­rial aneignen und es nicht nur zur Illus­tra­tion zeigen, sondern es viel­mehr zum Argu­ment machen wollen. Videoes­says, so könnte man sagen, lassen nicht nur die Quellen spre­chen, sondern wollen vorführen, wie diese sich selbst analysieren.

Die bewegten Bilder sind also nicht nur Unter­su­chungs­ob­jekt, sondern werden selber zum wissen­schaft­li­chen Werk­zeug, das neues Wissen gene­riert. Zusätz­lich revo­lu­tionär ist daran, dass dieses Werk­zeug nicht mehr nur einem engen Kreis zur Verfü­gung steht. Die direkten Vorbilder der heutigen Video-Essayist:innen wie etwa Agnès Varda, Chris Marker, Jean-Luc Godard, Harun Farocki oder Hartmut Bitomsky hatten als profes­sio­nelle Film­schaf­fende über­haupt erst Zugriff auf Kame­raap­pa­rate, Monta­ge­technik und Archiv­ma­te­rial. Im Zuge der Digi­ta­li­sie­rung hat sich das unter­dessen weit­ge­hend demo­kra­ti­siert: Wir alle tragen mit unseren Smart­phones zugleich auch ganze Fern­seh­stu­dios in unseren Hosen­ta­schen herum, inklu­sive hoch­auf­lö­sender Kamera, Schnitt­soft­ware und Vorführ­gerät. Wer Videoes­says machen will, kann jetzt gleich anfangen.

Umso merk­wür­diger ist es, dass trotz dieser prin­zi­pi­ellen Offen­heit die Vorstel­lung davon, was Videoes­says seien, bislang noch ziem­lich eng ist. Immer noch verstehen die meisten unter Videoes­says flotte Erklär­vi­deos, in denen Film­fans vorführen, was sie alles wissen. Das Poten­tial des Videoes­says geht jedoch weit darüber hinaus, nur eine Fort­set­zung der Film­kritik mit neuen audio­vi­su­ellen Mitteln zu sein.

Verstri­ckungen zeigen

Kevin B. Lee, Trans­for­mers the Premake; Screenshot

Bereits der erwähnte Kevin B. Lee, der mit seinen über 360 Videoes­says für diverse Film- und Streaming-Plattformen wie kaum ein anderer für das Aufkommen des Formats verant­wort­lich ist, hatte weit Größeres im Sinn, als nur ange­eig­netes Film­wissen vorzu­führen. In seinem mehr­fach ausge­zeich­neten „Trans­for­mers The Premake“ von 2014 wird die Benut­zer­ober­fläche seines Compu­ters zugleich zur Bühne und zum Aufnah­me­gerät, um zu doku­men­tieren, wie die Fans der Actionfilm-Franchise „Trans­for­mers“ ihre Aufnahmen von Dreh­orten ins Netz stellen, die wiederum von der Marke­ting­ab­tei­lung der Film­stu­dios geblockt werden, und was passiert, wenn Holly­wood seine Blockbuster-Produktion nach China verlegt. Ohne münd­li­chen Kommentar, allein mittels seiner Aktionen auf Streaming-Plattformen, Sharing-Sites und der eigenen Fest­platte führt Lee dabei die komplexen Verstri­ckungen von globaler Indus­trie und natio­naler Politik, von Fankultur und prekären Arbeits­ver­hält­nissen, von Copyright-Verfolgung, Open Access, Geld­strömen, Wissens­ge­sell­schaft und staat­li­cher Kontrolle vor.

Der Spiel­film „Trans­for­mers 4“ ist dabei selber gar nicht mehr von Inter­esse, sondern viel­mehr jene Globa­li­sie­rungs­ef­fekte für die der Film zugleich Symptom und Treiber ist. Dabei macht uns Lees Film aber auch das Dilemma klar, dass sich bei dieser Analyse welt­um­span­nender Zusam­men­hänge gar keine Außen­po­si­tion mehr einnehmen lässt. Auch darum ist das videoes­say­is­ti­sche Verfahren, das zu unter­su­chende Mate­rial direkt in den eigenen Essay einzu­bauen so plau­sibel: Die Videoes­says sind mit ihren eigenen Seh- und Arbeits­ma­schinen ja sowieso immer schon selbst in das verwi­ckelt, was sie unter­su­chen wollen. In den Chips meines eigenen Compu­ters stecken eben­jene Rohstoffe, deren Raubbau und damit einher­ge­hende Ausbeu­tung von Arbeits­kräften ich auf dem Bild­schirm nach­zu­voll­ziehen versuche.

Bilder deuten – Netnographie

Im besten Falle unter­su­chen Videoes­says somit geschicht­liche Zusam­men­hänge und gegen­wär­tige Zustände nicht etwa, indem sie sich auf einen angeb­lich unbe­tei­ligten Beob­ach­tungsort zurück­ziehen, sondern viel­mehr indem sie ihre eigene Posi­tion mit behan­deln. Wahr­schein­lich kommt solch tastende Selbst­re­fle­xi­vität den komplexen Verhält­nissen, in denen wir uns befinden, deut­lich näher als eine abge­klärte Repor­tage, die das zu Unter­su­chende in einen flüs­sigen Text über­setzt und damit ausdeutet.

Chloé Galibert-Laîné, Foren­sick­ness; Screenshot

In den videoes­say­is­ti­schen Analysen der fran­zö­si­schen Filme­ma­cherin und Medi­en­wis­sen­schaft­lerin Chloé Galibert-Laîné zu unserem Online-Verhalten, macht sich die Forscherin beispiels­weise immer auch selbst zum Teil der Unter­su­chung. In ihrem letzt­jäh­rigen „Foren­sick­ness“ zeichnet sie nach, wie in der Folge des Anschlags auf den Boston Mara­thon 2013 in News­groups darum gewett­ei­fert wurde, auf den Bildern von Fern­seh­sta­tionen und Über­wa­chungs­ka­meras die Schul­digen ausfindig zu machen. Dieser digital befeu­erte Deutungs­wahn entpuppt sich bei Galibert-Laîné als neuer Normal­zu­stand im Netz. Die Mischung aus nicht zu sätti­gender Sensa­ti­ons­lust und dem Ohnmachts­ge­fühl, dass das nur einen Klick entfernte heikle Mate­rial schon längst unsere Seh- und Versteh­fä­hig­keiten über­steigt, macht wilde Analytiker:innen und Sofa-Detektive aus uns allen. „Netno­gra­phie“ – so bezeichnet Chloé Galibert-Laîné die neue Forschungs­dis­zi­plin, die sie mit ihren Videoes­says entwi­ckelt: Die Erfor­schung mensch­li­chen Verhal­tens unter den audio­vi­su­ellen Bedin­gungen des Internet. Und sie zeigt uns dabei, dass wir bei unserem alltäg­li­chen Wühlen in den digi­talen Archiven der Gegen­wart mehr über uns selbst heraus­finden, als uns lieb sein kann.

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Das wäre denn auch der Unter­schied zwischen den selbst­hin­ter­fra­genden Arbeiten Galibert-Laînés und dem Monta­ge­video aus dem Impeachment-Prozess: Die Frage nämlich, was es bedeutet, dass es ja die Angreifer selber waren, die das Bild­ma­te­rial zu ihrer Verur­tei­lung lieferten und was es über die eigenen Selbst­bilder und Wahr­neh­mungs­ver­schie­bungen verrät, dass sie sich vor ihren Smart­pho­ne­ka­meras wie die fiktio­nalen Figuren eines Action­films insze­nierten –all das wurde im Impeachment-Video nicht thema­ti­siert. Es ist aber etwas, was in Zukunft zu unter­su­chen wäre bei der erneuten Durch­sicht des Parler-Videomaterials – viel­leicht in videoes­say­is­ti­scher Form.

Verdrängtes sehen

Wo die Montage aus dem Impeach­ment immer schon weiß, worauf sie hinaus­will, verstehen sich Videoes­says weniger als fertige Analysen, sondern viel­mehr als Forschung in Aktion. Genau das macht sie auch für den Unter­richt so inter­es­sant, nicht nur zur Wissens­ver­mitt­lung, sondern vor allem auch als Labor, in dem Lehrende und Lernenden auf Augen­höhe zusam­men­ar­beiten können, um gemein­same Videoes­says zu machen. Wie thema­tisch viel­fältig und aktuell brisant das sein kann, was bei dieser audio­vi­su­ellen Forschung heraus­kommt, zeigt sich wenn man sich etwa die heraus­ra­genden Videoessays-Bestenlisten des letzten Jahres anschaut oder jüngst die Black Lives Matter Video Essay Play­list, die mitt­ler­weile bereits über 130 Titel umfasst.

Cydnii Wilde Harris, „Cotton – The Fabric of Geno­cide“; Screenshot

Eines der Videos „Cotton – The Fabric of Geno­cide“ von Cydnii Wilde Harris (welche die Play­list auch gemeinsam mit Will DiGravio und Kevin B. Lee kuriert hat) darf bereits als Klas­siker gelten: In gerade mal vier Minuten demon­tiert Wilde Harris kolo­nia­lis­ti­sche Geschichts­ver­klä­rung und zeigt Baum­woll­in­dus­trie und Skla­verei als einander gegen­seitig bedin­gende Systeme. Und dies allein, indem sie einen süßli­chen Doku­men­tar­film von 1938 über die ameri­ka­ni­sche Baum­woll­pro­duk­tion mit Szenen aus Steve McQueens „12 Years a Slave“ (2013) gegen­schneidet. Wenn sie anschlie­ßend Mate­rial aus heutigen Werbe­filmen für Baum­woll­pro­dukte einblendet, hat das einen radi­kalen Effekt: Wie in einem Vexier­bild wird schlag­artig nicht nur eine ganze Geschichte der Ausbeu­tung, sondern auch deren syste­ma­ti­sche Verdrän­gung im Bewusst­sein der weißen Konsum­ge­sell­schaft sichtbar. Plötz­lich sehen wir, was an histo­ri­schen Zusam­men­hängen in diesen Werbe­bil­dern immer schon drin­steckte, als Verheimlichtes.

Die Geschichte der Baum­wolle nicht mehr nur als Para­de­bei­spiel für ein Gefüge von Mensch, Technik, Natur, Waren­zir­ku­la­tion und Finanz­strömen, sondern endlich auch als ein „Gefüge von Gewalt“ zu verstehen, hat jüngst die Medi­en­wis­sen­schaft­lerin Ulrike Berger­mann vorge­schlagen. Cydnii Wilde Harris reißt dieses Gewebe auf, indem sie sich als schwarze Videoes­say­istin in dessen weiße Bild­welten hinein­be­gibt und sie von innen her sprengt. Sie führt damit exem­pla­risch vor, was bell hooks einmal als „oppo­si­tio­nellen Blick“ beschrieben hat: Einen Blick, der die domi­nanten Bild­welten der weißen Männer nicht einfach verwirft, sondern sich diese viel­mehr aneignet, sie ausein­an­der­nimmt und gegen ihre eigene inten­dierte Funk­tion in Stel­lung bringt. Der oppo­si­tio­nelle Blick macht damit in den Bildern einer Kultur gerade das sichtbar, was diese hatten aussparen wollen. Das wäre keine schlechte Absichts­er­klä­rung für Videoes­says schlechthin und dafür, was ihr Beitrag zu einer Geschichts­schrei­bung der Gegen­wart sein müsste.