„Großfamilien“, „Banden“, „Parallelgesellschaften“: Bei der Wahl von Synonymen für Clans zeigen sich nicht nur Boulevardmedien wenig wählerisch. Oft ist von „Mitgliedern“ die Rede wie bei einem Verein, mal auch von „Aussteigern“ wie bei einer Sekte. Doch das vorherrschende Bild ist das von mafiösen Netzwerken. Diese hätten von unscheinbaren Wettbüros, Shisha-Bars und Kiosken aus in deutschen Städten bedrohliche Untergrundenklaven jenseits der rechtsstaatlichen Ordnung errichtet, in denen archaische Prinzipien aus fremden Kulturen und überwunden geglaubten Zeiten wiederaufleben.
Von dieser Rahmenerzählung scheint sich inzwischen ein ganzer Zweig des Journalismus zu nähren. Dabei machen Straftaten, die mal mehr und mal weniger plausibel Clans zugerechnet werden, weniger als 0,2 Prozent des für 2022 erfassten Kriminalitätsaufkommens aus. Längst hat die Debatte eine Verlaufsdynamik entwickelt, wie sie etwa von der Panik vor angeblichen satanischen Netzwerken bekannt ist, die in den 1980er Jahren in den Vereinigten Staaten grassierte und jüngst in der Schweiz wiederaufzukommen scheint. Eine besorgte Öffentlichkeit, eine aufgeschreckte Politik, eine unter Druck gesetzte Polizei und auf starke Kauf- und Klickanreize abstellende Medien bestärken sich wechselseitig in ihrem Alarmismus. Der Diskurs löst sich von der Realität und verweist auf sich selbst.
Verfangen im Dauerstreit um Sicherheits-, Zuwanderungs- und Integrationspolitik verleitet die Debatte zu vielen lautstarken, dabei oft kenntnisarmen Meinungen. Obwohl so viel über Clans gesprochen wird wie wohl nie zuvor, lässt sich kein substanzieller Zuwachs an Wissen über diese Form sozialer Verwandtschaft wahrnehmen.
Daran ändert auch die Kritik nicht viel, die sich an der Clan-Panik artikuliert. Sie beanstandet Clan-Reportagen als suggestiv, die polizeiliche Kategorie der „Clan-Kriminalität“ als stigmatisierend, Forderungen nach repressiver Verfolgung als populistisch und landläufige Stereotype als latent rassistisch. Diese Kritik trifft zu, löst sich aber ihrerseits nicht aus dem normativen Debattenrahmen. Sie bleibt daher merkwürdig losgelöst von der wissenschaftlichen Diskussion, die mit dem Clan-Begriff andere Probleme verbindet als Stigmatisierung oder Populismus.
Keine Relikte aus überkommenen Zeiten
Gängige Definitionen beschreiben Clans als Verwandtschaftsgruppen, deren Angehörige annehmen, von gemeinsamen Vorfahren abzustammen. Ob diese Vorfahren tatsächlich gelebt haben oder aber Sagen und Mythen entsprungen sind, lässt sich meist nicht verlässlich klären. Für die Funktionalität eines Clans ist es nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass sich die Angehörigen mit ihm identifizieren.
Diese Form menschlicher Gemeinschaftsbildung existiert seit frühgeschichtlichen Zeiten. In vielen Lebenssituationen bedurften Menschen einer Gruppe, die größer ist als eine Familie oder ein Dorf. Clans boten eine Unterstützungsstruktur zwischen Personen, die mitunter weit voneinander entfernt lebten und ihre sonstigen Zugehörigkeiten dafür nicht aufzugeben brauchten. Archaisch sind Clans deshalb aber nicht. Jedenfalls nicht mehr oder weniger, als es die Familie oder die Ehe ist. Denn wie diese Institutionen, haben sie sich im Laufe der Jahrhunderte an veränderte gesellschaftliche, politische und kulturelle Realitäten angepasst.
Seit westliche Gesellschaften meinen, modern geworden zu sein, verbinden sie Clans vorwiegend mit nichtwestlichen Kulturen. Und weil sie nichtwestliche Kulturen häufig als zeitlich stagnierend missverstehen, gelten auch Clans vielen als etwas Rückständiges. Um ein soziales Phänomen zu erklären, ist „rückständig“ allerdings keine belastbare Beurteilungskategorie. Sie verweist eher auf ein Wahrnehmungsmuster, das in koloniale Denkweisen verstrickt ist: „Wir“ leben im Hier und Jetzt, „die Anderen“ im Dort und Damals. Einer bequemen Illusion kultureller Überlegenheit mag dieser Mythos zuträglich sein. Dem Verständnis der Realität ist er es nicht.
Das Eigene im Fremden
Der Begriff geht auf das gälische „Clann“ und das altirische „Cland“ zurück. Reiseberichte machten ihn in der Frühen Neuzeit in anderen Teilen Europas bekannt. Seine Übertragung auf andere Szenarien setzte spätestens Ende des 18. Jahrhunderts ein. Historiker beschrieben Oberschichten in mittelalterlichen Hansestädten als Clans. Ethnologen identifizierten Clans in Afrika, Asien, den Amerikas, Australien und Ozeanien. Soziologen verallgemeinerten Clans zu einem Universalprinzip gesellschaftlicher Organisation.
Um das Konzept aus dem schottisch-irischen Herkunftskontext zu lösen, hat der US-amerikanische Anthropologe Lewis Henry Morgan in den 1870er Jahren den Begriff „Gens“ als Alternative eingeführt. Dieser Schritt hat nur wenig Anschluss gefunden, allerdings großen Einfluss auf die Gesellschaftstheorie von Friedrich Engels ausgeübt. Engels machte den Gens-Begriff produktiv, um Gemeinsamkeiten zwischen den Kelten der Eisenzeit, dem antiken Griechenland und den Irokesen beziehungsweise Haudenosaunee in Nordamerika zu identifizieren. So ließen sich Elemente des Eigenen im vermeintlich Fremden zeigen. Wer von den konstitutiven Merkmalen ausgeht, die einen Clan beziehungsweise eine Gens ausmachen, kann Gemeinsamkeiten etwa zwischen den Sieben Adelshäusern von Brüssel, den 17 Bemdzabuko der Swazi im südlichen Afrika oder den fünf Moitie der Omaha in Nordamerika erkennen – und so Grundlegendes darüber lernen, wie soziale Systeme funktionierten.
Erzählungen zur sozialen Ortsbestimmung
Jeder Clan tradiert eine Herkunftsgeschichte, die von den Gründungsvorfahren und von bedeutenden Ereignissen handelt. Es sind Erzählungen, die zum Nachdenken über die Conditio humana einladen. Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Herkunftsgeschichten stellen den beunruhigenden Unwägbarkeiten des Lebens geordnete Kontinuität gegenüber. Die Identifikation mit einer solchen Geschichte kann helfen, den eigenen Ort in einer unübersichtlichen Welt zu bestimmen.
Neben der Herkunftsgeschichte wird in Clans Wissen über Abstammungsfolgen weitergegeben – häufig unter Angehörigen verschiedener Abstammungslinien. Viele Clans erweisen sich genau besehen als Cluster solcher Abstammungslinien, die sich einst zusammengetan haben. Ihre Stammbäume helfen, im Ringen um tonangebende Positionen konkurrierende Ansprüche zu untermauern oder zu entkräften.
Mit der mal mündlichen, mal schriftlichen Tradierung betrauen viele Clans offizielle Geschichtsexperten. Denn Genealogien können kompliziert sein, ihre korrekte Darstellung ist mühselig. So gab es bei den Haudenosaunee das Amt eines Erzählers, der bei der Einführung eines neuen Clanoberhaupts eine Lobrede auf alle fünfzig Gründungsahnen des Irokesenbunds vorzutragen hatte.
Fiktive Genealogien
Die Zugehörigkeit zu einem Clan konnte handfeste Vorteile mit sich bringen. Auf dem Goldenen Stuhl im Aschanti-Reich durfte nur sitzen, wer dem Oyoko-Clan angehörte. Neben solchen Führungspositionen konnten sich auch Erbrechte sowie der Zugriff auf begehrte Berufe und militärische Eliteränge aus Clan-Zugehörigkeit ableiten.
Je größer die Vorteile, die sich mit einer herausgehobenen Stellung in einem Clan verbinden, desto stärker das Interesse der Aspiranten, sich als legitime Nachfolger der Gründungsvorfahren auszuweisen. Herkunftsgeschichten sind daher hoch anfällig für Manipulationen. Durch immer neue Auslassungen, Hinzufügungen und andere Veränderungen wandeln sie sich im Laufe der Zeit zu Mythohistorien beziehungsweise fiktiven Genealogien, grob vergleichbar mit der Nibelungensage.
Um Abstammungsfolgen auf legale beziehungsweise sozial akzeptierte Weise zu verändern, sind in vielen Clans Adoptionen gängig. Dabei bedeutet „Adoption“ nur selten die Aufnahme verwaister Kinder, sondern meist – wie beim adoptatio und adrogatio im Römischen Recht – die Herstellung von Verwandtschaft zwischen zuvor nicht verwandten Personen aus strategischen Absichten: eine Allianz stärken, die Gefolgschaft vergrößern, einen Pakt schließen, die Erbfolge steuern und dergleichen mehr.
Veränderlich sind auch die Verhältnisse, in die Clans eingelassen sind und die ihre Bindungskraft bestimmen. Parteien und Bewegungen, Bruderschaften und Geheimgesellschaften, Vereine und Kirchenchöre und Jugendorganisationen: Immer gibt es auch andere Optionen, dazu zu gehören. In urbanen Räumen prägen Clans soziale Zugehörigkeiten tendenziell weniger stark als auf dem Land, weil eine Stadtgesellschaft gewöhnlich mehr Alternativen bietet.
Historisch haben Prozesse der Nationenbildung die Bedeutung von Clans in vielen Gesellschaften abgeschwächt. Doch wo eine Nation ihre zugehörigkeitsstiftende Kraft verliert, können Clans auch an Gewicht gewinnen. Sowohl in Syrien als auch in Somalia gingen Staatszerfall und Bürgerkrieg in der jüngeren Geschichte mit einem Bedeutungszuwachs von Clans einher. Und wo Imperien als Herrschaftstechnik eine ethnische Differenzierung der Bevölkerung betrieben haben, wie beispielsweise die Sowjetunion in Zentralasien oder Großbritannien in Nigeria, stehen Clans in einem oft komplizierten Verhältnis zu ethnischen Affinitäten.
Konnotationen von Primitivität, Rückständigkeit und Kriminalität
Weitere Charakteristika von Clans ließen sich ergänzen. Doch an der hier umrissenen Weise, den Begriff auf verschiedene Weltregionen und Epochen anzuwenden, entzündet sich auch Kritik. Nicht zufällig kam sie um 1960 auf, in der Hochphase der Dekolonisationsdynamik. Um Clans als etwas Universelles beschreiben zu können, muss der Begriff vergleichsweise grob definiert werden. Doch grobe Definitionen lassen Phänomene weniger komplex erscheinen, als sie es sind. Da die Forschung überwiegend Clans in nichtwestlichen Gesellschaften untersucht hat, konnte der Eindruck entstehen, diese seien weniger komplex als westliche Gesellschaften. Von diesem Eindruck aus ist es zur Abwertung als „primitiv“ nicht weit.
Problemverschärfend kam hinzu: Seit dem späten 19. Jahrhundert haben Wissenschaftler wie der genannte Engels oder der irische Anthropologe Henry Sumner Maine den Begriff in evolutionistische Stufenmodelle integriert. So betrachtet galten Clans als Ausweis einer niederen Entwicklungsstufe sozialer Systeme. Dieses Stufendenken haben weite Teile der Forschung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Produkt eurozentrischer Selbstüberhöhung verworfen. Manche sahen den Clan-Begriff so tief darin verstrickt, dass sie ihn gleich mit verwerfen wollten. Als Alternativen eingeführte Umschreibungen wie „Gruppe mutmaßlicher gemeinsamer Abstammung“ klangen allerdings umständlich und warfen Abgrenzungsprobleme auf.
Ebenfalls in den 1960er Jahren setzte in der westlichen Populärkultur die Verknüpfung von Clans mit Kriminalität ein. Nach dem Erfolg des Gangsterfilms Le clan des Siciliens von 1969 begannen Zeitungen und Zeitschriften, kriminelle Banden als Clans zu umschreiben. „Dynasty“, eine der erfolgreichsten US-Fernsehserien der 1980er Jahre, lief in der Bundesrepublik unter dem Titel Der Denver-Clan und handelt von Intrigen und zweifelhaften Geschäften einer patriarchal geführten Unternehmerfamilie. Computerspiele wie Clash of Clans präsentieren Clans als Kriegergruppen. In der Alltagssprache haften diese Konnotationen dem Clan-Begriff stark an.
Kein Clan ist so, wie Theorien Clans beschreiben
Für die Fachsprache ergaben sich zusätzliche Schwierigkeiten. Im Zuge der um 1980 geführten Debatten um eine postkoloniale Neuausrichtung der Sozial- und Kulturanthropologie setzte sich der Standpunkt durch, dass Gesellschaften am präzisesten aus ihren eigenen Begriffen heraus verstanden werden können. Doch häufig gibt es in deren Sprachen kein Wort für „Clan“. Die Kachin in den Bergen des nördlichen Myanmars beispielsweise unterscheiden soziale Zugehörigkeiten nach Gruppen, die unter einem Dach leben (htinggaw), die dieselbe Feuerstelle nutzen (dap), die eine Familie bilden (nta masha), die durch gemeinsame Herkunft „verbrüdert“ sind (kahpukanau), die zum gleichen „Zweig“ gehören (lakung) oder die von der gleichen „Sorte“ sind (amyu). Wer einen dieser Begriffe mit „Clan“ übersetzt, stiftet eher Missverständnisse als Klarheit.
Nicht nur in diesem Fall findet sich das, was Lehrbücher als „Clans“ beschreiben, in der empirisch beobachtbaren Realität nicht eins zu eins wieder. Immer wieder stießen Forscherinnen und Forscher anstatt der erwarteten Clanstrukturen auf andere Verwandtschaften, die alltägliche Lebenszusammenhänge stärker prägen. Um ein dynamisches Kontinuum sozialer Verwandtschaften und Zugehörigkeiten zu beschreiben, erwies sich der Clan-Begriff als zu starr.
Könnte es sogar sein, dass es in Wirklichkeit gar keine Clans gibt? Dass die Wissenschaften in ihrem Klassifizierungseifer eine abstrakte Kategorie erdacht haben, die allein in Theorien und Diskursen existieren kann, aber an der Konfrontation mit der Realität scheitern muss? Forschungen über Gesellschaft und Kultur haben schon so manche einstigen Gewissheiten korrigieren müssen, etwa über „Menschenrassen“ oder über „Stämme“ in Afrika, die genau besehen von Kolonialbeamten erfunden worden sind.
Wie man verwandt sein kann
Die geballten Probleme werfen die Frage auf, ob es sich überhaupt lohnt, am Clan-Begriff festzuhalten. Eine abwägende Antwort lautet: Ja – sofern man ihn als Modell begreift und nicht mehr von ihm erwartet, als er leisten kann. Ein Modell reduziert die Komplexität der Wirklichkeit, um ihre Grundzüge greifbar zu machen. Weil Modell und Wirklichkeit nicht identisch sein können, verhält es sich mit keinem Clan exakt so, wie Theorien Clans beschreiben.
So verstanden kann der Clan-Begriff durchaus helfen, sich in den komplexen Landschaften sozialer Verwandtschaften, Zugehörigkeiten und Affinitäten zu orientieren. Doch je näher in eine solche Landschaft hineingezoomt wird, desto stärker greifen die Vorteile kontextspezifischer Eigenbezeichnungen. Wie man verwandt sein kann, das lässt sich aus der Binnensicht einer Gesellschaft besser verstehen als mit einem universalistischen Dachkonzept.
Auch aus einem weiteren Grund hat es der Begriff zunehmend schwer. Etwa seit der Jahrtausendwende interessiert sich die Wissenschaft mehr für Praktiken und Emotionen, die Verwandtschaften begründen, als für Organisationsprinzipien wie Abstammung. Denn das Bewusstsein, dazu zu gehören, stellt sich nicht einfach beim Betrachten eines Stammbaums ein. Es geht aus dem Umgang mit vertrauten Menschen in vertrauten Umgebungen hervor. Um dem auf die Spur zu kommen, beobachten viele Forscherinnen und Forscher Orte, an denen Menschen Zugehörigkeitsbeziehungen eingehen: in der Wohnung oder im Vereinsheim, an der Feuerstelle oder in der Fankurve, am Arbeitsplatz oder im Proberaum. Für diesen Beobachtungsmodus ist der Clan-Begriff nicht besonders produktiv.
Womöglich bieten sich hier Anknüpfungspunkte auch für den Journalismus. Als Alternative zur suggestiven „Clan-Reportage“ könnten von Neugier geleitete Ortserkundungen etwa in einer Sisha-Bar oder einem Kiosk vielschichtigere Perspektiven auf den urbanen Alltag entwerfen – und dabei auch überraschende Wahlverwandtschaften zutage fördern.
Vielen Dank Herr Schürmann,
Ihr Beitrag war für mich Fortbildung im besten Sinne.
Viele Grüße
Matthias Vollstedt