Noch nie wurde so viel über Clans gesprochen. Doch die politisch verengte Debatte verstellt den Blick auf die tieferliegenden Probleme des Begriffs. Was kann er heute noch erklären?

  • Felix Schürmann

    Felix Schürmann ist Historiker mit Schwerpunkten in der Geschichte Afrikas, der maritimen Geschichte, der Umweltgeschichte und der Geschichte globaler Verflechtungen. Aktuell forscht er über die Geschichte von Rubondo Island (Tansania), der ersten Naturschutzinsel in Afrika. Neuere Veröffentlichungen: „The Grey Undercurrent: Whalers and Littoral Societies at the Deep Beaches of Africa" (2023), „Jenseits des Terrazentrismus: Kartographien der Meere und die Herausbildung der globalen Welt" (hrsg. mit Iris Schröder und Wolfgang Struck, 2022).

„Groß­fa­mi­lien“, „Banden“, „Paral­lel­ge­sell­schaften“: Bei der Wahl von Synonymen für Clans zeigen sich nicht nur Boule­vard­me­dien wenig wähle­risch. Oft ist von „Mitglie­dern“ die Rede wie bei einem Verein, mal auch von „Ausstei­gern“ wie bei einer Sekte. Doch das vorherr­schende Bild ist das von mafiösen Netz­werken. Diese hätten von unschein­baren Wett­büros, Shisha-Bars und Kiosken aus in deut­schen Städten bedroh­liche Unter­grun­d­en­klaven jenseits der rechts­staat­li­chen Ordnung errichtet, in denen archai­sche Prin­zi­pien aus fremden Kulturen und über­wunden geglaubten Zeiten wiederaufleben.

Von dieser Rahmen­er­zäh­lung scheint sich inzwi­schen ein ganzer Zweig des Jour­na­lismus zu nähren. Dabei machen Straf­taten, die mal mehr und mal weniger plau­sibel Clans zuge­rechnet werden, weniger als 0,2 Prozent des für 2022 erfassten Krimi­na­li­täts­auf­kom­mens aus. Längst hat die Debatte eine Verlaufs­dy­namik entwi­ckelt, wie sie etwa von der Panik vor angeb­li­chen sata­ni­schen Netz­werken bekannt ist, die in den 1980er Jahren in den Verei­nigten Staaten gras­sierte und jüngst in der Schweiz wieder­auf­zu­kommen scheint. Eine besorgte Öffent­lich­keit, eine aufge­schreckte Politik, eine unter Druck gesetzte Polizei und auf starke Kauf- und Klickan­reize abstel­lende Medien bestärken sich wech­sel­seitig in ihrem Alar­mismus. Der Diskurs löst sich von der Realität und verweist auf sich selbst.

Verfangen im Dauer­streit um Sicherheits-, Zuwanderungs- und Inte­gra­ti­ons­po­litik verleitet die Debatte zu vielen laut­starken, dabei oft kennt­nis­armen Meinungen. Obwohl so viel über Clans gespro­chen wird wie wohl nie zuvor, lässt sich kein substan­zi­eller Zuwachs an Wissen über diese Form sozialer Verwandt­schaft wahrnehmen.

Daran ändert auch die Kritik nicht viel, die sich an der Clan-Panik arti­ku­liert. Sie bean­standet Clan-Reportagen als suggestiv, die poli­zei­liche Kate­gorie der „Clan-Kriminalität“ als stig­ma­ti­sie­rend, Forde­rungen nach repres­siver Verfol­gung als popu­lis­tisch und land­läu­fige Stereo­type als latent rassis­tisch. Diese Kritik trifft zu, löst sich aber ihrer­seits nicht aus dem norma­tiven Debat­ten­rahmen. Sie bleibt daher merk­würdig losge­löst von der wissen­schaft­li­chen Diskus­sion, die mit dem Clan-Begriff andere Probleme verbindet als Stig­ma­ti­sie­rung oder Populismus.

Keine Relikte aus über­kom­menen Zeiten

Gängige Defi­ni­tionen beschreiben Clans als Verwandt­schafts­gruppen, deren Ange­hö­rige annehmen, von gemein­samen Vorfahren abzu­stammen. Ob diese Vorfahren tatsäch­lich gelebt haben oder aber Sagen und Mythen entsprungen sind, lässt sich meist nicht verläss­lich klären. Für die Funk­tio­na­lität eines Clans ist es nicht entschei­dend. Entschei­dend ist, dass sich die Ange­hö­rigen mit ihm identifizieren.

Diese Form mensch­li­cher Gemein­schafts­bil­dung exis­tiert seit früh­ge­schicht­li­chen Zeiten. In vielen Lebens­si­tua­tionen bedurften Menschen einer Gruppe, die größer ist als eine Familie oder ein Dorf. Clans boten eine Unter­stüt­zungs­struktur zwischen Personen, die mitunter weit vonein­ander entfernt lebten und ihre sons­tigen Zuge­hö­rig­keiten dafür nicht aufzu­geben brauchten. Archa­isch sind Clans deshalb aber nicht. Jeden­falls nicht mehr oder weniger, als es die Familie oder die Ehe ist. Denn wie diese Insti­tu­tionen, haben sie sich im Laufe der Jahr­hun­derte an verän­derte gesell­schaft­liche, poli­ti­sche und kultu­relle Reali­täten angepasst.

Seit west­liche Gesell­schaften meinen, modern geworden zu sein, verbinden sie Clans vorwie­gend mit nicht­west­li­chen Kulturen. Und weil sie nicht­west­liche Kulturen häufig als zeit­lich stagnie­rend miss­ver­stehen, gelten auch Clans vielen als etwas Rück­stän­diges. Um ein soziales Phänomen zu erklären, ist „rück­ständig“ aller­dings keine belast­bare Beur­tei­lungs­ka­te­gorie. Sie verweist eher auf ein Wahr­neh­mungs­muster, das in kolo­niale Denk­weisen verstrickt ist: „Wir“ leben im Hier und Jetzt, „die Anderen“ im Dort und Damals. Einer bequemen Illu­sion kultu­reller Über­le­gen­heit mag dieser Mythos zuträg­lich sein. Dem Verständnis der Realität ist er es nicht.

Das Eigene im Fremden

Der Begriff geht auf das gäli­sche „Clann“ und das altiri­sche „Cland“ zurück. Reise­be­richte machten ihn in der Frühen Neuzeit in anderen Teilen Europas bekannt. Seine Über­tra­gung auf andere Szena­rien setzte spätes­tens Ende des 18. Jahr­hun­derts ein. Histo­riker beschrieben Ober­schichten in mittel­al­ter­li­chen Hanse­städten als Clans. Ethno­logen iden­ti­fi­zierten Clans in Afrika, Asien, den Amerikas, Austra­lien und Ozea­nien. Sozio­logen verall­ge­mei­nerten Clans zu einem Univer­sal­prinzip gesell­schaft­li­cher Organisation.

Um das Konzept aus dem schottisch-irischen Herkunfts­kon­text zu lösen, hat der US-amerikanische Anthro­po­loge Lewis Henry Morgan in den 1870er Jahren den Begriff „Gens“ als Alter­na­tive einge­führt. Dieser Schritt hat nur wenig Anschluss gefunden, aller­dings großen Einfluss auf die Gesell­schafts­theorie von Fried­rich Engels ausgeübt. Engels machte den Gens-Begriff produktiv, um Gemein­sam­keiten zwischen den Kelten der Eisen­zeit, dem antiken Grie­chen­land und den Irokesen bezie­hungs­weise Haude­no­saunee in Nord­ame­rika zu iden­ti­fi­zieren. So ließen sich Elemente des Eigenen im vermeint­lich Fremden zeigen. Wer von den konsti­tu­tiven Merk­malen ausgeht, die einen Clan bezie­hungs­weise eine Gens ausma­chen, kann Gemein­sam­keiten etwa zwischen den Sieben Adels­häu­sern von Brüssel, den 17 Bemdza­buko der Swazi im südli­chen Afrika oder den fünf Moitie der Omaha in Nord­ame­rika erkennen – und so Grund­le­gendes darüber lernen, wie soziale Systeme funktionierten.

Sie können uns unter­stützen, indem Sie diesen Artikel teilen: 

Erzäh­lungen zur sozialen Ortsbestimmung

Jeder Clan tradiert eine Herkunfts­ge­schichte, die von den Grün­dungs­vor­fahren und von bedeu­tenden Ereig­nissen handelt. Es sind Erzäh­lungen, die zum Nach­denken über die Conditio humana einladen. Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Herkunfts­ge­schichten stellen den beun­ru­hi­genden Unwäg­bar­keiten des Lebens geord­nete Konti­nuität gegen­über. Die Iden­ti­fi­ka­tion mit einer solchen Geschichte kann helfen, den eigenen Ort in einer unüber­sicht­li­chen Welt zu bestimmen.

Neben der Herkunfts­ge­schichte wird in Clans Wissen über Abstam­mungs­folgen weiter­ge­geben – häufig unter Ange­hö­rigen verschie­dener Abstam­mungs­li­nien. Viele Clans erweisen sich genau besehen als Cluster solcher Abstam­mungs­li­nien, die sich einst zusam­men­getan haben. Ihre Stamm­bäume helfen, im Ringen um tonan­ge­bende Posi­tionen konkur­rie­rende Ansprüche zu unter­mauern oder zu entkräften.

Mit der mal münd­li­chen, mal schrift­li­chen Tradie­rung betrauen viele Clans offi­zi­elle Geschichts­experten. Denn Genea­lo­gien können kompli­ziert sein, ihre korrekte Darstel­lung ist mühselig. So gab es bei den Haude­no­saunee das Amt eines Erzäh­lers, der bei der Einfüh­rung eines neuen Clano­ber­haupts eine Lobrede auf alle fünfzig Grün­dungs­ahnen des Iroke­sen­bunds vorzu­tragen hatte.

Fiktive Genea­lo­gien

Die Zuge­hö­rig­keit zu einem Clan konnte hand­feste Vorteile mit sich bringen. Auf dem Goldenen Stuhl im Aschanti-Reich durfte nur sitzen, wer dem Oyoko-Clan ange­hörte. Neben solchen Führungs­po­si­tionen konnten sich auch Erbrechte sowie der Zugriff auf begehrte Berufe und mili­tä­ri­sche Elite­ränge aus Clan-Zugehörigkeit ableiten.

Je größer die Vorteile, die sich mit einer heraus­ge­ho­benen Stel­lung in einem Clan verbinden, desto stärker das Inter­esse der Aspi­ranten, sich als legi­time Nach­folger der Grün­dungs­vor­fahren auszu­weisen. Herkunfts­ge­schichten sind daher hoch anfällig für Mani­pu­la­tionen. Durch immer neue Auslas­sungen, Hinzu­fü­gungen und andere Verän­de­rungen wandeln sie sich im Laufe der Zeit zu Mytho­his­to­rien bezie­hungs­weise fiktiven Genea­lo­gien, grob vergleichbar mit der Nibelungensage.

Um Abstam­mungs­folgen auf legale bezie­hungs­weise sozial akzep­tierte Weise zu verän­dern, sind in vielen Clans Adop­tionen gängig. Dabei bedeutet „Adop­tion“ nur selten die Aufnahme verwaister Kinder, sondern meist – wie beim adopt­atio und adro­gatio im Römi­schen Recht – die Herstel­lung von Verwandt­schaft zwischen zuvor nicht verwandten Personen aus stra­te­gi­schen Absichten: eine Allianz stärken, die Gefolg­schaft vergrö­ßern, einen Pakt schließen, die Erbfolge steuern und derglei­chen mehr.

Verän­der­lich sind auch die Verhält­nisse, in die Clans einge­lassen sind und die ihre Bindungs­kraft bestimmen. Parteien und Bewe­gungen, Bruder­schaften und Geheim­ge­sell­schaften, Vereine und Kirchen­chöre und Jugend­or­ga­ni­sa­tionen: Immer gibt es auch andere Optionen, dazu zu gehören. In urbanen Räumen prägen Clans soziale Zuge­hö­rig­keiten tenden­ziell weniger stark als auf dem Land, weil eine Stadt­ge­sell­schaft gewöhn­lich mehr Alter­na­tiven bietet.
Histo­risch haben Prozesse der Natio­nen­bil­dung die Bedeu­tung von Clans in vielen Gesell­schaften abge­schwächt. Doch wo eine Nation ihre zuge­hö­rig­keits­stif­tende Kraft verliert, können Clans auch an Gewicht gewinnen. Sowohl in Syrien als auch in Somalia gingen Staats­zer­fall und Bürger­krieg in der jüngeren Geschichte mit einem Bedeu­tungs­zu­wachs von Clans einher. Und wo Impe­rien als Herr­schafts­technik eine ethni­sche Diffe­ren­zie­rung der Bevöl­ke­rung betrieben haben, wie beispiels­weise die Sowjet­union in Zentral­asien oder Groß­bri­tan­nien in Nigeria, stehen Clans in einem oft kompli­zierten Verhältnis zu ethni­schen Affinitäten.

Konno­ta­tionen von Primi­ti­vität, Rück­stän­dig­keit und Kriminalität

Weitere Charak­te­ris­tika von Clans ließen sich ergänzen. Doch an der hier umris­senen Weise, den Begriff auf verschie­dene Welt­re­gionen und Epochen anzu­wenden, entzündet sich auch Kritik. Nicht zufällig kam sie um 1960 auf, in der Hoch­phase der Deko­lo­ni­sa­ti­ons­dy­namik. Um Clans als etwas Univer­selles beschreiben zu können, muss der Begriff vergleichs­weise grob defi­niert werden. Doch grobe Defi­ni­tionen lassen Phäno­mene weniger komplex erscheinen, als sie es sind. Da die Forschung über­wie­gend Clans in nicht­west­li­chen Gesell­schaften unter­sucht hat, konnte der Eindruck entstehen, diese seien weniger komplex als west­liche Gesell­schaften. Von diesem Eindruck aus ist es zur Abwer­tung als „primitiv“ nicht weit.

Problem­ver­schär­fend kam hinzu: Seit dem späten 19. Jahr­hun­dert haben Wissen­schaftler wie der genannte Engels oder der irische Anthro­po­loge Henry Sumner Maine den Begriff in evolu­tio­nis­ti­sche Stufen­mo­delle inte­griert. So betrachtet galten Clans als Ausweis einer niederen Entwick­lungs­stufe sozialer Systeme. Dieses Stufen­denken haben weite Teile der Forschung in der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts als Produkt euro­zen­tri­scher Selbst­über­hö­hung verworfen. Manche sahen den Clan-Begriff so tief darin verstrickt, dass sie ihn gleich mit verwerfen wollten. Als Alter­na­tiven einge­führte Umschrei­bungen wie „Gruppe mutmaß­li­cher gemein­samer Abstam­mung“ klangen aller­dings umständ­lich und warfen Abgren­zungs­pro­bleme auf.

Eben­falls in den 1960er Jahren setzte in der west­li­chen Popu­lär­kultur die Verknüp­fung von Clans mit Krimi­na­lität ein. Nach dem Erfolg des Gangs­ter­films Le clan des Sici­liens von 1969 begannen Zeitungen und Zeit­schriften, krimi­nelle Banden als Clans zu umschreiben. „Dynasty“, eine der erfolg­reichsten US-Fernsehserien der 1980er Jahre, lief in der Bundes­re­pu­blik unter dem Titel Der Denver-Clan und handelt von Intrigen und zwei­fel­haften Geschäften einer patri­ar­chal geführten Unter­neh­mer­fa­milie. Compu­ter­spiele wie Clash of Clans präsen­tieren Clans als Krie­ger­gruppen. In der Alltags­sprache haften diese Konno­ta­tionen dem Clan-Begriff stark an.

Kein Clan ist so, wie Theo­rien Clans beschreiben

Für die Fach­sprache ergaben sich zusätz­liche Schwie­rig­keiten. Im Zuge der um 1980 geführten Debatten um eine post­ko­lo­niale Neuaus­rich­tung der Sozial- und Kultur­anthro­po­logie setzte sich der Stand­punkt durch, dass Gesell­schaften am präzi­sesten aus ihren eigenen Begriffen heraus verstanden werden können. Doch häufig gibt es in deren Spra­chen kein Wort für „Clan“. Die Kachin in den Bergen des nörd­li­chen Myan­mars beispiels­weise unter­scheiden soziale Zuge­hö­rig­keiten nach Gruppen, die unter einem Dach leben (htin­ggaw), die dieselbe Feuer­stelle nutzen (dap), die eine Familie bilden (nta masha), die durch gemein­same Herkunft „verbrü­dert“ sind (kahpu­kanau), die zum glei­chen „Zweig“ gehören (lakung) oder die von der glei­chen „Sorte“ sind (amyu). Wer einen dieser Begriffe mit „Clan“ über­setzt, stiftet eher Miss­ver­ständ­nisse als Klarheit.

Nicht nur in diesem Fall findet sich das, was Lehr­bü­cher als „Clans“ beschreiben, in der empi­risch beob­acht­baren Realität nicht eins zu eins wieder. Immer wieder stießen Forsche­rinnen und Forscher anstatt der erwar­teten Clan­struk­turen auf andere Verwandt­schaften, die alltäg­liche Lebens­zu­sam­men­hänge stärker prägen. Um ein dyna­mi­sches Konti­nuum sozialer Verwandt­schaften und Zuge­hö­rig­keiten zu beschreiben, erwies sich der Clan-Begriff als zu starr.

Könnte es sogar sein, dass es in Wirk­lich­keit gar keine Clans gibt? Dass die Wissen­schaften in ihrem Klas­si­fi­zie­rungs­eifer eine abstrakte Kate­gorie erdacht haben, die allein in Theo­rien und Diskursen exis­tieren kann, aber an der Konfron­ta­tion mit der Realität schei­tern muss? Forschungen über Gesell­schaft und Kultur haben schon so manche eins­tigen Gewiss­heiten korri­gieren müssen, etwa über „Menschen­rassen“ oder über „Stämme“ in Afrika, die genau besehen von Kolo­ni­al­be­amten erfunden worden sind.

Wie man verwandt sein kann

Die geballten Probleme werfen die Frage auf, ob es sich über­haupt lohnt, am Clan-Begriff fest­zu­halten. Eine abwä­gende Antwort lautet: Ja – sofern man ihn als Modell begreift und nicht mehr von ihm erwartet, als er leisten kann. Ein Modell redu­ziert die Komple­xität der Wirk­lich­keit, um ihre Grund­züge greifbar zu machen. Weil Modell und Wirk­lich­keit nicht iden­tisch sein können, verhält es sich mit keinem Clan exakt so, wie Theo­rien Clans beschreiben.

So verstanden kann der Clan-Begriff durchaus helfen, sich in den komplexen Land­schaften sozialer Verwandt­schaften, Zuge­hö­rig­keiten und Affi­ni­täten zu orien­tieren. Doch je näher in eine solche Land­schaft hinein­ge­zoomt wird, desto stärker greifen die Vorteile kontext­spe­zi­fi­scher Eigen­be­zeich­nungen. Wie man verwandt sein kann, das lässt sich aus der Binnen­sicht einer Gesell­schaft besser verstehen als mit einem univer­sa­lis­ti­schen Dachkonzept.

Auch aus einem weiteren Grund hat es der Begriff zuneh­mend schwer. Etwa seit der Jahr­tau­send­wende inter­es­siert sich die Wissen­schaft mehr für Prak­tiken und Emotionen, die Verwandt­schaften begründen, als für Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zi­pien wie Abstam­mung. Denn das Bewusst­sein, dazu zu gehören, stellt sich nicht einfach beim Betrachten eines Stamm­baums ein. Es geht aus dem Umgang mit vertrauten Menschen in vertrauten Umge­bungen hervor. Um dem auf die Spur zu kommen, beob­achten viele Forsche­rinnen und Forscher Orte, an denen Menschen Zuge­hö­rig­keits­be­zie­hungen eingehen: in der Wohnung oder im Vereins­heim, an der Feuer­stelle oder in der Fankurve, am Arbeits­platz oder im Probe­raum. Für diesen Beob­ach­tungs­modus ist der Clan-Begriff nicht beson­ders produktiv.

Womög­lich bieten sich hier Anknüp­fungs­punkte auch für den Jour­na­lismus. Als Alter­na­tive zur sugges­tiven „Clan-Reportage“ könnten von Neugier gelei­tete Orts­er­kun­dungen etwa in einer Sisha-Bar oder einem Kiosk viel­schich­ti­gere Perspek­tiven auf den urbanen Alltag entwerfen – und dabei auch über­ra­schende Wahl­ver­wandt­schaften zutage fördern.