„Du bist ein Versager“ ist eine Beleidigung, die tief sitzt, ein vernichtendes Urteil. Wer versagt hat, hat das eigene Leben verfehlt; wer versagt hat, ist unfähig, das zu leisten, was allen anderen Menschen scheinbar mühelos gelingt. Es steckt in diesem Satz die Annahme, dass sich im Versagen der angesprochenen Person Bahn gebrochen hat, was ohnehin nicht zu vermeiden war, dass in ihm eine ganz grundlegende Unzulänglichkeit offensichtlich geworden ist, die weit über einen bloßen Fehler oder ein bloßes Missgeschick hinausgeht. Weil es eine derart fundamentale Infragestellung der anderen Person bedeutet, ihr ein Versagen zu attestieren, tritt die Zuschreibung oft eher als Selbst- denn als Fremdbezichtigung auf und wird meist nur in privaten Kontexten überhaupt ausgesprochen.
Bei aller Brutalität des Urteils aber gehört das Versagen doch unumstößlich zum Repertoire moderner Modi des Misslingens. Dass es für einen Menschen generell möglich ist, zu versagen, erscheint uns heute selbstverständlich – dabei ist die Vorstellung historisch überraschend jung. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts findet sich der Begriff in seiner heute geläufigsten Bedeutung von „nicht das Erwartete leisten“ in deutschsprachigen Wörterbüchern. Trübners Deutsches Wörterbuch zum Beispiel vermerkt in der Ausgabe von 1956 beinahe überrascht, man könne Menschen mittlerweile als Versager bezeichnen. Biografisches Versagen ist also eine durch und durch moderne Erfindung – an der sich ablesen lässt, wie stigmatisiert es in modernen kapitalistischen Gesellschaften ist, nicht angemessen zu ‚funktionieren‘, auch wenn die Wurzeln dieser Denkfigur bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen.
Rohrkrepierer und andere Nichtzünder
In seiner Grundbedeutung von „nicht zu dienste sein, dienst verweigern“ ist das Verb „versagen“ schon im Mittelhochdeutschen gebräuchlich. Es kann dort außerdem ein allgemeineres Verwehren im Sinne eines Abschlagens oder Verweigerns („jemandem etwas versagen“) oder, meist als reflexives Verb, ein Entsagen („sich etwas versagen“) meinen. Die Bedeutung „Dienst verweigern“ bildet Mitte des 19. Jahrhunderts das semantikgeschichtliche Bindeglied, aus dem heraus sich allmählich auch „versagen“ als intransitives Verb entwickelt, das kein Objekt mehr benötigt. Verwendet wird es zunächst hauptsächlich im technischen Bereich, nämlich immer dann, wenn eine Gerätschaft ihren Dienst versagt, ohne dass sich genau nachvollziehen ließe, warum dies geschieht.
Eines der frühesten und anschaulichsten Beispiele stellt dabei das Versagen einer Waffe dar. Ein versagender Schuss – ein „Versager“ – wird zwar korrekt ausgelöst, die Kugel verlässt den Gewehrlauf aber dennoch nicht oder nicht mit der zu erwartenden Kraft. Solche Rohrkrepierer, wie man Versager vor allem im Kontext der Artillerie auch nennt, ließen sich bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein relativ problemlos auf Fehler bei der Handhabung zurückführen, die zumeist entweder mit dem komplexen Zündsystem der Waffen oder mit Problemen bei der Aufbewahrung zu tun hatten. Mit der Entwicklung von Waffen mit Innenzündern, die wesentlich leichter zu bedienen waren als alle Vorläufermodelle, konnten solche aus fehlerhafter Handhabung resultierende Versager gegen Ende des 19. Jahrhunderts fast vollständig ausgemerzt werden. Die versagenden Schüsse allerdings, die dennoch zu konstatieren waren, warfen nun ein ganz neues Problem auf: Wenn Bedienungsfehler so gut wie ausgeschlossen sind, wenn die Schuld also nicht mehr bei den Nutzenden zu suchen, sondern in der im Gewehr verbauten Zündung zu vermuten ist, lässt sich kein unmittelbar nachvollziehbarer Grund für das Versagen von Schüssen mehr feststellen. Etwas innerhalb der Waffe funktioniert ganz ohne Vorwarnung nicht wie erwartet, und selbst wenn sich im Nachhinein – etwa indem man die Waffe in ihre Einzelteile zerlegt – vielleicht herausfinden ließe, wie es zum Versagen eines Schusses gekommen sein kann, lässt sich das doch unmittelbar nicht mehr erkennen.
Aus dieser spezifisch ballistischen Verwendungsweise entwickelt sich bald ein Ausdruck, der einer weiter gefassten technologischen Entwicklung Rechnung trägt. Versager gibt es nun überall dort, wo es auch einen Zünder gibt (etwa in der Spreng- oder Beleuchtungstechnik), und wenig später auch überall dort, wo man im übertragenen Sinne von einem Zünder spricht, um den Zusammenhang zwischen Energieaufwand und Wirkung begreifbar zu machen. In Medikamentenstudien beispielsweise geht man davon aus, dass der Wirkstoff im Körper aktiv wird, sozusagen zündet – tut er das nicht, spricht man auch hier von einem Versager, einer versagenden Pille.
Verpuffte Energie
Gemeinsam ist all diesen Verwendungsweisen die Vorstellung einer Energiesuspension, einer aus dem Gleichgewicht geratenen Ökonomie der Kräfte, innerhalb derer Versagen das Schreckgespenst absoluter Ineffizienz verkörpert. Das Gewehr zum Beispiel wird ja ausgelöst, es wird ein bestimmter Energiebetrag aufgewandt, um eine im Voraus genau berechenbare Wirkung zu erzeugen – und dennoch tritt sie nicht ein. Die Denkfigur des Versagens wurzelt demnach in einem sehr spezifischen wissensgeschichtlichen Diskurs, der eng mit den damals bahnbrechenden Erkenntnissen der Thermodynamik verknüpft ist, wie sie der Physiker Hermann von Helmholtz 1847 in seinem Allgemeinen Energieerhaltungssatz formuliert hat. Er besagt, dass Energie in einem abgeschlossenen System nicht wächst oder schwindet, sondern summarisch gleichbleibt und bei konstantem Gesamtbetrag lediglich wechselnde Formen annimmt.
Das Phänomen des Versagens hingegen scheint dieser Gesetzmäßigkeit zu widersprechen: Versagt wird in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vornehmlich überall dort, wo man den Energieinput innerhalb eines Systems für signifikant höher hält als den Energieoutput, überall dort, wo Energie vermeintlich verlorengeht, wo sie augenscheinlich einfach verpufft. Versagen beschreibt also das unerwartete und unerklärliche Nichteintreten einer eigentlich zu erwartenden Leistung, einen Ausfall innerhalb einer angenommenen Kausalkette – und damit ein Nichtfunktionieren, das nicht auf sichtbare äußere Ursachen zurückzuführen ist, sondern vielmehr aus einem dem Gerät oder der Konstruktion inhärenten Mangel resultiert. Oder anders formuliert: Ein Versagen zeigt einen Fehler im System an.
Menschliche Totalausfälle
Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts sickert die Vorstellung eines Versagens allmählich auch in die Human- und Lebenswissenschaften ein, die zu dieser Zeit von einer stark mechanistischen Sicht auf den Menschen geprägt sind. Die Grundannahme in Disziplinen wie der Arbeitswissenschaft oder der frühen Psychoanalyse lautet vereinfacht ausgedrückt, dass auch der Mensch als energetisches System zu verstehen sei, das analog zu einer Maschine funktioniert – oder eben nicht funktioniert. „Versagen“ bezieht sich hier nicht mehr auf einen technischen Vorgang, sondern auf Vorgänge im menschlichen Körper. In der Nervenheilkunde und der Psychoanalyse etwa beginnt man in Bezug auf organisch gesunde männliche Patienten, die unter Erektionsstörungen oder Impotenz leiden, von einem sexuellen Versagen zu sprechen. Ähnlich wie in der Ballistik oder in der Sprengtechnik geht man auch hier davon aus, dass Energie auf unerklärliche Weise verlorengeht, und dass die Ursachen dafür auf einen „Fehler im System“ zurückzuführen seien.
Es ist schließlich die Pädagogik, die den Begriff des Versagers zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch als eine Bezeichnung für einen Menschen, ja für einen ganzen Sozialtypus etabliert: Ein Versager, das ist jemand, der nicht „zündet“, und hier konkret ein (männlicher) Schüler, der die Erwartungen seiner Eltern und Lehrer nicht erfüllt. Die Figur des Schulversagers zeigt auch, wie sehr sich das soziale Urteil eines Versagens an gesellschaftlichen Erwartungshaltungen bemisst, die historisch und individuell variabel sein können. Als Schulversager werden im pädagogischen Diskurs des frühen 20. Jahrhunderts nämlich gerade nicht die Kinder bezeichnet, die aufgrund von körperlichen, geistigen oder sozialen Beeinträchtigungen nicht in der Lage sind, die für die jeweilige Klassenstufe geforderten schulischen Leistungen zu erbringen, sondern (wie im Übrigen bis heute) diejenigen, die das Erwartete allem Anschein nach durchaus leisten könnten – es aber dennoch nicht tun. Auch im Schulversager spiegelt sich damit die Vorstellung eines auf den ersten Blick unerklärlichen Totalausfalls, dessen Ursachen den Betroffenen selbst eingeschrieben zu sein scheinen. „Funktionsunfähig“ ist hier nun nicht mehr ein einzelnes Körperteil, sondern das ganze Kind, und dies so unwiderruflich, dass der Naturheilkundler Sebastian Kneipp schon 1903 mutmaßt, die „Versager des späteren Lebens“ offenbarten sich bereits in der Schule.
Versagen als soziobiografische Beschreibungskategorie
Die von Wissensfeldern wie der Thermodynamik stark geprägte Annahme, die Leistungsfähigkeit eines Menschen lasse sich analog zu einem technischen Gerät beschreiben, unterwirft das Subjekt um 1900 also einer bis dato ungekannten Logik des Funktionierens, deren blinder Fleck das Versagen darstellt. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beginnt sich das Versagen schließlich zu der soziobiografischen Beschreibungskategorie zu entwickeln, die wir heute kennen. Dabei fällt das Nichterfüllen von Erwartungen mit dem Nichterreichen von gesellschaftlich vorgegebenen Zielen in eins: Gemeint ist mit einem Versagen mittlerweile meist keine einzelne nichterbrachte Leistung mehr, sondern eine viel grundlegendere Enttäuschung gesellschaftlicher Maßgaben, ein Unterschreiten der diffusen Anforderung, ein gelungenes Leben zu führen. Eine missglückte Prüfung allein macht noch keine Versager*innen; Versagen endet nicht, es meint ein Fehlschlagen in kontinuierlicher Wiederholung.
Damit steht es im auffälligen Kontrast zur Idee eines schönen Scheiterns, über das in den letzten drei Jahrzehnten, ausgehend von der Startup-Kultur des Silicon Valley, ein ausgelassener Diskurs entstanden ist. An einem Scheitern, so suggerieren es zumindest zahlreiche Selbsthilfebücher und TED-Talks, kann man immer wachsen. Diese Rede von einem Scheitern als Chance basiert auf einem zutiefst neoliberalen Subjektentwurf, dem der Soziologe Ulrich Bröckling mit Das unternehmerische Selbst eine einflussreiche Studie gewidmet hat. Er beschreibt darin ein etwa seit den 1980er Jahren geltendes sozioökonomisches Leitbild, das dazu auffordert, sich zu jedem Zeitpunkt und in allen Lebenslagen als CEO der eigenen Ich-AG zu begreifen, sein Selbst vor der Folie unternehmerischen Handelns zu modellieren. Erfolge werden dann meist als Resultate harter Arbeit und guten Selbstmanagements betrachtet – und Scheitern im Umkehrschluss als individueller Fehler, aus dem sich bei einem nächsten Versuch lernen lässt. Selbst das Scheitern, von dem man eigentlich annehmen dürfte, es stelle den irreduziblen Endpunkt innerhalb jedweder Produktivmachungslogik dar, wird somit ökonomisiert und in die Wertschöpfungskette neoliberaler Subjektkonstitution eingespeist. Während das Scheitern also längst zu einer erfolgversprechenden Angelegenheit geworden zu sein scheint, füllt das Versagen die begriffliche Leerstelle, die das nunmehr positiv umgedeutete Scheitern in unserem Sprachgebrauch hinterlassen hat: als Bezeichnung für eine wirklich durch und durch negative, das Subjekt in seinen Grundfesten erschütternde Form des Nichterreichens.
Nicht fortschreiten (wollen)
Was es allerdings genau bedeutet, im Leben zu versagen, ist alles andere als klar. Objektive Kriterien dafür, ab wann ein Mensch als Versager*in bezeichnet werden kann, gibt es nicht. Beim Versagen als einem sozialen Urteil handelt es sich deshalb nie um eine absolute Tatsache, sondern immer um eine relative Zuschreibung, die sich in gewisser Weise performativ vollzieht: Wichtig ist nicht, ob sie wahr oder falsch ist (denn das lässt sich ohnehin nie mit Sicherheit feststellen), sondern ob sie erfolgt oder nicht erfolgt. Dass es so schwer ist, biografisches Versagen eindeutig zu definieren, liegt zum einen daran, dass es sich (ähnlich wie schon das Schulversagen) nur in Abhängigkeit vom zuvor Erwarteten beschreiben lässt, das je nach kulturellem und sozialem Hintergrund sehr unterschiedlich sein kann. Es liegt andererseits aber auch daran, dass moderne Modelle biografischen Gelingens auf einem ursprünglich aufklärerischen Fortschrittskonzept beruhen, das sein eigenes Ziel im Fortschreiten selbst sieht, ohne dass sich ein allgemeingültiger Endpunkt des Strebens benennen ließe. Selbst für ein gelungenes Leben gibt es also keine klaren Kriterien, abgesehen von der impliziten Maßgabe, nicht stehenzubleiben. Versagensverdächtig wäre ein Mensch demzufolge, wenn eine zu erwartende biografische Entwicklung aus unklaren Gründen nicht eintritt, wenn er also nicht fortschreitet, beruflich wie privat nicht aufsteigt.
Solche Diagnosen eines biografischen Versagens basieren damit auf einer ideologischen Setzung, die alles andere als selbstverständlich ist. Denn ob die ‚versagende‘ Person die an sie gerichteten Erwartungen überhaupt erfüllen möchte, ob sie überhaupt will, was sie wollen soll (Beruf, Geld, Partner*in), steht selten zur Debatte. Das auf Fortschreiten fokussierte Konzept eines modernen Lebenslaufs, in dem es stets neue Ziele zu erreichen gilt, geht schlicht von der Annahme aus, dass das Fortschrittsstreben in einem solchen Maße eine anthropologische Konstante darstelle, dass (individuelle, berufliche) Entwicklung unhinterfragt und immer gewollt sein müsse. Dass genau diese Dimension des Wollens oder vielmehr des Nichtwollens, ja des Widerständigen im Versagen ursprünglich durchaus mitgedacht war, deutet schon die Semantikgeschichte des Wortes an: In seiner ursprünglichen Verwendungsweise transportiert es einen Widerwillen, ein Abschlagen oder ein Verwehren („den Dienst verweigern“). Aus unserem heutigen Verständnis eines (biografischen) Versagens ist diese Bedeutungsdimension jedoch vollständig verschwunden: Versagen meint kein Nicht-Wollen, sondern ein Nicht-Können.
In ihrer Verknüpfung mit gesellschaftlichen Leistungserwartungen und Vorstellungen von einem guten, erfolgreichen Leben erzählt die Erfindung des Versagens damit nicht zuletzt auch die Geschichte einer Stigmatisierung: einer Stigmatisierung all derjenigen, die Fortschreiten nicht als Selbstzweck betrachten, die Zweifel am sogenannten guten Leben anmelden, die sich nicht unaufhörlich verbessern wollen. Dass die Vorstellung eines Versagens, die aus den mechanistischen Diskursen des späten 19. Jahrhunderts stammt, heute einen so großen Einfluss auf das Selbstbild vieler Menschen hat, ist deshalb nur folgerichtig: Erst in der Gegenwart, vor dem Hintergrund der neoliberalen Ideologie eines unternehmerischen Selbst, kann sie sich voll entfalten.
Sehr erhellende Anlyse. Wäre spannend, den Begriff noch mit den englischen Begriffen Loser und Failure in Beziehung zu setzen