Die Vorstellung, dass Menschen versagen können, ist in unserem kulturellen Imaginären fest verankert. Historisch betrachtet ist sie jedoch sehr jung – und transportiert ein Menschenbild aus dem 19. Jahrhundert.

  • Nora Weinelt

    Nora Weinelt ist Akademische Rätin a. Z. am Lehrstuhl für Vergleichende Literaturwissenschaft / Europäische Literaturen der Universität Augsburg. 2025 erschien ihr Buch „Versagen“ im Verlag Matthes & Seitz.
Geschichte der Gegenwart
Geschichte der Gegenwart 
#Versagen
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„Du bist ein Versager“ ist eine Belei­di­gung, die tief sitzt, ein vernich­tendes Urteil. Wer versagt hat, hat das eigene Leben verfehlt; wer versagt hat, ist unfähig, das zu leisten, was allen anderen Menschen scheinbar mühelos gelingt. Es steckt in diesem Satz die Annahme, dass sich im Versagen der ange­spro­chenen Person Bahn gebro­chen hat, was ohnehin nicht zu vermeiden war, dass in ihm eine ganz grund­le­gende Unzu­läng­lich­keit offen­sicht­lich geworden ist, die weit über einen bloßen Fehler oder ein bloßes Miss­ge­schick hinaus­geht. Weil es eine derart funda­men­tale Infra­ge­stel­lung der anderen Person bedeutet, ihr ein Versagen zu attes­tieren, tritt die Zuschrei­bung oft eher als Selbst- denn als Fremd­be­zich­ti­gung auf und wird meist nur in privaten Kontexten über­haupt ausgesprochen. 

Bei aller Bruta­lität des Urteils aber gehört das Versagen doch unum­stöß­lich zum Reper­toire moderner Modi des Miss­lin­gens. Dass es für einen Menschen gene­rell möglich ist, zu versagen, erscheint uns heute selbst­ver­ständ­lich – dabei ist die Vorstel­lung histo­risch über­ra­schend jung. Erst Mitte des 20. Jahr­hun­derts findet sich der Begriff in seiner heute geläu­figsten Bedeu­tung von „nicht das Erwar­tete leisten“ in deutsch­spra­chigen Wörter­bü­chern. Trüb­ners Deut­sches Wörter­buch zum Beispiel vermerkt in der Ausgabe von 1956 beinahe über­rascht, man könne Menschen mitt­ler­weile als Versager bezeichnen. Biogra­fi­sches Versagen ist also eine durch und durch moderne Erfin­dung – an der sich ablesen lässt, wie stig­ma­ti­siert es in modernen kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaften ist, nicht ange­messen zu ‚funk­tio­nieren‘, auch wenn die Wurzeln dieser Denk­figur bis ins 19. Jahr­hun­dert zurückreichen.

Rohr­kre­pierer und andere Nichtzünder

In seiner Grund­be­deu­tung von „nicht zu dienste sein, dienst verwei­gern“ ist das Verb „versagen“ schon im Mittel­hoch­deut­schen gebräuch­lich. Es kann dort außerdem ein allge­mei­neres Verwehren im Sinne eines Abschla­gens oder Verwei­gerns („jemandem etwas versagen“) oder, meist als refle­xives Verb, ein Entsagen („sich etwas versagen“) meinen. Die Bedeu­tung „Dienst verwei­gern“ bildet Mitte des 19. Jahr­hun­derts das seman­tik­ge­schicht­liche Binde­glied, aus dem heraus sich allmäh­lich auch „versagen“ als intran­si­tives Verb entwi­ckelt, das kein Objekt mehr benö­tigt. Verwendet wird es zunächst haupt­säch­lich im tech­ni­schen Bereich, nämlich immer dann, wenn eine Gerät­schaft ihren Dienst versagt, ohne dass sich genau nach­voll­ziehen ließe, warum dies geschieht.

Eines der frühesten und anschau­lichsten Beispiele stellt dabei das Versagen einer Waffe dar. Ein versa­gender Schuss – ein „Versager“ – wird zwar korrekt ausge­löst, die Kugel verlässt den Gewehr­lauf aber dennoch nicht oder nicht mit der zu erwar­tenden Kraft. Solche Rohr­kre­pierer, wie man Versager vor allem im Kontext der Artil­lerie auch nennt, ließen sich bis in die zweite Hälfte des 19. Jahr­hun­derts hinein relativ problemlos auf Fehler bei der Hand­ha­bung zurück­führen, die zumeist entweder mit dem komplexen Zünd­system der Waffen oder mit Problemen bei der Aufbe­wah­rung zu tun hatten. Mit der Entwick­lung von Waffen mit Innen­zün­dern, die wesent­lich leichter zu bedienen waren als alle Vorläu­fer­mo­delle, konnten solche aus fehler­hafter Hand­ha­bung resul­tie­rende Versager gegen Ende des 19. Jahr­hun­derts fast voll­ständig ausge­merzt werden. Die versa­genden Schüsse aller­dings, die dennoch zu konsta­tieren waren, warfen nun ein ganz neues Problem auf: Wenn Bedie­nungs­fehler so gut wie ausge­schlossen sind, wenn die Schuld also nicht mehr bei den Nutzenden zu suchen, sondern in der im Gewehr verbauten Zündung zu vermuten ist, lässt sich kein unmit­telbar nach­voll­zieh­barer Grund für das Versagen von Schüssen mehr fest­stellen. Etwas inner­halb der Waffe funk­tio­niert ganz ohne Vorwar­nung nicht wie erwartet, und selbst wenn sich im Nach­hinein – etwa indem man die Waffe in ihre Einzel­teile zerlegt – viel­leicht heraus­finden ließe, wie es zum Versagen eines Schusses gekommen sein kann, lässt sich das doch unmit­telbar nicht mehr erkennen.

Aus dieser spezi­fisch ballis­ti­schen Verwen­dungs­weise entwi­ckelt sich bald ein Ausdruck, der einer weiter gefassten tech­no­lo­gi­schen Entwick­lung Rech­nung trägt. Versager gibt es nun überall dort, wo es auch einen Zünder gibt (etwa in der Spreng- oder Beleuch­tungs­technik), und wenig später auch überall dort, wo man im über­tra­genen Sinne von einem Zünder spricht, um den Zusam­men­hang zwischen Ener­gie­auf­wand und Wirkung begreifbar zu machen. In Medi­ka­men­ten­stu­dien beispiels­weise geht man davon aus, dass der Wirk­stoff im Körper aktiv wird, sozu­sagen zündet – tut er das nicht, spricht man auch hier von einem Versager, einer versa­genden Pille.

Verpuffte Energie

Gemeinsam ist all diesen Verwen­dungs­weisen die Vorstel­lung einer Ener­gie­sus­pen­sion, einer aus dem Gleich­ge­wicht gera­tenen Ökonomie der Kräfte, inner­halb derer Versagen das Schreck­ge­spenst abso­luter Inef­fi­zienz verkör­pert. Das Gewehr zum Beispiel wird ja ausge­löst, es wird ein bestimmter Ener­gie­be­trag aufge­wandt, um eine im Voraus genau bere­chen­bare Wirkung zu erzeugen – und dennoch tritt sie nicht ein. Die Denk­figur des Versa­gens wurzelt demnach in einem sehr spezi­fi­schen wissens­ge­schicht­li­chen Diskurs, der eng mit den damals bahn­bre­chenden Erkennt­nissen der Ther­mo­dy­namik verknüpft ist, wie sie der Physiker Hermann von Helm­holtz 1847 in seinem Allge­meinen Ener­gie­er­hal­tungs­satz formu­liert hat. Er besagt, dass Energie in einem abge­schlos­senen System nicht wächst oder schwindet, sondern summa­risch gleich­bleibt und bei konstantem Gesamt­be­trag ledig­lich wech­selnde Formen annimmt.

Das Phänomen des Versa­gens hingegen scheint dieser Gesetz­mä­ßig­keit zu wider­spre­chen: Versagt wird in der zweiten Hälfte des 19. Jahr­hun­derts vornehm­lich überall dort, wo man den Ener­gie­input inner­halb eines Systems für signi­fi­kant höher hält als den Ener­gie­output, überall dort, wo Energie vermeint­lich verlo­ren­geht, wo sie augen­schein­lich einfach verpufft. Versagen beschreibt also das uner­war­tete und uner­klär­liche Nicht­ein­treten einer eigent­lich zu erwar­tenden Leis­tung, einen Ausfall inner­halb einer ange­nom­menen Kausal­kette – und damit ein Nicht­funk­tio­nieren, das nicht auf sicht­bare äußere Ursa­chen zurück­zu­führen ist, sondern viel­mehr aus einem dem Gerät oder der Konstruk­tion inhä­renten Mangel resul­tiert. Oder anders formu­liert: Ein Versagen zeigt einen Fehler im System an.

Mensch­liche Totalausfälle

Erst gegen Ende des 19. Jahr­hun­derts sickert die Vorstel­lung eines Versa­gens allmäh­lich auch in die Human- und Lebens­wis­sen­schaften ein, die zu dieser Zeit von einer stark mecha­nis­ti­schen Sicht auf den Menschen geprägt sind. Die Grund­an­nahme in Diszi­plinen wie der Arbeits­wis­sen­schaft oder der frühen Psycho­ana­lyse lautet verein­facht ausge­drückt, dass auch der Mensch als ener­ge­ti­sches System zu verstehen sei, das analog zu einer Maschine funk­tio­niert – oder eben nicht funk­tio­niert. „Versagen“ bezieht sich hier nicht mehr auf einen tech­ni­schen Vorgang, sondern auf Vorgänge im mensch­li­chen Körper. In der Nerven­heil­kunde und der Psycho­ana­lyse etwa beginnt man in Bezug auf orga­nisch gesunde männ­liche Pati­enten, die unter Erek­ti­ons­stö­rungen oder Impo­tenz leiden, von einem sexu­ellen Versagen zu spre­chen. Ähnlich wie in der Ballistik oder in der Spreng­technik geht man auch hier davon aus, dass Energie auf uner­klär­liche Weise verlo­ren­geht, und dass die Ursa­chen dafür auf einen „Fehler im System“ zurück­zu­führen seien.

Es ist schließ­lich die Pädagogik, die den Begriff des Versa­gers zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts auch als eine Bezeich­nung für einen Menschen, ja für einen ganzen Sozi­al­typus etabliert: Ein Versager, das ist jemand, der nicht „zündet“, und hier konkret ein (männ­li­cher) Schüler, der die Erwar­tungen seiner Eltern und Lehrer nicht erfüllt. Die Figur des Schul­ver­sa­gers zeigt auch, wie sehr sich das soziale Urteil eines Versa­gens an gesell­schaft­li­chen Erwar­tungs­hal­tungen bemisst, die histo­risch und indi­vi­duell variabel sein können. Als Schul­ver­sager werden im pädago­gi­schen Diskurs des frühen 20. Jahr­hun­derts nämlich gerade nicht die Kinder bezeichnet, die aufgrund von körper­li­chen, geis­tigen oder sozialen Beein­träch­ti­gungen nicht in der Lage sind, die für die jewei­lige Klas­sen­stufe gefor­derten schu­li­schen Leis­tungen zu erbringen, sondern (wie im Übrigen bis heute) dieje­nigen, die das Erwar­tete allem Anschein nach durchaus leisten könnten – es aber dennoch nicht tun. Auch im Schul­ver­sager spie­gelt sich damit die Vorstel­lung eines auf den ersten Blick uner­klär­li­chen Total­aus­falls, dessen Ursa­chen den Betrof­fenen selbst einge­schrieben zu sein scheinen. „Funk­ti­ons­un­fähig“ ist hier nun nicht mehr ein einzelnes Körper­teil, sondern das ganze Kind, und dies so unwi­der­ruf­lich, dass der Natur­heil­kundler Sebas­tian Kneipp schon 1903 mutmaßt, die „Versager des späteren Lebens“ offen­barten sich bereits in der Schule. 

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Versagen als sozio­bio­gra­fi­sche Beschreibungskategorie

Die von Wissens­fel­dern wie der Ther­mo­dy­namik stark geprägte Annahme, die Leis­tungs­fä­hig­keit eines Menschen lasse sich analog zu einem tech­ni­schen Gerät beschreiben, unter­wirft das Subjekt um 1900 also einer bis dato unge­kannten Logik des Funk­tio­nie­rens, deren blinder Fleck das Versagen darstellt. In der ersten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts beginnt sich das Versagen schließ­lich zu der sozio­bio­gra­fi­schen Beschrei­bungs­ka­te­gorie zu entwi­ckeln, die wir heute kennen. Dabei fällt das Nicht­er­füllen von Erwar­tungen mit dem Nicht­er­rei­chen von gesell­schaft­lich vorge­ge­benen Zielen in eins: Gemeint ist mit einem Versagen mitt­ler­weile meist keine einzelne nicht­er­brachte Leis­tung mehr, sondern eine viel grund­le­gen­dere Enttäu­schung gesell­schaft­li­cher Maßgaben, ein Unter­schreiten der diffusen Anfor­de­rung, ein gelun­genes Leben zu führen. Eine miss­glückte Prüfung allein macht noch keine Versager*innen; Versagen endet nicht, es meint ein Fehl­schlagen in konti­nu­ier­li­cher Wiederholung.

Damit steht es im auffäl­ligen Kontrast zur Idee eines schönen Schei­terns, über das in den letzten drei Jahr­zehnten, ausge­hend von der Startup-Kultur des Silicon Valley, ein ausge­las­sener Diskurs entstanden ist. An einem Schei­tern, so sugge­rieren es zumin­dest zahl­reiche Selbst­hil­fe­bü­cher und TED-Talks, kann man immer wachsen. Diese Rede von einem Schei­tern als Chance basiert auf einem zutiefst neoli­be­ralen Subjekt­ent­wurf, dem der Sozio­loge Ulrich Bröck­ling mit Das unter­neh­me­ri­sche Selbst eine einfluss­reiche Studie gewidmet hat. Er beschreibt darin ein etwa seit den 1980er Jahren geltendes sozio­öko­no­mi­sches Leit­bild, das dazu auffor­dert, sich zu jedem Zeit­punkt und in allen Lebens­lagen als CEO der eigenen Ich-AG zu begreifen, sein Selbst vor der Folie unter­neh­me­ri­schen Handelns zu model­lieren. Erfolge werden dann meist als Resul­tate harter Arbeit und guten Selbst­ma­nage­ments betrachtet – und Schei­tern im Umkehr­schluss als indi­vi­du­eller Fehler, aus dem sich bei einem nächsten Versuch lernen lässt. Selbst das Schei­tern, von dem man eigent­lich annehmen dürfte, es stelle den irre­du­zi­blen Endpunkt inner­halb jedweder Produk­tiv­ma­chungs­logik dar, wird somit ökono­mi­siert und in die Wert­schöp­fungs­kette neoli­be­raler Subjekt­kon­sti­tu­tion einge­speist. Während das Schei­tern also längst zu einer erfolg­ver­spre­chenden Ange­le­gen­heit geworden zu sein scheint, füllt das Versagen die begriff­liche Leer­stelle, die das nunmehr positiv umge­deu­tete Schei­tern in unserem Sprach­ge­brauch hinter­lassen hat: als Bezeich­nung für eine wirk­lich durch und durch nega­tive, das Subjekt in seinen Grund­festen erschüt­ternde Form des Nichterreichens.

Nicht fort­schreiten (wollen)

Was es aller­dings genau bedeutet, im Leben zu versagen, ist alles andere als klar. Objek­tive Krite­rien dafür, ab wann ein Mensch als Versager*in bezeichnet werden kann, gibt es nicht. Beim Versagen als einem sozialen Urteil handelt es sich deshalb nie um eine abso­lute Tatsache, sondern immer um eine rela­tive Zuschrei­bung, die sich in gewisser Weise perfor­mativ voll­zieht: Wichtig ist nicht, ob sie wahr oder falsch ist (denn das lässt sich ohnehin nie mit Sicher­heit fest­stellen), sondern ob sie erfolgt oder nicht erfolgt. Dass es so schwer ist, biogra­fi­sches Versagen eindeutig zu defi­nieren, liegt zum einen daran, dass es sich (ähnlich wie schon das Schul­ver­sagen) nur in Abhän­gig­keit vom zuvor Erwar­teten beschreiben lässt, das je nach kultu­rellem und sozialem Hinter­grund sehr unter­schied­lich sein kann. Es liegt ande­rer­seits aber auch daran, dass moderne Modelle biogra­fi­schen Gelin­gens auf einem ursprüng­lich aufklä­re­ri­schen Fort­schritts­kon­zept beruhen, das sein eigenes Ziel im Fort­schreiten selbst sieht, ohne dass sich ein allge­mein­gül­tiger Endpunkt des Stre­bens benennen ließe. Selbst für ein gelun­genes Leben gibt es also keine klaren Krite­rien, abge­sehen von der impli­ziten Maßgabe, nicht stehen­zu­bleiben. Versa­gens­ver­dächtig wäre ein Mensch demzu­folge, wenn eine zu erwar­tende biogra­fi­sche Entwick­lung aus unklaren Gründen nicht eintritt, wenn er also nicht fort­schreitet, beruf­lich wie privat nicht aufsteigt. 

Solche Diagnosen eines biogra­fi­schen Versa­gens basieren damit auf einer ideo­lo­gi­schen Setzung, die alles andere als selbst­ver­ständ­lich ist. Denn ob die ‚versa­gende‘ Person die an sie gerich­teten Erwar­tungen über­haupt erfüllen möchte, ob sie über­haupt will, was sie wollen soll (Beruf, Geld, Partner*in), steht selten zur Debatte. Das auf Fort­schreiten fokus­sierte Konzept eines modernen Lebens­laufs, in dem es stets neue Ziele zu errei­chen gilt, geht schlicht von der Annahme aus, dass das Fort­schritts­streben in einem solchen Maße eine anthro­po­lo­gi­sche Konstante darstelle, dass (indi­vi­du­elle, beruf­liche) Entwick­lung unhin­ter­fragt und immer gewollt sein müsse. Dass genau diese Dimen­sion des Wollens oder viel­mehr des Nicht­wol­lens, ja des Wider­stän­digen im Versagen ursprüng­lich durchaus mitge­dacht war, deutet schon die Seman­tik­ge­schichte des Wortes an: In seiner ursprüng­li­chen Verwen­dungs­weise trans­por­tiert es einen Wider­willen, ein Abschlagen oder ein Verwehren („den Dienst verwei­gern“). Aus unserem heutigen Verständnis eines (biogra­fi­schen) Versa­gens ist diese Bedeu­tungs­di­men­sion jedoch voll­ständig verschwunden: Versagen meint kein Nicht-Wollen, sondern ein Nicht-Können. 

In ihrer Verknüp­fung mit gesell­schaft­li­chen Leis­tungs­er­war­tungen und Vorstel­lungen von einem guten, erfolg­rei­chen Leben erzählt die Erfin­dung des Versa­gens damit nicht zuletzt auch die Geschichte einer Stig­ma­ti­sie­rung: einer Stig­ma­ti­sie­rung all derje­nigen, die Fort­schreiten nicht als Selbst­zweck betrachten, die Zweifel am soge­nannten guten Leben anmelden, die sich nicht unauf­hör­lich verbes­sern wollen. Dass die Vorstel­lung eines Versa­gens, die aus den mecha­nis­ti­schen Diskursen des späten 19. Jahr­hun­derts stammt, heute einen so großen Einfluss auf das Selbst­bild vieler Menschen hat, ist deshalb nur folge­richtig: Erst in der Gegen­wart, vor dem Hinter­grund der neoli­be­ralen Ideo­logie eines unter­neh­me­ri­schen Selbst, kann sie sich voll entfalten.