Vergleiche verglei­chen: Vom Histo­ri­ker­streit zur Causa Mbembe

1986/87 diskutierten meist deutsche Intellektuelle die Frage der „Einzigartigkeit“ oder der „Vergleichbarkeit“ des Holocaust. In der Cause Mbembe haben sich die Fronten, die Beteiligten und Diskussionsverläufe grundlegend gewandelt – aber die politischen und ethischen Einsätze bleiben die gleichen.

1986 und 1987 wurde die west­deut­sche Öffent­lich­keit zum Schau­platz einer drama­ti­schen Debatte über Vor- und Nach­teile des Verglei­chens. In der Debatte, die als „Histo­ri­ker­streit“ bekannt werden sollte, disku­tierten einige der promi­nen­testen Intel­lek­tu­ellen und Jour­na­listen – darunter Jürgen Habermas, Ernst Nolte, Michael Stürmer, Andreas Hill­gruber, Rudolf Augstein und viele andere – in führenden Zeitungen über die – so der Unter­titel der ersten Doku­men­ta­tion über die „Kontro­verse“ – „Einzig­ar­tig­keit der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Juden­ver­nich­tung”. Zur Debatte stand, was es bedeu­tete, ein Ereignis, das als einzig­artig galt, mit einer anderen Geschichte beson­derer Gewalt, in diesem Fall der des Gulags, zu vergleichen.

Auf der rechten Seite des poli­ti­schen Spek­trums argu­men­tierte insbe­son­dere Nolte, dass die stali­nis­ti­schen Verbre­chen und eine angeb­liche jüdi­sche „Kriegs­er­klä­rung“ gegen Deutsch­land als „Ursprung“ von Hitlers Genozid zu verstehen seien – eine Erklä­rung, die offen­kundig eine apolo­ge­ti­sche Funk­tion hatte. Für die Linken gehörte dieser Versuch, den Holo­caust durch die Gegen­über­stel­lung mit den stali­nis­ti­schen Verbre­chen zu rela­ti­vieren, zum Bestreben in den konser­va­tiven Kohl-Jahren, die natio­nalen Narra­tive Deutsch­lands neu auszu­richten. Insbe­son­dere Habermas reagierte auf Noltes Geschichts­re­vi­sio­nismus mit der Diagnose, dass dies ein gefähr­li­cher neokon­ser­va­tiver Versuch sei, eine tradi­tio­nelle, von jeder Verant­wor­tung für den Völker­mord gerei­nigte natio­nale Iden­tität wieder­auf­leben zu lassen. In den darauf­fol­genden Jahren haben Historiker:innen inner­halb und außer­halb Deutsch­lands weiter daran gear­beitet, die über­ge­ord­nete Bedeu­tung dieser Kontro­verse für die Bundes­re­pu­blik und die Erin­ne­rungs­po­litik genauer zu verstehen.

Eine neue Erinnerungskultur

Während der Histo­ri­ker­streit in den vergan­genen fünf­und­dreißig Jahren ein Prüf­stein für Debatten über den Natio­nal­so­zia­lismus geblieben ist, hatte sich die Welt schon bald nach der anfäng­li­chen Kontro­verse drama­tisch verän­dert. Die Berliner Mauer fiel und die beiden Nach­fol­ge­staaten des „Dritten Reichs“ wurden in der neuen Berliner Repu­blik verei­nigt. Mit dem Ende des Kalten Krieges verschob sich die Bedeu­tung des Holo­caust: Er nahm eine zentrale Rolle in der Erin­ne­rungs­kultur ein, die wir heute als selbst­ver­ständ­lich ansehen, die aber – wie der Histo­ri­ker­streit zeigt – in den 1980er Jahren erst im Entstehen begriffen war.

Die neue Zentra­lität des Holocaust-Gedenkens in Deutsch­land, Europa, den USA und – in unter­schied­li­chem Ausmass – im globalen Bewusst­sein lässt sich leicht an ein paar exem­pla­ri­schen lieux de mémoire („Erin­ne­rungs­orten“) fest­ma­chen: die Eröff­nung des United States Holo­caust Memo­rial Museum in Washington D.C. und Steven Spiel­bergs welt­weite Film­sen­sa­tion Schind­lers Liste (1993); die Stock­holmer Erklä­rung von 2000, die das Gedenken an den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Völker­mord in den Mittel­punkt der euro­päi­schen Iden­tität rückte; und schliess­lich, nach jahre­langen Debatten und Kontro­versen, die Einwei­hung des riesigen Denk­mals für die ermor­deten Juden Europas im Zentrum von Berlin (2005). In der rasch wach­senden Holocaust-Gedächtniskultur der 1990er und frühen 2000er Jahre kann man den Sieg der Habermas’schen Perspek­tive sehen: Die Singu­la­rität des Holo­caust wurde mit einer kosmo­po­li­ti­schen Erin­ne­rungs­kultur und einem univer­sellen Menschen­rechts­re­gime verbunden, um genau jene Form eines engem Natio­na­lismus zu unter­laufen, die Habermas in der neokon­ser­va­tiven Posi­tion Noltes erkannte.

Ein Sprung ins Jahr 2020, und der intel­lek­tu­elle und poli­ti­sche Kontext hat sich erneut drama­tisch verän­dert. Obwohl das Holocaust-Gedenken seinen Status als Prüf­stein der ameri­ka­ni­schen, israe­li­schen, deut­schen und euro­päi­schen poli­ti­schen Kultur behalten hat, koexis­tiert es nun auf unbe­hag­liche Weise mit einem neuen, globalen Rechts­ruck. Der Brexit, die Wahl von Trump, der Aufstieg der AfD, die anhal­tende Herr­schaft Netan­jahus über die israe­li­sche Politik und die offen revi­sio­nis­ti­schen Regie­rungen in Polen und Ungarn sind nur einige der jüngsten Erschei­nungen, die zeigen, wie sehr sich der Kontext verän­dert hat, in dem wir heute über die Bedeu­tung der Vergan­gen­heit nachdenken.

Während die Vertei­di­gung Israels in der Rechten weit verbreitet ist, blühen dort, und häufig am glei­chen Ort, auch Anti­se­mi­tismus und Holocaust-Relativierung. Dass sich die Bedeu­tung des Holocaust-Gedenkens geän­dert hat, liegt jedoch nicht nur am Aufstieg der popu­lis­ti­schen Rechten. Indem der Ruf nach einer grös­seren Aufmerk­sam­keit für die Geschichte des Kolo­nia­lismus, der Skla­verei und des anti-schwarzen Rassismus in der Öffent­lich­keit immer lauter wurde, haben auch Strö­mungen, die mit der Linken verbunden sind, die Frage nach der Zentra­lität der Shoah verkom­pli­ziert. Mit anderen Worten: In den letzten Jahren konnte man eine – sowohl durch rechte als auch linke Einflüsse bewirkte – Verschie­bung dessen beob­achten, was nach dem Histo­ri­ker­streit und nach dem Kalten Krieg die Erin­ne­rungs­kultur defi­niert hatte.

In diesem verän­derten und span­nungs­ge­la­denen Umfeld hat sich in Deutsch­land etwas ereignet, das einige bereits als „Histo­ri­ker­streit 2.0“ bezeichnet haben: die Kontro­verse um das Werk des in Südafrika lebenden kame­ru­ni­schen Intel­lek­tu­ellen Achille Mbembe. Wie weit lassen sich nun diese beiden Kontro­versen über das Verglei­chen ihrer­seits verglei­chen? Ich möchte zeigen, dass die Causa Mbembe helfen kann, nicht nur der heutigen Politik des Verglei­chens auf die Spur zu kommen, sondern auch ein neues Licht auf den dama­ligen Histo­ri­ker­streit zu werfen.

Histo­ri­ker­streit 2.0

Mbembe, einer der welt­weit promi­nen­testen Theo­re­tiker von „Rasse“, Kolo­nia­lismus, Gewalt und mensch­li­chen Abgründen, sollte im August 2020 in Deutsch­land auf der Ruhr­tri­en­nale spre­chen. Der kultur­po­li­ti­sche Spre­cher der FDP-Landtagsfraktion, Lorenz Deutsch, versuchte Mbembes Auftritt mit einem offenen Brief zu verhin­dern, der eine Hand­voll Zitate aus Mbembes Werk enthielt, in denen der Holo­caust, die Apart­heid und die israe­li­sche Besat­zung Paläs­tinas erwähnt wurden. Auf der Grund­lage dieser kurzen und aus dem Zusam­men­hang geris­senen Auszüge beschul­digte Deutsch Mbembe der „antisemitische[n] ‘Israel­kritik’, Holo­caust­re­la­ti­vie­rungen und extremistische[n] Desin­for­ma­tion“. Deutschs Inter­pre­ta­tion von Mbembes Werk – die ich für tenden­ziös, partei­isch und irre­füh­rend halte –, wurde von Felix Klein, dem Beauf­tragten der Bundes­re­gie­rung „für jüdi­sches Leben in Deutsch­land und den Kampf gegen Anti­se­mi­tismus“, aufge­griffen. Deutsch und Klein verlangten, dass Mbembe von der Ruhr­tri­en­nale ausge­laden werde, da dieser angeb­lich den Holo­caust profa­ni­siere, Israel dämo­ni­siere und die BDS-Kampagne unter­stütze (eine gewalt­freie Kampagne, die das Ende der Besat­zung, die Rück­kehr der Flücht­linge und die Gleich­be­rech­ti­gung der Paläs­ti­nenser fordert). Mbembe behaup­tete, „kein Mitglied oder Unter­stützer des BDS“ zu sein, aber selbst eine mögliche Berüh­rung mit der Bewe­gung reicht im heutigen Deutsch­land aus, den Ruf von jemandem zu schä­digen – was auch Peter Schäfer, der Direktor des Jüdi­schen Museums Berlin, im vergan­genen Jahr erfahren musste.

Weil jetzt wieder die Singu­la­rität des Holo­caust im Zentrum einer hoch­po­li­ti­schen Debatte steht, ist „Histo­ri­ker­streit 2.0“ ein nach­voll­zieh­bares Kürzel für die aktu­elle Kontro­verse. Das sollte jedoch nicht den Blick dafür verstellen, wie sehr die neue Debatte von der alten abweicht – und diese sogar in ein neues Licht rückt. Wie beim ursprüng­li­chen Histo­ri­ker­streit, warfen auch hier promi­nente Intel­lek­tu­elle ihr Gewicht in die Waag­schale und wurden scharfe Trenn­li­nien gezogen. Fast voll­ständig verän­dert hatte sich jedoch die perso­nelle Beset­zung (wahr­schein­lich nur Micha Brumlik hat an beiden Debatten teil­ge­nommen): Während die Betei­ligten am Histo­ri­ker­streit von 1986/87 sich in erster Linie auf eine Kohorte deut­scher männ­li­cher Intel­lek­tu­eller beschränkte, die die Nazi­zeit erlebt hatten, bezog die jüngste Debatte die Nach­kriegs­ge­nera­tionen ein und war auch promi­nent mit Frauen besetzt, darunter Aleida Assmann, Susan Neiman und Eva Illouz. Darüber hinaus war die Debatte inter­na­tio­naler geworden, nicht nur wegen der Betei­li­gung von Mbembe selbst, sondern auch, weil sich eine Reihe israe­li­scher Intel­lek­tu­eller sowie briti­scher und US-amerikanischer Wissen­schaftler – etwa der Autor dieses Beitrags – in die Diskus­sion einbrachten.

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Die promi­nente Rolle, die Israel in der Causa Mbembe spielt und die in der früheren Debatte keine Paral­lele hat, verweist auf zwei weitere Unter­schiede. Ange­sichts des breiten Konsenses in Deutsch­land, als Teil der deut­schen Verant­wor­tung hinter Israel zu stehen, war die klare Unter­schei­dung von rechts und links, die die frühere Debatte kenn­zeich­nete, in der neueren eini­ger­massen verwischt. Ich werde weiterhin von links und rechts, von fort­schritt­li­chen und konser­va­tiven Lagern spre­chen, obwohl zwei­fellos wahr ist, dass einige, die Mbembe kriti­sierten, sich als Linke verstehen, während mir keine Linken einfallen, die sich auf Noltes Seite gestellt hätten. Und schliess­lich zeigte der Bezug auf Israel, zusammen mit der Bedeu­tung, die Apart­heid und das kolo­niale Erbe in der Mbembe-Debatte hatten, inwie­weit die Geschichten, die hier verhan­delt wurden, weit über die Grenzen des euro­päi­schen Konti­nents hinausgehen.

Eine vorläu­fige Einschätzung

Auch wenn die Debatte noch nicht abge­schlossen ist, lässt sich jetzt schon fest­halten, dass 1986 der Akt des Verglei­chens eindeutig zum Arsenal der konser­va­tiven Denker gehörte, im Jahr 2020 hingegen von Konser­va­tiven verspottet und von Progres­siven wie Brumlik und Assmann vertei­digt wurde. Was hat sich geän­dert? Ich glaube nicht, dass es einen grund­le­genden Wandel der histo­ri­schen Metho­do­logie gegeben hat. Schließ­lich war der Vergleich schon immer zentral für die Geschichts­schrei­bung, auch wenn sich das Fach­ge­biet der verglei­chenden Völker­mord­for­schung gerade erst in den Jahren zwischen Histo­ri­ker­streit 1.0 und Histo­ri­ker­streit 2.0 entwi­ckelt hat. Eher müsste man sagen, dass sich die Erin­ne­rungs­kultur in diesen Jahren veränderte.

Denn tatsäch­lich ging es beim Histo­ri­ker­streit, wie Jeffrey Olick bemerkte, weniger um Geschichte als um Erin­ne­rung, d.h. um die Bedeu­tung der Vergan­gen­heit für die Gegen­wart. Bezeich­nen­der­weise waren die 1980er Jahre die Zeit, in der Bürger­initia­tiven für die Ausein­an­der­set­zung mit dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Erbe wegwei­send waren und dazu beitrugen, das zu schaffen, was heute als „deut­sches Modell“ der Erin­ne­rung und Vergan­gen­heits­be­wäl­ti­gung bekannt ist. Seit den 1990er Jahren ist die Aufar­bei­tung jedoch zur offi­zi­ellen Staats­po­litik geworden und hat ihre aufrüh­re­ri­sche Qualität verloren.

Mit der Konso­li­die­rung der offi­zi­ellen Holocaust-Gedächtniskultur in den zwei Jahr­zehnten nach der Wieder­ver­ei­ni­gung drangen andere Fragen an die Ober­fläche, die in den Debatten der 1980er Jahre nicht zur Sprache gekommen waren. Vor allem gab es neue Vergleichs­punkte. Zwar ist die Gegen­über­stel­lung von Natio­nal­so­zia­lismus und Stali­nismus, zumin­dest in Osteu­ropa, nach wie vor ein heißes Thema. Doch in anderen Teilen der Welt – und auch in Deutsch­land – stehen kolo­niale Gewalt, Skla­verei und allge­meiner: anti-schwarzer Rassismus heute in den Diskus­sionen um die Vergan­gen­heits­be­wäl­ti­gung ganz oben auf der Tagesordnung.

Während Mbembe selbst den Holo­caust nur selten mit kolo­nialem Rassismus vergleicht und seine wich­tigsten Texte wohl auch nicht als Beiträge zum Problem des kultu­rellen Gedächt­nisses versteht, wurde in der Debatte um sein Werk und anläss­lich seiner Ausla­dung häufig auf diese Themen Bezug genommen. Der Vergleich von kolo­nialer Gewalt mit dem Völker­mord der Natio­nal­so­zia­listen hat – wie ich in meinem Buch Multi­di­rek­tio­nale Erin­ne­rung zeige eine Tradi­tion, die bis in die frühen Nach­kriegs­jahre zurück­reicht. Aber der Akti­vismus nami­bi­scher und Schwarzer deut­scher Aktivist:innen hat ihn inzwi­schen zu einer unver­meid­li­chen, wenn auch immer noch häufig margi­na­li­sierten Verweis in den öffent­li­chen Debatten in Deutsch­land gemacht.

Es ist genau diese Verschie­bung der Erin­ne­rungs­kultur weg von der allein bila­te­ralen Gegen­über­stel­lung Natio­nal­so­zia­lismus vs. Stali­nismus hin zu einem offe­neren und globa­leren Rahmen des Verglei­chens, die den Unter­schied zwischen den beiden histo­ri­schen Debatten ausmacht. Aus der Perspek­tive der post­ko­lo­nialen Kritik und einer globa­li­sierten Erin­ne­rungs­kultur wirft die Causa Mbembe daher ein erhel­lendes Licht auf den Histo­ri­ker­streit 1.0und die Grenzen der in den 1980er Jahren arti­ku­lierten progres­siven Posi­tion. Habermas’ expli­zites Ziel bei der öffent­li­chen Verur­tei­lung von Nolte und anderen Konser­va­tiven war der Schutz dessen, was er „die größte intel­lek­tu­elle Errun­gen­schaft unserer Nach­kriegs­zeit“ nannte: „die vorbe­halt­lose Öffnung der Bundes­re­pu­blik gegen­über der poli­ti­schen Kultur des Westens“. Für Habermas bedeu­tete dies, sich einen „Verfas­sungs­pa­trio­tismus“ zu eigen zu machen und „verbind­liche univer­sa­lis­ti­sche Verfas­sungs­prin­zi­pien“ zu bejahen. Der US-amerikanische Lite­ra­tur­kri­tiker Vincent Pecora war einer der wenigen frühen Kommen­ta­toren, der fest­stellten, dass Habermas’ „Rhetorik auf subtile Weise dazu dient, […] den Westen von seiner eigenen offen­sicht­li­chen Mitschuld nicht nur an den deut­schen Kriegs­ver­bre­chen, sondern auch an dem langen Narrativ der west­li­chen Impe­ri­al­herr­schaft frei­zu­spre­chen“. Ohne den Wert der Verfas­sungs­prin­zi­pien, die Habermas im Rück­blick auf eine faschis­ti­sche Diktatur arti­ku­liert hatte, in Abrede stellen zu wollen, muss gesagt werden, dass ein vorbe­halt­loses Bekenntnis zum „Westen“ für dieje­nigen hohl klingen muss, deren Gesell­schaften Jahr­hun­derte euro­päi­scher und US-amerikanischer impe­rialer Herr­schaft erfahren haben.

Jenseits aller Vergleiche: Die Frage der Verantwortung

Hinter der Kontro­verse um den Vergleich lauern noch wich­ti­gere Fragen: Das Problem war nie das Verglei­chen als solches, das Problem war die poli­ti­sche und histo­ri­sche Verant­wor­tung. Eine Gegen­über­stel­lung von Gulag und Ausch­witz ist an sich nicht undenkbar. Doch wie sie jemand macht und warum: Darin liegt in ethi­scher und poli­ti­scher Hinsicht der sprin­gende Punkt. Ein Denken in ethi­schen und poli­ti­schen Begriffen zeigt sowohl Konti­nui­täten als auch die Umkeh­rung der Posi­tionen, die Konser­va­tive und Progres­sive in den beiden Debatten einge­nommen hatten. Wo der Histo­ri­ker­streit 1.0 ein Versuch Noltes und andere Konser­va­tiver war, die Verant­wor­tung für den Völker­mord der Natio­nal­so­zia­listen zu rela­ti­vieren, so stellte der Histo­ri­ker­streit 2.0 den Versuch von Kriti­kern Mbembes dar, die Verant­wor­tung dafür zwar zu über­nehmen, sie aber gezielt dazu einzu­setzen, um weitere Verant­wort­lich­keiten und ihre ethi­schen und poli­ti­schen Impli­ka­tionen zu vermeiden. Insbe­son­dere die Vertei­di­gung der Einzig­ar­tig­keit des Holo­caust und die Über­wa­chung der Grenzen dessen, was seltsam genug als „Israel­kritik“ bezeichnet wird, tragen dazu bei, die Verant­wor­tung für andere deut­sche Gräu­el­taten wie den Völker­mord an den Herero und Nama und allge­meiner die Betei­li­gung am Kolo­nia­lismus zu verdrängen und von der deut­schen Verstri­ckung in die Enteig­nung der Paläs­ti­nenser abzu­lenken. Gerade diese Verstri­ckung – zunächst gekenn­zeichnet durch die Entste­hung eines neuen Flücht­lings­pro­blems in Paläs­tina – hat Hannah Arendt in „Elemente und Ursprünge totaler  Herr­schaft“ fest­ge­halten, einer Studie, die als eine der ersten eine kolo­niale Herkunft der Nazi­ver­bre­chen nahelegte.

Die verän­derte Haltung der Linken zur Vergleich­bar­keit unter­scheidet sich von jener der Rechten grund­le­gend: In der Mbembe-Affäre begrüßte die Linke den Vergleich, statt wie im ursprüng­li­chen Histo­ri­ker­streit davor zu warnen. Doch diese Vertei­di­gung des Vergleichs mit der kolo­nialen Vergan­gen­heit bedeu­tete für sie keine Verschie­bung in der Frage der Verant­wor­tung für den Holo­caust. Die progres­sive Posi­tion wie jene von Assmann und Brumlik zielt nicht darauf ab, Deutsch­land von dem in den 1980er Jahren entstan­denen Erinnerungs- und Verant­wor­tungs­re­gime zu befreien. Viel­mehr lässt sie sich davon inspi­rieren, um den Blick für weitere Verstri­ckungen zu öffnen. Die Logik der progres­siven Posi­tion ist kein Null­sum­men­spiel und kein Entweder-Oder; sie ist eine Erwei­te­rung der deut­schen Erin­ne­rungs­kultur, die auch das Poten­zial für eine multi­di­rek­tio­nale Revi­sion der Erin­ne­rung jenseits des Rest-Eurozentrismus birgt.

Das auf beiden Seiten begrenzte Terrain des Vergleichs im Histo­ri­ker­streit 1.0 deutet auf den produk­tiven Fort­schritt hin, der in der neuen Debatte über einen primär natio­nalen Rahmen hinaus erzielt wurde. Die Gegen­über­stel­lung der Versionen 1.0 und 2.0 – sowie die in Deutsch­land und anderswo anhal­tenden, breit geführten Diskus­sionen über die Erin­ne­rung an den Holo­caust, Kolo­nia­lismus, Skla­verei und Israel/Palästina – verdeut­licht die Notwen­dig­keit, Erin­ne­rung mit Soli­da­rität und histo­ri­scher Verant­wor­tung zu verbinden, d.h. mit den ethi­schen und poli­ti­schen Verpflich­tungen, wie öffent­liche Formen des Geden­kens sie voraus­setzen. Jenseits des Verglei­chens liegt daher in jedem Fall die Verstri­ckung der Intel­lek­tu­ellen in die Geschichten, über deren Vergleich­bar­keit sie streiten. Verein­facht ausge­drückt kann man sagen, dass der ursprüng­liche Histo­ri­ker­streit eine Ausein­an­der­set­zung der Deut­schen über die beson­dere Verant­wor­tung Deutsch­lands für den Holo­caust beinhal­tete. In den neuen Diskus­sionen sind die Teil­nehmer nicht alle Deut­sche, und die Geschichten, um die es geht, sind mehr als euro­pä­isch. Weit davon entfernt, die Verwick­lung der Teil­nehmer in histo­ri­sche und gegen­wär­tige Unge­rech­tig­keiten zu verwäs­sern, schärft diese Erwei­te­rung des Vergleichs­feldes jedoch die Frage nach der Verant­wor­tung. Der neue Histo­ri­ker­streit ist eine Kontro­verse nicht nur für Deut­sche und Euro­päer – es ist aber auch eine, der sie sich nicht entziehen können.

 

Über­set­zung (leicht gekürzt): sh./phs.
Photo-credit für das Porträt von M. Roth­berg: David Wu, UCLA Alan D. Leve Center for Jewish Studies