Tote Fische, trübes Wasser. Die Oder war in den letzten Wochen in den Schlagzeilen. Von deutscher und polnischer Seite hagelte es Vorwürfe, man schiebt die Verantwortung hin und her. Welche politischen Geschichten des Grenzflusses stecken dahinter?

  • Jacob Nuhn

    Jacob Nuhn ist Historiker und hat 2021 an der Universität Bremen mit einer Arbeit zu Räumen und Raumpraktiken alternativer Szenen in Dresden und Wrocław in den 1980er und 1990er Jahren promoviert. Zur Zeit arbeitet er als Lehrer für Deutsch und Geschichte an einer Bremer Oberschule.

Quelle: mdr.de

Nach mehreren Wochen voller Stochern im wort­wört­lich Trüben war Mitte August endlich klar: Für das massen­hafte Fisch­sterben in der Oder, das Ende Juli zum ersten Mal von polni­schen Fischer:innen beob­achtet worden war, war der rasante Wachstum der giftigen Gold­alge verant­wort­lich. Doch woher der dafür notwen­dige erhöhte Salz­ge­halt im Wasser kam, ist bis heute unklar. 

Seit Ende August verbes­sert sich aber immerhin die Wasser­qua­lität spürbar wieder. Die Umwelt­ka­ta­strophe, die über Wochen die Öffent­lich­keit in Deutsch­land und Polen in Atem gehalten hatte, verschwand weit­ge­hend aus den Medien. Berichtet und gestritten worden war vor allem um die Suche nach Ursa­chen, fehlendes Moni­to­ring auf der polni­schen Seite und gegen­sei­tige Schuld­zu­wei­sungen zwischen deut­schen und polni­schen Behörden und Politiker:innen. Kaum Beach­tung hat hingegen gefunden, dass sich die poli­ti­sche Debatte in Polen, die sich vor allem um das Versagen von Regie­rung und Behörden drehte, wie auch, dass sich die dabei hervor­ge­ru­fenen Verwer­fungen im deutsch-polnischen Verhältnis in schon älteren Bahnen bewegten. Mit dem Verlust an Vertrauen und gegen­sei­tigen Schuld­zu­wei­sungen, den die größte euro­päi­schen Umwelt­ka­ta­strophe der jüngeren Vergan­gen­heit nach sich zog, endet 2022 auch eine lange zurück­rei­chende post­so­zia­lis­ti­sche Erfolgsstory.

Schwarze Märsche für sauberes Trink­wasser in den 1980er Jahren

Für die poli­ti­schen Trans­for­ma­tion Polens in den 1980er Jahre spielte die Oder eine entschei­dende Rolle. Dass sich gerade Wrocław, das frühere Breslau, im Südwesten des Landes zu einer der Hoch­burgen der polni­schen Oppo­si­tion entwi­ckelte, lag nicht zuletzt an der Oder. Denn seit den ausge­henden 1970er Jahren kursierten in der Stad­t­öf­fent­lich­keit Gerüchte, dass das aus dem Fluss gewon­nene Trink­wasser mit Chrom belastet sei. Die staat­li­chen Behörden versuchten diese zunächst zu unter­drü­cken. Doch mit dem Aufkommen von unab­hän­gigen Umwelt­gruppen – allen voran dem im Kontext der Solidarność-Revolution 1981 gegrün­deten „Polni­schen Ökolo­gi­schen Klub“ (Polski Klub Ekolo­giczny) – gelangten Berichte über die Chrom­be­las­tung zuneh­mend in die Öffent­lich­keit. Als Verur­sa­cher der Verschmut­zungen nannten die Umweltaktivist:innen das Stahl­werk Siech­nice, wenige Kilo­meter von Wrocław fluss­auf­wärts gelegen – eine Indus­trie­an­lage, die eigent­lich schon Anfang der 1980er Jahre hätte geschlossen werden sollen.

Demons­tra­tion für die Schlie­ßung der Hütte Siech­nice, Wrocław 1988; Quelle: fer.org.pl/historia/

Ab Mitte der 1980er Jahre griffen der Polni­sche Ökolo­gi­sche Klub und das eben­falls oppo­si­tio­nelle Umwelt- und Frie­dens­netz­werk „Frei­heit und Frieden“ (Wolność i Pokój, kurz: WiP) das Thema zuneh­mend offen­siver auf. Auf ein erstes Sit-in, orga­ni­siert Ende 1986 von zwanzig WiP-Aktivist:innen, folgten ab 1987 „Schwarze Märsche“ genannte Demons­tra­tionen durch die Wrocławer Innen­stadt, an denen bis zu drei­hun­dert­fünfzig Menschen teil­nahmen – eine hohe Zahl, wenn man bedenkt, dass Demons­tra­tionen zu diesem Zeit­punkt immer noch verboten waren und mit Geld- und Haft­strafen geahndet wurden. Flan­kiert wurden die Aktionen von Berichten in der oppo­si­tio­nellen Presse, in denen der sozia­lis­ti­sche Staat für die Umwelt­pro­bleme verant­wort­lich gemacht wurde: als Betreiber des Stahl­werks, aber auch als versa­gende Aufsichts­be­hörde: „Zu den drin­gendsten gesell­schaft­li­chen Problemen in Polen gehört aktuell der Schutz der natür­li­chen Umwelt. Ein Beispiel dafür, dass der Staat sich nur dekla­rativ für die Gefahr inter­es­siert, die die Verschmut­zung von Böden, Wasser und Atmo­sphäre mit sich bringt, ist die Erlaubnis, die Hütte Siech­nice weiter zu betreiben.“ 

Der Konflikt um die Wasser­qua­lität der Oder blieb nicht auf die Region Nieder­schle­sien beschränkt, sondern wurde dank der Proteste und Berichte zum natio­nalen Poli­tikum. Nachdem zunächst die Moder­ni­sie­rung des Stahl­werks verspro­chen (und immer wieder verschoben) worden war, verkün­dete der polni­sche Indus­trie­mi­nister am 4. November 1988 die Schlie­ßung der Hütte. Die oppo­si­tio­nelle Umwelt­be­we­gung hatte einen ersten, offen­kun­digen Erfolg gegen den real­so­zia­lis­ti­schen Staat errungen. 

Klär­an­lagen und grünes Busi­ness in den 1990er Jahren

Die poli­ti­sche Wende 1989 markierte in Polen nicht nur den Über­gang zu Demo­kratie und Kapi­ta­lismus. Auch das Umwelt­pa­ra­digma setzte sich nun durch, frei­lich unter markt­wirt­schaft­li­chen Vorzei­chen. Umwelt­schutz war „modern“ und „west­lich“, einschlä­gige NGO’s wurden zu gefragten, wenn auch zu deren zuneh­mendem Verdruss längst nicht immer umfäng­lich gehörten, Part­nern der Politik. Staaten und zivil­ge­sell­schaft­liche Stif­tungen aus dem west­li­chen Ausland finan­zierten Umwelt­schutz­pro­jekte. In der Region um Wrocław blieb die Oder eines der zentralen Themen für die Umwelt­be­we­gung. Sie nutzte die neuen Möglich­keiten, um für die Einrich­tung von Natur­schutz­ge­bieten und den Bau von Klär­an­lagen nicht nur zu werben, sondern war dank ihres tech­ni­schen Fach­wis­sens und Kontakten zu Förder­mit­tel­ge­bern aus dem Ausland im Zusam­men­spiel mit den häufig noch uner­fah­renen, neuen Kommunalpolitiker:innen in der Rolle des Antreibers. 

Kampagne „Zeit für die Oder“, Wrocław, Mitte 1990er Jahre; Quelle: fer.org.pl/historia/

In diesem Sinne grün­deten ehema­lige Aktivist:innen der Bres­lauer WiP-Gruppe 1993 die „Stif­tung für die Olau und die Glatzer Neiße“. Sie hatte zum Ziel, die an den beiden zentralen Zuflüssen der Oder gele­genen Gemeinden dabei zu unter­stützen, Klär­an­lagen und Kana­li­sa­tionen zu bauen und damit mittelbar die Trink­was­ser­qua­lität für Wrocław zu verbes­sern – durchaus mit Erfolg. Als der Polni­sche Ökolo­gi­sche Klub Mitte der 1990er Jahre sein fünf­zehn­jäh­riges Bestehen feierte, klingt in Arti­keln in dessen lokaler Zeit­schrift Stolz auf das Erreichte durch: „Der Schnee taut jetzt schon zwei Wochen, aber er ist immer noch weiß! […] Und in der Oder, so hört man, kann man schon wieder durchaus essbare Fische angeln.“ Die Nach­wen­de­zeit war aus Sicht der polni­schen Umwelt­be­we­gung eine Zeit wach­sender Erfolge: Das Bewusst­sein für Umwelt­fragen stieg sowohl in der Politik als auch in der Bevöl­ke­rung. Umwelt-NGO’s verfügten über zuneh­mend größere Budgets und konnten ihre Tätig­keit, vor allem im Bildungs­be­reich, ausbauen. 

Aus dem eher tech­no­kra­ti­schen Projekt „Stif­tung für die Olau und die Glatzer Neiße“ entwi­ckelte sich im Laufe der 1990er Jahre unter dem Namen „Stif­tung nach­hal­tige Entwick­lung“ eine der dyna­mischsten Umwelt-NGO’s in Polen. Sie besteht bis heute, hat ihre Anfänge aber in den Kämpfen um sauberes Oder(trink)wasser der 1980er und 1990er Jahre. Die Oder ist damit für die polni­sche Umwelt­be­we­gung, vor allem im Südwesten des Landes, ein zentraler Teil der eigenen Geschichte. Sauberes Wasser und intakte Fluss­ufer hatten symbo­li­schen Gehalt: Sie waren Zeichen für den Erfolg der Umwelt­be­we­gung in der Ausein­an­der­set­zung mit dem real­so­zia­lis­ti­schen Staat und standen symbo­lisch für ihre neue Rolle als Teil einer nach­ho­lenden Moder­ni­sie­rung in den 1990er Jahren, zu der auch Umwelt­schutz und -bewusst­sein gehörten.

Die Oder als Symbol der deutsch-polnischen Bezie­hungen nach 1989

Zum Erfolgs­symbol wurde die Oder auch auf dem Feld der deutsch-polnischen Bezie­hungen. In den 1990er und 2000er Jahren entwi­ckelte sich die Oder zu einem symbo­li­schen Kontakt­raum zwischen dem wieder­ver­ei­nigten Deutsch­land und dem demo­kra­tisch gewor­denen Polen. Entlang der Oder wurden mehrere „Euro­pa­re­gionen“ gegründet mit dem Ziel, die grenz­über­schrei­tende Zusam­men­ar­beit von Staat, Wirt­schaft und Zivil­ge­sell­schaft zu fördern. Die nun pass- und visa­frei passier­baren Brücken über Oder und Neiße, allen voran die zwischen Frankfurt/Oder und Słubice, dienten in einschlä­gigen medialen Bericht­erstat­tungen häufig als Sinn­bild für die neue Zeit, in der die oft als Ballast verstan­dene Vergan­gen­heit über­wunden war. Als der Fluss 1997 über die Ufer trat und verhee­rende Schäden anrich­tete, kam Hilfe auch aus Deutsch­land, in Wrocław etwa in Form von Geld­spenden und tech­ni­scher Unter­stüt­zung aus der Part­ner­stadt Dresden. In der Zeit der eupho­ri­schen Annä­he­rung sollte die Oder vom trägen dahin­flie­ßenden Grenz­fluss an der Peri­pherie zum zweiten Rhein werden: einem Strom in der Mitte Europas, der zusam­men­bringt und nicht trennt. Vom Aufbruchs­geist dieser Zeit zeugen Projekte wie die 1999 vom Künstler Michael Kurz­welly gegrün­dete Bürger­initia­tive „Słub­furt“, die Frankfurt/Oder und Słubice zu einer Stadt zusam­men­dachte, oder, mit eher klas­sisch akade­mi­schem Anspruch, die 2006 von den Historiker:innen Karl Schlögel und Beata Halicka orga­ni­sierte Konfe­renz „Europa neu zusam­men­setzen – die Rekon­struk­tion der Oder als ein euro­päi­scher Kulturraum“. 

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Trotzdem blieb die Oder weiter auch eine Grenze, die trennte. Vor allem das Wohl­stands­ge­fälle ist bis heute sichtbar, trotz einer beacht­li­chen Annä­he­rung. Thema­ti­siert wurde es nicht zuletzt in Filmen wie Hans-Christian Schmids Episo­den­film „Lichter“ aus dem Jahr 2003, in dem das Über­schreiten der Grenze eine zentrale Rolle spielt. Peri­pher und trist ist die Oder auch in Andreas Dresens Spiel­film „Halbe Treppe“ aus dem Jahr 2002. Der Fluss und damit die Grenze nach Polen wird hier nur über­quert, weil in Słubice das Hotel billiger ist, in dem zwei der Protagonist:innen ihre außer­ehe­liche Affären ausleben. Beide Filme bildeten, ohne direkt Bezug zu nehmen, ein Korrektiv zum Diskurs der deutsch-polnischen Erfolgs­story und lenkten den Blick auf die Schat­ten­seiten des häufig mehr herbei­ge­schrie­benen denn tatsäch­lich exis­tenten Kontakt­raums Oder.

2022: Zurück in die Vergangenheit

Dass es gerade die Oder ist, der deutsch-polnische Grenz­fluss, auf dem im Sommer 2022 tonnen­weise tote Fische treiben, entbehrt daher nicht einer gewissen poli­ti­schen Symbolik. Die Zeit der eupho­risch beschwo­renen deutsch-polnischen Annä­he­rung ist genauso vorbei wie der Anfang der 1990er Jahre noch viru­lente Hoff­nung auf ein ökolo­gi­sches Zeit­alter. Die aktu­elle Umwelt­krise bringt nicht, wie das Oder­hoch­wasser 1997, Deut­sche und Pol:innen zusammen – im Gegen­teil: Im Sommer 2022 domi­nierten Schuld­zu­wei­sungen. Die deut­sche Umwelt­mi­nis­terin warf der polni­schen Seite vor, viel zu spät über das Fisch­sterben infor­miert zu haben. Polni­sche Umweltaktivist:innen und Oppositionspolitiker:innen attes­tierten der eigenen Regie­rung Versagen beim Umgang mit der Kata­strophe und beklagten das fehlende Moni­to­ring im polni­schen Teil des Flusses. Politiker:innen der regie­renden PiS-Partei und das staat­liche Fern­sehen dagegen spielten die Gescheh­nisse herunter oder streuten gar Zweifel daran, dass die (bis heute nicht iden­ti­fi­zierten) Verur­sa­cher der Gewäs­ser­ver­un­rei­ni­gung auf der polni­schen Seite zu finden seien. 

Histo­risch betrachtet erin­nern die Ereig­nisse des Sommers 2022 so auf mehreren Ebenen an vergangen geglaubte Zeiten: In Polen wurde die Umwelt­ka­ta­strophe zu einem weiteren Spiel­feld des Antago­nismus zwischen „Oppo­si­tion“ und „Regime“. Die Erfolge von Umweltschützer:innen der letzten Jahr­zehnte, die mit Antritt der PiS-Regierung sowieso unter Druck gerieten, scheinen inner­halb weniger Wochen zunichte gemacht. Und der in den 1990er Jahren so eupho­risch beschwo­rene deutsch-polnische Kontakt­raum Oder verwan­delte sich über Wochen in eine stin­kende Kloake. Der Gestank ist heute vorbei – doch der Schaden ist angerichtet.