Meldungen über Vergewaltigungen von russischen Soldaten an Ukrainer:innen mehren sich. Doch wer spricht wie über diese Gewalt? Was kommt dabei nicht zur Sprache? Und wie lassen sich solche Verbrechen vor Gericht bringen? Ein Gespräch der beiden Historikerinnen Marta Havryshko und Regina Mühlhäuser.

  • Marta Havryshko forscht am Ivan-Krypiakevych-Institut für Ukrainistik in Lviv. Sie ist Direktorin des Babyn Yar Interdisciplinary Studies Institute des Babyn Yar Holocaust Memorial Center, Kiew. Derzeit ist sie Gastwissenschaftlerin an der Universität Basel. Seit 2015 ist sie Mitglied der „International Research Group ‚Sexual Violence in Armed Conflict’“. Sie arbeitet an einem Buch über sexuelle Gewalt während des Holocausts in der Ukraine.
  • Regina Mühlhäuser ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur und Gründerin und Koordinatorin der „International Research Group ‚Sexual Violence in Armed Conflict’“. Gemeinsam mit Gaby Zipfel und Kirsten Campbell hat sie im Dezember 2021 den Sammelband „Vor Aller Augen. Sexuelle Gewalt in bewaffneten Konflikten“ veröffentlicht.

Kurz nach Beginn der russi­schen Inva­sion am 24. Februar 2022 fasste Marta Havryshko den Entschluss, mit ihrem Sohn aus der Ukraine zu fliehen. Als sie am 12. März in Hamburg ankam, haben wir sofort begonnen, über sexu­elle Gewalt zu spre­chen: gegen ukrai­ni­sche Frauen und Kinder auf der Flucht, an den Grenzen und in den Ankunfts­län­dern, aber auch im Zuge des Kriegs, in den russisch besetzten Gebieten. Zu dem Zeit­punkt gab es nur verein­zelte Hinweise auf diese Form von Gewalt. In den darauf­fol­genden Wochen ist das Thema aber schnell bemer­kens­wert sichtbar geworden. Dass sexu­elle Gewalt in diesem Krieg soviel öffent­liche Aufmerk­sam­keit erfährt, erscheint uns notwendig und wichtig. Die Art und Weise, in der das geschieht, gibt aber auch Anlass zur Sorge. Wer spricht über diese Gewalt und wer hält sich bedeckt? Welche Aspekte werden zur Sprache gebracht und was bleibt im Dunkeln? Um einige unserer Beob­ach­tungen und Bedenken zu teilen, haben wir beschlossen, Teile unseres Austau­sches schrift­lich zu doku­men­tieren. Das Ergebnis ist eine Moment­auf­nahme in einer fort­lau­fenden, dyna­mi­schen Entwick­lung. Gleich­wohl hoffen wir, damit zu einem besseren Verständnis beizutragen.

Das folgende Gespräch fand am 20. April 2022 statt.

Content Notice: In den folgenden Abschnitten beschreiben Marta Havryshko und Regina Mühl­häuser explizit Situa­tionen sexu­eller Gewalt.

Regina Mühl­häuser: In den letzten Wochen sind mehr und mehr Zeuginnen- und Zeugen­aus­sagen über sexu­elle Gewalt im Kriegs­ge­biet veröf­fent­licht worden – in den sozialen Medien, in der Presse und NGO-Reports. Frauen, die aus der Ostukraine, aus Kiew, Mariupol und anderen Orten in die West­ukraine oder nach Polen und in andere Länder geflohen sind, berichten, was sie erlebt und gehört haben. Du verfolgst diese Berichte intensiv. Wie schätzt Du das ein, was zurzeit passiert?

Marta Havryshko: Ich denke, wir können etwas beob­achten, das wir bereits in vielen Kriegen im Laufe der Geschichte gesehen haben: Überall auf der Welt begehen Soldaten sexu­elle Gewalt im Zusam­men­hang mit anderen Verbre­chen und Gräu­el­taten wie Plün­de­rungen, Prügel, Folter und Mord. Und in der russi­schen Armee gibt es eine lange Geschichte sexu­eller Gewalt­ver­bre­chen – etwa im Zweiten Welt­krieg, in Afgha­ni­stan, während der Tsche­tsche­ni­en­kriege und bei der Inva­sion im Donbas 2014. Auch jetzt in den besetzten ukrai­ni­schen Gebieten verüben russi­sche Soldaten Verge­wal­ti­gungen und andere Formen sexu­eller Gewalt. Die Mehr­heit der Opfer sind Frauen, aber auch Mädchen, Jungen und Männer leiden unter dieser Form von Gewalt. In den meisten Fällen richten sich die sexu­ellen Gewalt­taten gegen Zivi­lis­tinnen, aber es gibt auch Berichte, dass weib­liche Soldaten Opfer sexu­eller Folter geworden sind.

Bei den meisten Verge­wal­ti­gungen, die wir in diesem Krieg bisher gesehen haben, handelt es sich um so genannte ‚öffent­liche‘ Verge­wal­ti­gungen. Gemeint ist damit, dass Fami­li­en­an­ge­hö­rige oder andere Menschen, die vor Ort sind – zum Beispiel in Häusern, Kellern oder Schulen – gezwungen werden, die Ernied­ri­gung der Opfer mit anzu­sehen. Den Tätern scheint es sehr wichtig zu sein, anderen zu zeigen, was sie tun können. Ein Ziel dieser ‚öffent­li­chen‘ Verge­wal­ti­gungen dürfte es daher sein, die ukrai­ni­sche Bevöl­ke­rung einzu­schüch­tern, Angst und Schre­cken zu verbreiten – nicht nur bei denje­nigen, die diese Gräu­el­taten tatsäch­lich erleben, sondern auch unter den Menschen, die zusehen oder davon hören. Die Täter senden damit eine Botschaft an die gesamte Gemein­schaft: „Wir sind mächtig, wir können und werden Euch für Euren Wider­stand bestrafen, dafür, dass ihr uns nicht als ‚Befreier‘ feiert.“ Zudem vermit­teln diese Verge­wal­ti­gungen den ukrai­ni­schen Männern, dass sie Frauen und Kinder nicht schützen können, dass sie ihre Ehefrauen, Töchter, Schwes­tern und Mütter nicht schützen können.

Auf einer anderen Ebene sagen solche Verge­wal­ti­gungen viel über die Täter selbst aus: Sie drücken ihre Verach­tung für die Ukraine, für das ukrai­ni­sche Volk aus. Für die russi­schen Soldaten scheinen sie sogar eine Möglich­keit zu sein, ihr Vorgehen zu legi­ti­mieren. Ich habe von Fällen gehört, in denen russi­sche Soldaten in Privat­häuser einge­drungen sind, wo sie die Frauen, die sich dort aufhielten, an die Möbel gefes­selt und gezwungen haben, der Verge­wal­ti­gung ihrer Kinder zuzu­sehen. In einem Fall ist die ältere Schwester eines Mädchens auf die russi­schen Soldaten zuge­gangen, hat sie gebeten: „Bitte nehmt mich an ihrer Stelle. Ich bin älter.“ Doch die Soldaten haben geant­wortet: „Nein. Du sollst zusehen, was wir mit deiner Schwester machen. Weil wir das Gleiche mit allen Nazi-Huren machen werden.“ Diese Geschichte zeigt die Wirkung der russi­schen Propa­ganda. Diese Propa­ganda besagt, dass ukrai­ni­sche Neonazis einen Völker­mord an der russisch­spra­chigen Bevöl­ke­rung in der Ukraine verüben, und dass die Russen gekommen seien, um alle russisch­spra­chigen Menschen zu schützen und zu retten. Diese lächer­liche Iden­ti­fi­zie­rung der Ukrainer mit Nazis hat Einfluss auf das Verhalten der russi­schen Soldaten und prägt ihre Grau­sam­keit gegen­über der ukrai­ni­schen Zivil­be­völ­ke­rung. Sie verwenden diese propa­gan­dis­ti­sche Sprache, um ihre Vorge­hens­weise zu legi­ti­mieren. Für sie sind ukrai­ni­sche Frauen faschis­ti­sche Frauen, sie sind Ehefrauen, Töchter, Schwes­tern faschis­ti­scher Männer. Durch die Verge­wal­ti­gungen bekräf­tigen und verstärken sie diese Vorstel­lung. Durch die Verge­wal­ti­gungen werden die ukrai­ni­schen Frauen zu feind­li­chen Anderen.

Kurz gesagt, ich verstehe sexu­elle Gewalt in diesem Krieg als Waffe. Warum? Erstens weil es in allen russisch besetzten Gebieten zahl­reiche Zeug­nisse von Verge­wal­ti­gungen gibt. Es handelt sich nicht nur um verein­zelte Taten. Zwei­tens sind die meisten dieser Fälle ‚öffent­liche‘ Verge­wal­ti­gungen. Die Soldaten wollen Terror verbreiten, sie wollen Angst verbreiten. Drit­tens: Es ist offen­sicht­lich, dass diese Soldaten nicht davon ausgehen, dass sie bestraft werden. Die Armee­füh­rung duldet ihr Handeln. Auch wenn Russ­land offi­ziell alles abstreitet.

R.M.: Was Du beschreibst, zeigt, dass Verge­wal­ti­gungen kein „Neben­pro­dukt“ des Kriegs, sondern ein fester Bestand­teil krie­ge­ri­schen Handelns sind. Ich finde es gleich­wohl wichtig zu betonen, dass die Verwen­dung des Begriffs „Verge­wal­ti­gung als Kriegs­waffe“ heut­zu­tage immer auch Risiken mit sich bringt. Denn unter­schied­liche Akteu­rinnen und Akteure verstehen darunter – je nach Kontext und Inter­esse – ganz unter­schied­liche Dinge.

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Die briti­sche Abge­ord­nete Alicia Kearns, die sich für eine unab­hän­gige Instanz zur Unter­su­chung sexu­eller Gewalt in der Ukraine und anderen Kriegen einsetzt, hat zum Beispiel im Time Maga­zine erklärt, dass „rang­nied­rige und mitt­lere Komman­deure […] ihren Männern befehlen, Verge­wal­ti­gungen zu begehen“. Woraus schließt sie das? Was sind ihre Anhalts­punkte für diese Annahme? Unter­su­chungen zu anderen Kriegen haben gezeigt, dass sexu­elle Gewalt in der Regel nicht explizit ange­ordnet wird. In Bezug auf den Krieg in Bosnien und Herze­go­wina, 1992 bis 1995, wurde und wird beispiels­weise weithin ange­nommen, serbi­sche Komman­deure hätten ihren Männern ausdrück­lich befohlen, zu verge­wal­tigen. Bis heute gibt es aber keine Hinweise dafür. Die Quellen deuten viel­mehr darauf hin, dass die Art und Weise, in der mili­tä­ri­sche Befehls­haber mit dieser Art von Gewalt umgehen  – wie und warum sie tole­riert, akzep­tiert, begüns­tigt und aktiv ange­regt wird, und wann und wie sie in stra­te­gi­sche Überlegungen eingeht – viel kompli­zierter. Es ist, wie Michelle Jarvis und andere gezeigt haben, dementspre­chend schwierig, Befehls­haber zur Verant­wor­tung zu ziehen.

Worauf ich hinaus möchte ist, dass die Verwen­dung des Begriffs „Verge­wal­ti­gung als Kriegs­waffe“ die Gefahr birgt, die Ursa­chen sexu­eller Gewalt zu verein­fa­chen und damit zu mysti­fi­zieren. Sexu­elle Gewalt scheint demnach vor allem dann verur­tei­lens­wert, wenn sie Teil eines mili­tä­ri­schen Plans ist. Die Tatsache, dass viele Soldaten einfach nur eine sich bietende Gele­gen­heit nutzen, wird im Narrativ der „Kriegs­waffe“ nicht berück­sich­tigt. Und es wird nicht gefragt, wann und wie Befehls­haber das Verhalten ihrer Soldaten für ihre Zwecke ausnutzen. Die ganze Komple­xität des Phäno­mens – wie geschlechts­spe­zi­fi­sche Dyna­miken, indi­vi­du­elle körper­liche und psycho­lo­gi­sche Gege­ben­heiten, gesell­schaft­liche und kultu­relle Bedin­gungen, poli­ti­sche und wirt­schaft­liche Struk­turen die Ausübung und das Erleben sexu­eller Gewalt hervor­bringen, begüns­tigen und prägen – wird dadurch unsichtbar.

M.H.: Ich verstehe Deine Bedenken. Ich weiß tatsäch­lich auch nichts von Hinweisen darauf, dass die russi­sche Armee­füh­rung ihren Männern ausdrück­lich befehlen würde, zu verge­wal­tigen. Ich gehe viel­mehr davon aus, dass sie bewusst wegsehen. Wir wissen zum Beispiel von einem Fall in Butscha, wo 25 Frauen und Mädchen im Alter von 14 bis 24 Jahren mehrere Tage lang im Keller eines Gebäudes sexuell versklavt wurden. Wir müssen davon ausgehen, dass die Soldaten diese Frauen nicht ohne das Wissen ihrer Befehls­haber fest­halten konnten. Sie waren sich dessen sicher bewusst und haben es geduldet.

Dies ist auch bei anderen Verbre­chen zu beob­achten, etwa wenn die russi­sche Armee Entbin­dungs­kli­niken, Kinder­gärten und Schulen beschießt. Es gibt viele Geschichten von Menschen, die zu Opfern wurden, als sie versucht haben, zu fliehen. In einen Fall eröff­neten russi­sche Soldaten in der Nähe von Nova Kachovka beispiels­weise das Feuer auf ein ziviles Fahr­zeug. Darin befand sich eine fünf­köp­fige Familie, darunter ein sechs­jäh­riges Mädchen und ein einein­halb Monate alter Junge. Sie wurden alle getötet. Und wir wissen von ähnli­chen Fällen in anderen Regionen. Diese Art Verbre­chen wäre nicht so häufig, wenn die russi­schen Befehls­haber sie nicht dulden würden. Und sexu­elle Gewalt ist ein Teil solcher Grausamkeiten.

Zunächst hat Russ­land alles abge­stritten, sogar, dass diese Verbre­chen von ihrer Armee begangen worden sind. „Das ist eine Lüge“, sagte Kreml-Sprecher Dmitrij Peskov Ende März gegen­über Repor­tern. Aber wir haben zahl­reiche Beweise. Und diese Beweise offen­baren die Bruta­lität der russi­schen Kriegs­füh­rung. Die Massen­gräber in Butscha etwa, wo Hunderte von Zivilist:innen getötet wurden. Bis zum heutigen Tag hat die russi­sche Armee in der Ukraine etwa zwei­hun­dert Kinder getötet, und Hunderte wurden verletzt. Es wurden auch Leichen von Kindern gefunden, neun oder zehn Jahre alt, halb­nackt oder nackt, mit gefes­selten Händen. Ihre Vaginas waren einge­rissen, ihre Geni­ta­lien verstümmelt.

Zudem richtet sich die sexu­elle Gewalt nicht nur gegen die Zivil­be­völ­ke­rung. Am 2. April wurden fünf­zehn ukrai­ni­sche Solda­tinnen aus russi­scher Gefan­gen­schaft befreit. Sie haben berichtet, dass sie dort sexuell gefol­tert wurden: Ihre Haare wurden abra­siert und sie wurden gezwungen, sich auszu­ziehen und vor ihren männ­li­chen Kame­raden Knie­beugen zu machen.

Wenn ich all diese unter­schied­li­chen Fälle betrachte, gehe ich davon aus, dass sexu­elle Gewalt eine der Stra­te­gien der russi­schen Armee ist, um Angst und Schre­cken zu verbreiten, um uns zum Aufgeben zu bewegen, und um die ukrai­ni­schen Behörden zu zwingen, jegli­ches Abkommen zu unter­zeichnen, um diese Gräu­el­taten zu beenden. Die russi­sche Armee setzt diese Grau­sam­keit und Bruta­lität ein, um das ukrai­ni­sche Volk in Angst zu versetzen, es zu terro­ri­sieren und letzt­lich zum Frieden zu zwingen, um unseren Willen zum Wider­stand zu brechen. In diesem Sinne spreche ich von sexu­eller Gewalt als Kriegswaffe.

R.M.: Wenn ich Dir zuhöre, kommt mir eine altbe­kannte Frage in den Sinn: Warum ist sexu­elle Gewalt ein so wirk­sames Mittel, um eine Bevöl­ke­rung zu terro­ri­sieren, auch im Vergleich zu anderen Formen von Gewalt? Forsche­rinnen haben darge­legt, dies hängt damit zusammen, dass diese Form von Gewalt das Poten­tial hat, Fami­lien und gesell­schaft­liche Zusam­men­hänge lang­fristig zu zerstören, dass sie Miss­trauen säet und zur Entfrem­dung von Partner:innen, Fami­li­en­an­ge­hö­rigen und Mitglie­dern sozialer Gruppen führt.

Bis heute ist die Vorstel­lung verbreitet, Frauen, die verge­wal­tigt wurden, seien entehrt und beschmutzt. Wie Gaby Zipfel ange­merkt hat, werden Verge­wal­ti­gungs­opfer oft beschul­digt, eine Mitschuld an ihrer eigenen Vikti­mi­sie­rung zu tragen. Beispiels­weise wird behauptet, „sie hat‘s doch auch gewollt“ oder sie habe es „insge­heim genossen“. In der Folge werden dem Opfer Mitge­fühl und eine klare Einord­nung dieser Form von Gewalt als Verbre­chen verwehrt.

Nur wenn die Ausübung sexu­eller Gewalt beson­ders brutal ist und von anderen Formen von Gewalt begleitet wird, wird sie eindeutig als eine uner­wünschte, nega­tive Erfah­rung und als Verbre­chen einge­stuft. Im Umkehr­schluss müssen wir uns fragen, ob die meisten der Geschichten sexu­eller Gewalt, die im Moment öffent­lich erzählt werden, gerade deshalb so grausam sind, weil es keinen Zweifel daran gibt, dass sie eindeutig als Verbre­chen verstanden werden. Und dann müssen wir uns weiter fragen, ob es viel­leicht weniger „spek­ta­ku­läre“ Fälle von Verge­wal­ti­gung gibt – also Fälle, die nicht mit solchen grau­samen Gewalt­ex­zessen einher­gehen -, die aber von den Opfern nicht zur Sprache gebracht werden können, weil sie befürchten müssen, der Kompli­zin­nen­schaft verdäch­tigt zu werden.

M.H.: Ich bin sicher, dass im Moment viele Dinge passieren, von denen wir nichts wissen und die erst später, nach dem Ende dieses Kriegs, oder viel­leicht auch nie ans Licht kommen werden.

Aber lass mich auf Deine erste Frage zurück­kommen: Warum ist sexu­elle Gewalt beson­ders effektiv? Ich denke, es lässt sich bereits jetzt erkennen, dass diese Gewalt Miss­trauen in der ukrai­ni­schen Gesell­schaft erzeugt. Und das hat auch mit der Vorkriegs­zeit zu tun. In der ukrai­ni­schen Gesell­schaft, wie in vielen anderen Gesell­schaften, war und ist Rape Culture spürbar veran­kert. Vor dem Krieg waren wir nicht sehr offen dafür, in der Öffent­lich­keit über sexu­elle Gewalt zu spre­chen. Als zum Beispiel die #MeToo-Bewegung aufkam, haben viele öffent­liche Personen, etwa berühmte Schrift­steller, sich über die Frauen lustig gemacht, die sich zu Wort meldeten. Und als wir unseren eigenen Flashmob #IAmNo­tAfraid­To­Speak gestartet haben, waren wir Femi­nis­tinnen verblüfft über die Reak­tion vieler Männer, die sich über die Frauen mokiert haben, die den Mut hatten, in der Öffent­lich­keit von ihren trau­ma­ti­schen Geschichten zu berichten. Tatsäch­lich gab und gibt es in der Ukraine keine grund­le­gende Diskus­sion über sexu­elle Gewalt in verschie­denen Lebens­be­rei­chen – in der Wissen­schaft, der Schule, der Kirche, der Armee und so weiter. Es ist daher kaum verwun­der­lich, dass wir derzeit in den sozialen Medien beob­achten, wie jeder Beitrag über einen Fall sexu­eller Gewalt in den russisch besetzten Gebieten von Dutzenden gewöhn­li­chen Leuten kommen­tiert wird, die die Opfer beschul­digen: „Was hast du erwartet? Du hast das Gebiet nicht verlassen…“ „Was hast du erwartet? Du hast deine Töchter nicht versteckt…“ „Was hast du erwartet? Du hast sie in dein Haus gelassen und ihnen Tee gebracht…“. Schuld­zu­wei­sungen an die Opfer sind heut­zu­tage leider keine Seltenheit.

Die femi­nis­ti­sche Jour­na­listin Victoria Koby­li­atska hat einen Bericht über ein Gespräch mit einer verge­wal­tigten Frau veröf­fent­licht. Diese Frau lebt in einem kleinen Dorf auf dem Land und erzählte Koby­li­atska, dass sie weder zur Polizei gehen noch psycho­lo­gi­sche Hilfe in Anspruch nehmen würde. Ihre größte Sorge sei, dass sie infolge der Verge­wal­ti­gung schwanger ist und einen Schwan­ger­schafts­ab­bruch vornehmen lassen will. Sie macht sich Vorwürfe, weil sie sich nicht gegen den Täter gewehrt hat, obwohl Expert:innen sagen, dass dies eine normale Reak­tion in einer Gewalt­si­tua­tion und sogar eine Über­le­bens­stra­tegie ist, weil das Opfer nie wissen kann, was der Täter ihr und ihren Ange­hö­rigen antun wird, falls sie Wider­stand leistet. Umso uner­träg­li­cher ist es, dass diese Frau annimmt, dass die Menschen in ihrem Umfeld sie nicht unter­stützen, sondern ihr Verhalten sogar in Frage stellen könnten.

Einige Frauen berichten auch, dass andere Frauen ihnen sagen, wie sie sich verhalten sollen, um Verge­wal­ti­gungen durch russi­sche Soldaten zu vermeiden: „Versteck dich, trag Lumpen, beschmier dein Gesicht und deinen Körper mit Fäka­lien, du soll­test so tun, als wärst du verrückt oder als wärst du krank.“ Das erin­nert mich an Frauen im Zweiten Welt­krieg. Für mein Projekt über Geschlecht und Gewalt während des Holo­caust in der Ukraine habe ich zahl­reiche Inter­views mit Zeit­zeu­g­innen geführt. Eine der Befragten sagte mir: „Als die Deut­schen begannen, Frauen zu verge­wal­tigen, weigerten sich einige ältere Frauen, in die unter­ir­di­schen Schutz­räume zu gehen. Sie zogen sehr alte, schmut­zige Klei­dung an und schrien ‚krank, krank‘.“ Und heut­zu­tage verbreiten einige Frauen ganz ähnlich klin­gende Tipps, wie man sich verhalten soll, manchmal sogar schrift­lich. Dies führt zu einer Atmo­sphäre, in der die Beschul­di­gung von Opfern gerecht­fer­tigt erscheint, sogar begüns­tigt wird. „Wenn du dich an einige Grund­re­geln hältst“, so die Logik, „wirst du nicht verge­wal­tigt. Aber wenn du verge­wal­tigt wirst, soll­test du dein Verhalten hinter­fragen.“ Die verge­wal­tigten Frauen sind sowieso schon trau­ma­ti­siert, aber sie können nicht darüber spre­chen, weil sie davon ausgehen müssen, dass auch ihre Verwandten, Freun­dinnen und Freunde ihnen zumin­dest zum Teil die Schuld geben.

R.M.: Ich habe das bisher nie so gesehen. Wenn ich entspre­chende Geschichten aus dem Zweiten Welt­krieg gelesen habe, dachte ich, solche Verhal­tens­re­geln sind eine Möglich­keit für Frauen und Mädchen, sich zu schützen, und in diesem Sinne eine Ermäch­ti­gungs­stra­tegie. Aber Du hast Recht: Gleich­zeitig wird damit unter­stellt, dass es in der Verant­wor­tung der Opfer liegt, Verge­wal­ti­gungen zu verhindern.

M.H.: Femi­nis­tinnen in der Ukraine versu­chen, dieses Problem des Victim-Blaming anzu­gehen. Einige femi­nis­ti­sche Jour­na­lis­tinnen haben zum Beispiel einen Artikel über die Frage geschrieben, wie man sexu­elle Gewalt in den Medien recher­chieren und darstellen kann, wie man auf die Opfer-Überlebenden zugeht, Gespräche mit ihnen führt und es vermeidet, diese vermeint­lich ‚heißen Themen‘ nur zur Illus­tra­tion der eigenen Ansichten und Inter­essen zu verwenden. Sie fordern alle Journalist:innen auf, an die Opfer so zu denken, als wären es ihre Angehörigen.

Zudem haben einige Menschen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen Broschüren für die Opfer sexu­eller Gewalt entwi­ckelt: Was tun im Fall einer Schwan­ger­schaft? Welche Medi­ka­mente helfen bei sexuell über­trag­baren Krank­heiten? Die Empfeh­lungen sind sehr praxis­be­zogen, einfühlsam ausge­ar­beitet und darge­stellt. Darüber hinaus enthalten diese Broschüren auch Tele­fon­num­mern von Orga­ni­sa­tionen, die man anrufen kann, um Unter­stüt­zung zu erhalten, z.B. von Hotlines für Opfer sexu­eller Gewalt, von Frau­en­rechts­or­ga­ni­sa­tionen oder spezia­li­sierten Poli­zei­ein­heiten. Ich habe gehört, dass die meisten Über­le­benden versu­chen, bei etablierten Frau­en­rechts­or­ga­ni­sa­tionen Hilfe zu suchen, weil diese Orga­ni­sa­tionen seit langem zum Thema sexu­elle Gewalt arbeiten, ihre Mitglieder gut geschult sind und wissen, wie sie mit den Frauen spre­chen können, ohne ihnen zusätz­liche Schuld­ge­fühle, Scham oder Angst zu vermitteln.

In der Tat sind nicht alle Unter­stüt­zungs­me­cha­nismen für Opfer sexu­eller Gewalt so profes­sio­nell. Nach den ersten Berichten über Verge­wal­ti­gungen im März wurde am 1. April mit Unter­stüt­zung von UNICEF eine psycho­lo­gi­sche Betreuung für Opfer sexu­eller Gewalt einge­richtet. Doch manche dieser Psycholog:innen verhielten sich äußerst unpro­fes­sio­nell, machten beispiels­weise Infor­ma­tionen aus den Geschichten ihrer Klien­tinnen öffent­lich. Folg­lich haben die Verge­wal­ti­gungs­opfer Angst, von ihren Verwandten oder Freund:innen iden­ti­fi­ziert zu werden, und sind nicht mehr bereit, dort hinzugehen.

R.M.: Die Situa­tion, in der sich Opfer sexu­eller Gewalt wider­finden, ist schon unter „normalen“ Umständen äußerst schwierig, aber umso mehr im Kriegs­ge­biet. Unter welchen Bedin­gungen können Betrof­fene ihre Erfah­rungen im Moment zur Sprache bringen und sich darüber austau­schen? Teilen Frauen ihre Geschichten mit ihren Freun­dinnen, in femi­nis­ti­schen Kreisen, über soziale Medien? Wo berichten sie, was ihnen wider­fahren ist?

M.H.: Manche Frauen spre­chen über ihre eigenen Erfah­rungen wie auch über die Erfah­rungen anderer mit Leuten, denen sie vertrauen, insbe­son­dere mit anderen Frauen: mit Fami­li­en­mit­glie­dern, Freun­dinnen, Frauen, die sie bei sich zu Hause aufnehmen oder sie unter­stützen und ihnen helfen, oder sogar mit Fremden. Meine Mutter zum Beispiel, die in der Nähe von Lviv lebt, trifft viele Binnen­ver­trie­bene. Darunter sind Frauen, die sexu­elle Gewalt in den von Russ­land kontrol­lierten Gebieten offen thema­ti­sieren. Andere ziehen es vor, indi­rekt zu spre­chen. Sie sagen zum Beispiel: „Ich musste Butscha verlassen, weil ich zwei Töchter habe“, womit sie zum Ausdruck bringen, dass sie sie vor Verge­wal­ti­gungen schützen wollten.

Einige Frauen, die sexu­elle Gewalt erfahren haben, melden sich auch bei offi­zi­ellen Stellen wie der ukrai­ni­schen Polizei. Tatsäch­lich stammen die meisten Infor­ma­tionen, die an die Öffent­lich­keit gelangen, von offi­zi­ellen ukrai­ni­schen Stellen – der Menschen­rechts­be­auf­tragten des ukrai­ni­schen Parla­ments, Ljud­mila Deni­sova, der Gene­ral­staats­an­wältin, Iryna Vene­dik­tova, und den örtli­chen Behörden. Einige Fälle werden dann von ukrai­ni­schen und auslän­di­schen Medien darge­stellt. Darüber hinaus sammeln und veröf­fent­li­chen Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen wie Human Rights Watch Beweise. Dennoch müssen wir davon ausgehen, dass viele der Opfer es vorziehen, zu schweigen, und dass über diese Gewalt immer noch zu wenig berichtet wird.

R.M.: Wenn wir davon ausgehen, dass viele der Betrof­fenen , die sexu­elle Gewalt durch russi­sche Soldaten erfahren haben, sich nicht auto­ri­siert sehen, darüber zu spre­chen, dass sie sich mögli­cher­weise sicherer fühlen, wenn sie schweigen, dann müssen wir auch davon ausgehen, dass die Situa­tion für dieje­nigen Frauen sogar noch prekärer ist, die sexu­elle Gewalt in anderen Konstel­la­tionen erlebt haben, etwa wenn die Täter keine russi­schen Soldaten waren. Wir kennen das aus anderen Kriegen, zum Beispiel im ehema­ligen Jugo­sla­wien oder in Ruanda. Gorana Mlinarević hat beschrieben, dass eine „kroa­ti­sche“ Frau, die von einem „serbi­schen“ Mann verge­wal­tigt wurde, und eine „serbi­sche“ Frau, die von einem „kroa­ti­schen“ Mann verge­wal­tigt wurde, Soli­da­rität und Unter­stüt­zung fürein­ander haben können. Wenn eine Frau aber von einem Mann aus ihrer eigenen Gruppe verge­wal­tigt wurde, kann sie kaum mit Soli­da­rität inner­halb ihrer Gruppe rechnen. Solche Fälle werden aktiv zum Schweigen gebracht. Siehst du ähnlich gela­gerte Probleme in der Ukraine?

M.H.: Ja, und ich denke, es ist notwendig, alle Konstel­la­tionen sexu­eller Gewalt zu erfassen, um zu verstehen, was vor sich geht. Zu Beginn des Kriegs wurden zum Beispiel einige Fälle öffent­lich gemacht, in denen zivile Männer Frauen in Luft­schutz­kel­lern sexuell miss­braucht hatten. Aber niemand will diese Geschichten hören, die Medien bieten keinen Raum, um darüber zu berichten. Wenn jemand versucht, sie in alter­na­tiven Medien zu veröf­fent­li­chen, wird sie oder er beschul­digt, für den Feind zu arbeiten, unseren Kampf­geist zu unter­graben… . Ich glaube, es wird eine weitere Folge dieses Kriegs sein, dass Frauen zum Schweigen gebracht werden, weil ihre Geschichten nicht in das hege­mo­niale Narrativ passen, demzu­folge der Verge­wal­tiger immer der feind­liche Soldat ist.

Tatsäch­lich sind uns auch Fälle sexu­eller Gewalt bekannt, die von ukrai­ni­schen Soldaten verübt wurden. Während des Konflikts im Donbas seit 2014 wurden beispiels­weise einige Fälle publik, in denen ukrai­ni­sche Soldaten orts­an­säs­sige Frauen sexuell beläs­tigt und verge­wal­tigt haben. 2016 wurden Mitglieder der berüch­tigten ‚Tornado-Einheit‘ der Verge­wal­ti­gung und anderer Verbre­chen beschul­digt. Anwält:innen und Menschenrechtsaktivist:innen haben aller­dings ange­merkt, dass die Ukraine in der Verfol­gung und Verur­tei­lung ihrer eigenen Mili­zio­näre nicht beson­ders erfolg­reich ist, obwohl es viele Möglich­keiten gäbe. Es scheint, als ob die Justiz­be­hörden die Tatsache, dass die Ange­klagten ihren Mili­tär­dienst im Donbas leisten, als mildernden Umstand betrachten. So wurde beispiels­weise ein Kriegs­ve­teran, der wegen der Verge­wal­ti­gung eines Mädchens im Teen­ager­alter in Kiyv ange­klagt war, nur zu zwei Jahren Haft auf Bewäh­rung und einer geringen Geld­strafe (3000 Griwna, etwa hundert Euro) verurteilt.

Darüber hinaus ist in der ukrai­ni­schen Armee, ähnlich wie in anderen Armeen auf der ganzen Welt, zu beob­achten, dass Solda­tinnen unter sexu­eller Beläs­ti­gung und Gewalt durch ihre männ­li­chen Kame­raden leiden und große Schwie­rig­keiten haben, ihre Rechte geltend zu machen.

Aber solche Konstel­la­tionen finden keine Beach­tung, sie werden totge­schwiegen, und ich befürchte, dass die Orga­ni­sa­tionen und Instanzen, die jetzt damit beginnen, Infor­ma­tionen über sexu­elle Gewalt in diesem Krieg zu doku­men­tieren, nur nach Fällen sexu­eller Gewalt suchen werden, die von russi­schen Soldaten verübt wurden.

R.M.: Was deut­lich wird: Sexu­elle Gewalt ist ein poli­tisch umkämpftes Thema und ein zentrales Element von Erin­ne­rungs­po­litik. Und was dabei immer wieder verschwindet, sind die Stimmen der Opfer. Es geht nicht um sie. Sie werden nicht gefragt, ihnen wird nicht zuge­hört. Ihre Geschichten verschwinden in den jewei­ligen natio­na­lis­ti­schen Metanarrativen.

M.H.: Die gesamte Debatte über sexu­elle Gewalt im Krieg in der Ukraine sollte stärker auf die Opfer und Über­le­benden ausge­richtet sein. Was wir jetzt sehen, sind Bemü­hungen, Beweise für zukünf­tige Prozesse zu sammeln, um die Täter zu verfolgen. Das ist natür­lich sehr wichtig. Aber was ist mit dem Wohl­ergehen der Über­le­benden? Auch das sollte ein zentrales Anliegen sein. Es sollten Geld und Ressourcen bereit­ge­stellt werden, um ihre Situa­tion zu verbessern.

Ich habe die Sitzung des UN-Sicherheitsrats über die Verant­wort­lich­keit für konflikt­be­dingte sexu­elle Gewalt am 11. April 2022 verfolgt. Fast alle Redner:innen aus den verschie­denen Ländern, von UNICEF usw. haben die sexu­ellen Gewalt­taten in der Ukraine ange­spro­chen. Einer­seits ist es sehr gut, dass diese geschlechts­spe­zi­fi­schen Verlet­zungen zur Kenntnis genommen werden und dass sie sogar als Verbre­chen gegen die Mensch­lich­keit und Völker­mord disku­tiert werden. Die briti­sche Botschaf­terin in der Ukraine, Melinda Simmons, hatte ja bereits am 3. April erklärt, dass russi­sche Soldaten Verge­wal­ti­gungen als „Kriegs­waffe“ einsetzen. Eine von England gelei­tete Initia­tive will sogar ein spezi­elles, unab­hän­giges Gremium einrichten, um diese Gewalt zu unter­su­chen. Diese Frage liegt also auf verschie­denen poli­ti­schen Ebenen auf dem Tisch, und das ist gut so.

Zugleich ist jedoch die Unter­stüt­zung der Opfer nicht wirk­lich gut etabliert. Es fehlt an ausge­bil­deten Fach­leuten, die psycho­lo­gi­sche Hilfe leisten können, an Fach­leuten, die Beweise sammeln können, ohne die Über­le­benden zu retrau­ma­ti­sieren, es fehlt an staat­li­chen Unter­künften für Über­le­bende von Verge­wal­ti­gungen und ihre Kinder und so weiter. Ich denke, wir müssen wirk­lich stärker daran arbeiten, Mecha­nismen zu schaffen, um auf die Opfer zuzu­gehen, sie zu unter­stützen und ihnen psycho­lo­gi­sche und medi­zi­ni­sche Hilfe zukommen zu lassen. Und das bedeutet auch, dass wir spezi­elle Unter­stüt­zung für Kinder schaffen müssen. Du hast viel­leicht von dem Fall des sechs­jäh­rigen Jungen gehört, der die Grup­pen­ver­ge­wal­ti­gung seiner Mutter mit ansehen musste. Er hat aufge­hört zu spre­chen. Auch Kinder wie er brau­chen Unter­stüt­zung und Hilfe, denn sie sind sekun­däre Opfer sexu­eller Gewalt. Wir müssen mehr darüber nach­denken, wie wir den Opfern, den Über­le­benden und ihren Ange­hö­rigen helfen können.

R.M.: Ich denke, Ansätze wie den von Medica Mondiale zu Rate zu ziehen – einer femi­nis­ti­schen NGO in Köln, die mit Part­ner­or­ga­ni­sa­tionen in Konflikt­ge­bieten zusam­men­ar­beitet, um lokale Frau­en­gruppen und Unter­stüt­zungs­struk­turen zu stärken und auszu­bilden – wäre hier instruktiv.

Mit Blick auf die ange­kün­digten Ermitt­lungen müssen wir bedenken, dass es extrem schwierig sein wird, diese Art von Gewalt zu doku­men­tieren und straf­recht­lich zu verfolgen, erst recht inmitten eines laufenden Kriegs. Zum einen ist es gene­rell schwierig in einer Kriegs­si­tua­tion unab­hängig zu ermit­teln. Darüber hinaus hat die straf­recht­liche Verfol­gung sexu­eller Gewalt vor inter­na­tio­nalen und inter­na­tio­na­li­sierten Gerichten in den letzten zwanzig Jahren gezeigt, wie proble­ma­tisch es ist, solche Verfahren so zu führen, dass es zu einer Verur­tei­lung der Täter kommt, die Opfer-Zeuginnen aber geschützt werden. Wie Gabi Misch­kowski und Gorana Mili­narević darlegen, sind die Gründe dafür viel­fältig. Der erste, der mir in den Sinn kommt, ist, dass es schwierig ist, sexu­elle Gewalt­ver­bre­chen zwei­fels­frei nach­zu­weisen. Diese Gewalt findet oft unter vier Augen statt, ohne Zeug:innen. Nun könnte man einwenden, dass viele Verge­wal­ti­gungen in der Ukraine ‚öffent­liche‘ Verge­wal­ti­gungen sind. Aber wir haben etwas Ähnli­ches in Bosnien-Herzegowina erlebt. Auch hier wurden zunächst zahl­reiche ‚öffentliche‘Vergewaltigungen als Beweis für ihre stra­te­gi­sche Funk­tion ange­sehen. Tatsäch­lich fand sich aber nicht ein einziger Augen­zeuge, der vor dem Inter­na­tio­nalen Straf­ge­richtshof für das ehema­lige Jugo­sla­wien dazu hätte aussagen können.

Außerdem gibt es in der Regel keine Beweise dafür, dass diese Gewalt­taten ange­ordnet wurden (was, wie ich oben erwähnt habe, in der Regel nicht der Fall ist). Die Verant­wor­tung der mili­tä­ri­schen Befehls­haber nach­zu­weisen ist juris­tisch inso­fern kompli­ziert und mit zeit- und ressour­cen­auf­wen­digen Konzep­tionen verbunden.

Ein weiteres Problem besteht darin, wie die Zeugen­aus­sagen der Opfer zustande kommen. Die Ermittler sind oft auf die Frage der sexu­ellen Gewalt fixiert. Die Frauen, die als Opferzeu­g­innen aussagen, haben aber sehr viel erlebt, und sexu­elle Gewalt ist nur ein Ausschnitt ihrer Kriegs- und Gewalt­er­fah­rungen. Diese Fixie­rung auf sexu­elle Gewalt und die Art und Weise, wie die Befra­gungen ablaufen, kann daher schnell zu einer Retrau­ma­ti­sie­rung führen.

Im Allge­meinen sind viele derje­nigen, die Zeug:innenaussagen aufnehmen, nicht darin geschult, wie man mit Opfern sexu­eller Gewalt umgeht, wie man sie schützt und wie man die Befra­gungen so durch­führt, dass die Aussagen vor Gericht Bestand haben. Die briti­sche Initia­tive für eine unab­hän­gige Unter­su­chungs­kom­mis­sion hat ange­kün­digt, dass sie sich an den neuen Murad-Code halten will, mit dem recht­liche Stan­dards für die Befra­gung und den Schutz von Opfern sexu­eller Gewalt geschaffen werden sollen. Dieser Ansatz bleibt jedoch partiell und proble­ma­tisch. In der Ausar­bei­tungs­phase haben Femi­nis­tinnen kriti­siert, dass der Code sich ledig­lich auf die indi­vi­du­elle Situa­tion der jewei­ligen Über­le­benden konzen­triert und „nicht auf die insti­tu­tio­nelle, staat­liche und beruf­liche Reform eingeht, die notwendig ist, um Über­le­bende vor den poten­ziell nega­tiven Folgen der Doku­men­ta­tion zu schützen“.

Darüber hinaus nehmen häufig unter­schied­liche Akteur:innen und Instanzen Aussagen von derselben Zeugin auf – lokale NGOs, die Polizei, inter­na­tio­nale Ermittler:innen aus verschie­denen Ländern usw. Da das mensch­liche Erin­ne­rungs­ver­mögen nicht gleich­blei­bend fixiert ist, kommt es regel­mäßig vor, dass sich die so erho­benen Mehrfach-Aussagen wider­spre­chen, z. B. in Bezug auf den Zeit­punkt des Verbre­chens oder die Farbe eines nahe gele­genen Hauses. Uns mögen diese Aspekte irrele­vant erscheinen, aber solche Wider­sprüche in den Details machen die Aussagen vor Gericht letzt­lich unbrauchbar.

Um mit solchen und vielen anderen Probleme umzu­gehen, plädieren Forsche­rinnen wie Kirsten Camp­bell dafür, die inter­na­tio­nale Straf­justiz zu evalu­ieren und neu zu gestalten, „damit sie geschlechts­spe­zi­fi­sche Unge­rech­tig­keit nicht repro­du­ziert, sondern transformiert“.

M.H.: Ich teile Deine Sorge. Nach meinem Dafür­halten besteht die Gefahr, dass die Opfer im Rahmen solcher Ermitt­lungen regel­recht ausge­beutet werden. Vor allem, weil sie nicht nur durch sexu­elle Gewalt trau­ma­ti­siert sind, sondern auch dadurch, dass sie ihre Heimat und ihre Ange­hö­rigen verloren haben. Deshalb müssen wir diese Dokumentations- und Straf­ver­fol­gungs­be­mü­hungen genau beob­achten. Es sollte verschie­dene femi­nis­ti­sche Gruppen geben, insbe­son­dere auch femi­nis­ti­sche Gruppen vor Ort in der Ukraine, die an diesen Ermitt­lungen betei­ligt sind. Und es muss einen Mecha­nismus geben, der es diesen Gruppen ermög­licht, Druck auf die Ermittler:innen und dieje­nigen auszu­üben, die Gerichts­ver­fahren planen. Nur so kann man ein ange­mes­senes Ergebnis erzielen und die Frauen schützen.

Über­set­zung Anne Krier und Regina Mühl­häuser. Eine erwei­terte Fassung erschien zuerst am 8.5.2022 auf dem New Fascism Syllabus

 

 

 

 

 

 

  • Marta Havryshko forscht am Ivan-Krypiakevych-Institut für Ukrainistik in Lviv. Sie ist Direktorin des Babyn Yar Interdisciplinary Studies Institute des Babyn Yar Holocaust Memorial Center, Kiew. Derzeit ist sie Gastwissenschaftlerin an der Universität Basel. Seit 2015 ist sie Mitglied der „International Research Group ‚Sexual Violence in Armed Conflict’“. Sie arbeitet an einem Buch über sexuelle Gewalt während des Holocausts in der Ukraine.
  • Regina Mühlhäuser ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur und Gründerin und Koordinatorin der „International Research Group ‚Sexual Violence in Armed Conflict’“. Gemeinsam mit Gaby Zipfel und Kirsten Campbell hat sie im Dezember 2021 den Sammelband „Vor Aller Augen. Sexuelle Gewalt in bewaffneten Konflikten“ veröffentlicht.